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Die Entsetzten

Von Karl Kraus stammt der schöne Begriff der Tonfallstricke.

Am liebsten würden Politiker und öffentlich-rechtliche Medienverantwortliche gar nicht über die Tötung eines 15jährigen Mädchens im rheinland-pfälzischen Ort Kandel durch einen afghanischen Migranten sprechen. Da sich in dem Fall allerdings ein seit 2015 wiederkehrendes Muster zeigt und ihn deshalb viele Endverbraucher der Politik für exemplarisch halten, kommen Journalisten der öffentlich-rechtlichen Medien und Politiker nicht umhin, doch etwas zu meinen. Wobei der Tonfall die Musik macht.

Ohne das Verbrechen von Kandel hätte die Welt nie erfahren, dass es einen stellvertretenden Chefredakteur der Tagesschau namens Marcus Bornheim gibt.

Unmittelbar nach dem Verbrechen von Kandel begründete er auf tagesschau.de warum die Tat nicht genügend Relevanz für die Hauptnachrichtensendung besitzt:

„Am Mittwoch ist im rheinland-pfälzischen Kandel eine ganz fürchterliche Tat geschehen: Ein Jugendlicher hat in einem Drogeriemarkt ein gleichaltriges Mädchen erstochen. Unser Mitleid ist bei den Eltern und den Angehörigen. Nichts wird diesen Verlust wettmachen können. Diese Trauer erfasst jeden, der von ihr hört.“

Verlust wettmachen – das ist eine Formulierung aus dem Geschäftsleben, die sich grundsätzlich auf materielle Verluste bezieht, die sich ausgleichen lassen. Für die Tötung eines Menschen ist der Ausdruck so feinsinnig, dass er auch aus einer Rede der Bundeskanzlerin stammen könnte.

Weiter mit Marcus Bornheim:

„Selbstverständlich müssen wir als Berichterstatter einen professionellen Blick auf diese Tat richten: Seit einigen Stunden wird uns in den Sozialen Netzwerken vorgeworfen, die tagesschau würde darüber nicht berichten. Die Identität des mutmaßlichen Täters ist bekannt. Er ist nach Polizeiangaben ein unbegleiteter jugendlicher Flüchtling aus Afghanistan. Nach bisherigen Erkenntnissen war er der Ex-Freund des Mädchens. Andere Medien haben dies bereits groß berichtet.“

Andere Medien berichten – wozu sollten wir, die ARD, das auch noch tun? Vielleicht, weil die Öffentlich-Rechtlichen auch von jedem ungefragt mit 17,50 Euro pro Monat bezahlt werden müssen, und die Zahler folglich auch Nachrichten über Ereignisse erwarten, die offensichtlich sehr viele weit über eine Region hinaus beschäftigen? Aber in diesem Fall weiß Bornheim auch einen guten Grund, nicht nur nicht zu berichten, sondern nur die Nichtberichtung zu erläutern:

„Warum waren wir so zögerlich? Das hat einen guten Grund. Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. So schrecklich sie gewesen ist, vor allem für die Eltern, Angehörigen und Bekannten – aber tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen.“

Von einer Beziehungstat wird gesprochen, wenn Täter und Opfer einander kannten. Das war übrigens auch bei dem arbeitslosen Maurer in Altena der Fall, der vor kurzem aus privater Verärgerung dem Bürgermeister ein Messer an den Hals hielt und ihm einen Kratzer am Hals zufügte. Bekanntlich sahen ARD und andere öffentlich-rechtliche Sender hier die Relevanz völlig anders.

Regelrecht absurd wird es, wenn die besondere Schutzwürdigkeit von Jugendlichen als Grund für eine Selbstbeschränkung herhalten muss.  Minderjährig war nur das Opfer, die angebliche Minderjährigkeit des Täters beruht ausschließlich auf dessen unglaubwürdigen Selbstangaben. Und niemand verlangt von der ARD, das Privatleben der beiden aufzufächern. Irgendwie – wir erfahren nicht, warum – gilt die generell und apodiktisch erklärte Zurückhaltung aber nicht für das dritte Programm:

„Die Kollegen des SWR sind an diesen Ermittlungen dran und berichten darüber. Wir werden diesen Fall weiter beobachten. Aber wir werden das mit dem journalistischen Know-How machen, das geboten ist“, lässt Bornheim wissen. Darauf folgt übergangslos noch ein Satz:

“Nachtrag: Die Tagesschau um 20 Uhr wird eine kurze Meldung zu der Tat in Kandel machen. (Stand: 19.52 Uhr)”

Womit Bornheim seine holpernde und stolpernde Argumentation vollends ad absurdum führt. Immerhin weiß die Öffentlichkeit jetzt, dass ein ARD-Mitarbeiter, der inkonsistente Texte auf dem Sprachniveau eines durchschnittlichen Realschülers verfasst, Vizechefredakteur der Tagesschau werden und bleiben kann. Ganz ähnlich prägnant die wohlerwogenen Worte des Bürgermeisters von Kandel,  Volker Poß:

„Aber da jetzt schon in einer fremdenfeindlichen Tendenz Konsequenzen einzufordern ist für mich überhaupt nicht angebracht.“

Fremdenfeindliche Tendenzen sind also nicht jetzt schon angebracht, sondern erst später?

Poß beklagt, er erhalte nun viele Mails:

„Darin ist die Rede von Politikversagen, es werden Konsequenzen aus der Tat im Hinblick auf die Flüchtlingspolitik und Abschiebungen gefordert.“

Leider erklärt er nicht, was daran fremdenfeindlich ist, wenn Bürger einen Kommunalpolitiker kritisieren und die Durchsetzung des geltenden Rechts verlangen. Die FAZ fragt den Politiker noch nach einem Detail:

Haben Sie Kontakt zu der Familie des Opfers?

Poß: „Noch nicht, auch da ist jetzt Zurückhaltung angebracht.“

Es sieht fast so aus, als hätte er von Angela Merkel gelernt: Nach Tötungsverbrechen von Asylbewerbern gilt Zurückhaltung, Zurückhaltung und nochmals Zurückhaltung, wenn es um Zuspruch für die Hinterbliebenen geht.

Andererseits müssen sich eilig von verschiedenen Medien herbeigeklingelte Expertinnen und Experten beim Meinen, Deuten und Spekulieren nicht so dezent zurücknehmen, im Gegenteil. Theresia Höynck sitzt der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe vor, außerdem hat sie einen Lehrstuhl für das Recht der Kindheit und der Jugend an der Universität Kassel, sie ist also rundum geeignet, der FAZ zu erklären, was sie alles nicht über den Fall Kandel weiß:

„In solchen Fällen wird gerne das Ehrenthema bemüht. Aber wir müssen aufpassen, wir wissen es nicht, wir können nicht in den Kopf des Jugendlichen schauen.“ Möglicherweise, zitiert die FAZ Höynck weiter, habe er in seiner Heimat oder während der Flucht schlimme seelische Verletzungen erlitten.

Möglicherweise auch nicht, denn Höynck kann genau so wenig wie andere von Kassel aus die noch weitgehend unbekannte Biografie des Täters erhellen. Aber ein bisschen Mutmaßung geht immer. Jedenfalls in Angelegenheiten wie diesen. Bisher lässt sich allerdings noch kein Wissens- und sonstiger Gschaftlhuber herbei, über Täter wie die für Asylheimanschläge Verantwortlichen in Heidenau zu sinnieren, man wisse ja letztlich nicht, was in deren Kopf vorgegangen sei, aber möglicherweise hätten sie schwere Traumata durchlebt.

Wir können auch nicht in das Innere des Leiters der Münchner Diakonie Dr. Andreas Dexheimer schauen, erfahren aber dank Focus Online trotzdem, wie es in ihm zum Fall Kandel im Besonderen und zum Frauenbild in Afghanistan im Allgemeinen denkt:

“Dexheimer: Ich denke nicht, dass es irgendeine Rolle gespielt hat. Denn grundsätzlich ist das Frauenbild von jungen Afghanen von Wertschätzung geprägt. Die Mutter hat in der Familie die Hosen an.”

Ist der junge Abdul, falls er wirklich aus Afghanistan stammt, womöglich vor dem strengen Matriarchat am Hindukusch geflohen? Über die Wertschätzung für Frauen in Afghanistan hat der Autor Michael Klonovsky einiges an Daten gesammelt.

Mittlerweile dringt die Nachricht sogar durch viele Filter in Redaktionsbüros vor, dass viele Deutsche recht unzufrieden sind, beispielsweise darüber, wie sich öffentliche Räume in Angsträume verwandeln, während Politiker, zuletzt der Bundespräsident, die Bürger draußen im Land ermahnen, nicht immer so viel Angst vor dem Unerwarteten zu haben. Für die Unzufriedenheit, ja Motzigkeit der Menschen gibt es allerdings einen ganz anderen Grund, wie ein Wissenschaftler, Intellektueller, Journalist, quatsch, vielmehr ein Spiegel-Online-Kolumnenschreiber weiß:

„Gründe für den Populismus: 50, motzig, in der Psychokrise

Warum sind viele Deutsche so wütend, obwohl es der Wirtschaft so prima geht? Vielleicht liegt die Antwort ja darin, dass wir gerade einfach zu viele Menschen Anfang 50 haben – und die sind laut Wissenschaft besonders unzufrieden.“

Möglicherweise kündigt spätestens jetzt der eine oder andere mittelalte Leser sein Abonnement von Jakob Augsteins interessantem Magazin. Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren. Wir können ja nicht in die Köpfe hineinschauen.

Alexander Wendt :Weitere Profile:

Kommentare anzeigen (48)

    • inzwischen muss man von massivem Wahlbetrug ausgehen!!! (halt marxistisch-leninistisch mit der Muttermilch aufgesogen!!)
      Mir haben schon vor der Wahl, wohlgemerkt hinter der Hand, von Kassiererinnen, Arzthelferinnen bis Vorstandssekretärinnen sowie CEO`s persönlich ihre beabsichtigte Wahl verraten. irgendeine der Altparteien war nie dabei... Nach der Wahl noch viel mehr...
      Schon 2013 mit 4,9999% MUSS GETÜRKT gewesen sein. Diese Mal noch viel krasser.

  • Gute Analyse, wie die 68-er naiven Narzisten zu intoleranten Narzisten mutiert sind.
    Festgefahren mit infantilen Moralscheuklappen haben sie sich unbewusst zu intoleranten Idioten gewandelt. Musterbeispiel Jakob Augstein.

    • Falsch! Die sog. 68er waren nie naiv. Wenn sie vielleicht auch selbst nicht immer wussten, wofür man sie benutzte, die Auftraggeber wussten es ganz genau.

  • Wenn der Vater davon überzeugt war, daß der Täter wesentlich älter als 16 war und wenn es weiterhin stimmt, daß die Eltern dem volljährigen Täter sexuellen Verkehr mit ihrem Kind erlaubt und ermöglicht haben, dann wäre ein Ermittlungsvervahren wegen Beihilfe zum Kindesmißbrauch angezeigt.
    Inwieweit diese Ermittlungen die Betreuer dieses Täters und deren vorgesetzte Dienststellen einbeziehen sollten, wäre noch zu prüfen.
    Klingt hart, ist aber so.

  • Typisch und entlarvend ist meines Erachtens, dass im Zusammenhang mit dem Verbrechen in Kandel ARD und ZDF sich darauf konzentrieren, die Altersfeststellung bei angeblich minderjährigen Immigranten (Füchtlingen?) in den Vordergrund zu rücken. Nicht, dass das unwichtig wäre, im Gegenteil. Aber das eigentliche Thema, den Import von Gewalt gegen Frauen, blendet man aus Feigheit aus.

  • Mein Beileid den Angehörigen. Als Vater von vier Kindern kann und will ich mir die Situation der Eltern gar nicht ausmalen.

    Die Nichtreaktion der Zwangsmedien war zu erwarten, macht aber trotzdem in ihrer wortwörtlichen Unverschämtheit wütend.

    Umso wichtiger ist es, dass es Blogs wie publico gibt!

    Beim Herumklicken zum Thema Kandel wurde mir an einer Stelle fast schon körperlich übel: https://www.swr.de/swraktuell/rp/kriminologe-im-gespraech-welche-rolle-alter-und-herkunft-spielen/-/id=1682/did=20882198/nid=1682/19ji3zo/index.html
    Immer wenn es einen „lokalen Einzelfall unterhalb der Relevanzschwelle“ zu relativieren gilt, taucht dieser Mensch in ZDF/ARD etc. auf. Immer mit dem gleichen widerlichen Laber. Als wären diese Ergüsse schon auf Vorrat produziert worden.

    Doch der vorauseilende Gehorsam geht viel tiefer, ist schon längst breiter gestreut.

    Nach dem Anschlag eines LKW’s auf den Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 mit 12 Toten wollte ich einen Aufruf, den Bischofs Stefan Ostern nach dem LKW-Anschlag von Nizza (14. Juli 2016, 86 Tote) verfasst hatte, in der Pfingstausgabe 2017 unseres lokalen Pfarreiblättchens abdrucken.
    Dem „Seelsorgeteam“ kamen „Bedenken“ ob des „Tonfalles des Textes“ und ob „der Artikel nicht sehr Überheblich klingt“ usw. usw. Voll Merkel/ARD/ZDF etc.-Sprech.
    In einer katholischen Pfarrei darf man nicht den Text eines katholischen Bischofs wiedergeben! Nicht wenn es irgendwie in Richtung islamischer Hintergründe und Verantwortung geht. Nur kein Mitleid mit den falschen Toten, den Angehörigen, den falschen Verletzten auch wenn sie immer noch im Krankenhaus sind.
    Im Pfarreirat gleicher Gemeinde wurde (natürlich) Wert darauf gelegt, dass das Pfarrfest 2017 nicht mit dem Ramadan kollidiert.
    Und das mitten in einem Bistum, das einmal von einem Clemens August Graf von Galen geleitet wurde.

    Es gibt nur noch wenige in der katholischen Kirche, die nicht so denken, reden und handeln. Siehe zum Beispiel die Bemerkungen von Papst Benedikt zur Kirchensteuer. Das ist mein Grund (oder ist es eine Ausrede?) doch noch dabei zu bleiben.

    Danke für den Beitrag!

    • Sorry, kein Beileid mit den Eltern. Wenn erwachsene Deutsche nicht wissen, wem sie ihre Kinder ausliefern, dann tun sie mir nicht leid. Dermaßen einem Ungemach ausgesetzte Minderjährige dagegen schon.

    • Sie sind nicht einmal imstande, die katholische Kirche zu verlassen? Mit solch heroischen Widerständlern ist Deutschland wahrlich verlassen. Sie sind Mittäter, wie immer Sie dies beschönigen wollen.

  • Ein Land , in dem Multimillionärs-Erben wie Augstein oder Bundestagsabgeordnet*Innen mit Handtaschen im Wert dreier Malocher-Monatseinkommen sich als "linke und sozialistische" Vorturner*Innen generieren können und nicht ausgelacht werden, ist hinreichend als verrückt gekennzeichnet.

  • @Hajo Blaschke-"Der Grund dafür ist die alttestamentarische Rache,..." Was Sie da schreiben, zeigt nur, daß Sie vom Judentum keine Ahnung haben. Womit ich Sie keinesfalls beleidigen will. Die meisten Christen haben ja auch keine Ahnung. Was Sie
    schreiben ist ein Vorurteil, besser: ein falsches Wissen, wie sie durch Jahrhunderte verbreitet wurde, nicht zuletzt durch die Kirche(n). Tut mir leid.
    lg
    Alma Ruth

    • Danke fùr Ihren Versuch, mich aufzuklären. Ich glaube, ich weiß besser Bescheid über Dinge, die ich schreibe als Sie und AuswEis denken. Trotzdem Danke für Ihre Bemühungen.

      • @Hajo Blaschke - Daß Sie meinen besser Bescheid zu wissen, glaube ich Ihnen aufs Wort. Daß es sich tatsächlich so verhält, bezweifle ich nicht ohne Grund. Aber ich möchte keine religiöse Diskussion, so bemühe ich mich nicht weiter.
        lg
        Alma Ruth

  • Ich finde es beschämend, um welche Fragen sich die Diskussion dieses Mordes dreht. Fakt ist: dieser Mensch ist illegal eingereist. Dafür trägt jemand die Verantwortung. Würde sich die Politik an Gesetz und Ordnung halten, wäre dieser Mann gar nicht in Deutschland gewesen. Realitätsnahe Mutmaßung ist: würden die Taten der Täter dieser Steinzeit-Kulturen nicht permanent kleingeredet werden und würde man zu Vorsicht Mahnende nicht in die rechte Ecke schieben, könnte dieses Mädchen vielleicht auch noch leben.

    Es tut mir leid, aber Menschen aus diesen kulturlosen Regionen (das ist kein Kulturkreis) haben keinerlei Wertschätzung für das Leben. Läuft es nicht wie gewünscht, wird das Messer gezückt. Das sind verrohte Menschen, die da kommen. Ob nun wegen den Islam-Hasspredigten, dem dauernden Kriegszustand oder einem anderen Grund spielt keine Rolle.

    Bei Menschen, die keinen anderen Weg zur Problemlösung als Gewalt kennen, werden immer irgendwelche scheinheilige Argumente wie Traumata vorgeschoben. Eigentlich sollte gegen etliche führende Politiker eine Anzeige wegen Beihilfe zum Mord erfolgen. So und nicht anders.

  • Ich schäme mich zutiefst, da dieser XXXXXXXX XXXXXXXX XXXXXXX Marcus Bornheim ein sehr guter Jugendfreund war. Wir haben als kleine Steppke zusammen beim TC Rot-Weiss Bad Honnef um Siege gekämpft, das erste Bier zusammen getrunken, die ersten Mädchen Bekanntschaften gemacht...
    Heute muss ich feststellen, daß aus ihm ein opportunistischer Merkel Speichellecker geworden ist. ER EKELT MICH AN & ich würde ihm am liebsten XXXXX XXXXX XXXXXX XXXXXX.
    Wie tief kann man sinken, alleine um Karriere zu machen & abgepresste Zwangsgebühren im hohen 6-stelligen Bereich anzukassieren, einfach nur widerlich! ASOZIAL! SOZIOPATH!