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Der Wochenrückblick: Aufspringen auf abgefahrene Zukunftszüge

Dafür der ganze Aufwand speziell der Sozialdemokraten? Von nie wieder große Merkelkoalition über verschiedene Bühnenauftritte und –abgänge bis zum Finale eines etatistisch-sozialdemokratischen Sondierungspapiers, das man so, wie es vorliegt, auch bequem am 25. September 2017 hätte schreiben können? Eigentlich sollte folgender Punkt in den kommenden Koalitionspakt: Ohne Kündigung verlängert sich der Vertrag automatisch um weitere vier Jahre.

Die nächste große Koalitionsperiode ist allein schon deshalb nötig, weil in ihr alles erledigt werden muss, was in der letzten und vorletzten nicht geklappt hat. Eine Steuerreform beispielsweise. Oder, als ewiggrüner Schlager: die Digitalisierung. Zumindest über das Digitalzeugs steht natürlich auch dieses Mal wieder etwas drin. Ich stelle mir vor, wie ein blutjunger Absolvent der Henri-Nanny-Journalistenschule das erste Sondierungspapier seines Berufslebens in den Händen hält und die Zeile dichtet: Koalitionspartner wollen mehr Digitalisierung. Oder, falls er für die Jugendsparte tätig ist: Digitalisierungsstau? So cool antworten Merkel & Schulz ihren Kritikern.

Schatz, würde ich ohne Rücksicht auf die MeeToo-Debatte in sein heißes Ohr flüstern, Schatz, der Digitalisierungskram steht seit zwölf Jahren in praktisch jeder Merkelrede. Wenn die Kanzlerin über das Seilbahnwesen in der Uckermark sprechen würde, dann unweigerlich mit einem Hinweis auf die Notwendigkeit und insbesondere die Chancen des Digitalen im Seilbahnbetrieb unter besonderer Berücksichtigung des sächsischen Genitivs. Es verhält sich nur so, dass auf die Kanzlerinnenworte, die Digitalisierung sei im 21. Jahrhundert eine dufte und feine Sache, buchstäblich nichts folgt.

Als ich mir vor kurzem in einem ICE zwischen Berlin und München ein bisschen Bewegung auf dem Gang verschaffte, weil das WLAN zum dritten Mal hintereinander ausgefallen war, kam mir ein Telekom-Plakat in den Blick, auf dem ein Telekommann mit einer sogenannten paradoxen Intervention Bewerber ködert: „Wenn du denkst, wir sind nicht auf den Zug der Digitalisierung aufgesprungen don’t apply.“

Ich weiß nicht, wer von meinen Lesern die Erfahrung teilt: ich jedenfalls bin in meiner weit zurückliegenden Jugend tatsächlich ab und zu auf einen Zug aufgesprungen, weil ich spät dran war. Man musste dazu erst einmal über das Gitter flanken, das den Kleinstadtbahnhofsbahnsteig von der Straße trennte, seitlich an den anfahrenden Zug heranrennen, aufs Trittbrett springen und mit der Hand gleichzeitig die Türklinke erwischen. Und dann beim Einsteigen oder besser Einfädeln nicht das Gleichgewicht verlieren. Trittbretter, die auch nach der Abfahrt noch für Trittbrettfahrer zur Verfügung stehen, gibt es heute höchstens noch an Nostalgiezügen, ebenso wie Außenklinken an unverriegelten Türen. Mit anderen Worten: Wenn schon die auf-den-Zug-aufspringen-Metapher eines Telekommunikationskonzerns mehr als zwei Jahrzehnte zu alt ist, dann ist das kein gutes Zeichen. Andererseits doch aber ein sehr authentisches. Dass in Schnellzügen der Bahn das Internet immer wieder ausfällt und in Regionalzügen gar nicht erst angekommen ist, liegt am Management des Staatskonzerns Bahn. Die großen signallosen Gebiete draußen wiederum am Wirken des Staatskonzerns Telekom.

Eine Nach-Merkel-Ära wird möglicherweise von einer ganz neuen Bescheidenheit der führenden Politiker geprägt sein. Es könnte dann beispielsweise in einer Rede heißen, bis 2025 sollte die Internetabdeckung in Deutschland so gut sein wie heute in Portugal. Oder, immerhin ein wenig kühner, irgendwann demnächst sollten die Bundesbürger Behördenkram so einfach im Netz erledigen können wie die Esten schon vor zehn Jahren. Berlins Senat würde in dieser Zukunft als Ziel ausgeben, den Mathematikunterricht der städtischen Schulen binnen eines Jahrzehnts auf vietnamesisches Niveau zu heben. Und die Stadt so sicher und sauber zu machen wie Saigon.

Vermutlich fällt das in die gleiche neue Ära, in der die Bundesregierung sich generell nur noch um die Pazifierung von Krisengebieten in den eigenen Großstädten kümmert.

Um noch einmal auf das Sondierungspapier zurückzukommen: Einen gewissen Widerspruch zwischen diesen hypothetischen Zielen und dem faktischen Weltmeisterplatz beim Import junger Männer aus digital noch stärker darniederliegenden Gebieten gibt es durchaus.

 

 


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2 Kommentare
  • Gerhard Sauer
    15. Januar, 2018

    Seien Sie nicht so pessimistisch, Herr Wendt, Frau Merkel weiß schon wovon sie spricht. Aus zuverlässiger Quelle ist zu erfahren, daß ein beträchtlicher Teil – man spricht von ca. 1 0/00 der zugewanderten Fachkräfte – sich nach Zusicherung materieller Entschädigungen für die anstehenden Belastungen bereit erklärt hat, an Kursen zur Einführung in die Technik der Digitverwendung teilzunehmen. Nach erfolgreicher Absolvierung sollen die Teilnehmer an Zahlen und deren Aufbau aus Digits herangeführt werden. Frau Merkel verspricht sich von den Absolventen dieser Kurse einen mächtigen Schub für die Digitalisierung Deutschlands. Es wird niemand bestreiten wollen, daß dieser Aufbau aus den Fundamenten ein schlüssiges Konzept darstellt.

  • Karl Anders
    15. Januar, 2018

    Mit Gewinn gelesen!
    Aber: Von wem ist der Text denn nun? Wer ist Julia Iffländer?

    Ihre Meinung dazu

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