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Fake News: Kochlöffel und Sturmgeschütz

Ab und zu kann Jakob Augstein in Maßen unterhaltend sein. In der Regel beabsichtigt er diese Wirkung nicht. Aber bei der Lektüre seiner neuesten Spiegel-Kolumne stellt sie sich ein. Augstein prangert dort ein innenpolitisches Thema zentraler Relevanz unter der Überschrift „Deutsche Kindersoldaten“ an.

Beim investigativen Zeitungslesen war er darauf gestoßen, dass im Jahr 2017 insgesamt 2128 Rekruten, die ihre Ausbildung zu Berufssoldaten begonnen hatten, noch keine 18 Jahre alt waren, sondern nur 17. In diesem Fall gilt für ihn die von vielen engagierten Journalisten sonst akzeptierte These nicht, dass 17 das neue 25 ist und umgekehrt.

Zwar sind die allermeisten deutschen Realschulabgänger noch keine 18, wenn sie eine Ausbildung beginnen. Aber das lässt Augstein nicht gelten:

„Die Verteidiger der Anwerbepraxis sagen, der Bund sei ein Arbeitgeber wie jeder andere, und immerhin kann man auch mit 16 als Kochlehrling anfangen. . . Aber am Ende ist eben ein Kochlöffel kein Sturmgewehr, und dass jemand zwar an der Waffe ausgebildet werden kann, aber noch kein Auto fahren darf, leuchtet nicht so richtig ein.“

Es leuchtet nicht nur nicht richtig ein, es stimmt auch gar nicht. Das Autofahren ab 17 gibt es sogar schon ziemlich lange, nämlich seit dem entsprechenden Bundesgesetz von Juni 2005.

Ab sechzehneinhalb Jahren darf sich ein Jugendlicher in der Fahrschule anmelden, ab einem Monat vor dem 17. Geburtstag die Prüfung ablegen und, wenn er sie besteht, mit dem BF 17 unter Aufsicht eines Erwachsenen fahren. Niedersachsen will das begleitete Fahren ab diesem Jahr sogar schon mit 16 anbieten.

So ähnlich funktioniert es auch bei der Bundeswehr: die Aufsichtsperson dort, der sogenannte Spieß, ist garantiert volljährig. Es gibt nur den grundsätzlichen Unterschied, dass jemand ab 18 zwar unbeaufsichtigt Auto fahren darf, während ein Soldat auch als Erwachsener nicht ganz unkontrolliert zur Waffe greift.

Abgesehen von diesem Detail: 17jährige sind zwar noch minderjährig – aber keine Kinder. Von dem Kindersoldaten-bei-der-Bundeswehr-Tatütata bleibt exakt: nichts.

Dem Spiegel-Miteigner täte eine journalistische Aufsichtsperson womöglich gut. Praktisch darf er ganz allein eine Kolumne an die Wand fahren. Und sogar ein mittlerweile schrottreifes Sturmgeschütz.

 

Alexander Wendt: Weitere Profile:

Kommentare anzeigen (15)

  • Polizei ermittelt gegen 17-jährigen Afghanen wegen Tötungsversuch von Polizisten.

    Wenn man manche Nachrichten oder "politische" Ausgüsse neben Realitäten stellt, ergibt sich ein surreales Bild.

    Ich habe bei Mercedes eine Lehre begonnen mit 16. Bin ich jetzt ein Kindersklavenarbeiter gewesen? Oder hab ich eine sehr gute Ausbildung erhalten, die ich nie bereut habe? Muss mal warten, wie die Augsteins entscheiden ...

  • Lieber Alexander Wendt, das haben Sie sehr schön geschrieben. So etwas nenne ich eine spitze Feder. Hätte ich nicht besser machen können.

  • Wie es sich im kindlichen Geisteszustand lebt, weiß Augstein ja am besten. So viel wirres
    Geplapper. Einfach 'links' liegen lassen.

  • Das dieser Herr Unfug, und das nicht zu knapp, absondert, ist nicht neu.
    Aber in einem muss ich Sie, lieber Herr Wendt, korrigieren: Die Aufsichtsperson ist erst in sehr nachgeordneter Linie der Hauptfeldwebel der Kompanie, der mehr oder weniger beliebte "Spieß". Zuerst kommen für den Rekruten der Gruppenführer (z.B. Unteroffizier), dann der Zugführer (z.B. Feldwebel) und vielleicht der Kompanieleutnant. Aber auch die sind garantiert alle volljährig.

    • Nein, ich war seinerzeit, eingezogen 1972, mit 20 Unteroffizier und damals noch nicht volljährig, hatte aber schon die Verantwortung für BW-Material im 10.000der DM-Bereich!

  • "Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung" - die ursprüngliche Kabarettistenkritik an den "vielen Idioten" im Lande (Dieter Nuhr 1998) ist mittlerweile zum Kennzeichen so genannter Qualitätsmedien geworden. Dabei hätten diese durchaus Möglichkeiten, ihrer "Ahnungslosigkeit" abzuhelfen: Durch umfassende Recherchen und möglichst unvoreingenommen Wiedergabe der Ergebnisse zum Beispiel.

  • Als ich meine Lehre anno 1960 bei der Post angefangen habe, war ich (noch 5 Tage lang) 14 (vierzehn!).

  • Augstein hat nmA nur ein einziges Mal einen wirklich guten linken Kommentar geschrieben. Der war auf Gegenkurs zu der total einsträngigen seinerzeitigen Berichterstattung der MSM über die Lokführergewerkschaft und ihren total verfemten Chef .
    Ansonsten leidet er hauptsächlich an deutscher Schuldbulimie, was ja heutzutage mit Linkssein verwechselt wird. Das zeigt sich auch wieder in dem neuen Gesprächsbestseller, in dem er bei seinem Vater, Martin Walser, geradezu gierig und unglaublich selbstgerecht immer wieder irgendwelche Schuld im Zusammenhang mit dessen Kinder- und Jugendzeit im Dritten Reich zu entdecken sucht.

  • "Dem Spiegel-Miteigner täte eine journalistische Aufsichtsperson womöglich gut. Praktisch darf er ganz allein eine Kolumne an die Wand fahren. Und sogar ein mittlerweile schrottreifes Sturmgeschütz."
    Zu Punkt eins : offensichtlich ja, infantil das ganze. Zu Punkt zwei und drei : hoffentlich schafft er es bald, wäre ein Verblödungsverein weniger. Hallelujah.

  • Bei aller Wertschätzung gegenüber dieser journalistischen Brillanz, stellt sich für mich grundsätzlich die Frage, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, diese personifizierte intellektuelle Verwahrlosung und Dekadenz zum Thema zu machen? Vielleicht wäre es letztlich effektiver - im Sinne einer Bewahrung und Bündelung notwendiger Energien -, diesen speziellen Publizisten - einfach unbeachtet - selbstreferenziell vor sich hin spielen zu lassen. Schließlich gewinnen Energievampire aller Art ihre stärkste Motivation durch Beachtung, das liegt in der Natur ihres mittlerweile weit verbreiteten Störungsbildes. Eine, Herrn Augstein zur Seite gestellte, "journalistische Aufsichtsperson" würde demnach seine narzisstische Grundproblematik nur erheblich verschlimmern. Damit ist letztlich niemandem geholfen. Wenn man ihn aber "links" liegen ließe, wie die Foristin Frau Sabine Schönfelder es hier auch schon vorschlug, würde dieser exemplarische Zeitgenosse mehr und mehr an Wirkung verlieren. Das physikalische Gesetz dazu lautet: "Die Energie folgt der Aufmerksamkeit". Gibt man diesem 2x17-jährigen Kolumnisten und seinen verbalen Auswüchsen zukünftig kein Futter, schenkt man ihm also keinerlei Beachtung mehr, würde sich seine infantile Kolumnen-Spielecke samt dem "schrottreifen Sturmgeschütz" bald von selbst erledigen. "Im Zweifel links" liegen lassen, wenn man es nicht schafft, Augsteins Ergüssen einen gewissen Unterhaltungswert abringen zu können. Ich vermag es leider nicht.