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Politstroh zu Gold spinnen

Es gibt Tage, da erschrecke ich vor mir selbst. Was um alles in der Welt ist nur passiert, dass ich – der in einem linkem Umfeld groß wurde, sich zur politischen Mitte zählte und früher selbst gegen Nazis auf die Straße ging – mich plötzlich am „rechtem Rand“ der Gesellschaft wiederfinde?

Dass ich, der sich früher immer leidenschaftlich für Marktwirtschaft und repräsentative Demokratie in die Bresche warf, mittlerweile vor Zorn bebe, wenn ich an die politischen Zustände in Deutschland denke? Dass ich, der früher immer darauf bestand, auf keinen Fall während der laufenden Tagesschau angerufen zu werden, heute die Frage nach dem passenden Moment für ein Telefonat mit „Punkt Zwanzig Uhr, da habe ich fünfzehn Minuten Zeit“ beantworte? Dass ich, für den zwanzig Jahre lange die Lektüre meiner Tageszeitung, der Leipziger Volkszeitung und des SPIEGEL zum Frühstück dazugehörte wie die Tasse schwarzen Kaffees, mir heute lieber die Hände abhacken würde, als auch nur einen Cent für dieses Fischeinwickelpapier auf den Kiosk-Tresen zu legen? (Bei der Leipziger Volkszeitung handelt es sich übrigens um ein ehemaliges SPD-Traditionsblatt). Dass ich, der früher Europa immer für das Beste hielt, was uns passieren konnte, diese EU nur noch als abstoßenden, undemokratischen, hochmanipulativen Riesenkraken betrachte?

Wie konnte ich dermaßen zu einem Wutbürger mutieren??

Und dann komme ich darauf. Nicht ich habe diese Gemeinschaft verlassen, sondern diese mich. Keine der Parteien (bis auf die … na, Ihr wisst schon … blau, hat Hörner, riecht nach Schwefel) zeigt auch nur das allergeringste Interesse, sich für die Interessen derjenigen stark zu machen, die – in meinem Fall seit 30 Jahren – Tag für Tag früh aufstehen, um in den Fabrikhallen oder in der Landwirtschaft mit gewerblichen Jobs dieses Land am laufen zu halten.

Und am allerwenigsten scheint sich jene Partei für die Interessen der deutschen Arbeiter zu interessieren, welche aus dem hier in Leipzig gegründeten ‘Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein’ hervorgegangen ist – die SPD. Allein die Redewendung ‘deutsche Arbeiter’ löst ja schon zuverlässig Würgereflexe bei den Genossen aus. Aber so leid es mir tut und so fürchterlich peinlich es mir auch ist: wir sind nun einmal deutsche Arbeiter.

Ich glaube, dass ist es, was mich immer so wütend macht. Vielleicht schafft man es ja eines Tages, Stroh zu Gold zu spinnen und aus progressiven Politfloskeln Brot zu backen, aber bis dahin sollte man auch Arbeitern, Bauern, Angestellten, die mit ihrer Wertschöpfung erst die wirtschaftliche Grundlage für dieses neue deutsche Jobwunder im Politbetrieb, in der Sozialindustrie und im Antifaschistisch-Industriellen-Komplex sorgen, das Recht auf eine politische Interessenvertretung zugestehen. Selbst dann, wenn ihre Interessen nicht in den ‘Vereinigten Staaten von Europa’, einer uferlosen Transferunion, massenhafter illegaler Zuwanderung in die Sozialsysteme, gesellschaftlicher Transformation und mehr Islam liegen. Mir und vielen anderen kommt es nämlich so vor, als wären wir nur noch dazu gut, zu malochen und ansonsten die Schnauze zu halten.

Denn sobald es die sogenannten Kleinbürger wagen, die einzige Sache zur Sprache zu bringen, die den meisten von ihnen wirklich unter den Nägeln brennt – die ungebremste, illegale Zuwanderung, ihre Bedeutung für die Sicherheit unseres Staates und seine soziale Leistungsfähigkeit und die daraus resultierende Angst vor einer Islamisierung,  fängt der sozialdemokratische Berufspolitiker an, Fragen zu beantworten, die (außer in Uni-Hörsälen) niemand gestellt hat, und über ‘Alltagssexismus’, die vermeintliche 22%-Minderbezahlung von Frauen oder ‘den sterbenden ländlichen Raum’ zu referieren, während der Juso mit vor Entrüstung bebenden Wangen „Nazis raus!“ schreit.

Aus dem Hamburger Programm der SPD von 2007:

„Die Sozialdemokratie (…) hat aus verachteten Proletarierinnen und Proletariern gleichberechtigte und selbstbewusste Staatsbürgerinnen und Staatsbürger gemacht.“

Das stimmt. Die alte SPD hat sich um die Arbeiterklasse historisch verdient gemacht. Während die neue SPD daran zu arbeiten scheint, aus gleichberechtigten und selbstbewussten Staatsbürgern mit unerwünschten Meinungen wieder öffentlich verachtete Proletarier zu machen. So sehr es mir leid tut, liebe Genossen – der alte Spruch hieß: „So, wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben“ und nicht: „So, wie ihr heute arbeitet, werden wir morgen leben“! Tut mir echt wahnsinnig leid, dass wir Arbeiter in unserer gesellschaftlichen Fortschrittsverstockheit einfach nur eine riesengroße Enttäuschung für euch sind. Aber wenn ihr als Bundespartei nicht in Kürze dieselben kläglichen Resultate einfahren wollt wie hier bei uns in eurer einstigen Herzkammer Sachsen, solltet ihr vielleicht aufhören, bei eurer einstigen Stammklientel den Eindruck zu erwecken, dass ihr euch nur noch für die Belange von Migranten und absurd überprivilegierten Wohlstandskids aus gutem Haus stark macht, die sich medial als Opfer gesellschaftlicher Missstände inszenieren (und dabei eher wie eine neue, parasitäre Feudalkaste wirken), oder Pseudodebatten über Erste-Welt-Luxusprobleme zu führen.

Ich weiß, es ist nichts Glamouröses an kreischenden Winkelschleifern, Schmutz und Schweiß. Wir sind – trotz Energiewende – noch viele, und wenn ihr nicht wollt, dass die … na ihr wisst-schon … blau, hat Hörner, stinkt nach Schwefel … sich als neue Arbeiterpartei etabliert, dann erinnert euch daran, dass ihr einst stolz wart auf das Etikett: ‘Partei der kleinen Leute’ und macht euren ehemaligen Stammwählern ein faires Angebot, statt sie mit katastrophalen Forderungen, Soziologen-Geschwätz, offensichtlichem Bullshit und Beleidigungen auf die Palme und zur verhassten Konkurrenz zu treiben.

Wolfram Ackner :Wolfram Ackner, 47, nahm 1989 an den Leipziger Montagsdemonstrationen teil, lebte einige Zeit als Punk und baute sich später eine Radikalexistenz als Schweißer, Familienvater und Hausbesitzer am Stadtrand von Leipzig auf. Ackner ist regelmäßiger Autor auf www.achgut.com.

Kommentare anzeigen (28)

  • Es sollte die Arbeiter neben den illegalen Wanderern und staatlichem Kontrollverzicht auch das Folgende interessieren: Sie und der Mittelstand sind die Melkkuh der Nation und zahlen auf Ihren Verdienst real ca. 75 - 80 % Abgaben. Die Rechnung ist denkbar einfach: Wie lange muss ein Handwerksgeselle arbeiten, um sich mit seinem versteuerten Einkommen eine Stunde seines Kollegen leisten zu können? Je nach Gewerk 4-5 Stunden.
    Das ist himmelschreiend. Einen solch räuberischen Staat hat es noch nie gegeben. Und die Politiker schröpfen die Mitte weiter, bis der Baum bricht.
    Trotz Rekordeinnahmen senken sie weder die Mehrwertsteuer noch schaffen sie die kalte Progression ab. Diese Politik ist verbrecherisch.

  • me too ! Jahrzehntelang SPD oder Grün gewählt, friedensbewegt und umweltbewusst, an Spiegel und SZ orientiert, erlebe ich fassungslos, was derzeit passiert. Als ich vor zweieinhalb Jahren erstmals versuchte, den Merkel-Irrsinn der grenzenlosen Zuwanderung unter Verwandten, Freunden und Bekannten zu thematisieren, wurde ich ganz schnell in die rechte Ecke verbannt. Inzwischen rieche ich etwas nach Schwefel...

  • „Allein die Redewendung ‘deutsche Arbeiter’ löst ja schon zuverlässig Würgereflexe bei den Genossen aus.“

    Lesen Sie mal Der Weg nach Wigan Pier von George Orwell. Er, der leidenschaftliche Sozialist, hat damals schon erkannt, daß Sozialisten im Grunde nichts für den sog. kleinen Mann übrig haben. Sie hassen nur die Reichen. Besser gesagt hassen sie die Erfolgreichen.

    Man denke nur an die Kulaken in der Sowietunion. Nach der Revolution war ein Bauer wohlhabend, wenn er zwei Häuser, fünf Kühe und 20 Schafe hatte. 1932 reichte schon ein Häuschen mit Wellblechdach und eine Kuh, oder ein Erntehelfer für einen Trip nach Sibirien.
    Genauso läuft es hier jetzt. Das Geld wird gebraucht für die große Sache, bzw. die großen Sachen. Energiewende, EU, das kostet halt. Und das neue Ziehkind der Sozialdemokraten und ihrer rot-grünen Kanzlerin ist der sogenannte Schutzsuchende. Immerhin, so Merkel in Davos, haben wir alle „eine tiefe Schuld gegenüber dem afrikanischen Kontinent aus den Zeiten der Kolonialisierung“. Tja, lieber Arbeiter, dumm gelaufen. Ihr seid die neuen Kulaken.

      • Danke, Frau Schönfelder. Ich beobachte nur, und gebe meinen Senf dazu ab. Diese Parallele, also die mit den Kulaken, sollte jedem auffallen, der sich mit Geschichte befasst und die derzeitigen Strömungen erkennt.
        Postmodernistisches Denken macht sich breit, Stichwort Intersektionalität. Das erkennt man gut daran, daß man überall offen gegen weiße (alte)Männer wettern darf.
        Weiße Frauen kommen gleich danach (Zitat Spiegel: „Schock für alle Feministinnen: 53 Prozent der weißen Frauen haben für Donald Trump gestimmt“). Dieses Spiel mit Identity Politics geht nicht gut aus, das tut es nie.

        Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzubringen ist keine gute Idee, egal ob es Jakobiner, Nazis, Kommunisten oder sonstwer tut, und um Frieden und Gerechtigkeit geht es dabei nie.

  • Danke, ich hab beinahe Tränen gelacht. Ja, so isses, aber die können nicht aus ihrer Haut. Sie haben alle die ganz große Mission...

  • Herzlichen Dank, Herr Ackner! Ich musste ständig bestätigend nicken und ab und zu herzhaft lachen. Sie haben meine Pause erhellt. Und nun muss ich weiter das Bruttosozialprodukt steigern und die Penunse erwirtschaften, welche die Herrschaften mit vollen Händen zum Fenster rausschmeißen.

  • Das war einmal, "the times they are a-changin'-", sang Bob Dylan und auch er singt jetzt "Things have changed"!
    Sieht so aus, als ob es nicht nur ihm und mir so gegangen ist, wie ich den "Beichten" hier entnehme. Was das jetzt mit dem obigen, gut gewürzten Artikel über den Zustand der SPD zu tun hat, ach je, die hat halt ihre historische Mission erfüllt und den deutschen Proletarier zum steuerzahlenden Kleinbürger transformiert. Tschüss, SPD!

  • ausgezeichnet herzhafter Artikel !
    aber - ... die Ziele der "Etablierten" erscheinen mir TOTAL falsch -
    hab diesmal die "Blauen" gewählt -
    die einzigen die mal "DAGEGEN !" rufen ....

  • Jeden Morgen das wirksame Psychopharmazeuticum "Publico", - vielleicht noch zusammen mit einem Schluck "Brodericin" aus dem Hause "Achgut" eingenommen - eine probatere Prophylaxe mit 24-Stunden-Wirkung gegen psychosomatisch bedingte schwere Erkrankungen des Magens, der Bauchspeicheldrüse und der Nieren kenne ich zur Zeit nicht! Im Grunde genommen sollte dies zu den Pflichtrubriken der "Rentnerbravo" (Apotheken-Umschau) sowie der Gesundheitspostillen der verschiedenen Krankenversicherungsunternehmen (AOK etc.) gehören, um die hohen Kosten für Psychotherapeutische Rehakliniken zu senken!
    Denn wir als ältere Konsumenten kennen ja noch die Zeiten hautnah, in denen die (westdeutsche) Politik halbwegs normal tickte und können daher umso besser ermessen, was uns in kurzer Zeit verloren gegangen ist.
    Dass die "etablierten" Parteien heute noch mit Wahlergebnissen von immerhin um die 30% bzw. knapp um die 20% aufwarten können, führe ich darauf zurück, dass ab Ende der 1970er Jahre, deutlich verstärkt seit der Kohl-Wende, eine systematische und anhaltende Volksverblödung im Fernsehen einsetzte, welche bis heute zugenommen hat und zu einer beispiellose Entpolitisierung vor allem bei den heute Älteren beitrug. Diese wählen heute noch so "wie immer", während der Anteil der Berufstätigen (ca. 30- bis ca. 65-Jährige) vergleichsweise groß ist, der sich zu einem Wechsel zu den "Horntragenden" entschieden hat. - Der Wendepunkt der ÖR in Richtung Volksverblödung lässt sich in Etwa dort ausmachen, als die Fernsehserie "Buddenbrooks" endete und von "Dallas" abgelöst wurde...

  • Eines der besten Statements, die ich zu diesem Thema gelesen habe ,Herr Ackner ;-)

  • Zwar gibt es auch die saturierten Arbeiter mit Tariflohn, aber die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnbereich wird jeden Tag größer. Hier gäbe es ein großes Feld für die SPD zu beackern. Das Hauptproblem der SPD ist mMn. ein personelles, weshalb Herrn Ackners Wunsch nach Rückbesinnung der SPD ein Wunsch bleiben wird. Es gibt einfach niemanden mehr in der SPD, der die Arbeiter versteht, weil er selbst aus dem Milieu käme oder ihm wenigstens nahe stünde. Schon seit Jahrzehnten gehen zuvorderst saturierte Mittelschichtskinder mit Akademikerhintergrund zur SPD, meist diente die SPD nur als Vehikel zur Durchsetzung von Mittelschichtsinteressen. Hand in Hand mit Gewerkschaften hat man die heutige Situation geschaffen und zur Heilung will die SPD noch mehr vom selben Gift.