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Misstraut allen, die sich nie fragen, ob sie verrückt sind oder die anderen

Monika Maron wird 80. Ihr Buch „Was ist eigentlich los“ versammelt Essays aus vier Jahrzehnten: Texte einer Autorin mit einer ausgeprägten Skepsis gegen Beglückungsideologien

Es gibt Autoren, die das Land über Jahrzehnte begleiten. In Frankreich und den USA spielt der Typus des distanzierten politischen Beobachters traditionell eine größere Rolle als in Deutschland.

Möglicherweise liegt das daran, dass Intellektuelle hier seltener Distanz halten. Darin besteht die besondere Qualität von Monika Maron, die heute ihren 80. Geburtstag feiert: Sie schaffte es in der DDR, der Bundesrepublik der Neunziger und in der Gegenwart immer, die jeweiligen Verhältnisse aus einem Abstand zu betrachten, in ihren Romanen wie in den Essays.

Ungefähr in der Mitte von Monika Marons Essaysammlung „Was ist eigentlich los?“ findet sich der Text „Zeitunglesen“, dessen Untertitel lautet: „Bin ich vielleicht verrückt geworden?“ Die Frage schließt sich an die des Buchtitels an. In „Zeitunglesen“, einem Text aus dem Jahr 2013, beschreibt Maron ihre Reaktion auf die Sprachveränderung, die sie in den Medien, Institutionen und an Medienkonsumenten wahrnimmt. Etwa, wenn es um Überlegungen geht, die Begriffe ‚Mutter’ und ‚Vater’ in offiziellen Dokumenten durch ‚Elter 1’ und ‚Elter 2’ zu ersetzen. Oder um dass Wort „Islamophobie“, das ihr jetzt allenthalben begegnet – als Diagnose für alle, die etwas an dem politischen Machtanspruch von Muslimen zu kritisieren haben, oder die sich auch einfach nicht übermäßig mit dem Islam und Religion allgemein beschäftigen möchten. Das, so erfährt sie beim Zeitunglesen, sei kein legitimer Standpunkt, sondern eine Phobie, eine Angststörung, also etwas Behandlungsbedürftiges. „Hätte ich es nicht hundertmal schwarz auf weiß gelesen, wüsste ich wahrscheinlich bis heute nichts von meiner Krankheit“, schieb Maron damals. „Aber das ist wohl das Gefährliche an der Krankheit: man hat sie, ohne das Geringste zu bemerken. Deshalb halten es die Zeitungen für ihre Pflicht, Menschen wie mich darüber aufzuklären, dass sie, ohne es zu wissen, längst von dieser sich seuchenartig verbreiteten Krankheit infiziert sind.“

In diesen aus heutiger Sicht noch sehr entspannten Zeiten fragte sich die Autorin ganz zum Schluss – neben dem schon von ihr aufgeworfenen Punkt, ob sie als verrückt zu gelten hat oder Leute, die mit den oben genannten Begriffen operieren – „warum sich die Zeitungen wundern, dass immer weniger Leute sie lesen wollen.“ Ihr Text erschien damals im Spiegel, der heute einen ähnlichen Essay wahrscheinlich nicht mehr veröffentlichen würde, und der 2021 übrigens gut 50 000 Leser weniger findet als damals.

In Monika Marons „Was ist eigentlich los?“ folgt der Leser einer Autorin durch vier Jahrzehnte, und damit der Zeit selbst, in denen sich die Geschichte extrem beschleunigte, allerdings eher auf einer dialektisch krummen Linie. Im ersten Text des Bandes steht die Mauer noch. Im letzten Stück des Buchs, einem Essay aus dem Jahr 2019, beschreibt sie eine neue Mauer, dieses mal zwischen den Wohlmeinenden, die in der Klima-, Migrations- und Geschlechterfrage die jeweils richtige Antwort kennen, und denen, die nach Ansicht der Richtiggeleiteten am besten gar keine Bühne bekommen sollten, weil falsche Antworten und selbst falsche Fragen der Gesellschaft nur schaden. Der Essay am Anfang beschreibt die Spätausläufer des Kalten Krieges, der letzte Text einen Kulturkrieg, der seinen Höhepunkt wahrscheinlich noch vor sich hat. Maron erzählt dort, in „Unser galliges Gelächter“, erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung, wie dieses Klima sie bei allen Unterschieden wieder an die DDR erinnert: „Wenn Zweifel schon verdächtig sind, wenn Bedenken als reaktionär gelten, wenn im Streit nur eine Partei immer recht hat, können einen alte Gefühle eben überkommen.“

Mehr als die Summe seiner Teile sind die Essays von Monika Maron also nicht nur, weil sie eine scharfsichtige Autorin zeigen, sondern auch, weil die Texte sich in einem Zug als Mentalitätsgeschichte lesen lassen. Wie konnte es dahin kommen, dass sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 im Westen keine dauerhafte Freude an der Freiheit durchsetzte, sondern ein neues antiliberales Eiferertum?

Maron, geboren 1941 in Berlin, Enkelin eines jüdischen, aus Polen stammenden Großvaters, wuchs in einem kommunistischen Elternhaus auf, ihr Stiefvater Karl Maron amtierte bis 1963 als Innenminister der DDR. Von der kommunistischen Orthodoxie löste sie sich ab, was zu einem jahrelangen, später aber wieder geheilten Bruch mit ihrer Mutter führte. Die Erfahrung mit der DDR und ihrer Rechtfertigungsideologie stattete Maron offenbar mit einer Grundskepsis gegen Erlösungsideologien aus. In dem Essay „Ich war ein antifaschistisches Kind“ erzählt sie von dieser Familiengeschichte und ihren Folgen. „Wo immer ich höre“, schreibt sie, „dass einer weiß, was der anderen Menschen Glück ist; wo immer ich lese, dass jemand im Namen einer Idee über Millionen Menschen verfügt, und sei es nur in Gedanken; wo immer ich sehe, dass einer alten Ideologie frische Schminke aufgelegt wird, um ihren Tod zu maskieren, packt mich das Entsetzen.“

Im Jahr 1981 veröffentlichte sie ihr Buch „Flugasche“ über die Umweltzerstörung in der DDR bei S. Fischer in Frankfurt, 1988 reiste sie in die Bundesrepublik aus. Nach vielen Büchern und einem guten Dutzend literarischer Preise trennte sich der Fischer-Verlag 2020 von ihr, angeblich, weil sie eine Essay-Auswahl in der Reihe ,Exil’ des Buchhauses Loschwitz veröffentlicht hatte. Über das Buchhaus Loschwitz konstruierte Fischer-Verlagsleiterin Siv Bublitz eine Kontaktschuldverbindung Marons zu dem weit rechts stehenden Götz Kubitschek, der die ‚Exil’-Reihe vertreibt – allerdings auch Bücher des Fischer-Verlags und die vieler anderer Verlagshäuser. Außerdem erschien Marons Buch, das angeblich den Bruch provoziert haben sollte, im Frühjahr 2020. Die Trennung verkündete der Frankfurter Verlag erst im August. Bis dahin plante er noch die Essaysammlung „Was ist eigentlich los“ für 2021. S. Fischer wollte den Bruch – allerdings aus anderen als den vorgeschobenen Gründen. Maron, hieß es aus dem Fischer-Verlag zur Rechtfertigung, sei „politisch unberechenbar“ geworden. Die Autorin wechselte zu Hoffmann und Campe, wobei sie nicht nur das Projekt des Essaybandes mitnahm, sondern ihr gesamtes Werk. Der Satz, dass Bücher ihre Geschichte haben, passt hier auf besondere Weise.

Schon seit ihrem Roman „Munin oder chaos im Kopf“, dem vorletzten bei Fischer, bemühten sich die Hüter des Guten und Richtigen im Feuilleton, Maron Etiketten wie „neurechts“ oder das alberne Fähnchen „umstritten“ anzuheften. Was sie schreibe, etwa zu Islam und Migration, sei bedenklich und fragwürdig. Diejenigen, die das im Gouvernantenton feststellen, teilen allerdings grundsätzlich nicht mit, was genau ihnen daran nicht passt, warum es ihnen missfällt, und wie ihre Argumente lauten.

Zu ihrer Autorenbiografie gehört ihre schon erwähnte Imprägnierung gegen das Glücksversprechen von Ideologien. Aber auch ihr analytisches Instrumentarium: Bei ihr bestimmt eher das Sein das Bewusstsein. Es ist also kein Wunder, dass sie sich angesichts des Versuchs, die Gesellschaft durch Sprachalchemie nach Plan zu ändern, die Frage stellt, ob sie verrückt ist oder diejenigen, die diesem magischen Denken anhängen.

Durch Marons Texte aus vierzig Jahren zieht sich ihr nüchterner, sentimentalitätsfreier Ton, der immer wieder in Fragen mündet. Auf diese Weise gerät sie mit ihren Essays nie in die Falle, die Welt nur aus sich selbst und ihrer Biografie heraus deuten zu wollen – was heute bei vielen jüngeren Autoren und vor allem Autorinnen eher die Regel als die Ausnahme ist. Monika Maron interessiert sich in ihren Texten für die Gesellschaft, also auch für andere Milieus, für andere Überzeugungen, kurzum, sie schreibt als politische Autorin. Dazu kommt ihre Skepsis. Glücklicherweise hatte sie als Autorin nie das Bedürfnis, zu einem Kollektiv, zu einer Strömung, zu einem gerade tonangebenden Milieu zu gehören.

Im Land der Manifeste und Ausrufezeichen-Bücher ist allein das schon eine Wohltat. Wer sich selbst fragt, ob er gerade verrückt wird, läuft meist nicht Gefahr, es tatsächlich zu sein. Umgekehrt gilt: Wer sie die Frage ‚bin ich verrückt oder meine Umgebung’ nie stellt, dem sollte man nicht trauen. Erst Recht nicht, wenn er zur intellektuellen Klasse gehört.

 

 

 


Dieser Text erschien in einer leicht anderen Version auf Tichys Einblick.

 


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8 Kommentare
  • Dr. W. Manuel Schröter
    3. Juni, 2021

    Vielen Dank, Herr Wendt, für diese Ehrung eines aufrechten Geistes. Man kann bei Frau Maron sicherlich nicht allem zustimmen, aber eines ist klar: Sie hat nie eine Mördergrube aus ihrem Herzen gemacht! Ihr alles Gute auch von mir.

  • Materonow
    4. Juni, 2021

    Herzlichen Glückwunsch zum 80ten, liebe Monika Maron!
    Bin ein paar Monate älter noch und habe neben Flugasche auch Ihre neueren Schriften Lanz, Munin oder Krähengekrächz mit hohem Interesse gelesen.
    Sie sind eine der wenigen Dichter, die nicht ideologisiert sind und schon deshalb Ihre Werke eine erbauliche Lektüre.
    Leider werden Autoren Ihrer Klasse stetig weniger. Der ideologisierte Einheitsbrei geht mit gleichem Schritt und Tritt allmählich in eine “DDR-light”, wie es Arnulf Baring einstmals ausdrückte.

  • Andreas Rochow
    4. Juni, 2021

    Diese Würdigung des Werkes von Monika Maron ist mehr als angemessen. Sie macht Lust darauf, ihre neuesten Texte zu lesen. Ihr Nachdenken über Menschen (bitte nicht “Milieus” oder”Klassen”) ist suchend, analytisch, nicht auf ein von vornherein feststehendes Ergebnis oder politisch korrektes Aburteil gerichtet. Die Zielgruppe des totalitären Wanderwitz-Verdikts über die “Ostdeutschen” an denen Merkels Ostbeauftragter schier verzweifelt, findet bei Monika Maron Trost. Die Sensibilisierung für falsche linke Heilsversprechen der SED-Wiedergänger, gereicht den Ostdeutschen zum klaren Standort-Vorteil und zur Ehre, wenn es mit der Verteidigung demokratischer Strukturen verbunden ist. Marons Texte treffen einen Nerv – die Wertschätzung und das Training des ideologiefreien Urteilsvermögens. Der Fischer-Verlag liegt in seinem Urteil “politisch unberechenbar” bei Monika Maron übrigens dann richtig, wenn er im Gegensatz dazu Gleichgültigkeit und feiges Mitläufertum als “berechenbar” zertifiziert. Ein Armutsszeugnis! Bemerkenswert: Einst übernahm Fischer (01.05.1936 als Bermann-Fischer Verlag Wien) die “unerwünschten” Autoren. In Merkels wild gewordener Propagandarepublik werden sie wieder verwünscht, gekänzelt, boykottiert und von Anschlägen bedroht. Erneut wird der Menschenverstand mit aggressiver ideologischer Hetzattitüde bekämpft. Merkels “Demokratie-Förderung” kommt in Fahrt und kann die ihr innewohnenden faschistoiden Merkmale nicht verhehlen. Sollen wir das als das neue Normal akzeptieren?

    • Grand Nix
      4. Juni, 2021

      Ihr Kommentar: Sehr feinsinnig und sehr scharfsinnig, lieber Andreas Rochow.
      Danke für Ihre Zeilen!
      Frau Monika Maron wird sich über diese Zeilen ganz sicher sehr freuen.
      Mich haben sie berührt.

      Grand Nix

  • Klaus D.
    4. Juni, 2021

    Ich fand sie damals etwas naiv, weinerlich bis enttäuschend, als sie vor 34 Jahren öffentlich Briefe mit Joseph von Westphalen austauschte. Eben eine aus’m Osten.
    Was die Puhdys für die Rockmusik waren (himmelhilf!) , war Frau Maron (und noch schlimmer: Ch. Wolf) für die Literatur.
    So dachte ich damals.
    .
    Heute achte ich sie hoch. Tempus fugit.

  • Thomas
    5. Juni, 2021

    Falschdenker

    *Glücklicherweise hatte sie als Autorin nie das Bedürfnis, zu einem Kollektiv, zu einer Strömung, zu einem gerade tonangebenden Milieu zu gehören.*

    Sehr richtig.

    Selber denken ist eine echte Alternative. Nicht nur Sport, sondern auch Denken ist Gesundheitsprävention. Wählergrüße aus Dunkeldeutschland.
    (Angelika Barbe)
    https://vera-lengsfeld.de/2021/06/05/waehlerguesse-aus-dunkeldeutschland-die-angststrategie/#more-6019
    Wohl bekomms.

    Und:
    Alles Gute zum Geburtstag.

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