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Höher, Schlimmer, Hammer

In der Corona-Krise stellt sich eine Frage stets aufs Neue: Wie sollen Medien über das Virus berichten? Wie die tägliche Zahlenflut kommentieren? Statt nüchtern einzuordnen, halten viele Journalisten Covid-19 offenbar für einen Überbietungswettbewerb

Von Jürgen Schmid

Eine Stichprobe: Was wird dem Leser in einer Stadt wie München an medialen Strategien in der Kommunikation zu Corona angeboten? Sachliche Information eher nicht. Seit die Zahlen positiv Getesteter in der bayerischen Landeshauptstadt die als Warnwert festgelegte 7-Tage-Inzidenz (50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner) zu überschreiten begannen, scheint in der Presse ein regelrechter Eskalationswettbewerb um die härteste Schlagzeile ausgebrochen zu sein.

Von lokaler TZ über Augsburger Allgemeine bis idowa.de („isar – donau – wald“) – allüberall wird der „Corona-Hotspot München“ beschworen als wäre es das neueste Markenzeichen im Städte-Wettstreit von Standort-Vermarktern. Der ständig aktualisierte News-Ticker des Merkur verkündet: „Werte verschlimmern sich“, um anschließend zu raunen: „Corona in Bayern: Söder spricht von drastischer Maßnahme“. Welche genau? Und: welche Werte? Die der positiv Getesteten? Der tatsächlich Erkrankten? Die Zahl derjenigen, die in den Krankenhäusern behandelt, derjenigen, die beatmet werden müssen? Nicht so wichtig. Hauptsache: Drastik.

Über weite Strecken wirkt die Berichterstattung wie ein Report über einen Sport- oder sonstigen Wettbewerb: Wer liegt vorn in der Tabelle?

 

Mit Hammer und Sprengstoff

Im Live-Ticker der TZ heißt es beispielsweise im „Update 10. September, 14:29 Uhr“: „München meldet nächsten Zahlen-Hammer“. Mit einer Inzidenz von 45,26 liegt der Hammer allerdings noch unter der ominösen Marke von 50. Wie müsste in dieser Sprachlogik dann ein weiteres Ansteigen kommentiert werden? Wahrscheinlich: ‘Super-Hammer’. Nach einem kurzen, verbalen Aufatmen am 13. September, 20:09 Uhr („Corona in München: Neue Zahlen machen Hoffnung – sollten jedoch mit Vorsicht betrachtet werden“) schließt der TZ-Ticker am 17.9.2020 um 9:20 Uhr (auch hier: Zahlen bürgen für Exaktheit und zeigen Brisanz an) unvermittelt und lässt den Leser mit der beunruhigenden Frage alleine: „Zweiter Lockdown in München?“

Dafür nimmt die Südwest Presse („mit dpa“) den Faden auf: „Stadt München sprengt Grenzwert“, meldet swp.de am 18. September 2020, exakt um 15:59 Uhr. Etwas weiter unten im Text „überschreitet“ die Stadt den Wert ganz sachlich. Warum also muss die Überschrift suggestives Dynamit einsetzen?

Und was folgt konkret daraus, dass offenbar gerade ein Grenzwert in die Luft geflogen ist?

 

Platz 1 oder knapp verloren?

Am gleichen Tage jubiliert der Bayerische Rundfunk recht kokett: „Corona-Grenzwert 50 gerissen“. Hat das Publikum einen internationalen Hochsprungwettbewerb verpasst? Oder darf die Sportredaktion momentan so wenig Sportives beobachten, dass ihr Fachpersonal in Kurzarbeit geschickt werden müsste, würde es nicht an die Politikredaktion abgestellt? Von sachlicher Berichterstattung hat sich eine Sprache, die nach dem Schnittmusterbuch ‘Höher, Schneller, Weiter’ titelt, sehr weit entfernt. Zum Alarmismus fügt sich perfekt, wenn der Redakteur Oberbürgermeister Reiter „im Krisenstab“ diskutieren und „die Bevölkerung zu Wachsamkeit“ aufrufen lässt.

An ein Wettbüro beim Pferderennen erinnert die Metaphorik bei das allgäu online: „Kaufbeuren liegt mit einem Wert von 54,7 bundesweit auf Platz 2. Auf Platz 1 liegt Garmisch-Partenkirchen (55,4). Würzburg belegt mit einem Wert von 54 Platz 3 (Stand: 14. September 2020 um 0:00 Uhr).“

 

Explodierende Zahlen

Und allüberall „explodieren Zahlen“: Laut Südtirol News im Trentino, für den Westfälischen Anzeiger in Frankreich, beim Focus „in Nachbarländern“. Und in Münchner Presseorganen natürlich zuvorderst in der eigenen Stadt. Der Erfinder jener von Naturwissenschaftlern bisher selten beobachteten Zahlenexplosionen muss noch ermittelt werden. Aussichtsreicher Kandidat: Ministerpräsident Söder, der philosophierte: „Zu glauben, dass um uns herum die Zahlen explodieren und auch die Krankenhäuser langsam wieder volllaufen, und zu glauben, das hätte mit uns nichts zu tun …“

Dass es bei der medialen Corona-Bekämpfung Kollateralschäden gibt, scheint unvermeidlich. Eine „Super-Spreaderin“ in Garmisch, die eine Woche lang ungeschützt am medialen Pranger stand (etwa im BR: „Ein Superspreader macht Party“), erwies sich weder als „Verbreiterin“, geschweige denn als eine Übeltäterin in irgendwelchen Steigerungsformen (eine Party hatte sie mangels geöffneter Partygastronomie gar nicht gemacht). Die Superspreader ungeprüft übernommener Vorverurteilung saßen in den Medienhäusern. In der Hitze der Berichterstattung unterlief auch dem TZ-Newsticker ein lässliches Fehlerchen: „Zunächst hieß es in unserer Darstellung fälschlicherweise, dass es auch am Wilhelmsgymnasium im Lehel einen bestätigten Corona-Fall gibt. Der entsprechende Absatz wurde aus dem Text entfernt.“

Auch in diesem Lokalbericht galt offenbar der Grundsatz: erst alarmieren, dann prüfen.

 

Interpretationen von Wirklichkeit

„Die 7-Tage-Inzidenz ist weiter geklettert, ihr Wert liegt nun bei 56,13. In der gestrigen Rückschau hatte die Stadt noch die Zahl 55,59 genannt.“ Geht es wirklich um jedes Zehntelchen nach dem Komma? Was, wenn das „Klettern“ nur noch mikroskopisch messbar ist? „Verschärft“ sich dann trotzdem „die Lage“ (t-online)?

Wissenschaft und Journalismus sind zwei Spielarten einer Interpretation von Wirklichkeit. Und: Es gibt immer verschiedene Deutungen jedweder Wirklichkeit. Darüber zu diskutieren und zu streiten – das wäre eigentlich der Normalfall. Aber am Beginn jeder Bewertung eines Sachverhalts und aller Diskussionen darüber, wie Krisen zu bewältigen sind, müsste verbale Abrüstung stehen. Und die entsteht, wenn Zahlen ins Verhältnis zueinander gesetzt werden.

In Bayern gibt es tatsächlich relativ viele Infizierte: Per 21. September 499,6 pro 100 000 Einwohner. In anderen Bundesländern sind es deutlich weniger, in Niedersachsen etwa 237, in Mecklenburg-Vorpommern 69,8 pro 100 000. Aber diese Daten geben noch keine Auskunft über die Lage in den Krankenhäusern. Am 17. September mussten in Deutschland 238 Menschen wegen einer Covid-Erkrankung stationär behandelt werden. Am 22. September sind es 276.
Das ist eine Steigerung – aber kein Hammer, kein Rekord, keine drohende Überlastung des Gesundheitssystems. Eine Reihe von Virologen, etwa Hendrik Streeck, werfen dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach vor, mit seiner Dauerdramatik in Talkshows und auf Twitter die Öffentlichkeit eher zu ermüden und abzustumpfen. Wer soll dann eigentlich noch Warnungen hören, wenn die Fallzahlen auch in den Krankenhäusern im Herbst tatsächlich steigen?
Apropos volllaufende“ Krankenhäuser (Söder): Die Zahl der stationär wegen Covid-19 Behandelten in Bayern liegt aktuell bei 37.

 

 


Jürgen Schmid ist Historiker und freier Autor. 

 

 


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7 Kommentare
  • Günter Hackel
    22. September, 2020

    Bitte beachten: Positiv getestet ist nicht infiziert. Eine Infektion liegt nur dann vor, wenn Symptome auftreten. Außerdem sind positive Testergebnisse, welche ca 1% des Testumfangs betragen, ohne Aussagekraft. Das gilt, weil die Fehlerrate dieser Tests bei ca. 1% liegt.

    • Johann FRANZ
      23. September, 2020

      Die Fehlerrate aller Tests ist 1%. Trotzdem sind nicht alle positiven Ergebnisse falsch bis 1% überschritten wird.

      • Dr. Peter Müller
        24. September, 2020

        Nein, nicht alle. Aber letztendlich handelt es sich bei den positiven Ergebnissen nur um eine Mischung aus Fehlern und virologischem Hintergrundrauschen. Wir haben keine Virusepidemie sondern eine Testepidemie mit inzwischen 1,1 Millionen Tests pro KW (sh. Tagesbericht RKI). Aber da geht noch was: Die Kapazität unserer Labore liegt bei 1,5 Millionen Tests pro Woche. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, vorherzusagen, daß man die Testorgie weiter aufblasen wird, um die gewünschten “Fallzahlen” zu erhalten. Auf dieser zweifelhaften Basis derart die Gesellschaft zu schädigen, ist hochkriminell. Nach einer Wiederherstellung des Rechtsstaates wird die Justiz viel aufzuarbeiten haben. Man kann bis dahin nur Herrn RA Dr. Fuellmich wünschen, daß er mit seiner Sammelklage über Schadenersatzforderungen deutscher Geschädigter gegen deutsche Verursacher vor amerikanischen Gerichten Erfolg haben wird. Dann können sich die Verantwortlichen warm anziehen. Zitat: “Je lauter der Knall, um so schneller stoppt die Herde.”

  • Corinne Henker
    22. September, 2020

    Interessantes Detail am Rande: Die “Infektionszahlen” steigen besonders in Bayern, obwohl dort Corona-Obermacho Söder herrscht und natürlich alles richtig macht. Auch in anderen Ländern (Frankreich, Spanien) steigen die Zahlen trotz verschärfter Maßnahmen. In Schweden dagegen bleibt die Zahl der “Neuinfektionen” seit etwa 2 Monaten relativ konstant, es gibt weniger als 10 Tote pro Tag (am 20.9.: 1) und nur 15 Patienten liegen mit (nicht zwingend wegen) CoViD-19 auf Intensivstationen. Könnte es vielleicht sein, dass die ganzen Zwangsmaßnahmen sinnlos sind? Vielleicht würden Hygiene und Eigenverantwortung reichen – wie bei jeder anderen Grippe auch?

  • TinaTobel
    22. September, 2020

    Der Witz ist ja, in Würzburg waren die Zahlen zeitweilig noch viel höher (über 79 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen) und keinen hat’s interessiert, wenn man von ein paar völlig banalen Randnotizen absieht. Für eine Vor-Ort-Recherche mitten hinein in dieses dramatischen Geschehen hätte man ja in die Provinz fahren müssen.

  • Albert Schultheis
    22. September, 2020

    Alle mir bekannten Online-Medien berichten nur von den Zahlen der positiv Getesteten! Einer Zahl, die für eine Begründung von irgendwelchen Maßnahmen völlig ungeeignet ist. Irgendwie leiden die Journalisten unserer Qualitätsmedien an einer Gruppenverblödung – und leider mit ihnen das RKI. Es wäre doch eigentlich so einfach, einfach nur die Zahl der in Krankenhäuser eingelieferten Corona-Kranken zu überwachen. Ja, sobald diese anstiege, müsste man definieren, welche Maßnahmen zu ergreifen seien. Aber sie steigt nicht an! Ums Verrecken nicht! – Was soll also der ganze Medienrummel? Es ist tatsächich zu erwarten, dass sich Corona “vernünftig” verhält, d.h. die Zahl der Erkrankten ging im Sommer drastisch nach unten – soweit, dass deren Zahl eigentlich im Grundrauschen der Normalsterblichkeit verschwand. Wie eine normale Grippe also. Und von jeder vernünftigen Grippe erwarten wir, dass die Zahlen der Erkrankten im Herbst wieder etwas ansteigt – so auch bei Corona. Diese Zahlen der Erkrankten sagen uns damit relativ zeitnah, was zu tun ist. Also keine Panik! Wir müssen nur die Hysterie der Politiker und ihrer medialen “Lautsprecher” – ja, was? – ignorieren.

  • Joseph
    23. September, 2020

    Wie haben Die Ärzte so schön geträllert:

    „Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild
    Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht
    Aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht„

    Da ist schon was dran. Nur, steht „Bild“ stellvertretend für fast alle heutigen großen Medien.

    Angst: Rechte, Klimawandel, Corona, Kapitalismus.
    Hass: alles was nicht von linken Zeitgenossen geäußert wird
    Titten: möglichst von einarmigen Transgendern mit Migrationshintergrund
    Wetter: nur seriös, wenn es nicht von Kachelmann moderiert und irgendwie mit dem Klimawandel begründet wird

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