Interessanter als die Zensur-Bejahung durch Daniel Günther wirkt die geschlossene Medienfront und ihr Versuch, einen Elefanten von der Bühne zu zaubern. Für das Phänomen gibt es einen Begriff: „dénisphère“ – die Sphäre der Verleugnung


von Dirk Schwarzenberg

Als politische Talkshow taugt die Sendung „Markus Lanz“ weniger. Als Theaterinszenierung oder Konzeptkunst kann sie allerdings schon jetzt Gewicht und Ruhm weit über den Tag hinaus beanspruchen.

Beziehungsweise über die Tage, denn es handelt sich um eine Aufführung in zwei Teilen, einmal am 7. und dann am 14. Januar 2026. In der ersten Folge beklagte sich bekanntlich der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther über „Nius und solche Portale“, speziell über deren Berichterstattung bezüglich der dann gescheiterten Verfassungsgerichts-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf, nannte diese Medien „Feinde der Demokratie“ und gelangte in mäandernder Rede zu der Forderung, die Politik müsse sich „solchen Medien“ entgegenstellen.

In dem Moment tat Lanz, was qualitativ hochstehende Journalisten in Deutschland nur extrem selten tun. Er stellte eine Nachfrage: „Also was Sie jetzt gerade sagen ist im Grunde, wir müssen das regulieren, wir müssten es notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten?“ Günther wiederum tat, was Politiker sonst fast immer vermeiden: Er antwortete ohne jede Relativierung und Hintertür mit „Ja.“ In Folge zwei am 14. Januar, diesmal in physischer Abwesenheit von Günther, erfuhr die Öffentlichkeit aus dem Mund von Lanz, es handele sich um „Fake News“, und zwar „klipp und klar“, wenn irgendjemand behaupten würde, Günther habe die Zensur und im Extremfall sogar das Verbot von lästigen Medien bejaht. Und mit Lanz versicherte das die gesamte Qualitätsmedienkongregation. Sie taten eigentlich noch ein bisschen mehr, indem sie jeden zum Desinformationsverbreiter und Demokratiefeind erklärten, der etwas anderes behauptet. Möge die ganze Republik mit dem Finger auf sie zeigen.

Es wirkt nur etwas verwunderlich, dass Lanz et al. sich überhaupt auf die Deutung einließen, Günther hätte am 7. Januar im Studio gesessen. Würde man das strikt und entschieden zurückweisen, vielleicht mit einem leeren Talkshowsessel als Beweisbild, könnte sich das Narrativbaukombinat eine Menge Arbeit sparen.

Kommen wir nun zu einer Übung, die wiederum die wenigsten Medien in dieser Sache unternehmen: zur schlichten Wiedergabe des Gesprächs zwischen Lanz und Günther am 7. Januar, jeweils versehen mit Zeitstempel, da mehrere Mitarbeiter von Zeit, ZDF und „solchen Medien“ mittlerweile andeuteten, wer aus der Zensurbejahung durch Günther so etwas wie eine Zensurbejahung heraus- oder hineinlese, der bediene sich einer geschnittenen Variante der Sendung – wobei sie allerdings jeden Hinweis unterließen, wo jemand den Schnitt vorgenommen haben sollte.
Also: Dialog ab.

Günther: [01:10:06] „Ich meine, selbst Politiker, die im Bundestag sitzen, selbst Abgeordnete in unserer Fraktion, die gucken sich so einen Quatsch an und merken auch nicht, dass bestimmte Medien auch darauf einsteigen. Ich meine da sind ja mittlerweile auch Medien

Lanz: [01:10:17] Was meinen Sie damit?

Günther: [01:10:18] Ich meine, viele Medien orientieren sich ja mittlerweile an diesen ganzen sozialen Medien, indem sie selbst politische Agitation betreiben und ja nicht mehr Journalismus machen. Und wenn wir uns nicht mal davon frei machen

Lanz: [01:10:32] Woran denken Sie jetzt? Sagen Sie es mal deutlich.

Günther: [01:10:34] Naja, ich meine, machen wir uns doch nichts vor, aber diese ganzen, als es in der Großen Koalition, groß muss man ein bisschen vorsichtig sein.

Lanz: [01:10:41] ‚Ne mittelgroße Koalition, ja

Günther: [01:10:43] Koalition ja mit der SPD gemeinsam. Wenn die in eine Schieflage gekommen sind, öffentlich, hatte das immer was damit zu tun, dass sich Politik auch davon beeinflussen lässt, wie bestimmte Medien auch versuchen, ihre eigenen.

Lanz: [01:10:54] Sie denken jetzt an Brosius-Gersdorf?

Günther: [01:10:56] Ja, Brosius-Gersdorf zum Beispiel. Ich meine, wer hat denn dagegen geschossen? Nius und solche Portale. Und es gibt Abgeordnete meiner Union, die solche Portale lesen, die sowas teilweise auch weiterschicken, die sowas in WhatsApp-Gruppen verteilen. Und ich glaube, wir müssen viel, viel mehr aufwachen, dass das unsere Gegner und auch die Feinde von Demokratie sind. Und wenn wir uns nicht zusammenreißen und zivilgesellschaftliche Organisationen auch uns mit denen zusammenschließen, um uns gegen solche Exzesse auch zu wehren, dann werden wir unsere Demokratie in Deutschland in den nächsten zehn Jahren nicht wiedererkennen.“

Er nennt also unmissverständlich „Nius und solche Portale“. Kritisch über Brosius-Gersdorfs Positionen hatten übrigens auch Tichys Einblick, Apollo, die Junge Freiheit und Publico berichtet. Günther bezeichnet diese Medien pauschal als „Feinde der Demokratie“.
Weiter im Text:

Lanz: [01:11:33] „Oder zerstören?

Günther: [01:11:34] Zumindest wirken wir daran mit, wenn wir uns dem nicht entgegenstellen. Und deswegen müssen wir, glaube ich, alles, was dieses kleine parteipolitische Gegeneinander und gucken, wo setzt sich wer an der Stelle durch. Ich glaube es ist den Leuten mittlerweile zuwider, wenn Regierung unser Land in einer Krise regieren, dann wollen die Parteien haben, die an einem Strang ziehen, die die Dinge in die Hand nehmen, die die Dinge umsetzen und die wollen nicht hören, wer setzt sich in welchem Punkt durch. Und da dürfen wir halt auch diesen Medien nicht immer Steilvorlagen auch geben, indem wir uns über irgendwelche Kleinigkeiten miteinander streiten. Und ich glaube, nur das ist am Ende der Weg, um Extremisten kleinzukriegen und wieder eine Stabilität in Deutschland hinzubekommen.“

Günther fordert also, „wir“, womit er die Politik meint, müssten sich diesen Medien „entgegenstellen“, und dürften ihnen „nicht immer Steilvorlagen geben“.
An dieser Stelle hakt Lanz nach, was der CDU-Mann denn nun konkret mit dem „entgegenstellen“ meint:

Lanz [01:12:21] „Also was Sie jetzt gerade sagen ist im Grunde, wir müssen das regulieren, wir müssten es notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten.“

Worauf Günthers mittlerweile berühmte Antwort folgt:
Günther: [01:12:29] „Ja.“

Der Bezug ist völlig eindeutig: Lanz stellt eine Nachfrage. Sie kann sich nur auf das vorher von Günther Gesagte beziehen. Die Behauptung Günthers, Lanz‘ und anderer, das „Ja“ zu „regulieren, zensieren, im Extremfall verbieten“ hätte sich einzig und allein auf das Social-Media-Verbot für Personen unter 16 bezogen, ist außerdem schon deshalb völlig unsinnig, weil der CDU-Mann dieses Verbot ja schon glasklar forderte, bevor er das Gespräch auf „diese Medien“ lenkte. Wieso also hätte Lanz zu diesem schon abgehakten Punkt fragen sollen: „Im Extremfall sogar verbieten?“

An dieser Stelle folgt eine kurze Pause, in der offensichtlich beide merken, dass hier ein Politiker zum ersten Mal seit 1945 öffentlich Zensur und gegebenenfalls das Verbot von Medien als Möglichkeit in den Raum stellt. Dann wieder Lanz:

Lanz: [01:10:30] „Darüber reden wir?“

Erst jetzt wechselt Günther wieder das Thema und kommt auf Social Media und Jugendliche zu sprechen:

Günther: [01:12:31] „Wir reden darüber, also Social Media darf bis 16-Jährigen nicht mehr zugänglich gemacht werden. Und da brauchen wir eine Zusammenarbeit und Unterstützung, auch mit diesen Unternehmen, ähnlich wie Australien das gemacht hat, um unsere Jugend zu schützen vor Desinformationen, vor sexuellen Übergriffen.“

Darauf wieder der Moderator:

Lanz: [01:12:55] „Was ist mit dem Rest? Wenn Sie sagen, da gibt es Portale, die agitieren, die berichten dann Dinge, die dann Kampagne sind und mit Journalismus nichts mehr zu tun haben, so haben Sie das gerade ausgedrückt. Dann würden die sagen, Entschuldigung, das ist Meinungsfreiheit, das ist auch von der Meinungsfreiheit gedeckt, an welchem Punkt greifen wir dann ein in so etwas Wichtiges und Wertvolles wie Meinungsfreieinheit? Verstehe ja das Argument, aber.“

Wenn sich Günthers „Ja“ nur auf Social Media beziehen würde, wenn auch nur in der Wahrnehmung von Markus Lanz, dann könnte er unmöglich nach dem Rest fragen und das Gespräch wieder zu „Portalen“ und Meinungsfreiheit lenken. Genau das tut er aber.
Der Ministerpräsident antwortet:

Günther [01:13:19] „Aber ich habe ja gesagt, es ist nicht nur Aufgabe von Politik, Demokratie zu schützen, unsere Hauptaufgabe. Aber ich finde, alle zivilen Organisationen müssen auch sich zur Demokratie bekennen. Und ich glaube auch, dass es innerhalb der Medien auch mal eine Diskussion darüber geben muss, welche Qualitätskriterien müssen Medien eigentlich auch erfüllen. Denn natürlich ist es so, wir haben ja bei uns zum Glück Pressefreiheit, Meinungsfreiheit in unserem Land. Aber wenn man eine solche Einflussnahme hat wie Medien, dann muss man eben auch bestimmte Qualitätskriterien auch einhalten. Und gucken wir uns an, findet heute noch statt, dass man eine zweite Quelle prüft? Findet noch statt dass Journalisten wirklich, ich sag mal, wahrhaft auch berichten und auch nicht nur Meinungsmache machen? Also wenn ich mir Nius Artikel angucke, mit denen ich irgendwas zu tun habe, kann ich nur sagen, da stimmt in der Regel nichts drin. Das ist einfach vollkommen faktenfrei, was an der Stelle gemacht wird. Aber die treten eben auf und machen den Eindruck Leuten, als wäre das sozusagen im Sinne der Meinungsfreiheit etwas, was man in unserem Land sagen darf. Und ich glaube, es ist einfach falsch, wenn man das einfach so hinnimmt. Und wir müssen das eben auch erkennen in der Politik, dass die es nicht gut meinen mit unserer Demokratie. Und das, glaube ich wie gesagt, ist nicht nur unsere Aufgabe.“

In dieser Passage erklärt Günther also gerade nicht, seine Zensur- und Verbotsaussage würde sich auf die Nutzung von Social Media durch Jugendliche unter 16 beziehen, sondern kommt von selbst wieder auf „Medien“ zurück, erwähnt zwar ganz pauschal die Pressefreiheit, knüpft sie aber an irgendwelche Qualitätskriterien, meint groteskerweise, Medien dürften nur „berichten“, aber sich nicht am Meinungsstreit beteiligen, und legt mit der Formulierung „als wäre das sozusagen im Sinne der Meinungsfreiheit etwas, was man in unserem Land sagen darf“ nahe, dass die Meinungsfreiheit nur für diejenigen gilt, die Günthers nicht näher definierte Kriterien erfüllen.
Kommen wir nun zur Zusammenfassung dieses Gesprächs in den meisten Medien.

Der Kommentator des Norddeutschen Rundfunks: „Ich glaube, Daniel Günther wollte das Richtige. Er wollte für die Demokratie kämpfen, er wollte Jugendliche schützen, und er wollte Qualitätsstandards im Journalismus einfordern. Natürlich will er keine Zensur.“

Spiegel: „Die Vorwürfe gegen CDU-Politiker Daniel Günther, er befürworte Medienzensur, sind haltlos, aber interessant. Sie zeigen: Reaktionäre Kräfte in Politik und Medien schließen zunehmend ihre Reihen.“

Tagesspiegel: „Denn bei nüchterner Betrachtung des Günther-Auftritts wird deutlich, dass der Politiker weder Zensur noch Verbote für das Medium will. Ginge auch nicht. Schließlich gibt es Artikel Fünf im Grundgesetz.“

ntv: „Nein, Günther hat keine ‚Zensur‘ gefordert. Ja, Günther hat ein Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige gefordert, wie es in Australien bereits Praxis ist.“ „Es [Nius] verbreitete aber auch einen irreführend zusammengeschnittenen Schnipsel von Günthers Lanz-Auftritt. Darin sieht es aus, als befürworte Günther die ‚Zensur‘ von Nius.“

FAZ: „Nicht stattgefunden hat nämlich, dass Daniel Günther bei ‚Lanz‘ gefordert hätte, Nius zu zensieren oder gar zu verbieten. Als er in der Sendung von Lanz in der vergangenen Woche ‚ja‘ sagte auf die Frage des Moderators, ob er der Ansicht sei, vwir müssen das regulieren, zensieren und im Extremfall sogar verbieten‘, bezog sich Günther – klar erkennbar, er hat es inzwischen noch unterstrichen – auf die ‚Sozialen‘ Medien, die er Jugendlichen erst ab 16 Jahren zugänglich machen will.“

TAZ: „Klar ist, dass Günthers ‚Ja‘ nicht die optimale Antwort auf eine so zugespitzte Frage war. Aus dem Gesamtkontext aber und mit Kenntnis von Daniel Günthers Positionen lässt sich sagen, dass er niemand ist, der Zensur befürwortet.“

All diese hier aufgeführten und ähnlich gelagerten Organe verzichten übrigens darauf, den Gesprächsverlauf so wie Publico in diesem Text einfach zu dokumentieren. Wäre ihre Niemals-Zensur-bejaht-Darstellung tatsächlich „klipp und klar“ (Lanz) und das Gegenteil „haltlos“ (Relotius), dann gäbe es gar keine leichtere Methode, um den reaktionären Kräften eins auszuwischen.
So, wie es aussieht, teilt sich die Medienlandschaft in die wenigen, die einfach zitieren, und die Branchenvertreter, die es nicht tun, sondern sich darauf beschränken, das Nichtzitierte für ihre Leser einzuordnen. Überhaupt: ‚Noch nicht eingeordnet‘ ist die kleine Schwester der Desinformation.

Manche dieser Zitate weiter oben bergen einen ganz eigenen intellektuellen Reiz. Einerseits ist Günthers Aussage also klippklar und völlig eindeutig, andererseits aber auch „nicht optimal“ und, wie der FAZ-Journalist in seinem vorhergehenden Text zum gleichen Thema meinte, „ein wenig ins Unreine“. Sein ntv-Kollege zaust den CDU-Mann ein wenig und mahnt, er begebe sich auf „dünnes Eis“. Der Hinweis des Tagesspiegels auf die Rechtslage („ginge auch nicht“) ragt noch einmal besonders heraus. Wir sehen ab sofort Formulierungen in dem Hauptstadtblatt entgegen wie: ‚Politiker XY kann nicht korrupt sein, denn Korruption ist gesetzlich verboten.‘

Nun ergibt sich allerdings ein Problem, genau genommen zwei. Erstens brauchte es nach Günthers Auftritt einige Zeit, bis sich die Affirmationsmedien auf ihren klippen und klaren Einordnungskonsens verständigten. Und zweitens fanden gar nicht so wenige im politisch-medialen Raum die Zensur-und-Verbotsforderung des Kieler Regierungschefs in Richtung bestimmter Medien goldrichtig. Mit anderen Worten, sie verstanden ihn also sehr gut.
Beispielsweise Andreas Bovenschulte, Bürgermeister der Erfolgsmetropole Bremen und derzeit Präsident des Bundesrates. Auf X kommentierte er: „Mein Kollege Daniel Günther hat Recht: Medien, die an der Zersetzung des politischen Diskurses mitwirken, faktenfreie Meinungsmache betreiben, bewusst missverstehen und jedes Sachproblem personalisieren, sind eine Gefahr für die liberale Demokratie.“

Die Süddeutsche textete: „Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther will das rechte Onlineportal ‚Nius‘ verbieten. ‚Nius‘ wiederum fordert die Unterlassung von Daniel Günthers kritischen Aussagen. Was werden die Gerichte dazu sagen?“
Ja vor allem, was sagen die Branchenkollegen zu den saumseligen Kollegen, die noch außerhalb der Reihe tanzen? Jedenfalls dauerte es nur wenige Minuten, bis das Blatt aus München seine Zeilen entsprechend anpasste. Sie lauten jetzt und für alle Zukunft: „Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hat keineswegs das Verbot eines pseudojournalistischen Portals gefordert. Aber wer wollte, konnte ihn so verstehen.“
Die Süddeutsche wollte das offensichtlich erst, und dann eben nicht mehr.

Ihr Redakteur Ronen Steinke entschuldigte sich außerdem auf X für den „dummen Fehler“ (Steinke) in der Meldekette.

Es dürfte sich um das erste Mal handeln, dass sich ein Journalist zerknirscht in den Staub wirft, weil sein Medium aus Versehen korrekt berichtete. Wenn auch nur für fünf fatale Minuten, die den Falschen dank Screenshot jetzt Öl in den Topf träufeln, in dem sie ihr Süppchen kochen.

Dass speziell Politiker seit einiger Zeit einfach eine schwarze Wand zu einer weißen erklären, statt wie früher von Graubereichen zu reden, bezog sich bisher immer auf relativ kleine Sachverhalte und Affären, etwa, als Friedrich Merz dekretierte, sämtliche Vorwürfe gegen seinen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hätten sich „als falsch erwiesen“. Wegen dieser ganz und gar substanzlosen Berichte über dessen Geschäftspraktiken sagten bekanntlich reihenweise Minister ihre Teilnahme an dem „Ludwig-Erhard-Gipfel“ am Tegernsee ab, und das Land Bayern gibt kein Steuergeld mehr für die Veranstaltung, auf der sich folglich auch die Sondergesprächspakete mit Zugang zu Spitzenpolitikern nicht mehr so verkaufen wie früher.

Aber dass ein großer Teil des politisch-medialen Komplexes einen öffentlichen und gut dokumentierten Vorgang einfach bestreitet und komplett durch eine kontrafaktische Erzählung ersetzt – das gab es in dieser Geschlossenheit und Konsequenz bisher noch nicht. Das heißt, nicht mit diesem Richtungspfeil. In den vergangenen sieben Jahren fanden mehrere groß angelegte Versuche statt, etwas zur Realität zu erklären, was niemals stattgefunden hatte: 2019 die angebliche Hetzjagd beziehungsweise „Hetzjagden“ (Angela Merkel) in Chemnitz, den „Reichstagssturm“ durch ein paar Dutzend Demonstranten, die den Reichstag nicht stürmten und noch nicht einmal zum Versuch ansetzten, außerdem die laut Spiegel und anderen nur haarscharf verhinderte Enterung der Habeck-Fähre in Schlüttsiel – und schließlich, als bisher größtes, wichtigstes und mächtigstes Unternehmen dieser Art die Correctiv-Geschichte über eine Wannsee-2.0-Deportationskonferenz in Potsdam.

Im Fall Chemnitz schloss die Unterdruckkammer nicht ganz dicht, ohne die sich die Wirklichkeit nun einmal nicht dauerhaft verformen lässt: Der Chefredakteur der örtlichen Freien Presse erklärte, er und seine Mitarbeiter seien an dem Tag in der Innenstadt unterwegs gewesen, ohne irgendwo Hetzjagdszenen beobachten zu können. Zweitens stellte die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen damals auf Nachfrage eines kleinen Mediums fest, dass ihre Ermittlungen keinerlei Belege für eine Hetzjagd ergeben hätten. Man sieht: Ein Narrativ funktioniert nur, wenn wirklich alle mitziehen. Bei der Beinahe-Eroberung des Reichstags 2020 packten Qualitätsmedien wie die Zeit den Sturm geschickterweise nur in die Überschrift, schrieben dann aber schon in der Unterzeile, dass die Demonstranten in Wirklichkeit nur die Freitreppe vor dem Eingang ein Stück nach oben rannten. Es gab einfach zu viele Bilder des Ereignisses und zum anderen noch nicht einmal einen Kratzer in einer der Reichstagsglastüren.

Schlüttsiel 2024 – damals flunkerten Tagesschau und Tagesthemen, der Wirtschaftsminister sei „bedrängt“ worden; die Polizei habe den „Mob“ daran hindern müssen, die Fähre zu stürmen. Im Realitätsraum außerhalb der ARD bekamen die Demonstranten Habeck nicht einmal zu Gesicht, auf einem Video war außerdem deutlich zu sehen, dass die Fähre in dem Moment, als einige Demonstranten die Polizeikette am Steg durchbrachen, schon wieder (mit Vizekanzler an Bord) in die Nordsee stach. In der juristischen Nachbearbeitung schnurrte die Republikbedrohung („die Szenen in Schlüttsiel müssen jeden Bürger aufrütteln“ – Tagesspiegel) zu einem Beinahe-Nichts zusammen.

Das Correctiv-Dramolett führte immerhin zu Massendemonstrationen und damit vorübergehend ein Eigenleben, dann verloren Medien reihenweise vor Gericht, weil sie als Tatsache gemeldet hatten, was Correctiv nur raunend suggerierte. Im Spätherbst 2025 endete die Affäre dann mit dem Eingeständnis der Correctiv-Verantwortlichen, in den wesentlichen Punkten („Masterplan Remigration“, „Deportation von Millionen deutschen Staatsbürgern“) keine Tatsachen berichtet, sondern nur Meinungen geäußert zu haben. Alles in allem wirkt die medienkollektive Neuerzählung der Lanz-Sendung – also gewissermaßen die taktische Entgüntherung des Daniel Günther – wie ein Spiegelbild zum Correctiv-Potsdam-Komplex. Dort bestand das Ziel darin, einen imaginären Elefanten auf die Bühne zu reden. Bei Lanz/Günther/Medien geht es darum, einen real existierenden Elefanten von der Bühne verschwinden zu lassen.

Dort lautete der zentrale Argumentationsstrang: Ja, von Deportation und Massenabschiebung Deutscher mit Einwanderungsgeschichte wurde in dem Potsdamer Hotel nicht geredet. Aber wir wissen ja, was sie in Wirklichkeit meinten.

Bei Lanz/Günther: Ja, er hat – so richtig lässt es sich dann eben nicht bestreiten – Zensur und Verbot für Medien gefordert, die er für „Feinde der Demokratie“ hält. Aber: Wir wissen über alle Zweifel erhaben genau, dass er es überhaupt nicht so meint.

In der Correctiv-Potsdam-Sache hieß es: Es gibt unglaublich viel zu sehen: Nämlich spontane Aufmärsche mit Politprominenz, zwei Theateraufführungen, mehrere Preisverleihungen an Correctiv-Mitarbeiter, außerdem Stellungnahmen von Politikern wie die der damaligen Innenministerin Nancy Faeser, die erklärte, die Vorgänge würden sie persönlich an die Wannsee-Konferenz erinnern, so, als hätte sie schon damals beziehungsweise damals schon einmal gelebt.

Bei Lanz/Günther/Relotius Online und Kollegen lautete das Hauptmotto: Es gibt gar nichts zu sehen (und deshalb sollten Sie gar nicht erst selbst in der ZDF-Mediathek nachschauen).

Vor allem hielt damals, 2024, wirklich der gesamte Block von TAZ über ARD/ZDF bis FAZ vorbildlich zusammen. Schon wer ganz vorsichtig darauf hinwies, dass der Correctiv-Text – angeblich eine Recherche – überhaupt keine harten Belege für die aufgestellten Behauptungen lieferte, galt als Mitwegbereiter des neuen Nationalsozialismus im Weidelgewand.

Es stellten auch nur sehr wenige Journalisten die Frage, wie es kam, dass sofort nach der Veröffentlichung des, um es mit Günther zu sagen, faktenfreien Correctiv-Stücks am 10. Januar 2024 ein riesiger Propagandaapparat von Tagesschau bis zum Provinzblatt losratterte, und dass schon vier Tage später die erste Großkundgebung mit höchster Politprominenz stattfand. Nach dem speziellen Kontakt zwischen Correctiv und dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz fragte wieder nur ein kleines Randmedium.

Ganz ähnlich läuft es nun Anfang 2026: Die nahezu lückenlose Geschlossenheit der Medienfront wirkt noch wichtiger und bedeutender als Günthers Ansicht über störenden Journalismus. Das Unterhaken und Mitmachen der Medien-, oder besser Parallelweltschaffenden funktioniert vor allem als Ausweis der Zugehörigkeit zu dem Teil der Medien, mit denen Günther und Politiker wie er gut leben können. Nach dem Muster der berühmten Frage in George Orwells „1984“, nämlich: „Wie viele Finger, Winston?“ lautet die Frage zu den oben abgebildeten beiden Varianten der Süddeutschen: Wie viele Narrative über das gleiche Ereignis sehen wir hier? Natürlich, so lautet die alternativlose, klippe und klare Antwort: nur eins. Das erste gilt nämlich gar nicht, und wer trotzdem darauf hinweist, der delegitimiert den Journalismus des neuen Typs.

Elefanten per Illusionstechnik auf die Bühne zu zaubern fällt deutlich leichter, als echte Elefanten herunterzuhexen. Aber gerade an diesem zweiten Kunststück versuchen sich medial-politische Zusammenschlüsse nicht nur in Deutschland, und das mit schwankendem Erfolg. Die wirklich große und aufwendige Psy-Op beispielsweise, Joseph Biden ab 2023 kerngesund zu reden, als geistig völlig intakt, „sharp as a tack“, Videos von seinen Ausfallerscheinungen als „cheap fake“ (Washington Post) zu bezeichnen, also das Offensichtliche einfach im Einheitschor zu bestreiten, funktionierte in den USA nur für eine begrenzte Zeit.

Für dieses Gesellschaftsphänomen fand der französische Psychiater Maurice Berger den schönen Begriff dénisphère, die Sphäre der Verleugnung, die er folgendermaßen definiert: Es handele sich um „eine Reihe von Medien, Soziologen und Politikern, die sich aus ideologischen Gründen weigern, die Realität zu sehen.“ Berger begutachtete als Psychiater 150 schwerkriminelle Jugendliche, die meisten von ihnen mit Einwanderungsfamiliengeschichte. In seinem 2025 erschienenen Buch „Mineurs violents, Etat inconsistant“ schreibt er gegen die medial-politisch gepflegte Alternativwirklichkeit an, wonach die extreme Gewalt von Jugendlichen mit arabischen Wurzeln vor allem an deren Diskriminierung liege, und dass es sich bei der Bandengewalt außerdem um ein übertriebenes Phänomen handeln würde.

In seinem Buch und in einem NZZ-Interview gibt der Wissenschaftler übrigens ein schönes Beispiel dafür, wie die medial-politische dénisphère konkret funktioniert: Alle in dieser Sphäre, die Gewalt und besonders Jugendgewalt kleinreden, argumentieren damit, dass die Zahl der Morde in Frankreich im Vergleich zu den neunziger Jahren gesunken sei. Das trifft zu, allerdings – und darauf weist Berger hin – ging die Zahl der Mordversuche in den vergangenen drei Jahrzehnten steil nach oben: von 1700 (1994) über 2300 (2008) bis auf 3300 im Jahr 2020. Dank des medizinischen Fortschritts, so Berger, überleben heute sehr viel mehr Stich- und Schusswaffenopfer als vor 30 Jahren, wenn auch oft mit bleibenden Schäden: damals nur 30, heute 70 Prozent. Aus besserer Notfallversorgung machen die Narrativzauberer also eine Gesellschaft, in der die Sicherheit zunimmt, auch wenn es den Bürgern außerhalb der Leugnungssphäre nicht so vorkommt.

In dem NZZ-Gespräch nennt der Psychiater genau die Gründe für die Gewalt von Jugendbanden, die jeder kategorial bestreiten muss, um seinen Platz im politisch-medialen Klub der Wohlgesinnten zu sichern: Tribalismus, Verachtung für die westliche Gesellschaft bei Einwanderern und ihren Kindern, die Daueranklage der Identitätspolitiker gegen den Westen, mit der sie die beiden ersten Faktoren permanent verstärken „Der Rassismus gegen Weiße“, so Berger in der NZZ, „ist seit Jahren bekannt. Als Schläger aus der Stadt 2022 vor dem Finale der Fußball-Champions-League in Paris randalierten und Polizisten angriffen, waren Rufe wie ‘Frankreich, wir ficken dich‘ zu hören […] Nichts ist leichter, als einen westlichen Menschen dazu zu bringen, sich schuldig zu fühlen. Je mehr sich die Mitglieder der Schuldgesellschaft schuldig fühlen und von ‘Benachteiligten‘ sprechen, desto mehr inszenieren sich die Mitglieder der Gesellschaft der Scham als Opfer.“

Unter den Wohlgesinnten nicht nur in Deutschland, sondern fast überall in Westeuropa herrscht eine weitgehende Einigkeit, die offensichtlichen und von ihnen verantworteten Fehlentwicklungen nicht zu korrigieren, sondern das Offensichtliche nicht nur zu beschweigen, sondern zu bestreiten, ja sogar die Zustimmung zu der Parallelwirklichkeit zur Tugendprüfung für sämtliche Gesellschaftsmitglieder zu erklären. Die Weiterentwicklung von Wie viele Finger, Winston? lautet: Wie viele Elefanten sehen Sie hier im Raum? Das lässt sich allerdings nur durchsetzen, wenn die „Infiltration unserer Bevölkerung“ (Günther) durch das Internet aufhört, und Medienlizenzen in Zukunft ausschließlich an die Mitglieder der dénisphère gehen.

Daniel Günther überblickt diesen stringenten Zusammenhang womöglich nicht. Trotzdem gehört er dazu, als Pionier des Wandels.

 

 

 


Dirk Schwarzenberg verfasste früher Kriminalromane und bleibt auch als Journalist dem Genre im weitesten Sinn treu. Er lebt und arbeitet in Bayern. In der Publico-Kolumne „Frisch gepresst“ behandelt er gesellschaftliche Stilfragen.


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