„Zusammenhalt“, „wir“, „alle“, „gemeinsam“: Mit diesen Schlagworten streitet der politmediale Komplex für „Unseredemokratie“. Aber wer soll eigentlich wofür zusammenhalten? Bei korrekter Dechiffrierung erfährt man vor allem, wer nicht zu Allen gehört.


von Jürgen Schmid

München hält zusammen“ plakatiert Münchens rot-grüner Oberbürgermeister Dieter Reiter, der unter dem Eindruck stetig schwindender Umfragezahlen seiner Bayern-SPD – derzeit um 7 Prozent – den Amtssessel bei den Kommunalwahlen im März 2026 verteidigen will. Seltsam nur, dass der zweite Bürgermeister, ein auch nominell Grüner, damit wirbt, dass für die Stadt „mehr“ gehen müsste als unter Reiters Führung (dass er für dieses Versprechen ausgerechnet Robert Habeck neben sein Konterfei aufs Plakat hebt, der sich Medienberichten zufolge als politischer Frührentner langweilt, wäre ein Thema für sich).

Endet „Zusammen“ also schon in der noch amtierenden rot-grünen Rathaus-Koalition? Nein, das nun gerade nicht. Die Dauerforderung nach Zusammenhalt zielt nicht auf die Parteipolitik, sondern auf etwas sehr viel Größeres. Aber erst einmal zurück zur Sprache auf den Wahlplakaten:

Der Kandidat für die Freien Wähler, Bayerns Kultusminister a. D. Michael Piazolo, ließ unter sein Porträt drucken: „München. Gemeinsam. Besser.“ VOLT botschaftet: „Politik braucht uns alle“. Und die Münchner Linke beschwört einen Zustand, in dem die Stadt „stabil“ bleibt, was ziemlich merkwürdig wirkt für eine Partei, die bisher der Stadtregierung nicht angehört, und damit weiterhin außen vor wäre bei anhaltender Stabilität, also gleichbleibenden Mehrheitsverhältnissen.

Alle diese Wahlslogans wirken auf den unvoreingenommenen Betrachter unverständlich und/oder ergeben keinen Sinn. Sie benötigen einen Kontext, um überhaupt lesbar zu werden.

Allgemeinplätze benötigen eine Dechiffrierung

Man kann sich zunächst nur wundern über die Sinnentleerung der Wörter, wenn politische Konkurrenten nicht für unterschiedliche Problemlösungsmöglichkeiten werben, sondern dem Geist des Wahlkampfes zuwiderlaufend stets Gemeinsamkeit und Zusammenhalt betonen.

Signalwörter, die sprachlogisch alle einschließen, Konkurrenten also eingeschlossen, diese Signalwörter benötigen zur Erklärung etwas, das in diesen Textfragmenten auf den Plakaten fehlt, aber gerade den unsichtbaren Kern bildet, um den sich alles dreht: einen gemeinsamen Gegner, der nicht zum Zusammen gehört, sondern die imaginierte Gemeinschaft stört.

Exklusion aber kennt „Unseredemokratie“ nur nach rechts. Ein kleines Beispiel aus dem Alltag kann das illustrieren: An einem Münchner Bücherschrank, in den jeder Bürger ausrangierte Bücher einstellen und Gewünschtes mitnehmen kann, beobachtete der Verfasser dieser Zeilen eine Dame beim fleißigen Aussortieren und Wegwerfen. Gefragt, was sie denn störe am Angebot, sagte sie: Bücher mit religiösen Tendenzen (was merkwürdig genug ist, uns aber an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen soll), und politische Schriften. Auf Nachhaken beschrieb sie letztere, die auszusondern wären, näher: „Rechtes wollen wir hier nicht haben.“ Und Linksradikales? Diesem war sie, die zusammen mit anderen den Bücherschrank und dessen Bestände „pflegt“ (Eigenbeschrei­bung), nicht abgeneigt; hier wollte sie vom Wegwerfen nichts wissen. Das Grundprinzip reicht von der besagten eigeninitiativen Dame bis zur Bundesfamilienministerin Karin Prien, deren Haus kürzlich die Broschüre einer NGO finanzierte, die den Titel trägt: „Stark gegen rechts“. In dem Heftchen, das sich speziell an Jugendverbände richtet, heißt es:„Rechts steht kurz für Rechtsextremismus, Rechtspopulismus oder die Extreme Rechte. Weitere verwendete Begriffe sind Rechtsradikalismus, Rechtsterrorismus, Rechtsruck oder Neue Rechte.“ Das alles muss man sich ins Gedächtnis rufen, um die eingangs vorgestellten Wahlplakate überhaupt zu verstehen, weil die dort versammelten Schlagwörter aus ihrer ursprünglichen Wortbedeutung gelöst und als Chiffren mit einer Bedeutung aufgeladen werden, die ihrem Wortgehalt nicht immanent ist. Es entsteht ein gefühliger Code für diejenigen, die auf der „richtigen“ Seite stehen wollen. Diese Chiffren funktionieren so: Wer Zusammenhalt sagt (und sich damit als nicht-rechts zu erkennen gibt), der zeigt an, dass er zu einer Gruppe gehört, die sich durch moralische Distinktion von allen abgrenzt, die das „Zusammen“ ausdrücklich ausschließt.

 

Zusammenhalt – ein Gaunerwort

Wer draußen bleiben muss und warum, dazu gleich mehr. Vorher gibt es noch einen naturgemäß unvollständigen Überblick zur Anwendung in Deutschland und selbst beim Nachbarn Schweiz. Die Zusammenhaltsbeschwörung fehlt in kaum einer Ansprache des Bundespräsidenten, der auch ein Buch mit dem Titel „Wir“ veröffentlichen ließ, in dem er „für die Anstrengung gemeinschaftlichen Handelns“ und für „mehr Zusammenhalt“ wirbt. Zahlreiche staatlich finanzierte Organisationen widmen sich – jedenfalls laut Eigendarstellung – dem „gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Und das nicht nur in Deutschland. In der Schweiz erklärt Susanne Wille, Generaldirektorin der von einer Volksabstimmung über Zwangsgebührensenkung bedrohten Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG): „D Schwiiz hebt zäme“, SRG-Präsident Jean-Michel Cina beschwört noch einmal auf Hochdeutsch den „gemeinsamen Zusammenhalt“ durch den öffentlich-rechtlichen Sender. Dabei ist es gerade das Gefühl vieler Schweizer, dass der Sender und sein Programm gerade nicht dem Zusammenhalt der Schweizer Gesellschaft dienen. Was auch dem Gefühl vieler Deutscher angesichts der Reden ihres Bundespräsidenten entspricht.

Das Wort „Zusammenhalt“ kommt stets ohne Erklärung daher, wer eigentlich zusammenhalten soll, und vor allem: zu welchem Zweck? Welche Kohäsionskräfte sollen nach Meinung der Zusammenhalter überhaupt wirken? „Unsere Werte“ natürlich – die ebenfalls nie definiert werden, für deren papierene Produktion man aber in neoliberalen Zeiten eine Wertefabrik benötigt. Gleichzeitig führen die Zusammenhalter lange Listen, wer alles auf keinen Fall dazugehören soll: Allen voran und grundsätzlich „Rechte“ – siehe die neue von Prien geförderte Broschüre –, „alte weiße Männer“, neuerdings auch schwule weiße Männer, die sich zu wenig progressiv verhalten, Weiße überhaupt, jedenfalls bei bestimmten Seminaren und Ausstellungen, „Tradwifes“ (neudeutsch für Frauen, die Mütter und Hausfrauen sein wollen), strickende Frauen, denn „manche Masche birgt auch Zündstoff“ (Berliner Morgenpost).

Außerdem Wanderer (so sie Weiße sind, weil sie mit ihrem Tun angeblich rechtsoffen sind und Nicht-Weiße ausschließen), demonstrierende Bauern, Abtreibungsgegner, Querdenker und Impfverweigerer, neuerdings auch „radikale Christen“, vor denen der ÖRR warnt.

Dass auch Abtreibungsgegner auf der Ausschlussliste stehen, also Personen, die sich mit ihren „Märschen fürs Leben“ als Lebensschützer verstehen, erscheint besonders absurd: Wer sich für ungeborenes Leben einsetzt, soll nach dieser Lesart also den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Auf diese ganz spezielle Hirnverschlingung muss man erst einmal kommen.

Es ist wie in einer berühmten Szene aus Monty Pythons „Leben des Brian“: Wir halten alle zusammen – außer … (es folgt eine nicht enden wollende Aufzählung derer, die nicht zu Allen gehören dürfen).

Auf den ersten Blick ironisch mutet es an, dass die Vertreter einer progressiven Identitätspolitik, die alle traditionellen Bindungen, die Halt geben, alle Institutionen, die Zusammenhalt fördern, angreifen und auflösen wollen, etwa die Familie, und gleichzeitig die Segmentierung der Gemeinschaft in winzige versplitterte Identitätsgrüppchen propagieren und belohnen, ständig von Zusammenhalt sprechen. Schaut man auf die lange und wahrscheinlich noch längst nicht endgültige Ausschlussliste, dann ergibt die Rhetorik allerdings wieder einen in sich konsistenten Sinn.

Durchbruch der Zusammenhalts-Rhetorik mit Corona

Eine Suche nach den Ursprüngen der Zusammenhalts-Rhetorik beginnt mit einer Kuriosität: Ein Meisterstück gelang dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zur Weltmeisterschaft 2018, als man mit dem Hashtag #ZSMMN für Zusammenhalt warb, indem man zuerst per Graphikerstreich die Vokale ausschloss, als nächstes die Gunst der Fans und bereits nach der Vorrunde sich selbst aus dem Turnier. Die eigens eingerichtete Homepage www.zsmmn-dfb.de, mit deren Hilfe „Alle zusammen für ein Ziel: den Titel verteidigen“ stehen sollten, verschwand nach der Niederlage „Der Mannschaft“, kurz MNNSCHFT gegen Südkorea, dem letzten Gruppenplatz und dem vorzeitigen Heimflugticket vorerst in der hall of shame.

Doch dann gelang den Zusammenhalt-Sprachdesignern der Durchbruch im Kampf gegen Corona, indem sie es zur Allzweckwaffe machten. Im ersten Lockdown 2020 wurde an jeder Straßenecke, in fast jeder Nachrichtensendung, in allen Gazetten ein „Zusammenhalt“ eingefordert, was umso verstörender wirkte, weil als erste Bürgerpflicht galt, sich als Gemeinschaft aufzulösen und individuell zu separieren. „Gemeinsam einsam“ wäre ein etwas ehrlicherer Slogan der Maßnahmen-Befürworter gewesen.

„#ZusammenGegenCorona“ hieß es schließlich angesichts der anlaufenden Impfkampagne. Insgesamt 150 deutsche Groß-Unternehmen gaben ihre bewährten Markenslogans dafür her, flammende Aufrufe zur Impfung ins Land zu senden. Nichts war dafür zu peinlich: „Dann geh doch zum Impfen“ (Netto), „Freude am Impfen“ (BMW), „Impfen lohnt sich“ (Lidl), „Impfen – find ich gut“ (Otto). Niemand unter diesen Verwirrten dürfte die Spaltung der Gesellschaft perfider in Worte gegossen haben als Ritter Sport: „Impfstoff: Erst Piksen, dann Knuspern!“ Wer sich nicht impfen lässt, braucht auch nicht zu essen – so die Botschaft einer Kampagne, die noch dazu ein verlogenes Wir zu Tage brachte. Auch hier gehörte die Exklusion zum „Zusammen“ wie das Ying zum Yang: Einige Millionen Ungeimpfte gehörten eben nicht dazu („Ungeimpfte, ihr seid raus aus dem gesellschaftlichen Leben“, so der damalige saarländische CDU-Ministerpräsident Tobias Hans), aber auch alle, die an der Sinnhaftigkeit der staatlichen Corona-Maßnahmen zweifelten (laut der damaligen SPD-Chefin Saskia Esken „Covidioten“) beziehungsweise Staatsdelegitimierer (Bundesamt für Verfassungsschutz).

Als das Medienportal Correctiv im Januar 2024 eine Wannsee-Konferenz 2.0 erfand, kam die Gelegenheit, die Rede vom Zusammenhalt als Chiffre in der Bedeutung „Kampf gegen rechts“ festzuzurren. Seitdem kann jeder, der einen Satz wie Reiters „München hält zusammen“ liest, die Fehlstelle, wofür und wogegen man zusammenhalten soll, mühelos ergänzen: gegen die AfD, allgemein „gegen rechts“ und überhaupt gegen alle, die nicht dazugehören sollen. Daraus ergibt sich auch die Definition für „unsere Demokratie“: Alle – abzüglich der vielen, vielen anderen.

Zum gruseligen Signalwort entwickelte sich „Zusammenhalt“ durch den routinemäßigen Einsatz nach jedem spektakulären Mordanschlag durch einen illegalen Migranten, etwa zum ersten Jahrestag des Messermordes von Aschaffenburg. Dort hatte am 22. Januar 2025 im Stadtpark ein ausreisepflichtiger Afghane einem zweijährigen Kind in den Hals gestochen und einen herbeieilenden Helfer angegriffen, beide Attacken mit tödlichem Ausgang. Zwölf Monate nach der Tat ließ Oberbürgermeister Jürgen Herzing (SPD) verlauten, es hätte sich in der Stadt gezeigt, „wie groß das Bedürfnis nach Zusammenhalt“ wäre. Der erwünschte Zusammenhalt soll sich „gegen Hass und Spaltung“ durch jene stellen, die auf die in Aschaffenburg traumatisch zu Tage getretenen Konsequenzen verfehlter Migrationspolitik aufmerksam machen. Auch Solingen „steht zusammen in stiller Trauer“, nachdem dort im August 2024 ein syrischer IS-Anhänger bei dem „Fest der Vielfalt“ drei Menschen erstach und acht teilweise lebensgefährlich verletzte. So still gestaltete sich das Zusammenstehen dann doch nicht: Laut Organisatoren stand man zusammen gegen alle, „die in das rassistische Horn stoßen“.

Zusammenhalt bedeutet also in progressiven Kontexten: Gemeinsam gegen eine Wirklichkeit, die Linken unangenehm ist. Man kann die permanente Rede der um die staatlichen Futtertröge von Macht und Einfluss Versammelten von „unserer Demokratie“ nicht wörtlich genug nehmen. Wenn es heißt: „Alle zusammen“, dann sprechen diejenigen, die „den Beutewert des Staates“ (Hans Herbert von Arnim) unter sich aufteilen. Zum Umgang innerhalb des Wir trug neulich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther in Lanz’ Talkshow Bedeutendes bei: Man sollte dort nicht „über jede Kleinigkeit streiten“, um den exkludierten anderen und deren Medien keine „Steilvorlagen“ zu bieten, sondern, ja eben, blockartig zusammenstehen.

Diskurssimulation der Vielfalts-Einheitsfront

Schließlich und endlich eignet sich der Zusammenhalt mit seinen sprachlichen Ableitungen ideal zur Diskurssimulation. Etwa beim „Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt“, der bundesweit am 21. Mai 2026 stattfinden soll, und zwar im Rahmen eines „Unesco-Welttag[es] der kulturellen Vielfalt“. „Wir müssen“, so Olaf Zimmermann, „deutlicher zeigen, dass Vielfalt und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft funktionieren können“. Was man erfährt: Dass Aktionsteilnehmern ein Currywurst-Imbiss mit Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) oder eine heiße Schokolade mit der Ratsvorsitzenden Kirsten Fehrs (EKD) angedroht werden. Letztere erklärt im Vorfeld, für sie „spiele die Neugier auf andere Meinungen eine wichtige Rolle“. Wenn jemand dabei eine Meinung vertreten sollte, die nicht in Fehrs Meinungskorridor passt, dürfte es eng werden mit der Neugier der Amtskirchen-Frontfrau. Denn vermutlich hat sie so etwas wie den ver.di-Leitfaden für erlaubte Meinung im Kopf, den die Dienstleistungs­gewerkschaft unter dem wortspielerischen Claim „Wir sagen zusammen Halt!“ als „Argumentationshilfe gegen Hass und Hetze“ herausgibt. Darin werden abweichende Meinungen „im Pausenraum, bei der Arbeit, vor oder nach der Schicht“ pauschal als „rechtspopulistische Aussagen“ und „provozierende Thesen“ abgewertet – wobei abweichende Meinungen ein Gespräch erst sinnvoll und lebendig machen, und man recht eigentlich erst dann von einem Gespräch im Sinne eines Gedankenaustausches sprechen kann, wenn es abweichende Meinungen gibt. Zusammenhalt meint hier ein Wir-Gefühl in einen vorgegebenen Meinungs- und Sprachkorridor. Für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung steht schon jemand außerhalb der Markierung, der das Wort „Ausländer“ in den Mund nimmt.

 

Inflation der Zusammenhalt-Bündnisse

Das Bündnis „Zusammen für Demokratie. Im Bund. Vor Ort. Für alle“ will „ein Zeichen setzen“, dass Deutschland „wehrhaft gegen extreme Rechte und gegen die Feinde der Demokratie“ sei. Bei „Zusammen für Demokratie“ heißt es: „Wir stehen auf gegen Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Rassismus und jede Form von Diskriminierung.“ Was aber, wenn Muslime Antisemiten sind? Wie sollen dann die jeweils sakrosankten Positionen des „Nie wieder!“ einerseits und „Der Islam gehört zu Deutschland“ (Ramadan-Beleuchtung) auf der anderen Seite zusammenpassen? Importierter muslimischer Antisemitismus und gleichzeitiger Kampf gegen Antisemitismus – das geht eben nicht zusammen. Und entlarvt das, was hier imaginiert werden soll: als Nichtmöglichkeit, die ein Leben nur auf Thesenpapier oder in Pixeln simulieren, niemals aber Wirklichkeit werden kann.

Noch aus Zeiten der Ampelregierung stammt die Strategie „Gemeinsam für Demokratie und gegen Extremismus“, die trennunscharf folgende „Aktivitäten“ aufzählt, mit denen „Feinde der Demokratie“ versuchen würden, diese „zu schwächen und zu destabilisieren“: „Gewalttätige Übergriffe auf Politikerinnen und ihre Helfer sowie auf Beschäftigte von Feuerwehr und Rettungsdiensten; eine Zunahme von extremistischen Handlungen; Desinformationskampagnen und Cyberangriffe auf staatliche Stellen“. Eigentlich müsste das „Gemeinsam für Demokratie“ die Partei einschließen, die am häufigsten zum Ziel gewalttätiger Übergriffe wird: die AfD. Gerade sie wird aber aus dem Zusammenhalt ausgeschlossen. Apropos Extremismus: interessant, wer hier trotzdem zum Wirbezirk zählt. Etwa die „Letzte Generation“, deren Mitglieder bekanntlich Flughäfen besetzten und Denkmale beschmierten. „Die sagen“, so seinerzeit der damalige Verfassungsschutz-Chef Thomas Haldenwang durchaus ironiefrei, „Hey, Regierung, ihr habt so lange geschlafen. Ihr, Regierung, müsstet jetzt endlich mal was tun.“ Damit würden diese „Aktivisten“ (auch ein Gaunerwort in Bezug auf kriminelle Gefährder der öffentlichen Sicherheit) der Demokratie großen „Respekt“ entgegenbringen. Mit Preisen bedachte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehrere Verlage, die Handlungsanleitungen für Anschläge und das Verwischen von Spuren am Tatort herausgeben. Begründung: Diese Verlage und ihre Publikationen würden den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Zu den wenigen in der Union, die das überhaupt kritisierten, gehörte der CDU-Bundestagsabgeordnete und Kohl-Enkel Johannes Volkmann.

Landauf landab wird mit denselben Wortstanzen geprägt – etwa bei einer fränkischen Volkshochschule, wo sich die Sprachlosigkeit der Zusammenhalter exemplarisch zeigt: „Die VHS Hofer Land steht für Vielfalt, Respekt und Menschlichkeit.“ Man zeige „Haltung“, setze sich ein für „100 % Menschenwürde“ (ausgenommen die üblichen Verdächtigen), und man kämpfe „zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus“. Diese Texte lesen sich so, als würde hier ein KI-Programm die immergleichen Textbausteine neu zusammenschütteln.

Wer ist überhaupt Wir?

Das progressive Feuilleton feierte den Essay „Gemeinsinn“ (2024) von Aleida und Jan Assmann. Darin heißt es: „Die resiliente Demokratie braucht kein Feindbild, aber einen starken Sinn für das, was Menschen miteinander verbindet und zusammenhält.“ Der Deutschlandfunk frohlockt assistierend, das Buch würde „vor falsch verstandenen Identitätspolitiken“ warnen: „Identitäre Formen der Gemeinschaftsbildung, die auf die Ausgrenzung eines ‚Anderen’ angewiesen sind, wirken stets kontraproduktiv; das Gemeinsame muss sich auf alle Menschen ausdehnen lassen, also letztlich einem universalistischen Ideal verpflichtet sein.“ Der erste Teil der Warnung fällt – vom Kopf auf die Füße gestellt – auf die Warner zurück, die für ihre Wir-Konstruktion der Ausgrenzung eines „Anderen“ bedürfen, nämlich des Falschmeiners; der zweite Teil nach dem Strichpunkt imaginiert einen Nichtort, die Habermas’sche Weltgesellschaft.

Dieser Utopie hängt auch der Schriftsteller Michael Köhlmeier an, der dazu die Verrenkung „Wenn ich Wir sage“ (2019) lieferte – in der Hoffnung, durch einen Sprechakt („Wenn ich Wir sage“) ein Wir herbeizwingen zu können, „das uns alle einschließen kann“. In Köhlmeiers Traumwelt kämpfen ein gutes und ein böses Wir miteinander. Das Böse verkörpert sich im Nationalstaat, das Gute in einer herbeihalluzinierten Menschheitsweltgemeinschaft. Es ist die Nichtmöglichkeit eines allumfassenden Wir: Ein grenzenlos ausgedehntes Wir kann es nicht geben. Genau das zeigen die Zusammenhalter und Wir-Konstruierer unfreiwillig dadurch, dass sie für ihre Kollektividentität ein ständig anwachsendes Nicht-Wir brauchen.

 

Was, wenn zu viele ausgeschlossen werden?

Wenn ein „Wir“ immer breitere Kreise der Bevölkerung ausschließen muss aus dem verordneten Zusammenhalt, gerät die Praxis unweigerlich irgendwann an einen Kipppunkt: und zwar dann, wenn sich eine kritische Masse nicht mehr ausschließen lässt. In der Corona-Zeit reichten etwa 10 Millionen Impfverweigerer aus, um den Plan einer Impfzwangsvergemein­schaftung zunichte zu machen. Wenn nun eine noch größere Menge an Bürgern aufgrund ihrer politischen Meinung diffamiert, ausgegrenzt, debanked, zum Teil kriminalisiert, angeklagt und abgeurteilt wird, stößt das System der Zusammenhalter unweigerlich an seine Grenzen.

Ist es das, was die Zusammenhalter wollen? Jewgenij Samjatin entwirft in seiner Roman-Dystopie „Wir“ (1920) einen „perfekten Staat“, in dem die Häuser gläsern sind – sämtliche Lebensäußerungen der Menschen in ihren vier Wänden sind damit überwachbar. Dave Eggers treibt in seinem Roman „Every“ und dem Vorgänger „The Circle“ den Grusel im Zeitalter des Digitalismus noch eine Umdrehung weiter: Seine „Circle“-Protagonistin Mae Holland trägt eine Kamera an ihrem Körper, die alles, was sie sagt und tut, im Internet live überträgt. Eggers Figur nennt diese Perversion „sich transparent machen“. Gäbe es eine Pflicht zum Tragen einer solchen Kamera, könnten die Zusammenhalter ihre Ausgrenzungsstrategie endlich mit der Effizienz ins Werk setzen, die sie sich schon jetzt wünschen.

 

 


Jürgen Schmid ist Historiker und freier Autor. Er lebt in München.


 

 

 


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