Eine aus der Geschichte vertraute Figur taucht wieder auf: der Feind in den eigenen Reihen. Je härter der Kampf, desto wichtiger die totale Reinheit. Aber Achtung: Die Verräterjagd markiert immer eine Endzeit
Am 7. März veröffentlichte der Spiegel einen Text über die Krise des ZDF unter der Überschrift „Die erschütterte Anstalt“. Schon in der Unterzeile fasste das Blatt zusammen, woher das Beben rührt. Nämlich nicht wirklich und ursächlich vom Einsatz falscher und KI-generierter Aufnahmen in der „heute“-Sendung vom 15. Februar, als es um das Vorgehen der Immigration and Customs Enforcement-Beamten in den USA gegen illegale Migranten ging.
Sondern: „Nach der Affäre um KI-Bilder im ‘heute journal‘ kommt das ZDF nicht zur Ruhe. AfD und rechte Portale greifen den Sender an, die Belegschaft ist zermürbt. Hinzu kommt Verrat aus den eigenen Reihen.“ Damit eröffnet der Spiegel zwei Ebenen. Erstens sollte wieder Ruhe am Lerchenberg und überhaupt in der Öffentlichkeit einkehren, nachdem die Sprachregelung der ZDF-Führung und befreundeter Medien für den Fälschungsvorgang feststeht, nämlich: ein bedauerlicher Fehler, wie er selbst den Besten passieren kann. Ja eigentlich: nur den Besten. Zur verdienten inneren Balance kommt die Anstalt aber nicht wegen der äußeren Feinde (AfD, rechte Portale) – und wegen der Verräter im Inneren.Damit betritt eine Figur die Debattenbühne, die sich dort schon länger nicht blicken ließ, genauer gesagt, seit 1945 respektive in einem Teil Deutschlands seit 1989 nicht mehr: Der Verräter, der Heimtück innerhalb der eigenen Mauern. Dass es an der Gesellschaftsordnung nichts auszusetzen gab und sämtliche Probleme von äußeren Feinden und inneren Saboteuren herrührten, stand für die SED-Führung bis zum November 1989 und eigentlich noch darüber hinaus felsenfest. Dieser Topos kommt nun wie auch vieles andere aus der deutschen Ebennichtvergangenheit wieder in den politischen Sprachgebrauch. „Verrat trennt alle Bande“, heißt es bei Friedrich Schiller in „Wallensteins Tod“. Der Verratsvorwurf zieht nicht nur die Linie zwischen Innen und Außen, sondern ein zweites Mal im Inneren von Institutionen, nämlich zwischen denen, die weiter unerschütterlich zur Sache stehen, und denen, die vorsichtig den Abstand zwischen Sache und Realität vermessen oder wenigstens ertasten, und sich mit dem Ergebnis nicht wohlfühlen. Er unterscheidet eben nicht, wie es in der Bibel heißt, zwischen Schafen und Böcken, sondern zwischen verlässlichen und kontaminierten Schafen.
Im ZDF jedenfalls fahndet die Leitung nach einem noch anonymen Verräter, zwei namentlich bekannte Abweichler konnte sie schon enttarnen und bestrafen. Das Binnenklima in Mainz kann man sich ungefähr vorstellen, jedenfalls dann, wenn man weiß, um welchen Verrat es überhaupt geht. Dazu muss der Blick zurück zum 15. Februar gehen, als Dunja Hayali das „heute journal“ mit der Bemerkung anmoderierte, die ICE-Beamten in den USA würden auf Anordnung der Trump-Administration Kinder von Migranten in Angst und Schrecken versetzen. Manche der Videos zu dem Thema seien nicht echt, sondern KI-generiert, „viele aber schon“. Bei den Bildern in dem Beitrag zu dem Thema handelte es sich gleich zweimal um nichtauthentische Aufnahmen: Eine zeigte, wie Polizisten (und nicht ICE) einen zehnjährigen Jungen abführen, der vorher mit einem Amoklauf drohte. Diese Bilder stammen aus dem Jahr 2022, also aus der Amtszeit Joseph Bidens, und sie dokumentieren etwas völlig anderes als das, wovon der durch Hayali angekündigte Beitrag handelte.
Kurz vorher erschienen in einem anderen Video tatsächlich ICE-Mitarbeiter auf dem Bildschirm, die eine farbige Frau mit sich zerren, an die sich ein weinendes Mädchen klammert. Die Sequenzen zeigen überhaupt keine Realität, sondern computergenerierte Pixel, erstellt mit dem KI-Programm Sora. Dessen Wasserzeichen erschien auch bei der Ausstrahlung im „heute journal“. Deshalb fragten einige Journalisten nach, unter anderem ein Mitarbeiter der Plattform Apollo.
Die Pressestelle des Senders antwortete mit der ersten von insgesamt drei Erklärungsvarianten. Nummer eins lautete: „In einem Beitrag des heute journal vom 15. Januar 2026 hätten KI-generierte Bilder gekennzeichnet werden müssen. Diese Kennzeichnung wurde bei der Überspielung des Beitrags aus technischen Gründen nicht übertragen […]. In den KI-Grundsätzen des ZDF ist festgelegt, dass KI-generiertes Bildmaterial immer transparent gekennzeichnet wird.“ Diese Darstellung ergibt nicht den geringsten Sinn.
Das ZDF-Büro in New York, dessen Korrespondentin Nicola Albrecht das KI-Filmchen beisteuerte, hätte demnach also irgendwo vermerkt: ‘Achtung, alles von einem Programm erfunden‘, und diese Warnung wäre dann auf unerklärliche Weise verschütt gegangen. Die Kennzeichnung durch das Sora-Wasserzeichen blieb jedenfalls, jeder in Mainz hätte sie erkennen können. Und – darum geht es gleich in dem Verratsstück – einige erkannten sie offensichtlich auch, und zwar vor der Ausstrahlung.
Variante zwei der auf diesen Widersinn hingewiesenen Pressestelle hörte sich so an: Die Redaktion hätte zeigen wollen, wie auch mit KI-Videos über ICE-Einsätze in den USA Angst erzeugt werde. Davon handelte der Beitrag aber ersichtlich nicht. Die dritte und vorläufig letzte Variante bestand dann darin, dass der Sender seine Korrespondentin Nicola Albrecht am 20. Februar „mit sofortiger Wirkung“ aus New York abberief und ihr in einer Erklärung der ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten die gesamte Schuld zuschob.
In einem Interview mit der Süddeutschen erklärte Schausten: „Die Tragweite des Themas wurde spät erkannt“. Übersetzt: Wir dachten erst, das ganze lässt sich auf die übliche Weise abbiegen: Kleiner Fehler gemacht, nichts Dramatisches, wer etwas anderes behauptet, betreibt eine rechte Kampagne. Die Affäre spielte sich allerdings, was offenbar einigen auf dem Lerchenberg tatsächlich erst spät aufging, in einer besonderen Situation ab.
Dieser Tage stellt sich der aktuelle Intendant des Senders Norbert Himmler zur Wiederwahl auf fünf Jahre – und zwar als einziger Kandidat. Im Rundfunkrat sitzen zwar ausschließlich Staats-, Parteien- und Organisationsvertreter und kein einziger Anwalt der Gebührenzahler. Trotzdem schien es Himmler offenbar angezeigt, vorher schnell ein Bäuerinnenopfer zu präsentieren, um möglichen Nachfragen im Wahlgremium zu entgehen.
Nun gibt es auch in dem dritten Narrativanlauf des Senders einen gravierenden Webfehler: Der Beitrag, um den es geht, lief schon am 13. Februar im ZDF-Mittagsmagazin, nur etwas kürzer. Und schon in dieser Ausstrahlung tauchten die Archivbilder von 2022 im falschen beziehungsweise verfälschten Zusammenhang auf. Für Hayalis Abendnachrichten schnitt noch jemand das KI-Video hinein, um dem Stück, wie es in der Branche heißt, mehr spice zu geben.
Die Korrespondentin Albrecht in New York musste beim Heraussuchen des Archivmaterials den Zeitstempel gesehen haben, zumal 2022 etliche Medien damals von der Festnahme des 10-Jährigen nach der Amokdrohung berichteten. Sie wusste nach späteren Aussagen von Schausten natürlich auch, dass es sich bei dem hinzugefügten Material um eine KI-Fabrikation handelte. Aber die Annahme, sie hätte ganz selbstständig entschieden, den Beitrag aufzupeppen, widerspricht jeder gängigen Medienpraxis. Auch für die Endkontrolle trug sie keine Verantwortung. Sie handelte ganz offensichtlich ebenso wenig isoliert und auf eigene Rechnung, wie Claas Relotius seine Texte eigenständig in den Spiegel hob. Vor allem ergibt Hayalis Anmoderation mit dem Hinweis auf KI-Bilder von ICE-Einsätzen und ihre allgemeine Bemerkung zu Videos „nicht alle sind echt, aber sehr viele“ überhaupt nur dann Sinn, wenn sie sehr wohl mitbekommen hatte, dass es in dem Zusammenhang mit dem Beitrag schon eine Debatte unter Kollegen über KI-generiertes Material gab.
Die offizielle Behauptung des Senders von der Alleinverantwortung der Zulieferjournalistin und der Unschuld Hayalis wirkte schon vor der Betriebsversammlung im ZDF wie ein PR-Manöver der billigsten Sorte. Mit genau dieser Versammlung, an der 1100 ZDF-Mitarbeiter live oder zugeschaltet teilnahmen, setzt die Verratserzählung ein. Denn der Verlauf der internen Debatte zeigt, dass die Reihen innerhalb der Wagenburg längst nicht mehr so geordnet stehen, wie es Intendant und Chefredakteurin nach außen vorspielen. Es herrscht ein ziemlicher Druck im Lerchenbergkessel.
Jemand von den Teilnehmern schnitt die Krisensitzung mit, das Dokument landete bei der Plattform Nius und damit in der Öffentlichkeit. Diesen Verräter will die Führungsebene jetzt aufspüren. Anders als bei der KI-Affäre zeigt sie dabei echten Aufklärungswillen. Warum, das versteht jeder ziemlich schnell, der das geleakte Material sieht und hört. Ein Mitarbeiter erklärt sein „Störgefühl“ schon vor der Ausstrahlung des Beitrags im „heute journal“, und zwar ganz unabhängig von den Bildern: Die ICE habe unter Obama mehr Abschiebungen durchgeführt als unter Trump, der Behördenchef sei unter beiden Präsidenten sogar der gleiche gewesen, all das komme in dem Betrag überhaupt nicht zur Sprache, es sei eine „totale Schwarz-Weiß-Geschichte“. Den Einsatz des KI-Videos bezeichnet der Redakteur als „Relotius-Moment des ZDF“. Die Einseitigkeit des „heute journals“ nannte er notorisch, die Nachrichtensendung sei auch schon auf die Correctiv-Mär über die Wannseekonferenz 2.0 in Potsdam „einfach aufgesprungen“, Hayali habe 2025 eine „rechte Kampagne“ und „Desinformation“ bei der Debatte um die gescheiterte Verfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf ohne jeden Beleg behauptet. Das „heute journal“, so sein Fazit, liefere „Weltbildbestätigungsfernsehen“, und zwar nicht erst seit dem KI-Video-Skandal.
Eine Redakteurin erzählte in der Mitarbeiterversammlung, schon in der Schalte vor dem „heute journal“ sei Kollegen das Wasserzeichen des KI-Programms in dem Video aufgefallen. Das bestätigt Chefredakteurin Schausten indirekt, indem sie meinte, es handle sich gerade um kein Relotius-Moment, denn die Kollegin in New York hätte nicht „die Absicht zu Fälschen“ gehabt, im Gegenteil, sie sei der Meinung gewesen, der Einsatz eines KI-erzeugten Films stelle kein Problem dar.
Das passt, siehe oben, sehr gut zu den Aussagen, dass mehrere Leute im ZDF über die Herkunft des Materials Bescheid wussten. Das heimlich gedrehte und verschickte Video macht also erstens das ganze Ausmaß des Manipulations- und Täuschungswillens in dem Pflichtgebührensender deutlich, zweitens aber auch die Absetzbewegung in der Belegschaft. Und das auch noch zu einer Zeit, in der die Öffentlich-Rechtlichen mit einer Verfassungsklage eine höhere Rundfunkgebühr zu erzwingen versuchen.
Der Sprecher der AGRA, der „Arbeitsgemeinschaft der Redakteursausschüsse“ bei ARD, ZDF, DW und DLF, Hubert Krech, einer der linientreuen ZDF-Kader, sieht das Problem genauso wie der Intendant nicht etwa in der restlos demolierten Glaubwürdigkeit – sondern darin, dass das Video der internen Mitarbeiterversammlung nach draußen gelangte. Also in dem Verrat. Im Deutschlandfunk griff Krech zu einer Kriegs- und Bunkerrhetorik, die einen interessanten Blick in die Mentalität dieses Personenkreises erlaubt:
„Warum der oder die Kollegin das gemacht hat, oder sogar mehrere, ist ein Rätsel. Vielleicht Frust, vielleicht fühlt sich der Mensch übergangen im ZDF, vielleicht hat der ’ne Rechnung offen. Vielleicht ist es aber auch so, dass dieser Mensch sich als Undercover-Agent fühlt und uns schaden will, bewusst schaden will, und etwas an Menschen und an Portale liefert, die – ja, ich möchte es fast sagen, und ich sag’s auch so – im Krieg mit uns sind, die uns den Krieg erklärt haben. Das muss dieser Kollege auch wissen. Der hat mit diesem Leak auch Tausenden von Kolleginnen und Kollegen buchstäblich ins Gesicht gespuckt. Wir sind hier sehr sauer und wütend und auch traurig, dass sowas passiert ist. Es ist ja eigentlich auch ein feiger Akt, sich nicht zu Wort zu melden, oder sich an den Redakteurs-Ausschuss zu wenden, wenn man Probleme hat, oder den Personalrat, sondern hinterhältig etwas abzufilmen und an die Leute zu schicken, die uns nur Böses wollen. Aber, man muss sagen: Es macht ja vielleicht auch stärker, wenn man weiß, dass man die Feinde im Innern hat. Jetzt weiß man es, dass es so ist. Es ist traurig, aber wahr.“
Die Formulierung „ein ganz schäbiger Lump“ fehlt zwar in dem Krech-Monolog. Aber man wäre nicht überrascht, wenn sie dort auch noch auftauchen würde.
Apropos „feiger Akt“: Der langjährige ZDF-Redakteur und Mitarbeiter von „Frontal 21“, Andreas Halbach, sagte im August 2025 unter seinem Namen detailliert, nachprüfbar über politisch motivierte Eingriffe in seine Arbeit aus.
Die Reaktion: Seine Vorgesetzten erklärten Halbach, niemand sei mehr bereit, mit ihm zu arbeiten; der Sender stellte ihn frei. Sein „Frontal“-Kollege Joachim Sperling beschwerte sich über ständige Verstöße gegen journalistische Standards bei verschiedenen Stellen im Haus und schließlich beim Intendanten, ohne eine befriedigende Antwort zu erhalten. Erst dann wandte er sich mit seinem Anliegen an den ZDF-Fernsehrat. Dafür kündigte ihm der Sender mit der bemerkenswerten Begründung, Sperling hätte Interna nach außen getragen. Schon der Fernsehrat gehört für die Intendanz also zu einem „außen“, dem gegenüber die Anstalt dichthalten muss. Dieses angeblich externe Gremium wählt übrigens den Intendanten. Auch Halbach und Sperling betrachtet man in der Mainzer Führungsetage ganz offenkundig als Verräter, die Strafe verdienen.
Das Bemerkenswerte liegt darin, dass der Spiegel diese Bunkerperspektive eins zu eins übernimmt. „Verrat in den eigenen Reihen“ steht bei ihm nicht in Anführungszeichen, sondern als Tatsache in der Überschrift. Im Text heißt es dann über die kritischen ZDF-Mitarbeiter, die sich während der Krisensitzung zu Wort meldeten, sie hätten sich „über die angebliche Selbstgefälligkeit in der Mainzer Anstalt echauffiert“, und über die Formulierung „Relotius-Moment“ und „Weltbestätigungsfernsehen“: „Ein Satz, der in rechten Medien ausgeschlachtet wird.“ Und das, obwohl die Chefredakteurin „an anderer Stelle klarmachte“, dass es sich um gar keinen Relotius-Moment handeln würde. Die unbezahlte Parfümflasche in der Tasche des Kunden ist ein Umstand, der vom Ladendetektiv ausgeschlachtet wird, obwohl der Kunde an anderer Stelle klarmacht, dass sie ihm durch eine Verkettung von Umständen dort hineinflutschte.
Die Figur des Verräters, des Erklärkraftzersetzers taucht in letzter Zeit seriell auf. Gegen eine Lesung der „Emma“-Gründerin Alice Schwarzer aus ihrem Buch „Feminismus pur. 99Worte“ im Schauspielhaus Hamburg machte ein Bündnis von sogenannten Theatermachern mobil, das verlangte, Schwarzer „keine Bühne zu bieten“. Die „Emma“-Herausgeberin gilt Judith Butler und anderen Szenestalinisten als Verräterin, seit sie die Verachtung vieler muslimischer Migranten für westliche Frauen zum Thema macht. Außerdem, und das wiegt noch schwerer, stellt sie sich gegen die Transgender-Doktrin. Bei ihrem Auftritt in Hamburg kam es zu Tumulten.
Die gleiche Szene erklärte 2025 auch die österreichische Biologin und Autorin Gertraud Klemm zur Abtrünnigen. In zwei Gastkommentaren im Standard vertrat Klemm die verwegene Ansicht, es gebe so etwas wie biologische Grundlagen für das Geschlecht. Eine geschlossene Front übte Druck auf den Verlag Leykam aus, der gerade einen Sammelband herausbringen wollte, der ursprünglich auch einen Text Klemms enthielt. Der Verlag warf ihren Betrag umgehend heraus und bat die Szene kniefällig um Entschuldigung.
Der Begriff „Verräter“ tauchte nach der Wahl in Baden-Württemberg auch ganz explizit auf, nämlich in der taz, und gerichtet auf beziehungsweise gegen Cem Özdemir: „Vorbild oder Verräter“ heißt es dort, immerhin mit Fragezeichen. Özdemirs Verrat besteht darin, dass er ab und zu als Grünen-Politiker den Zusammenhang zwischen schrankenloser Migration und gesunkener öffentlicher Sicherheit anspricht, also das, was ohnehin jeder in der Kriminalstatistik nachlesen kann – jedenfalls jeder jenseits der Einheitsfront von taz über die Amadeu Antonio Stiftung und die Grünen bis zum ZDF, die das Gegenteil als unhintergehbare Wahrheit festlegt.
Auch zeigt Özdemir Vorbehalte gegen die Ausbreitung des politischen Islams. Aus diesen Gründen ordnete ihn die Integrationsforscherin Naika Foroutan in der Zeit höchst kritisch ein: „Für eine zukunftsgewandte Migrationspolitik ist er nicht bekannt“. Was Foroutan für zukunftsgewandt hält, erklärte sie schon früher an anderer Stelle: „Dieses Land“ – gemeint ist Deutschland – „gehört an sich keinem“. Wobei sie mit ihrem Konzept der „postmigrantischen Gesellschaft“ durchblicken lässt, dass sich dieses Diktum in Zukunft wieder ändert – dann nämlich, wenn sich muslimische Mehrheiten herausbilden.
Bei den internen Kritikern des ZDF handelt es sich ohne Zweifel um Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sie halten das System für reparabel. Das tut weiß Gott nicht jeder. Alice Schwarzer gehört zu denjenigen, die den traditionellen Feminismus in Deutschland groß machten, die Österreicherin Klemm veröffentlichte ihre Anmerkungen in dem weit linksstehenden Standard, und sie zählt sicherlich zum linken Milieu. Cem Özdemir setzte sich bis jetzt höchstens rhetorisch von der Migrationspolitik seiner Partei ab, aber nie praktisch. All das reicht eben in der Phase des verschärften Kampfs um die Definitionsmacht nicht mehr.
Wie in allen ins Autoritäre driftenden Glaubenssystemen setzen sich diejenigen durch, die nicht nur einfach das Mitmachen fordern, sondern die vollständige und porentiefe Reinheit. Und die fällt erfahrungsgemäß noch totaler und radikaler aus, als es sich viele in dem Milieu überhaupt vorstellen können.
Welches Reinheitsgebot und -Bedürfnis im kollektiven Wächterrat Deutschlands herrscht, macht ein Artikel der Zeit über die multiplen Traumata deutlich, die das von dem Schweizer Milo Rau inszenierte Stück „Prozess gegen Deutschland“ über pro und contra AfD-Verbot bei den Beschäftigten des Hamburger Thalia-Theaters hinterließ. Zur Erinnerung: Dort durften echte Verteidiger der Pariapartei auftreten. Rau gilt seitdem als Verräter des wohlgesinnten Kulturbetriebs.
„Spricht man in diesen Tagen mit Mitarbeitern des Thalia“, heißt es in der Zeit, „fallen Worte wie ‚Verletzung‘, ‚verbrannte Erde‘, ‚Rassisten auf unserer Bühne‘, ‚Eindringlinge‘. Es gab und gibt Krisensitzungen im Haus, Einzelgespräche, Aktionsgruppen, Betroffenenkreise. Von einer Thalia-Mitarbeiterin hört man, Tränen seien geflossen, weil Rechtspopulisten auf denselben Stühlen saßen, dieselben Garderoben benutzten und das Theater, ihr Theater, beschmutzt hätten.“ Da hilft wohl nur noch eine dreiwöchige Räucherzeremonie, angeführt durch den freischaffenden Schamanen Andreas Kemper.
Personen, die nicht darüber hinwegkommen, dass der Feind kurzzeitig auf ihrem Stühlchen saß und sein Deckmäntelchen an ihrer Garderobe abgab, Leute, die es nicht ertragen können, dass der erzböse Feind die Luft in ihrem Habitat verunreinigte – kurz, eine solche Furcht vor Kontamination findet man üblicherweise nur bei Sektenmitgliedern. Ob nun die Verräter-Buster beim ZDF, die Tumultmacher bei Schwarzer oder die psychisch Versehrten vom Thalia, sie ähneln auf erstaunliche Weise den gekaperten Wesen in „The Invasion of the Body Snatchers“ von Don Siegel: Sobald sie einen noch nicht von den Körperfressern gesteuerten Menschen ausfindig machen, zeigen sie auf ihn und stoßen mit weitgeöffnetem Mund ein heulendes Kreischen aus. In dem Film eilen dann Sicherheitskräfte herbei, um die letzten Übriggebliebenen der alten Spezies auch noch wegzufangen.
Der Verräter im Inneren gehört zu den Endzeitfiguren einer Ära. Er taucht untrüglich dann auf, wenn es schlecht läuft. Und tatsächlich: Überzeugungssysteme kollabieren selten durch einen ausschließlich äußeren Druck. Die wirklich kritische Lage beginnt, wenn sogar im eigenen Beritt immer mehr zweifeln und desertieren. Ganz früher gab es fliegende Standgerichte, um die Ordnung wiederherzustellen. Noch nicht so lange zurückliegt der Ausspruch Erich Mielkes vor seinen Offizieren 1981: „Wir sind nicht davor gefeit, dass wir mal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich das schon jetzt wüsste, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzen Prozess. Weil ich ein Humanist bin. Deshalb habe ich solche Auffassungen […]. Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“
Heute leben Verräter angenehmer. Beim ZDF verlieren sie nur ihre Arbeit.
Es bleibt noch eine andere Frage für die Zeit danach, die vielleicht kommt: Wie lassen sich Leute wie die Thalia-Mitarbeiter jemals wieder in eine halbwegs normale Gesellschaft integrieren?
Dieser Beitrag erscheint auch auf Tichys Einblick.
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