Lange hieß es: Eine Islamisierung findet nicht statt. Aus der angeblichen Verschwörungstheorie ist längst ein Prozess geworden. Mittlerweile bekennen sich die ersten Politiker und Medienschaffenden offen dazu


In den Jahren unmittelbar nach 2015 trafen Politiker und ein Großteil der Medien eine Festlegung zu einer Frage, die sich in den Jahren vorher gar nicht stellte.

Das Diktum zu dieser Frage, die auch in der neuen Ära gar nicht erst aufkommen sollte, lautete: „Eine Islamisierung findet nicht statt.“ Das Thema erhielt also in dem Moment Zutrittsverbot zum offiziellen Debattenraum, als es zum ersten Mal vor der Tür erschien. Wer fortan von Islamisierung sprach, erhielt von der damals noch leidlich funktionierenden Diskurskontrolle automatisch die Markierung Verschwörungstheoretiker, auch Verschwörungserzähler und gesellschaftlicher Unruhestifter. Zum Fall für den regierungsamtlichen Verfassungsschutz machte sich außerdem jeder, der behauptete, politische Eliten hätten ein Interesse daran, die Zusammensetzung der Bevölkerung zu verändern – beispielsweise, weil sie auf neue Wählerkohorten hoffen. Der Begriff „Bevölkerungsaustausch“ beförderte denjenigen, der ihn benutzte, ohne jede weitere Begründung nicht nur aus der Debattenarena, sondern stracks in die Isolationszelle.

Das ändert sich allerdings gerade. Nicht unbedingt, was den Ausschluss von der öffentlichen Bühne und den Einschluss in den Kreis der Gesellschaftsfeinde angeht – denn nach wie vor kommt es sehr darauf an, wer mit welcher Absicht spricht. Dazu weiter unten mehr. Aber die Begriffe oder vielmehr die Vorgänge, die sie bezeichnen, unterliegen anders als vor zehn oder fünf Jahren keinem völligen Tabu mehr. Schon damals fragten sich manche – viele davon im Stillen –, warum es zu diesen empörten Abwehrgesten kam, sobald jemand den Begriff „Islamisierung“ in die Runde warf. „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, erklärte der damalige Bundespräsident Christian Wulff am 3. Oktober 2010; die Deutsche Islamkonferenz existiert schon seit 2006. Als sich 2015 die Tore für praktisch alle öffneten, die sich in Deutschland niederlassen wollten, sprach die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt ihren mittlerweile vielzitierten Satz, Deutschland werde „jünger, ja auch religiöser“. Ihre Rede endete mit dem Ruf: „Dieses Land wird sich drastisch ändern. Und ich sage euch eins, ich freue mich drauf.“ Es kamen ja wirklich Millionen Muslime.

Das Land änderte sich tatsächlich drastisch. Wie, so lautete die oben schon angerissene Frage, sollte sich die Bundesrepublik unter diesen Bedingungen eigentlich nicht islamisieren? Und überhaupt: Warum taten sehr viele Politiker und Journalisten so, als würde es sich bei der Islamisierung um etwas Schlechtes handeln? Nach dem, was sie redeten, schrieben und sendeten (Muslime ganz überwiegend integrationswillig, Euroislam schon in Sicht, es gibt keine Probleme, sondern nur Vorurteile), hätten sie ein islamischeres Deutschland begrüßen, mindestens aber als Folge der Migrationspolitik ganz offen anerkennen müssen. Stattdessen einigten sich die Diskurszuständigen auf eine aus Göring-Eckardt- und Merkel-Rhetorik zusammengesetzte Formel: Dieses Land wird sich drastisch ändern, aber es bleibt wundersamerweise alles beim Alten. Wer das infrage stellt, so der fast allumfassende Konsens, schürt Ängste und vergreift sich am gesellschaftlichen Frieden. Die Göring-Eckardt-Merkel-Konstruktion musste früher oder später auseinanderfallen, da ganz offensichtlich nichts ihre beiden Bestandteile zusammenhält.

Ebenso offenkundig gibt es Gründe, warum sich abgesehen von Demonstranten für ein künftiges Kalifat und ein paar Akademikern an der Berliner Humboldt-Universität bisher kaum offene Fürsprecher eines islamischeren beziehungsweise islamischen Deutschlands fanden. Das liegt unter anderem am nichtidealen Image des Islam, der eben nicht Religion unter anderen Religionen sein will, sondern einen Machtanspruch stellt. Und das in früheren Zeiten nicht nur auf politischem Weg wie heute, sondern auch militärisch. Genau hier, bei dem historisch etwas belasteten Image, setzt die Neubewertung an. In der aktuellen Ausstellung „Nürnberg global“ beispielsweise beleuchten die Kuratoren nach eigener Darstellung „die Schattenseiten des ersten Zeitalters der Globalisierung. So waren Nürnberger Handelshäuser beteiligt am transatlantischen Versklavungshandel und der Kolonisierung Amerikas“. Eine der Erklärtafeln der Schau streift auch den osmanischen Eroberungsfeldzug, der 1529 bis vor die Tore Wiens führte, der aber nach Ansicht der Ausstellungsmacher nicht unbedingt zu den welthistorischen Schattenseiten zählt. „Die osmanische Expansion rief in Nürnberg Ängste hervor“, heißt es auf einer Tafel: „Nachrichten und Propagandadrucke über angebliche ‚türckische Grausamkeiten‘ fanden reißenden Absatz.“

Anders als die damalige Inbesitznahme südamerikanischer und afrikanischer Ländereien durch europäische Staaten handelte es sich bei der Begehrlichkeit der Hohen Pforte also nur ganz neutral um eine „Expansion“, und anders als der Versklavungshandel, für den die Organisatoren von „Nürnberg global“ eine Erbscham von den Besuchern einfordern, ereigneten sich die Grausamkeiten des türkischen Heeres nur angeblich, weshalb nicht die Ereignisse selbst, sondern nur die Propagandaerzählungen bei den osmano- respektive islamophoben Nürnbergern irrationale Ängste weckten, vergleichbar mit dem vielzitierten subjektiven Unsicherheitsgefühl vieler Deutscher im öffentlichen Nahverkehr, das Fernsehexperten immer wieder aufs Neue widerlegen müssen.

In seinem Brief an Österreichs Kaiser, faktisch die Kriegserklärung, schrieb Sultan Mehmet IV. zum Beginn des Feldzugs 1683, er werde „die Giauren“ (also die Ungläubigen) den „grausamsten Qualen aussetzen und dann dem schändlichsten Tod übergeben“. Das Vorgehen des osmanischen Heeres bei seinen beiden Vorstößen nach Mitteleuropa schildern Zeitgenossen sehr detailliert, etwa der damalige Kriegssekretär und Reichshofrat Peter Stern von Labach, Autor der Chronik „Belegerung der Stadt Wienn“ von 1529, in der es heißt: „Die leut viel tausent jämmerlich ermordt, erschlagen und weggeführt.“ Die erste Belagerung der Stadt brach der Heerführer angesichts des herannahenden Winters ab, weil sich in den niedergebrannten Ortschaften ringsum keine Verpflegung mehr requirieren ließ, und die wenigen Nachschubtrecks bei weitem nicht ausreichten, um die riesige Streitmacht zu versorgen. Auch bei der zweiten Belagerung 1683 stand zwar die Verteidigung Wiens kurz vor dem Zusammenbruch, das osmanische Heer befand sich aber wegen der gleichen Versorgungslage wie 1529 ebenfalls in einer höchst prekären Lage, als die polnisch-litauisch-deutsche Reiterarmee unter Jan Sobieski am 12. September den Belagerungsring aufsprengte.

Im Dezember 2025 variierte die Zeit das mittlerweile schon öfter wiederholte Narrativ, Religion habe bei dem zweiten Versuch des Islams zur Unterwerfung Europas keine oder nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Eine ähnliche Formulierung hört und liest man über die christlichen Kreuzzüge mit dem Ziel Jerusalem nie. Sie fallen auch niemals in die Rubrik „Expansion“. Übrigens begehrt die Evangelische Kirche Deutschlands mittlerweile sehr nachdrücklich ihren Platz an der sengenden Sonne der Erbschuld, was die eher kurze deutsche Kolonialgeschichte betrifft. Für dieses Projekt kann sie die kolonialpolitische Bedeutung der christlichen Religion gar nicht hoch genug veranschlagen.

Die Propagandaschlacht, um die Zeit-Schlagzeile zu benutzen, ist nicht nur nicht zu Ende. Sie fängt gerade erst richtig an. Eine wichtige Vorarbeit dazu leistete das ZDF schon 2020 mit einer Pseudodokumentation über Prinz Eugen von Savoyen und die Schlacht von Zenta, in der es den Österreichern am 11. September 1697 gelang, den dritten osmanischen Vorstoß nach Westen zu stoppen, das Heer des Sultans zu zerschlagen und damit die Eroberungszüge Richtung Wien endgültig zu stoppen.

Schon in der Einleitung des Films erfahren die Zuschauer, Österreich und das osmanische Reich seien „stets bereit (gewesen), gegeneinander in den Krieg zu ziehen“. Über eine austriakische Belagerung Istanbuls gibt es bisher zwar keine Zeugnisse, aber vielleicht ändert sich das demnächst auch. Die Dokumentation mit Schauspieleinlagen zeichnet Eugen von Savoyen als abstoßenden Finsterling, der schon als Kind einen Käfer mittels einer Lupe im konzentrierten Sonnenlicht verschmort. Als Heerführer erschießt er bei Zenta einen muslimischen Soldaten, der die Hände hebt, um sich zu ergeben. Bei beiden Szenen handelt es sich um freie Erfindungen. Überhaupt Zenta: „Prinz Eugens grausamer Plan geht auf“, raunt der Sprecher aus dem Off. Eugen von Savoyen siegte damals an der Theiß mit einem Überraschungsangriff auf das zahlenmäßig weit überlegene Heer des Sultans, das gerade den Fluss auf einer Pontonbrücke überquerte.

Sein riskantes und erfolgreiches Manöver bestand darin, die Schlacht aus der Bewegung heraus zu eröffnen, für die damalige Zeit eine völlig ungewöhnliche Entscheidung. Und er nutzte sofort den Fehler der Osmanen aus, die es versäumten, eine Sandbank im Fluss zum Schutz ihrer Brücke zu sichern. Eugen besetzte sie selbst, um die türkischen Verteidigungsstellungen und die Pontons von dort aus unter Feuer zu nehmen. Innerhalb weniger Stunden verlor das Heer des Sultans 25000 Mann, die Verluste der Österreicher betrugen nur 401 Soldaten und 28 Offiziere. Statt die Gründe dafür zu erklären, suggeriert die Wendung „grausamer Plan“ ein Massaker unter Wehrlosen. Der Kommentator insinuiert außerdem, Prinz Eugen hätte die erbeutete Kriegskasse des Sultans unterschlagen. Damit servieren die Filmmacher ihren Zuschauern eine lupenreine Geschichtsfälschung: Die Kriegskasse gehörte nachweislich zur reichen Beute, die der Heerführer dem Kaiser in Wien übergab.

Dem Tierquäler, Gefangenenmörder und Langfinger Eugen stehen deutlich freundlicher gezeichnete Figuren auf muslimischer Seite gegenüber – was auch daran liegt, dass die Ehefrau des osmanischen Heerführers Elmas Mehmed Pasha gleichberechtigt an der Strategieberatung teilnehmen darf. Das vorletzte und versöhnlichste Wort spricht die Sultanmutter Gülnusch, wenn sie sanft über den Einband eines Werks von Prinz Eugen streicht und sagt: „Das ist also ein Buch dieses grausamen Mannes.“ Damit bringen die Filmmacher das Adjektiv in Bezug auf Eugen noch ein zweites Mal unter. Für die Osmanen verwenden sie es nirgends, noch nicht einmal in Kombination mit „angeblich“. Es scheiterten damals also im Großen und Ganzen kultivierte Leute an einem Sadisten. Die Moral der zurechtgedengelten Geschicht‘ lautet: Musste man sich der expandierenden Macht denn derart widersetzen? Jedenfalls braucht Eugen von Savoyen dringend eine, wie es heute heißt, Kontextualisierung. Das heißt, natürlich benötigt er sie nicht, sondern die Parahistoriker der Gegenwart.

Zum Türkeikapitel der großen kontrafaktischen Erzählung trug kürzlich auch Bundesaußenminister Johann Wadephul seinen Teil bei, als er in einem Interview mit Hürriyet im Oktober 2025 Folgendes zur Frühzeit der Bundesrepublik erklärte: „Es waren ganz entscheidend auch Frauen und Männer aus der Türkei, die mit harter Arbeit unter teils sehr schwierigen Umständen das sogenannte ‚Wirtschaftswunder‘ möglich gemacht haben – sie haben das moderne Industrieland Deutschland mit aufgebaut.“ Nun weiß jeder, der nachschlagen kann, dass die ersten türkischen Gastarbeiter über das Anwerbeabkommen erst ab 1961 nach Deutschland kamen, also zu einer Zeit, als sich das, was man als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet, längst ereignet hatte. Eben wegen des steilen ökonomischen Wiederaufstiegs fehlte es ja an Arbeitskräften. Zwischen 1952 und 1960 stieg das Bruttosozialprodukt um 80 Prozent, die erste Anwerbung (italienischer) Gastarbeiter begann 1955. Und ein modernes Industrieland war Deutschland spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Chroniken der Türkenkriege füllen ganze Bibliothekswände; über die Abfolge von Wirtschaftswunder und Ankunft der Gastarbeiter aus dem Südosten existiert, wie eben erwähnt, reichlich Material. Trotzdem bleiben die kontrafaktischen Erklärtafeln der Nürnberger Ausstellung unangetastet, trotzdem bleibt das Fantasieprodukt über Prinz Eugen in der Mediathek. Wadephuls regierungsoffizielle Desinformation steht nach wie vor auf der Seite des Auswärtigen Amtes. Anders als die nur angeblichen Grausamkeiten der Expedition nach Wien verkörpert die Gastarbeiter-Wirtschaftswunder-Erzählung eine höhere und faktisch unantastbare Wahrheit.

Beim Thema Islam schiebt sich die strategisch motivierte Erzählung über die Geschichtsschreibung wie eine Eisplatte über die Landschaft. Sie formt das Territorium durch ihr schieres Gewicht dauerhaft um. In der Fachliteratur finden sich auch weiter die korrekten Darstellungen. Nur nimmt ihre öffentliche Wirkung eben rapide ab. Und möglicherweise kommt im nächsten Schritt die Forderung auf, auch die Texte der Historiker ähnlich wie Literaturklassiker umzuschreiben, um die Leser der Gegenwart nicht in ihrer gefühlten Überzeugung zu verletzen. So ähnlich argumentierte schon die frühere französische Justizministerin Christiane Taubira: Sie setzte sich dafür ein, die Geschichte der Sklaverei in den Schullehrplänen zu verankern – allerdings nur den Teil mit europäisch-weißen Tätern. Die ältere und umfangreichere islamische Sklaverei leugnete sie zwar nicht ausdrücklich, fand sie aber als Lehrstoff ungeeignet. „Junge Araber“ (gemeint: junge Franzosen mit arabischen Wurzeln), so Taubira, „sollten auf ihren Schultern nicht die Last von arabischen Missetaten tragen müssen.“
In Frankreich und anderen westlichen Ländern gelang das Kunststück tatsächlich, die Lehre von der weißen Schuld unter dem akademischen Begriff Postkolonialismus an Universitäten, in Schulen und in Medien fest zu installieren, und gleichzeitig die gesamte islamische Sklavereigeschichte hinter einem Paravent verschwinden zu lassen.

Einen gleich in doppelter Hinsicht beachtlichen Beitrag zur strategisch eingesetzten Pseudohistorie liefert der Autor und Journalist der Süddeutschen Zeitung Ronen Steinke mit seinem Buch „Der Muslim und die Jüdin“. Es erzählt die authentische Geschichte des aus Ägypten stammenden Mohamed Helmy, der während der NS-Zeit in Berlin das Leben der in den Untergrund geflüchteten Jüdin Anna Boros rettete. Die korrekte Darstellung dieses sehr raren Falls (während des Nationalsozialismus gab es überhaupt nur wenige Fälle von Juden, die in Deutschland blieben und sich trotzdem ihren Verfolgern entziehen konnten) will Steinke als Lehrstück mit Nutzanwendung vor allem für muslimische Jugendliche hier und heute verstanden wissen.

In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk meinte er: „Muslimische Jugendliche leiden in Deutschland oft darunter, dass sie im Geschichtsunterricht über den Holocaust seltsam unberührt am Rand stehen. Die eigene Familiengeschichte hat da keine Berührungspunkte.“ Erstens begegnen wir auch hier wieder den leidenden muslimischen Jugendlichen, wobei sie nach Steinkes Logik unter ihrem eigenen Verhalten leiden. Das Bemerkenswerte an diesem Kommentar liegt darin, dass es sich bei den meisten dieser „muslimischen Jugendlichen“ um in Deutschland geborene Personen handelt, oft auch ausgestattet mit der deutschen Staatsbürgerschaft. Nach der Doktrin des Verfassungsschutzes überschreitet jeder die rote Linie zur Verfassungsfeindschaft, der zwischen autochthonen Deutschen und eingebürgerten Migranten kategorial unterscheidet. Wenn es um die NS-Geschichte geht, nimmt der Redakteur der Süddeutschen aber genau diese Unterscheidung vor, indem er Geschichtsunterricht absurderweise für angewandte Ahnenkunde hält. Auch die meisten Jugendlichen mit deutschem Stammbaum verfügen über keine familiären „Berührungspunkte“ mit der Shoa. Er sieht in ihnen trotzdem ein anderes Kollektiv als Kinder aus muslimischen Familien, die seiner Meinung nach nichts mit der deutschen Geschichte verbindet, beziehungsweise die sich nach Steinkes Diktion davon ausgeschlossen fühlen.

Viele Lehrer an Großstadtschulen berichten allerdings nichts vom Leiden des jungen Muslim – sondern von muslimischen Schülern, die schon 2020 die Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty verteidigten, und die nach dem 7. Oktober 2023 das Massaker der Hamas an Zivilisten in Israel ausdrücklich begrüßten. Eine Sonderform des Umgangs vor allem junger Muslime mit dem Holocaust zeigt sich darin, dass sie sich (und die Bewohner des Gazastreifens) mit den Juden im Dritten Reich auf eine Stufe stellen. Steinkes wahrscheinlich gutgemeinter Versuch, mit dem Angebot einer Identifikationsfigur den Alltagsantisemitismus an Schulen zu bekämpfen, trägt auch in seiner historischen Substanz nicht weit. Es gab den gut dokumentierten Fall von Mohamed Helmy, aber eben auch ganz andere Lebensläufe muslimischer Migranten in Deutschland.

Etwa den von Jussuf Ibrahim, geboren 1877 in Kairo, gestorben 1953 in Jena, der sich als Mediziner im Dritten Reich an der Tötung behinderter Kinder beteiligte. Der Großmufti von Jerusalem Amin al-Husseini bekannte sich schon 1933 zum Nationalsozialismus; ab 1941 bis zum Kriegsende lebte er in Deutschland, wo er dabei half, Muslime für die SS-„Handschar“-Division zu rekrutieren. Die Bewusstseinsbildung über die Identifikation mit muslimischen Figuren kann also auch in eine ganz andere Richtung gehen.

Sein Buch sieht Steinke übrigens auch als Angebot an Juden in Deutschland: „Genauso, wenn junge Juden heute den Eindruck haben, es gibt in Deutschland Viertel mit besonders vielen muslimischen Einwohnern, die so etwas wie No-Go-Areas sind für Menschen, die sich als Juden zu erkennen geben“, so der Autor in einem Deutschlandfunk-Interview, „dann ist diese Geschichte zwar kein Trost, aber immerhin zeigt sie, was möglich war und dass es noch gar nicht so lange her ist, dass das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen ein ganz anderes war.“ Interessant ist die Wortwahl: Juden haben also nur „den Eindruck“, sie könnten sich in bestimmten Vierteln Berlins nicht mehr gefahrlos bewegen.

Bei ihren Reden zum 27. Januar 2026 entdeckten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt plötzlich die Übergriffe auf Juden in Berlin und anderswo in Deutschland, als wären sie eben erst auf dieses Phänomen gestoßen. Aber sie vermieden strikt jeden Hinweis darauf, welche Art von Tätern hier im Wortsinn zuschlägt. Die systematische Aussparung von Realität verschiebt die öffentliche Wahrnehmung Stück für Stück, aber auch die sorgfältige Auswahl von Begriffen in fast allen Beiträgen wohlgesinnter Medien, die den Islam als Religion, islamische Länder und Muslime betreffen. Die Tagesschau etwa ordnet Argentiniens Präsident Milei oder den neuen tschechischen Präsidenten Andrej Babiš in ihren jeweiligen Meldungen zur Wahl in den Ländern als „Rechtspopulisten“ ein. Zu Syrien lautet die Meldung: „Konservative Kräfte gewinnen“.

Die Frankfurter Rundschau nennt das Vorgehen der ICE-Beamten in den USA „Staatsterror“. Für die Ermordung von etwa 30 000 Oppositionellen durch das theokratische Regime im Iran findet das gleiche Blatt die Formulierung: Das Mullah-Regime „greift durch“.

Einen Boykott der Fußball-WM in Katar – einem Staat, der im Ruf steht, weltweit Islamismus zu fördern – fand ein Spiegel-Journalist 2022 ganz und gar unpassend. Dass die deutsche Mannschaft dem Turnier in den USA fernbleiben sollte, um ein Zeichen zu setzen, hält er dagegen für moralisch nahezu zwingend.

Im ZDF erklärt eine Journalistin, die schon die Frauenemanzipation im Ostblock als vorbildlich (wenn auch nicht ganz konsequent) einschätzte, wie gut es mittlerweile um die Frauenrechte in Saudi-Arabien steht.

Die SPD lehnt das Verbot der Vollverschleierung im öffentlichen Raum mit der Formulierung ab, Frauen sollten „selbstbewusst und frei“ leben.

Das „Domradio“ informiert seine Hörer darüber, dass es bei den blutigen Übergriffen der Miliz „Boko Haram“ und anderen islamischen Kampfverbänden auf Christen gar nicht um Religion geht: „Auf den Konflikt in Nigeria gibt es keine einfachen Antworten“. Um dann doch eine ziemlich einfache Antwort zu geben: „Die Ursachen der Gewalt liegen vor allem in den Folgen des Klimawandels.“

Die Tagesschau macht einen Syrer mit schwedischer Staatsbürgerschaft, der in Deutschland einen Anschlag plante, zu einem „jungen Terrorverdächtigen aus Schweden“ – und lässt folgerichtig sein gar nicht skandinavisch anmutendes Porträt weg.

Das ZDF bemühte sich im vergangenen Jahr mit düsterem Raunen und wertlosem Datenschrott um den Nachweis, dass hinter den islamischen Anschlägen von Solingen und München nicht etwa – wie in Wirklichkeit gerichtsnotorisch bekannt – Islamisten steckten, sondern der russische Geheimdienst. Denn sobald es um Muslime in irgendeinem negativen Sinn geht, drohen immer „Instrumentalisierung“ und „Hetze“. Weichzeichnung gerät da zur ersten Pflicht, in Deutschland wie international.

Dass die Vereinten Nationen auch nach dem Massaker des Regimes in Teheran der Regierung herzlich zum Revolutionsfeiertag gratulierten, kann die Wertschätzung der meisten deutschen Politiker und Medienhäuser für die UN ebensowenig erschüttern wie die Tatsache, dass der Iran kürzlich den Vize-Vorsitz im UN-„Ausschuss für soziale und globale Entwicklung“ erhielt. Anders als bei fast jeder Nachricht zu Trump/USA und Israel springt die Empörungsmaschine der deutschen Hauptmedien hier gar nicht erst an. Die meisten deutschen Mediennutzer bekamen auch nichts davon mit, dass das britische Unterhaus kürzlich eine Untersuchung zu den „Grooming Gangs“ pakistanischstämmiger Briten ablehnte, also zu dem Komplex hunderttausender Fälle, in denen weiße teilweise minderjährige Mädchen aus der britischen Unterschicht von muslimischen Männern missbraucht wurden. Die Begründung lautete, eine Aufklärung vor allem der Hintergründe – des systematischen Wegsehens der Behörden – könnte „Islamophobie“ schüren.

In Berlin nominierte die Linkspartei den Politiker Ahmed Abed für das Amt des Bezirksbürgermeisters von Neukölln, der sich keine große Mühe gibt, seine antisemitische Haltung zu verbergen. Im Landesverband geben schon seit längerem Hamas-freundliche Vertreter den Ton an. Das bringt Grüne und SPD nicht etwa dazu, eine Koalition mit der Ex-SED nach der Landtagswahl am 20. September 2026 auszuschließen. In dieser Richtung existiert bekanntlich keine Brandmauer. Der Linksblock wirft mit seiner Islamogauchisme-Strategie nicht nur die Juden unter den Bus, sondern auch moderate Muslime, Jesiden und christliche Araber, die nach Westeuropa in der Hoffnung kamen, hier frei leben zu können.

Von Geschichtsumschreibung über das Kleinreden muslimischer Juden- und Christenfeindlichkeit bis zum Tarnüberzug für Rassismus, sobald er sich von muslimischer Seite gegen Weiße richtet, dazwischen eingestreut dutzende sprachliche Abtönpartikel – auf diese Weise errichten diejenigen im Westen, die über Definitionsmacht verfügen, gerade eine sprachliche und tatsächliche Sonderzone rund um den Islam, wie sie weder für das Christentum noch eine andere Religion existiert. Es entsteht also genau das, was den Boden für ein islamischeres Deutschland vorbereitet.

Der Propagandabegriff „antimuslimischer Rassismus“ gehört mittlerweile zur regierungsoffiziellen Rhetorik. In Nordrhein-Westfalen arbeitet die erste staatlich finanzierte „Meldestelle antimuslimischer Rassismus“. Irgendwelche offiziellen Meldestellen für Christenfeindlichkeit gibt es selbstredend nicht. Unter diesen Umständen dürfte es nicht mehr lange dauern, bis die ersten politisch-medialen Vertreter das Vordringen des Islams in Deutschland als positive Entwicklung begrüßen, und jeden, der das anders sieht, unter Rechtfertigungsdruck setzen. Beides liegt in der Logik der einmal in Gang gesetzten drastischen Veränderung.

Was das Stichwort „Bevölkerungsaustausch“ betrifft: In Spanien und Frankreich fand der Umschlag vom Bestreiten zum Bejahen zumindest im linken Lager schon statt. Die EU-Abgeordnete der neokommunistischen Partei Podemos, Irene Montero, bekannte sich kürzlich auf einer Kundgebung dazu, „Faschisten“ und „Rassisten“ aka rechte Spanier durch Migranten ersetzen zu wollen.

Podemos regiert zusammen mit den Sozialisten in einer Minderheitskoalition, die gerade per Dekret entschied, 500 000 illegale Migranten zu legalisieren. In Frankreich bezeichnet der Vorsitzende von „La France insoumise“ Jean-Luc Mélenchon den „großen Austausch“ (grand remplacement) als „positives Projekt“. Diese ausdrückliche Sprachwende felt in Deutschland noch, jedenfalls, was den expliziten Begriff angeht. Aber die Integrationsforscherin Naika Foroutan von der Humboldt-Universität Berlin schlug 2023 schon einen Pflock ein, als sie zu Deutschland feststellte: „Dieses Land gehört an sich niemandem“.

Foroutan verficht das Modell eines „postmigrantischen“ Landes, in dem autochthone Deutsche nur noch als eine Gruppe unter anderen ethnischen Kollektiven leben. Wie er sich die Zukunft des eigentlichen Niemandslandes vorstellt, erklärte der in Deutschland lebende Schriftsteller Behzad Karim Khani zwei Jahre später in einem Interview mit dem Freitag: „Das wird ein ganz anderes Land sein […] Jetzt stirbt das weiße Deutschland aus und wir übernehmen den Laden.“

Irgendwelche Proteste dagegen in Politik und öffentlich-rechtlichen Medien regten sich dagegen nicht, auch der Verfassungsschutz nahm sich der Sache nicht an, obwohl Khani ja eindeutig zwischen Herkunftsdeutschen und den anderen unterscheidet. Es kommt eben nicht nur darauf an, wer gerade spricht, sondern auch, welche Perspektive jemand aufzeigt.

Als Michel Houellebecq 2015 seinen Roman „Soumission“ – „Unterwerfung“ – veröffentlichte, beeilten sich Kritiker sofort, sein Szenario eine Schwarzmalerei zu nennen, eine Provokation oder ein Destillat von Ängsten, jedenfalls als unrealistische Dystopie.
Bekanntlich besteht die Handlung darin, dass eine islamistische Partei die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewinnt, weil die Linke sich auf ihre Seite schlägt, zum einen aus unüberbrückbarer Abneigung gegen die Rechte, zum anderen aus Furcht, anderenfalls als rassistisch zu gelten. Bei dem, was Houellebecq vor reichlich zehn Jahren schrieb, handelt es sich um ein Verhängnis in der Tradition griechischer Tragödien: Es nimmt seinen Lauf in aller Offenheit.

In Großbritannien, Frankreich und mittlerweile auch Deutschland vollzieht sich eine Art Selbstopferfest des Westens.

 

 

 

 


Dieser Beitrag erscheint auch auf Tichys Einblick.


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1 Kommentar
  • Schilling Dieter
    18.02.2026

    Die Politiker und ein Großteil der Medien haben 2015 bei der Feststellung:“Eine Islamisierung findet nicht statt“ lediglich das Wörtchen „noch“ vergessen.

  • Andreas Rochow
    18.02.2026

    Wir wissen nicht, weshalb sich die unheilige Allianz aus westlichen Salon-Marxisten, der Mauerschützen-SED, den Alt-68ern, den Grünen, der Sozialdemokraten und Muslimen diesseits der Brandmauer zur schmerzhaften Deutschlandabschaffung entschlossen hat. Wir wissen nicht, welche Kräfte es sind, die ihre Deutungshoheit und ihre exekutive Macht dazu nutzen, mit antideutschem Rassismus und linken Lügen ein dystopisches Menschenexperiment durchzuziehen. Corona war nur ein Modell! Der ARDZDFDLF-Staatsfunk hat klar die Rolle, die gute linke Hirnwäsche und die Verbreitung von Angst und Einschüchterung 24/7 voranzutreiben und den demokratischen Rechtsstaat ad absurdum zu führen. Das ist mitnichten eine Verschwörungstheorie: Die Zerstörung der politischen Opposition und des Grundgesetzes von oben hat nicht gerade erst begonnen, sie kommt im Wahljahr 2026 panisch in Fahrt! Die Skandale mehren sich. Der demokratische Rechtsstaat hat längst aufgehört zu existieren, wenn sein Verfassungsschutz und seine NGOs politisch gegen Rächtz und die nichtlinke Oppositionspartei mitmischen und ein renommierter liberal-konservativer Kolumnist jene Ruckrede halten muss, die das deutsche Volk seit langem von seinem Bundespräsidenten oder seinem Kanzler erwartet! (Dass die Staatsmedien diese Rede verschweigen, spricht Bände: Der Wahrheit keine Chance!)

  • Rainer Möller
    18.02.2026

    Danke- wie immer: eine wunderbare Zusammenstellung von Informationen, die man vage im Kopf hatte, aber nicht mehr hätte präzise belegen können. Ich speicher’s mir ab, damit ich es in Zukunft griffbereit habe.