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Wochenrückblick spezial aus Prag: Um einen Golem von außen bittend

Vor einigen Tagen fuhr ich nach Prag, um dort mit Matthias Matussek und dem CSU-Politiker Martin Kastler am Cevro-Institut über die Zukunft des Konservatismus zu diskutieren. Bei dem Cevro-Institut handelt es sich um eine private Hochschule mit einer recht internationalen Studentenschaft. Zukunft des Konservatismus, das Thema interessierte mich. Es berührt meine Ansichten als Libertärer, ohne sich mit ihnen ganz zu decken.

Leute mit mathematischem Interesse wissen, was es mit Näherungswerten und Teilmengen auf sich hat. Außerdem hatte mir die freundliche Einladung eine Gratisgelegenheit geboten, Prag zum ersten Mal seit meinem letzten Besuch 1985 wiederzusehen und vergleichende Laienwissenschaft zu betreiben.

Das Auditorium war trotz der Vorweihnachtszeit gut gefüllt.

Es fehlte, angesichts des Themas, die aus Deutschland vertraute Protestabordnung, die das Ereignis zu verhindern suchte. Als ich vor ein paar Wochen bei der Konferenz „Freiheit unternehmen“ der Students for Liberty an der Universität Jena zu einer Podiumsdiskussion über Politische Korrektheit eingeladen war, kam ich gerade an, als der übliche Antifa- und Junge-Irgendwas-Trupp wieder abmarschiert war. Deren Anliegen hatte nicht darin bestanden, mitzudiskutieren, wozu sie zwar nicht auf dem Podium, aber im Saal natürlich herzlich eingeladen gewesen wären, sondern die ihrer Meinung nach faschistische und rassistische Konferenz zu verhindern. Wozu ihr dann allerdings doch die Truppenstärke fehlte, besonders plietsch waren sie außerdem auch nicht, ihr Manifest las sich noch dümmer als Verlautbarungen der Antifa Nord oder Kommentare von Hengameh Stokowski.

In Berlin hätte es vermutlich anders ausgesehen, was Verhinderung angeht. Die entsprechende Bewegung stammt von dem Schlachtfeld der US-Universitäten und nennt sich de-platforming: Es geht nicht darum, gegen andere anzuargumentieren, sondern sie daran zu hindern, ihre Argumente vorzubringen. Wie gesagt, in Prag gibt es das Phänomen der schwarzen Deplatformgarden nicht.

Es fallen auch ein paar andere Unterschiede ins Auge. Unsere famose und patente Diskussionsmoderatorin und Fremdenführerin Alexandra Mostyn zeigte uns den Weihnachtsmarkt auf dem Altstadtplatz.

Kein einziger Polizist mit Schutzweste und sicherheitsgefühlfördernder Kugelspritze dort. Das verstärkt den Kontrast zum so genannten Weihnachtsmarkt auf dem Potsdamer Platz in Berlin noch ein bisschen, aber eigentlich nur unwesentlich, denn lauschiger als in dieser betonplattenumstellten Depressionsförderungsanlage ist es praktisch in allen Städten der Welt.

Am Tag nach der Diskussion im Cevros-Institut spazierte ich zur Altneu-Synagoge in der Maiselova, die ich bis dahin nur von Erwähnungen in den Tagebüchern Franz Kafkas kannte, dessen Geburtshaus ganz in der Nähe steht. Auf dem verschlossenen Dachboden der um 1270 errichteten Altneuschul liegen gerüchteweise die Reste des von Rabbi Löw geschaffenen Golem. Eine andere Legende sagt, dass Tauben – allerdings Tauben himmlischer Abstammung – das Haus bisher vor jedem Feuer schützten. Jedenfalls handelt es sich um die älteste Synagoge Europas, eines der ältesten Gebäude Prags, kaum verändert durch die Jahrhunderte.

Der Besucher muss den Knauf einer kleinen Eisentür drehen, dann steigt er herab, denn der Boden liegt unter dem Straßenniveau. Es fehlen auch hier Polizisten und Eingangskontrollen, wie es sie in Deutschland und Frankreich vor jeder wichtigen jüdischen Einrichtung gibt. Nebenan vor dem alten Judenrathaus mit der rückwärtslaufenden Uhr, in dem heute die jüdische Gemeinde der Stadt sitzt, steht ein Zivilist, der Touristen nützliche Hinweise gibt. Beispielsweise, wo die nächste Toilette ist (im jüdischen Informationszentrum gegenüber).

Nirgends Wachposten, auch vor dem jüdischen Museum in der Maiselsynagoge nicht. Das liegt vermutlich nicht nur an den Taubenflügeln und Golemresten, sondern daran, dass es im Land keine gewalttätigen Muslime gibt. Gewiss, die Gewalttätigen machen immer nur einen Bruchteil der Muslime aus. Aber wo schon die islamische Gemeinde sehr überschaubar ist, kommt dieser Bruchteil offenbar gar nicht erst zusammen.

Wie Alexandra Mostyn versichert, kann sich eine Frau in Prag problemlos auch nachts um zwei durch die Altstadt bewegen und selbst über den hinteren Teil des Wenzelsplatzes, wo spätabends alles Mögliche feilgeboten wird („unser Görlitzer Park“, so AM). Natürlich nicht so grün wie das Berliner Pendant.

In Prag ist also vieles von dem deplatformt beziehungsweise gar nicht erst auf die Plattform geraten, was Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop in der vergangenen Woche unter „Vielfalt, Tempo und Lebenslust“ eindrucksvoll zusammenfasste. Nämlich in einem Tweet an ihre grüne Parteihassgestalt Boris Palmer, der aus dem von ihm regierten Tübingen für ganz kurze Zeit in den „Reichshauptslum“ (Don Alphonso) gereist war. Er fasste seinen Provinzlereindruck mit dem Satz zusammen, an Berlins Stadtrand gehörten Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands“.

Die Berliner Erregungsmaschine funktionierte allerdings Ruckzug. Pop tweetete also an Palmer:

„Wenn du Metropole, Vielfalt, Tempo und Lebenslust nicht erträgst, kannst du anderswo die Kehrwoche zelebrieren und dich als Hilfssheriff blamieren.“

Und Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Allerhand und Sprecherin aller Berliner, informierte Palmer auf Twitter: „Wir Berliner brauchen Sie hier nicht.“ Im übrigen, stellte Chebli fest, würde Palmer an einer „gefährlichen Sucht nach Aufmerksamkeit“ leiden. Rätselhaft bleibt, was Pop mit Tempo meinte. Selbst der Abriss des BER geht ja ausgesprochen schleppend voran; kürzlich wurde – vermutlich durch einen übereifrigen Mitarbeiter – entdeckt, dass die Kabelschächte des Flughafens unter Wasser stehen. Es muss also alles raus, sofern sich Kabel drin befinden.

Was echtes Berliner Tempo beziehungsweise „soso, die Lebenslust“ (der Musterungsarzt in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull”) angeht: Das spielt sich vor allem im entschieden nichtstaatlichen Bereich beziehungsweise auf den hinteren Zeitungsseiten ab. In der vergangenen Woche schoss ein Deutschalbaner einem Nebenbuhler auf der Straße in den Kopf. Vor einigen Wochen erwischte eine Kugel irgendwie unbeabsichtigt eine Frau bei einem Streit in einem Café, davor belegte irgendjemand wegen Mißhelligkeiten einen Laden mit der Schrotflinte. Im September erschoss jemand den Clanchef Nidal R. auf dem Tempelhofer Feld, wo er flanierte. In kaum einer anderen Stadt wird so temporeich geballert, denn überreich existieren in dieser Stadt nicht nur nach teuflischem Ratschluss über die Straßen gewürfelte Baustellen, Tauben ungöttlicher Abkunft, Wachschutz auf allen Weihnachtsmärkten und vor allen jüdischen Einrichtungen (gut, das gibt es flächendeckend in Deutschland), mobile Apotheker und öffentliche Toiletten in ihrer Doppelfunktion als U-Bahnhöfe, sondern eben auch Schießwaren aller Art.

Übrigens auch so viel Arbeit für Schimmelbekämpfer wie nirgends sonst. Im ersten Halbjahr 2018 gab Berlin 6 814 897 Euro für die Schimmelbeseitigung im Gesundheitsamt Mitte und die Anmietung von Ersatzquartieren aus, dazu kommen noch ein paar schimmelnde Schulen, die selbst für Hauptslumverhältnisse als versifft gelten.

Sicherlich, in Berlin findet man – so viel Gerechtigkeit muss sein, außerdem lebe ich unterbrochen von Münchenaufenthalten dort – auch sehr schöne Ecken, nämlich die, in die der Senat mit seinem Jauchespritzmopp nicht hinkommt.

Vielleicht hilft ja etwas Lehm von der Prager Judenschul, jedenfalls bräuchte Berlin einen mit KI aufgerüsteten Golem, der die Berliner vor dieser Stadtregierung beschützt. Von mir aus kann er auch das Gesicht von Boris Palmer haben.

 

 


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17 Kommentare
  • Wanninger
    10. Dezember, 2018

    Obwohl nicht jüdisch, sehne ich mich nach Verhältnissen wie in Prag zurück. Man sollte dorthin auswandern. Zum Thema Antisemitismus gibt die “Welt” heute bekannt: “Zu den häufigsten Tätergruppen zählten im Durchschnitt der EU-Länder Menschen mit extrem muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus der linksextremistischen Szene (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Bekannten (15 Prozent) und Menschen mit rechtsextremen Ansichten (13 Prozent)”. Eine weitere bemerkenswerte Statistik: In den westeuropäischen Ländern hat der Antisemitismus generell signifikant zugenommen, in Ungarn dagegen abgenommen. Trotz Orban oder vielleicht gerade wegen?

    https://www.welt.de/politik/ausland/article185305882/Antisemitismus-in-Europa-Kein-Land-von-dem-man-sagen-koennte-Hier-ist-es-nicht-so-schlimm.html

  • Peter Schings
    10. Dezember, 2018

    Bravo !!

  • Edith
    10. Dezember, 2018

    Alexander Wendt, Klasse – selten so gelacht!

  • B.Rilling
    11. Dezember, 2018

    Prag war schon immer eine wunderschöne Stadt, selbst zu sozialistischen Zeiten, als Hauptstadt der CSSR. Und die Tschechen (und auch Slowaken) sind so wunderbare, sympathische und gastfreundliche Menschen. Das haben wir während unserer zahlreichen Urlaube immer wieder erleben dürfen. Und anscheinend haben sie die bessere Regierung. Geprägt durch die lange Zeit in der sozialistischen Unkultur sind sie nicht so geplagt von den bräsigen, wohlstandsverwöhnten Möchtegernlinken, welche Deutschland zunehmend schneller, immer weiter an den Rand des Abgrundes stoßen. Sie treiben die “Herrschenden” gnadenlos vor sich her und sind sich mittlerweile ihrer Sache so sicher, dass sie ihre Meinungsdiktatur immer unverschämter durchsetzen. Ich erkenne seit Jahren wieder ein beredtes Schweigen, welches ganze Bevölkerungsteile erfasst und sich immer weiter ausdehnt. Denn niemand kann mehr verleugnen, dass diese linke “Zensur” nicht wenigstens freudig geduldet wird von unseren “Regierenden” Bisher hatte ich noch einen Funken Hoffnung in die CDU gesetzt, dass sie sich nach dem hoffentlich schnellen Abgang von Frau M. wieder ein wenig in die gesellschaftliche Mitte bewegt, weg von Grünen und Linken. Doch seit der Wahl von Merkel 2.0 sehe ich sehr schwarz. Diese Dame regiert zukünftig nicht nur von Merkels Gnaden und in Ihrem Auftrag. Sie ist nach meiner Einschätzung noch weiter links zu verorten, so dass ein Regierungsbündnis mit der Linken immer wahrscheinlicher wird, möglichst noch zusammen mit den Grünen. Was das für unser Land bedeutet, möchte ich mir nicht vorstellen. Dieses alles vor dem Hintergrund des Chaoses bei unseren EU-Nachbarn (Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich und Brexit)….. Mir grausts!

  • Heino Rantzau
    11. Dezember, 2018

    Herrlich

  • Wolf Manuel Schröter
    11. Dezember, 2018

    Seit meiner Jugend (mein erster Besuch Prags und Budapests war im Jahre 1966) ist mir Praha (wo ich auch dienstlich war und gearbeitet hatte) ans Herz gewachsen. Da übersehe ich auch alle Gräuel, die tschechische Extremisten an Deutschen nach dem Krieg verübt haben: Der Aufstand in Prag fand übrigens erst nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands statt, eher hat man sich nicht getraut. Wie gesagt, das vergesse ich jetzt mal, weil mir die Entwicklungen nach dem Kriege, so, wie ich sie als junger Mensch miterleben konnte, die Böhmen und Slowaken sympathisch machten: Ihre gemütliche geistige Unabhängigkeit, die die zumindest äußerlich nicht sehr erkennbare Repression der Kommunisten-Herrschaft kompensierte, die dann in temperamentvoller Weise 1968 vor allem durch die Jugend und die Nachkriegsgeneration auch die Repression abschütteln wollte. Wie das ausging: Bekannt. Dennoch konnte man es sich danach nicht wirklich erlauben, die Tschechoslowaken gänzlich zu verprellen. Als an der Flanke des “Warschauer Vertrags” gelegen, musste man ein Mindestmaß von “Freiheit” vorspiegeln; das äußerte sich auch darin, dass, im Gegensatz zum DDR-Bürger, der Tschechoslowake gelegentlich ins kapitalistische Ausland urlaubshalber reisen durfte, jedenfalls ein größerer Personenkreis als in der DDR. Auch in Diskussionen, wie ich bei “Motorled” (Flugzeugmotoren-Betrieb, Prag) mitbekam,ging man unverkrampfter miteinander um. Was nicht heißt, dass es nicht trotzdem mit diversen kommunistischen Repressalien gegen Mißliebige ging (Zatopek, Goldstücker u.a.). Der Witz war nur der, dass die traditionellen Beziehungen zum “Westen” (U.K., Österreich, BRD) den Maßgeregelten immer eine Rückendeckung boten. Und das führte dann ja auch 1989 wie in der DDR zum Zusammenbruch der sowjethörigen Regierung und deren Partei… Da das aus historischen Gründen immer unterschwellig vorhanden war: In der Tschechoslowakei (und dann in den zwei Staaten) wurde eine auf die nationale Integrität ausgerichtete Politik gemacht. In dieser Hinsicht sind uns die Böhmen, müssen sie uns ein Vorbild sein. Während Deutschland und mit ihm Berlin immer mehr in ein “grünlinkes Paradies” herabsinkt, bleibt Prag (und mit ihm schon auch die Czech Republic) eine (was es eben immer irgendwie war) weltoffenes, aber konsequent auf das Eigene in Kultur und Gesellschaft ausgerichtete Hauptstadt, in der man sich viel freier bewegen kann (auch geistig) als hier. Wie auch im Artikel beschrieben: De-platforming, political correctness, armes Deutschland, in dem nun die Frau Dr. Merkel nach der Wahl ihrer saarländischen Inkarnation zur Parteivorsitzenden der CDU triumphiert. Alles richtig? gemacht?
    Die “osteuropäischen” Staaten (zu denen neuerdings offensichtlich gar auch Österreich gehört!!) machen es uns vor, aber Frau Dr. Merkel unterschreibt ungerührt diesen unsäglichen “Migration Compact”. Ist ja “rechtlich nicht bindend”. Mit Konservativismus hat das nichts zu tun; es erscheint mir als Aufgabe jedweder nationalen Interessen. Eigene deutsche Politik (im Gegensatz zur nationalen böhmischen Politik) ist das nicht. Ich frage mich manchmal wirklich, woher die Anweisungen dazu kommen… Eine einzelne Person kann doch nicht qua Amt solchen Unsinn verzapfen? Oder?

  • Dreggsagg
    11. Dezember, 2018

    Klasse!
    Hab mich schimmelig gelacht über die Satire der Hauptstadt der Lebenslust, des Tempos und der anstehenden Totalversiffung durch rotdunkelrotgrün mit solchen “Leithammeln” wie Frau Ramona Pop, Sawzahn Chebli, Müller und Co.
    Nix kriegen die dort auf die Reihe und es kann ja nicht nur an der hohen Anzahl Moslems liegen, die manche fälschlicherweise als Hauptgrund der Misere betrachten, nein, es ist die Müller-Regierung, die nix gebacken kriegt und außer Negativschlagzeilen nix zustande bringt.
    Berlin scheint unter dieser Regierung nicht weit weg zu sein von einer Shithole-City!

  • Peter Müller
    11. Dezember, 2018

    Der Mehltau politischer Korrektheit – oder was sich bestimmend und wichtigtuerisch dafür ausgibt – ist heute überall.
    Jüngstes Beispiel: die aktuelle Studie über Antisemitismus. Im “Ranking” lag eine bestimmte Gruppe von Antisemiten vor anderen.
    Was machen jüdische Funktionäre daraus? “Kampf gegen Rechtspopulismus verstärken”…
    Prag ist sicherlich eine schöne Stadt, ähnelt jedoch in der Altstadt mittlerweile Disneyland – viel Kulisse, wenig
    einheimisches Leben.
    Was nun bundesdeutsche Großstädte und das Lebensgefühl dort angeht, hat vermutlich ein gewisses Unbehagen schon länger Einzug gehalten. Die Lebensqualität sinkt, aus verschiedenen Gründen.
    Steigenden Lebenshaltungskosten steht eine Verdichtung um jeden Preis gegenüber.
    Wo einst elegante Großstädter flanierten, werden Plätze heute von teils bedrohlich wirkenden Gestalten bevölkert mit einem archaischen “Wertekodex”.
    Großstädtisches Leben wird gleichgesetzt mit Verwahrlosung öffentlicher Räume.
    Die städtische Verwaltung wirkt überfordert, die Infrastruktur hält nicht Schritt.
    Die Fahrt in der Prager U-Bahn ist dagegen ein Vergnügen: sauber, pünktlich, preiswert, normales Publikum.
    Gleichzeitig wollen spießige grüne Kleinbürger hierzulande eine Art Biotop in “ihrem Kiez” erzwingen, das kein Auto, kein Tourist und kein “Miethai” stören darf.
    Die dunkelhäutigen, jungen, kräftigen Männer mit speziellen Waren im Park nebenan genießen aber “Bestandsschutz”.
    Die Mischung aus rigider, piefiger grüner Moral und ökonomischer Globalisierung (offene Grenzen für alle Waren, Güter, Dienstleistungen und Menschen) wird womöglich demnächst Regierungshandeln, gleichzeitig dürfte aber auch der Widerstand der “Abgehängten”, “der Ewiggestrigen” und des “Packs” dagegen zunehmen.
    Arbeitnehmer mit durchschnittlichem Verdienst oder Wertkonservative sehen nämlich zusehends weniger, welche Vorteile diese Politik ihnen bringt.
    Auch in der EU wachsen offenbar Widerstände gegen die Achse “Brüssel-Berlin-Paris”, darunter auch in der
    Tchechischen Republik.

  • Rolf Oetinger
    11. Dezember, 2018

    “öffentliche Toiletten in ihrer Doppelfunktion als U-Bahnhöfe” – der war gut.

  • Sabine Schönfelder
    11. Dezember, 2018

    Palmer ist ja ein richtiger kleiner Witzbold! Ein Rudiment aus grüner Gründerzeit, als man noch reale politische Ziele verfolgte, und wahrhaftig den Schutz der Natur zur Herzenssache erklärte……und er hält ein Stück weit Kurs, Respekt!
    Pop und Chepli, zwei Minihirne mit reflektorischer Synapsenreizung, eingesetzt zum ad-hoc-Ideologisieren.
    Kein Wunder, daß nach künstlicher Intelligenz verlangt wird. Auch ich liebe Prag, seine Architektur, Lage und den unaufdringlichen Menschenschlag. Allerdings befindet es sich an manchen Tagen fest in russischer Hand, und die alten wunderhübschen Cafés werden leider mittlerweile oft von Globalplayern des Fastfoots besetzt. Aber es hat sich das Eigentümliche bewahrt und ich bete, daß es so bleibt!

  • Jens Richter
    11. Dezember, 2018

    Vielen Dank für diesen wunderbaren, mich sehr wehmütig und sehnsuchtsvoll stimmenden Artikel. Ex oriente lux hat eine neue Bedeutung für mich bekommen: Osteuropa ist mein Europa, und Prag, nun, durch meine lebenslange, auch akademische Beschäftigung mit Franz Kafka (“das Mütterchen hat Krallen”) ist mir besonders nah. Wenn ich aus meinem Südwestengland doch noch einmal hinausfinden sollte, wird Prag meine letzte Heimat werden. Mein Deutschland existiert nicht mehr, und ich habe jedes Interesse an ihm verloren.

  • Werner Bläser
    11. Dezember, 2018

    Schöner Artikel, aber mich hätte schon auch interessiert, was denn genau bei der Tagung zum Konservatismus zur Sprache kam. Vielleicht kommt das noch. Ich finde das Thema hochinteressant. Denn wir leben ja offenbar am Ende einer Epoche (die letzten Jahrzehnte kann man durchaus so kennzeichnen), in der von einer Seite des politischen Spektrums versucht wurde, der anderen Hälfte politisch komplett den Garaus zu machen. Konservatismus sollte es ja nicht mehr geben dürfen; deshalb wurde von der öffentlich dominierenden Klasse alles Konservative gleichsetzerisch als “rechts” und alles rechte als “rechtsextrem” diffamiert. Das war nicht mehr der normale politische Kampf um die richtige Politik, sondern fast schon ein Vernichtungskrieg. Wir haben aber am eigenen Leib erfahren müssen, dass Freiheit ohne die volle Bandbreite des politischen Spektrums nicht denkbar ist.
    Meiner Ansicht nach ist Freiheit aber auch an sich – jenseits des Spektrums – ohne ein gewisses Mass an Konservatismus nicht möglich. Denn Konservatismus enthält die gesammelten und in Institutionen und Normen gegossenen Erfahrungen vorheriger Generationen. Zu deutsch: Unserer Kultur.
    Wenn das völlig eingerissen wird, entsteht eine völlige Beliebigkeit. Der menschliche Geist als wurzellose ‘tabula rasa’, als unbeschriebenes Blatt, das umso leichter mit jeder Art von Neuem und Unerprobtem auszufüllen ist. Und alle Arten von Manipulatoren, Volkserziehern, Ideologen, Sektierern und Spinnern stossen dann in diese Leere vor und versuchen sie auszufüllen.

    • Sabine Schönfelder
      12. Dezember, 2018

      Bin ganz Ihrer Meinung, sowohl was das Ergebnis der Tagung betrifft, als auch bezüglich Ihrer Meinung zum Konservatismus. Wie so oft wird ein Begriff von den politischen Gegnern stigmatisiert oder neudeutsch ‘geframt ‘. Warum ‘konservativ’ ein schlechtes Image trägt, auf diese Frage bleibt der Verächter gewöhnlich still, denn man kennt nur ‘deplatforming’ und hat wie gewöhnlich keine Ahnung. Konservatismus ist nicht nur eine kulturelle Errungenschaft, sondern Bestandteil unseres evolutionären Erbes. Erfahrenes Wissen bestimmt in der Regel Handlungen der Zukunft. Vielfalt und Andersartigkeit der Menschen werden in Wahrheit von Konservativen propagiert. Konservative sind gegen Uniformität und egalitäres Denken….aber um das zu erkennen, müßte unser grün-linker Mitläufer anfangen zu denken, Kopfarbeit sozusagen, und richtige Arbeit gehört nicht zu seinen Favoriten.

  • Maxxxxxx
    11. Dezember, 2018

    Ein Gedanke: Ist es nicht so, dass der Sozialismus osteuropäischer Prägung, so wie er auch in der DDR die Bildung einer “kommoden Diktatur” zur Folge hatte, im Vergleich zum spätbundesrepublikanischen 68erismus das geringere Übel war, wenn man die daraus heute für uns erwachsenden Folgen betrachtet? Offenbar haben sozialistische Denk- und Indoktrinationsmuster über Jahrzehnte in Osteuropa u. in der DDR zu Abwehrreflexen geführt, die die Entwicklung selbstbewusster, aufrecht gehender Menschen befördert haben, die es nicht verlernt haben, für ihre Interessen zu kämpfen bzw. einzutreten. Die osteuropäischen Staaten u. die DDR hatten zudem ein ureigenes Interesse am Erhalt ihrer homogenen Kultur- u. Staatsvölker, die rein globalistisch fokussierten westeurop. (u. BRD-)Eliten eben nicht – Deutsche sind jetzt entbehrlich … oder?
    PS: Auswandern (Weglaufen) ist keine Lösung.

    • Werner Bläser
      12. Dezember, 2018

      Oppression ist immer auf Dauer zumindest unbequem. Denn sie schränkt die persönliche Bewegungsfreiheit ein, und sei es nur die Freiheit, nach Gusto die Schnauze aufzumachen. Und der Mensch trachtet danach, Unbequemes zu vermeiden oder loszuwerden. Alfred Kroeber hat dies am Beispiel der alt-hawaiianischen Tabu-Kultur, die vor Eintreffen der ersten Missionare aufgegeben wurde, als “cultural fatigue” bezeichnet. Anders gesagt: Unsere volkspädagogischen Eliten nerven in ihrem erkennbar dümmlichen All-Herrschaftsanspruch über die Weltdeutung. Deshalb werden die Menschen sie irgendwann gründlich satt haben.
      Unsere Multikulti-Fetischisten werden den Weg der DDR-Elite gehen.

  • kdm
    11. Dezember, 2018

    “…stellte Chebli fest, würde Palmer an einer „gefährlichen Sucht nach Aufmerksamkeit“ leiden.”
    .
    Das sagt genau die Richtige: in dem Metier kennt sie sich aus. Nun in dem.

  • Susanne
    11. Dezember, 2018

    Ich war noch niemals in Berlin
    Und fand das früher schon sehr schad
    Doch wenn ich das hier lies
    Dann liebe ich mein Dorf….

    Frei nach Udo Jürgens, Gott hab ihn selig.
    Ich werde sterben, ohne das shithole gesehen zu haben und das ist auch gut so.

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