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Fake-Nuss der Woche: An Fukushima war nicht der Klimawandel schuld.

Aber bei Künast stimmt auch sonst einiges nicht

Mit einem Interview mit ZEIT Online über Öko-Vorschriften und Veggie-Day erzeugte die Grünen-Politikerin Renate Künast große Aufmerksamkeit – allerdings mit einer Aussage, die ein paar Stunden, nachdem das Gespräch online gegangen war, schon wieder verschwand. „Der Atomunfall in Fukushima oder die Dürresommer haben gezeigt“, so Künast, „dass man den Klimawandel nicht mehr leugnen kann.“

Dutzende Leser im Kommentarbereich fragten nach: Was bitte soll der Atomunfall von Fukushima 2011 – ausgelöst durch ein Seebeben – mit dem Klimawandel zu tun haben? Nachdem via Twitter reichlich Spott auf die Politikerin und ZOn niedergegangen war, korrigierte das Portal das Interview:
„Korrekturhinweis:  In einer früheren Version wurde aufgrund eines Transkriptionsfehlers verkürzt ein Zusammenhang zwischen dem Atomunfall in Fukushima, den Dürresommern und dem Klimawandel hergestellt. Gemeint war: ‘Der Atomunfall in Fukushima oder die Dürresommer haben gezeigt, dass man die Notwendigkeit einer Energiewende und den Klimawandel nicht mehr leugnen kann.'”

Zuerst hatte es in dem Korrekturhinweis nur geheißen, es sei „verkürzt ein Zusammenhang zwischen dem Atomunfall in Fukushima, den Dürresommern und dem Klimawandel“ hergestellt worden. Erst später schob die Redaktion die Erklärung „aufgrund eines Transkriptionsfehlers“ nach aber möglicherweise gab es tatsächlich einen Transkriptionsfehler der ZEIT – der dann Künast offenbar auch bei der Autorisierung des Interviews nicht auffiel.

In dem Interview stellte die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin allerdings eine Reihe falscher und unbelegter Behauptungen auf, die unkorrigiert blieben. Und die vor allem zu keiner Nachfrage durch die Interviewerin führten.
„Hätte jemand es vor ein paar Jahren noch für möglich gehalten, dass der Anteil an erneuerbaren Energien am Energiemix heute bei mehr als 40 Prozent liegen würde?“, fragt Künast in dem Interview rhetorisch. Wer die Zahlen kennt, muss nichts für möglich halten – er weiß, dass die Behauptung der Grünen nicht stimmt. Der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Energiemix – oder, wie der Fachausdruck heißt, am Primärenergieverbrauch – lag 2018 nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums bei gerade 14 Prozent. Auf Mineralöl entfielen 34,1 Prozent, Gas 23,5 Prozent, Kohle 21,6 Prozent, Kernkraft 6,4 Prozent und andere 0,4 Prozent.

Die Zahl, die Künast nennt, bezieht sich auf die Stromproduktion, also den Strommix. Elektrische Energie macht allerdings nur gut 20 Prozent des Energieverbrauchs aus. Die Praxis kommt in der Rhetorik der Grünen öfters vor, „Energie“ synonym für „Strom“ zu verwenden, vor allem in Verbindung mit hohen Prozentsätzen von Ökoenergie, um riesige Fortschritte bei der Energiewende zu suggerieren. Tatsächlich läuft Deutschland auch im Jahr 2019 noch zu 86 Prozent fossil-nuklear.
Ein Stück weiter heißt es bei Künast:
„Der Wandel beginnt aber längst in den Städten. Von Bremen bis Berlin setzen sie auf den Umbau bei Energie, Mobilität und Ernährung. Mehr Bio kommt in Kindergärten, Schulen, Mensen. Alle profitieren davon, das Essen wird gesünder, der reduzierte Fleischkonsum ist gut fürs Klima und die regionale Landwirtschaft findet mehr Abnehmer.“
„Das Essen wird gesünder“: Die Mär, Bio-Lebensmittel seien „gesünder“ als konventionelle, wird von Grünen-Politikern und ihnen nahestehenden Journalisten seit Jahren verbreitet. Irgendeinen empirischen Beleg dafür gibt es bis heute nicht. Die Frage nach einem gesundheitlichen Mehrwert von Bio-Kost wurde weltweit immer wieder untersucht.

Zu dem Ergebnis, dass praktisch kein Unterschied feststellbar ist, kam schon 2012 eine sehr umfangreiche Meta-Studie der Universität Stanford. Die Wissenschaftler um Dena M. Bravata werteten damals 223 Untersuchungen aus, die entweder den Nährstoffgehalt oder die Belastung mit Bakterien, Pilzen oder Pestiziden verglichen.
Ergebnis: Der Vitamingehalt von Bio- und konventionellen Lebensmitteln unterschied sich den Forschern zufolge kaum, Fette und Proteine waren ähnlich verteilt. Krankheitserreger kamen in keiner der beiden Gruppen häufiger vor.
„Wir waren ein bisschen erstaunt, dass wir nichts gefunden haben“, meinte Co-Autorin Crystal Smith-Spangler.
Keinen Beleg gibt es bisher auch für die immer wieder behauptete Krebs-Prävention durch Biolebensmittel. Überhaupt ist die pauschale Behauptung unsinnig, bestimmte Lebensmittel seien „gesund“: Es kommt auf Menge, Qualität und Umstände an. Die mit Abstand größte Gesundheitsschädigung durch Lebensmittel in Deutschland, der Ehec-Skandal mit 4000 Infizierten und 53 Toten im Jahr 2011, wurde durch Bio-Sprossen ausgelöst.
Unklar bleibt bei Künast auch, was sie nun meint: „mehr Bio“, also Produkte des ökologischen Landbaus, oder „regionale Erzeuger“? Nur auf 9,1 Prozent der Anbaufläche in Deutschland werden tatsächlich Bio-Lebensmittel hergestellt. Schon deshalb ist die Forderung: „Bio für alle“ beziehungsweise „mehr Bio[-Essen für alle] Kindergärten, Schulen, Mensen“ populistisch: Öko-Landwirte sind keine Massenproduzenten.

In dem gleichen Interview nennt Künast eine irreführende Zahl:
„Ein paar Beispiele: Die direkten Subventionen an Landwirte müssen anders verwendet werden. Würden nur 15 Prozent der 60 Milliarden Euro in Umwelt- und Naturschutzschutzmaßnahmen investiert, wäre schon viel gewonnen.“
In dem ZEIT-Interview geht es um Politik in Deutschland, um die Grünen und ihr Image als Verbotspartei. Der Kontext suggeriert also, in Deutschland würden 60 Milliarden Euro Subventionen für Landwirte fließen. Tatsächlich sind es viel weniger: Nach dem Subventionsbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums lagen die EU-Subventionen für die deutsche Landwirtschaft 2018 bei 6,6 Milliarden Euro. Die Agrarsubventionen direkt aus dem Bundeshaushalt betrugen 2018 1,5 Milliarden Euro, wobei 64 Prozent davon in die Alterssicherung für Landwirte fließen. Gemeint haben könnte Künast die gesamten Agrarsubventionen der EU, die bei 58 Milliarden Euro liegen. Über die entscheidet allerdings nicht Deutschland, schon gar nicht die Grünen. Künasts Sprung vom deutschen Kontext auf die EU-Ebene erfolgt in dem Interview völlig unmotiviert – es sei denn, dass es ihr darum ging, eine möglichst höhe Subventionssumme zu nennen.

Fazit: Künasts angreifbare Behauptungen rutschten bei ZEIT Online glatt durch – obwohl sie irreführend und propagandistisch sind.

 


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13 Kommentare
  • August Klose
    22. August, 2019

    Ich glaube nicht, dass die Grünen, resp. Kü(h)nast, die Begriffe “Energie” und “Strom” bewusst synonym verwenden. Den Herrschaften ist schlicht und ergreifend die spezielle Hyperonymie gar nicht bewusst.

  • Jupp J.
    22. August, 2019

    Gratuliere, ein super Artikel (habe ihn soeben bei Tichy gelesen).
    So muss Journalismus!
    Genau SO!

  • Dr. habil. W. Manuel Schröter
    22. August, 2019

    Muss man sich wundern? Nein, muss man nicht. Nicht in diesem Deutschland. Aber immer und immer mit dem Finger in die offenen Wunden des Gequatsches von Unbelehrten, Unwissenden, Demagogen und Anmaßenden (nicht nur “Grünen”) stoßen! Danke, Herr Wendt, Ihre Analysen helfen jedem weiter, der die Bekämpfung von politischer Propaganda auf seine Fahne geschrieben hat.

    • Simon Wandler
      23. August, 2019

      Ist es sinnvoll, einem Linksmedium wie der ZEIT Verlogenheit vorzuwerfen? Ich glaube das nicht. Die Lüge gehört zum Linksmedium wie der Betrug zum Hütchenspieler. Sie ist dort Geschäftsmodell.

  • Gerhard Sauer
    22. August, 2019

    Sind Sie sicher, Herr Wendt, daß an Fukushima der Klimawandel nicht schuld war, immerhin gab es eine Kernschmelze! Die Brennstabhüllrohre aus Zirkaloy schmelzen bei ca. 1800° Celsius und der Brennstoff aus Urandioxid bei ca. 2800° Celsius. Das scheint auf den ersten Blick sehr hoch zu sein, doch nur auf den ersten Blick. Bei einem zweiten Blick muß man zugeben, daß der Klimawandel lokal durchaus diese Temperaturen erreichen kann, wenn man die tiefgründigen Szenarien der im Potsdamer Institut für Hitze schwitzenden Heißblüter berücksichtigt. Danach schlägt das Klima geradezu Kapriolen und ist durch nichts zu bremsen. Warum also soll nach dem Forschungsstand der Potsdamer – nicht umsonst kommt der Name von potzblitz – der Klimawandel nicht kurzzeitig in Fukushima mit einem enormen Temperatursprung zugeschlagen haben? Ich glaube, Schellnhuber wird diese Annahme mit einem überlegenen Lächeln bestätigen.

    Sollte andererseits der Tsunami für die Kernschmelze verantwortlich sein, könnte hinter ihm auch der Klimawandel stecken. Bei einer Temperaturerhöhung dehnen sich bekanntlich Materialien aus. Dadurch können große Druckspannungen entstehen, die sich plötzlich durch eine Eruption entladen können. Dieser Vorgang könnte sich in der Erdkruste abgespielt und das Erdbeben mit folgender Wasserflut ausgelöst haben. Man sieht, die These von Künast ist nicht so abwegig, sie weiß wovon sie spricht, auch wenn es manchmal den Anschein hat, sie wüßte es nicht. Dieser Anschein ist bei Grünen generell völlig unberechtigt.

    • Uwe Pilgram
      23. August, 2019

      @Gerhard Sauer

      Hübsch Ihre Satire! Macht Spaß, das zu lesen.

      Gestatten Sie ein zwei Anmerkung, die der Faktenwelt der Atomunfälle entnommen sind:

      1. Der Atomunfall in Fukushima wurde zwar von dem Tsunami ausgelöst. Die Ursache ist jedoch eine katastrophale Fehlplanung beim Bau. Dass Japan mit Erdbeben und Tsunamis zu kämpfen hat, war und ist allgemein bekannt. Der Bau der Kühlanlagen des Kraftwerks nicht mehr als 10 Meter über NN (Normal-Null) war eine bewusste Entscheidung des Betreibers. Das Risiko wurde aus Kostengründen in Kauf genommen. So etwas nennt man menschliches Versagen.

      2. Alle öffentlich bekannten Unfälle mit Atomkraftwerken waren durch menschliches Versagen (Geldgier wie Fukushima, Fehlplanungen und Ehrgeiz von Ingenieuren wie in Tschernobyl, Harrisburg, etc.) bei Betrieb oder schon in der Planung verursacht.

      3. Es gibt seit 20 Jahren Reaktortypen, bei denen eine Kernschmelze aus physikalischen Gründen nicht möglich ist.

      4. Austretende Radioaktivität ist immer an Partikel gebunden (Gase, Staub). Wir können Dioxin, eines der giftigsten Stoffe überhaupt, zu 99,999% aus den Abgasen der Müllverbrennung filtern. Bei radioaktivem Argon, etc. soll das nicht gehen?

      Warum liest man dazu nichts in der ZEITung? Zu Tschernobyl gibt es hier einen sehr aufschlussreichen Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Tschernobyl

  • Jörg Schulze
    22. August, 2019

    Lügenpresse, Lügenpolitiker, Lügenfernsehen. Wir haben es weit gebracht.

  • Rainer
    22. August, 2019

    Mit gefällt bei dem Artikel nicht, dass beim Thema Bio-Lebensmittel der Punkt ‘Pestizide bei konventioneller Landwirtschaft’ geschickt umschifft wird. Diese (Stichwort ‘Glyphosat’) dürften für Mensch und Natur (‘Insekten’) genauso schädlich sein, wie die konventionelle Massentierhaltung (Stichwort: ‘massenhafter Antibiotioka-Einsatz in der Geflügelzucht’).
    Fleisch aus konventioneller Massentierhaltung ist für mich schlichtweg Sondermüll, wobei man wegen des gelegentlichen Verzehrs nicht direkt daran stirbt.

    Die Energiewende – zumindest hinsichtlich der Abkehr von der Atomenergie bei der Stromerzeugung – halte ich für absolut notwendig und in dieser Hinsicht tatsächlich für einen riesigen Fortschritt, da die Realität mehrfach gezeigt hat, dass man die Supergau-Gefahr nicht einfach per Definition (‘Restrisiko’) wegdiskutieren kann. Ein Supergau verseucht Gebiete nach menschlichen Maßstäben für immer – auch wenn viele nach dem Motto leben, “Was ich nicht sehe, tut mir nicht wehe”.

    • Gerald Gründler
      23. August, 2019

      Guter Mann, Bildung schadet nur dem, der keine hat. Glyphosat ist ein Herbizid und kein Pestizid – und das ist nur der Anfang Ihrer bedauernswerten Unkenntnis.
      Per Definition etwas weg- oder herdiskutieren – das ist doch eher die Stärke linker Postmodernisten, die zum Beispiel daran glauben, dass das Verbot bestimmter Meinungen auch die diesen Meinungen zugrunde liegende Wirklichkeit irgendwie verschwinden läßt.
      Ja, und ohne den offenbaren Leichtsinn der Japaner im Umgang mit der Kernkraft kleinreden zu wollen: Die hatten in Fukushima genau das, was Sie als Super-GAU bezeichnen würden. Atomkraftbedingte Todesopfer bis heute: 0. Die Region ist mittlerweile wieder bewohnt und es wird im Meer in Sichtweite der Kraftwerksruine gebadet. Aber das Entscheidende ist: Neue Kernkraftwerke können so gebaut werden, dass ein Vorfall wie in Fukushima oder Tschernobyl schon vom Wirkprinzip her ausgeschlossen ist. Die Kernkraft hat ihre große Zeit sehr wahrscheinlich noch vor sich. Und Deutschland, einst führend bei der friedlichen Nutzung der Kernkraft, ist Dank grünlinker Vollverblödung nur noch Zuschauer und zahlt gleichzeitig die höchsten Energiepreise in Europa. So blöd muss man erst einmal sein wollen.

      • oldman
        23. August, 2019

        Danke für Ihre Erwiderung auf einen zwar unbedarften, aber sehr überzeugten Meinungsinhaber. Hätte sonst selbst schreiben müssen, denn solchen Unsinn kann man nicht einfach stehenlassen.

  • Cornelia
    22. August, 2019

    WIe sagte Günter Ederer so schön: die Bundestagsabgeordneten sind die am schlechtesten informierte Bevölkerungsgruppe.

  • Andreas Rochow
    23. August, 2019

    Ist Frau Künast Beamte auf Lebenszeit, dass man ihr alle Fehlleistungen, propagandistische Lügen, Zahlenakrobatik und Fälschungen durchgehen lässt? Wir alle wissen, das ist nicht der Fall. Umso tiefer lässt es blicken, ja es weist auf einen unaufhaltsamen Niedergang der Mainstreammedien hin, dass Künasts Falschaussagen unhinterfragt von Zon als relevant veröffentlicht werden. Schon mal was von Faktencheck gehört? Es gab Zeiten, da verantwortungsbewusste und wahrheitsliebende Journalisten dafür selbst zuständig waren. Nazis jagende Propagandaaktivisten haben offenkundig ihre eigene Vorstellung von Wahrheit und Relevanz. Man muss Prioritäten setzen.

  • Stephan Fleischhauer
    26. August, 2019

    Die Graphik mit der Pyramide ist übrigens grob irreführend. Ein unfeiner Trick, mit der 3D-Darstellung zu mogeln, hier durch die Suggestion, dass es um das Volumen der einzelnen Segmente geht. Damit werden die Verhältnisse um eine Größenordnung verzerrt.

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