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Goodbye, alte Bundesrepublik.
Hallo, Partyszene

Wolfram Ackner erinnert sich an zwei untergegangene Staaten. Und arrangiert sich irgendwie mit der neuen Zeit. Es gibt für ihn nur eine rote Linie. Um die zu erkennen, musste er an einen See in Indien reisen

Die alte, gelassen-freundlich-souveräne Bundesrepublik Deutschland verblasst in den letzten Jahren für mich immer mehr zu einer wehmütigen Erinnerung. Genau wie zuvor schon die nicht so gelassene DDR, an die es bei mir auch eine verblassende Erinnerung gibt, wenn auch keine wehmütige.

Damals, in den Neunzigern lernten viele Ostdeutsche die Vorzüge von Pluralismus, Meinungsfreiheit, Demokratie kennen und durften tatsächlich die Früchte ihrer eigenen Arbeit genießen und ihr Leben weitgehend selbst dürfen. Merkwürdigerweise funktionierte das ganz gut.

Meine Erinnerung an die DDR ist, siehe oben, ganz bestimmt keine wehmütige. Sie müffelt nach Braunkohle-Rauch und Industrie-Abgasen, zu ihr gehören vor allem Absurditäten wie die öffentlichen Propagandaplakate („Frieden schaffen ohne Waffen“, „Heraus, heraus zum 1. Mai“, „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei“, „Die Partei hat immer Recht“) oder an die Ärgernisse wie diese humorlosen, wichtigtuerischen Herren des Landes, die sich „die Genossinnen und Genossen der SED“ nannten und dir permanent vorschreiben wollten, was du zu tun, zu sagen und zu denken hattest.

Ach, die Neunziger und Nuller Jahre in der Bundesrepublik … bei diesen Erinnerungen muss ich tatsächlich oft seufzen und empfinde Dankbarkeit, dass ich diese schöne Zeit bewusst erleben durfte. Ich musste mir zwar als Schweißer im europaweiten Montageeinsatz den Arsch abarbeiten, war nur selten zuhause bei Familie und Freunden, aber ich fühlte mich tatsächlich als freier Bürger in einer Demokratie. Citizen Votes Matter, das skandierte man zwar nicht, anders als andere Losungen der heutigen Erregungskultur. Aber es stimmte weitgehend: citizen votes did matter.

Aber ich lebe nun einmal im Hier und Jetzt, ob es mir gefällt oder nicht. Die alte, adjektivlose Demokratie, wo Politiker Argumente und Alternativen dem Bürger zur Abstimmung stellten und die Mehrheit der Wähler über den einzuschlagenden Weg entschied, ist zur „liberalen Demokratie“ geworden. Und „liberale Demokratie“ bedeutet für mich mittlerweile: Egal, wie die öffentliche Meinung (bitte nicht mit der veröffentlichten Meinung verwechseln) oder die Mehrheitsverhältnisse sind: gemacht wird in jedem Fall, was die linksliberalen Eliten und ihre medialen Sprachrohre für richtig halten“/ „man hat gelernt, die Demokratie weniger anfällig für populistische Stimmungen zu machen. (bitte je nach eigenem politischen Gusto das eine oder das andere streichen.

Was zeichnet den Unterschied zwischen Demokratie und „liberaler Demokratie“ aus? Die Freiheit der Rede gilt in der „liberalen Demokratie“ nach wie vor. Wenn man allerdings Meinungen vertritt, welche in der Zivilgesellschaft Empörung auslösen, kann die Freiheit nach der Rede leider nicht mehr garantiert werden. Oder zumindest nicht die Unversehrtheit der Hauswand, des Autos und des eigenen Kopfes.

Es gibt nach wie vor freie und geheime Wahlen. Falls dort allerdings jemand gewinnt, den die „liberalen Demokraten“ als Sieger einer freien und geheimen Wahl nicht akzeptieren wollen (zum Beispiel die Wahl des liberalen Demokraten – diesmal ohne Anführungszeichen – Thomas Kemmerich oder die Wahl des konservativen Schriftstellers Jörg Bernig zum Kulturamtsleiter von Radebeul), dann ist das „unverzeihlich“ (Angela Merkel zur Causa Kemmerich) und muss rückgängig gemacht werden wie eine Ankündigung von Horst Seehofer.

Ansonsten wird im Deutschland neuen Typs bei Wahlen eigentlich nur noch ausgeknobelt, welche Parteien den alternativlosen Pfad von den Oppositionsbänken aus beklatschen und dabei mehr Eifer und Entschlossenheit der Regierung einfordern müssen, und welche Parteien als Juniorpartner von Frau Merkel beziehungsweise dem Merkelerbebewahrer mit in die Regierung dürfen. Prinzipiell dürfen alle Parteien, außer „Diejenigen, die“ (Frank-Walter Steinmeier), und die Genossen von der SED, die sich heute die Linkspartei nennt.

… Moment …

Ich bekomme gerade die Information hereingereicht, dass diese Aussage bezüglich der SED veraltet ist. Puh, da muss man als liberaler Demokrat von heute echt genauso auf Zack sein wie in George Orwells Roman „1984“ die Bürger von Landefeld eins. Eben hast du noch laut den Verbündeten deiner Regierung, Ozeanien, gefeiert und den Feind deiner Regierung, Ostasien, verflucht, und über Nacht hat sich die Konstellation gedreht: Die umbenannte SED ist jetzt eine wichtige, unverzichtbare Stütze der Zivilgesellschaft, neuerdings auch der Verfassungsgerichtsbarkeit.

Natürlich kann man das heutige Deutschland nicht direkt mit der DDR vergleichen. Ich meine, abgesehen davon, dass es wieder eine Kaste gibt – diesmal in grün – die sich dazu berufen fühlt, ihren Mitbürgern zu erklären, was sie zu tun, zu sagen und zu denken haben, und Abweichungen von der propagierten Verzichtsideologie maximal dann tolerieren, wenn es sie selbst betrifft. Und abgesehen davon, dass nicht nur erneut der öffentliche Raum („Europa! Solidarität! Menschenrechte statt rechter Menschen!“), sondern zunehmend auch die letzten propagandafreien Nischen wie der Sport genau wie damals im Sozialismus mit Parolen zuplakatiert werden („unser Ball ist bunt“) und dass das tonangebende Milieu sowohl Politik als auch Kunst, Kultur, Bildung, Verwaltung und Justiz als ihre exklusiven Erbhöfe betrachten und wirklich jeden wegbeißt, der es wagt, sich explizit nicht-progressiv zu äußern, abgesehen davon also leben wir immer noch in einem wohlhabenden, leidlich sauberen Land, nicht in der verarmten, mausgrauen DDR („The Republic of bad taste“, wie es der Schriftsteller Jonathan Franzen in seinem Roman „Purity“ nannte).

Wenn ich die letzte Zeit Revue passieren lasse, fühle ich mich am ehesten an meinen Dreimonatstrip 2006 durch Indien erinnert. Alles hier ist mittlerweile bunt, laut, schrill, überdreht, nur auf etwas andere Weise als damals in Indien. Dort gehörte es dazu, dass ich sofort monetär bedrängt wurde und etwas kaufen sollte, sobald ich einen Fuß vor die Hoteltür setzte. Wenn ich im Gegenwartsdeutschland den Fernseher anschalte, fühle ich mich auf dieselbe unentrinnbare Weise belagert und belästigt, bestimmte politische Parolen und Frames zu übernehmen. Natürlich ist das nur ein vorurteilsgesättigtes Gefühl eines mediennutzenden Arbeiters.

Aber wenn es für unser Überleben als Menschheit und die Bewahrung des Friedens in Europa (eine oder fünf Nummern kleiner scheint in den öffentlichen Politikeräußerungen seit ein paar Jahren ausverkauft zu sein) unverzichtbar ist, dass ich in Zukunft statt in dreißig Minuten mit dem eigenen Diesel (der mich seit 14 Jahren und 350000 Kilometer begleitet – das nenne ich Nachhaltigkeit) geschlagene zwei Stunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu meiner Arbeit nach Leuna fahre und das geliebte Grillsteak gegen Biodinkelfladen mit fair gehandelter Guacamole zu unschlagbaren 9,99 € tausche, dann ist das halt so. Da von unseren Progressiven ein Umbau der alten, christlich geprägten, demokratischen Nationalstaaten Europas hin zu einem europäischen Superstaat mit betreutem Denken, unbegrenzter Einwanderung und Multipartyszene als neuer Staatsreligion beschlossen wurde, wird das eben auch geschehen. In der DDR gab es den schönen Volksmundkommentar zur Sinnhaftigkeit politischer Pläne: „Die Genossen werden sich schon was dabei gedacht haben.“

Jetzt mal ernsthaft, wer sollte das verhindern? Etwa diejenigen, die schon panisch zusammenzucken, wenn man Ihnen entgegenhält, dass ihre Kritik an den herrschenden Zuständen „wie AfD-Parolen klingt“ (was im Grunde nichts anderes bedeutet, als dass gerade ein vorgeformter Gedanke geäußert wurde, und der Sprecher kein Mitglied der AfD ist)?

Oder vielleicht die letzten geduldeten Pseudokonservativen à la Fleischhauer im Journalismus, die eher wie Hofnarren wirken und vorsichtshalber immer erst einmal rituell einen aus der konservativen Frontaloppositionellen in die Pfanne hauen, um sich selbst das Recht zu erkaufen, im Grunde ungefähr das gleiche in gewählterer Sprache sagen zu dürfen? Ich bitte Sie, da lachen doch die Hühner. Diesen letzten schwachen, sterbenden Protest, derjenigen, die sich einfach ihre alte Bundesrepublik Deutschland zurückwünschen, kann man ja noch nicht einmal als (+++Vorsicht! Triggerwarnung: Nazisprech+++) letztes Aufgebot bezeichnen.

Wie gesagt, als weichdiktaturerfahrener ehemaliger DDR-Bürger kann ich mich mit fast allem arrangieren. Es war tatsächlich eine verhältnismäßig weiche Diktatur, zumindest in den letzten Jahren. Die Staatssicherheit zersetzte Ewiggestrige lieber, als sie einzusperren. Die Führung sah es mit Wohlgefallen, dass zehntausende Nörgler ausreisten und damit nicht mehr störten. Es ist doch schon jetzt für die meisten Normalos so ähnlich wie damals, wenn auch auf weit höherem materiellen Niveau. Man zieht sich in seine Nische zurück und gibt seine ehrliche Meinung nur noch im kleinsten Zirkel preis, um sich keine Nachteile einzufangen. Als Schweißer habe ich sogar den kaum zu überschätzenden Vorteil, dass ich auch in anderen Ländern mein Geld verdienen könnte, netto wahrscheinlich mehr. Für die eben entlassenen Redaktionsmitglieder von Bento gilt das nicht in gleichem Maße.

Die alte Bundesrepublik der Neunziger verschwindet, in der die ’Partyszene’ die Love Parade war und nicht das Bundesscherbennächtle von Stuttgart. Dafür wird meine DDR-Erinnerung ein kleines bisschen gepflegt. Während reaktionäre Denkmäler des Westens fallen oder beschmiert werden, gab es kürzlich auch eine Denkmalsaufstellung: ein Leninmonument in Gelsenkirchen. Vielleicht sollte demnächst ein Film über die Transformationszeit gedreht werden, die wir gerade erleben? „Good Boy Lenin“ wäre ein schöner Titel. In meinem heimischen Leipzig soll bisher kein Ulbricht aus Bronze aufgestellte werden. Die örtlichen Grünen fordern nur, den Richard-Wagner-Platz in „Refugees-Welcome-Platz“ umzutaufen. Anders als Wagner ist ein Refugee nämlich per Definition weder Antisemit noch Sexist.
Natürlich mache ich mir in meinem Eigenheim, dass mich an der Ausreise hindert, Gedanken, wie man diesen ganzen Wahnsinn doch noch stoppen könnte. Dazu habe ich zwei bescheidene Vorschläge.

Erstens müsste man das mobile Telefonnetz, das Internet und die alternativen Medien abschalten, damit die Menschen in Afrika und im Orient tatsächlich nur noch unsere Mainstreammedien zu Gesicht kriegen und – genau wie wir – pausenlos um die Ohren geknallt bekommen, was für rassistische, engstirnige, gefährliche Dreckslöcher mit rassistischer Müllpolizei die Länder des Westens sind.

Zweitens, wenn man tatsächlich eine Migranten-Zwangsquote in den Stadtteilen der Metropolen einführen würde, wo die Weißen fast noch allein unter sich sind. Also in den Bionadevierteln der mehrheitlich Grünrot-Wählenden. Erst wenn dort, wo diejenigen Leute wohnen, die diese Entwicklungen befeuern, genau wie Marxloh oder Grünau oder in Gesundbrunnen an jedem zweitem, dritten Namensschild ein afrikanischer oder arabischer Name zu lesen wäre, dann würde sich vielleicht etwas hin zu mehr Realismus verändern. Die Bedingungen des täglichen Zusammenlebens würden dann endlich auch dort täglich neu ausgehandelt, wo heute Ann-Kathrin auf dem 2000-Elektrolastenfahrrad zum Wochenmarkt aufbricht. Vielleicht, wenn die Partyszene demnächst in deutschen Städten auch in den Gründerzeitviertel „aus keinem Anlass“ (Winfried Kretschmann) feiert – bei den Ann-Kathrins gibt es übrigens mehr zu holen – vielleicht nimmt die Geschichte dann doch einen anderen Lauf.

Übrigens, die multikulturellsten Plätze in Deutschland überhaupt sind vermutlich die Großbaustellen von uns Arbeitern, weswegen wir es zur allergrößten Not auch verkraften würden, in Zukunft von Belehrungen diplomierter Absolventen von Schwatzquarkfächern oder Bewohnern von reinweiß-biodeutschen Studenten-WGs verschont zu bleiben.

Eine Sache gibt es jedoch, eine einzige, mit der ich mich niemals arrangieren werde. Um diesen Punkt bildhaft deutlich zu machen, muss ich auf die erwähnte Indienreise zurückkommen. Im Wüstenstaat Rajasthan gibt es den berühmten Puschkarsee, in dem ein Teil der Asche Mahatma Gandhis verstreut wurde, nebst seiner pittoresken Tempel, die ich damals als begeisterter Hobbyfotograf unbedingt vor die Linse kriegen wollte. Schon von weitem entdeckte ich die unübersehbare Gruppe junger indischer Männer, die sich bei solchen Sehenswürdigkeiten wie die (+++ Vorsicht! Triggerwarnung: Tiervergleich+++) Geier auf die westlichen Touristen stürzen, um sich Ihnen als Fremdenführer anzudienen.

Widerstand zwecklos. Ich versuchte es trotzdem. Segel gehisst, Augen gerade aus, full speed ahead, dass vielstimmige: „Hello my friend!!’ ignorierend.
Ich stürme die Treppe herunter, ein junger Mann rennt schnatternd neben mir her. Vor uns taucht wie ein in den Weg gerolltes Hindernis eine große Touristen-Gruppe auf, über etwa zehn Stufen dicht an dicht gedrängt die Treppe blockierend. Nur rechts und links bleibt eine schmale Gasse. Ich täusche rechts vor, während der junge Mann neben mir mit den Augen nach vorne sein Führerprogramm abzieht, lasse mich zurückfallen und versuche, gebückt im Rücken der Gruppe nach links zu schleichen, um durch diese Lücke zum See zu gelangen. Inzwischen ist Mr. Guidance Obligatory zehn Meter weiter unten am Ende der Reisegruppe angelangt, dreht sich suchend nach mir um, erkennt meinen bösen Plan und huscht nach links, um mich dort unten abzufangen. Ich mache kehrt, gehe wieder nach rechts und stürme die Treppen runter, aber ach, das gute alte: „Danke-aber-Ich-komme-alleine-zurecht’ scheint nirgendwo auf dieser Welt noch eine Option zu sein.

„Hellomyfriendhowareyou?”

Mein Geier stellt sich als Edelgeier heraus. Bramahne, höchste Kaste, Priester sozusagen. Will mit mir zusammen an diesem heiligen Ort die Blumenzeremonie durchführen.
“Ich will nur schnell ein paar Fotos schießen.”
“Dies ist ein heiliger Ort, fotografieren verboten”
“Dann gehe ich wieder.”
“Wenn du mit mir die Blumen-Zeremonie durchführst, bekommst du ein Bändchen, damit kannst du überall hingehen und fotografieren.”

Ok, verstanden. Wenn das Geld im Beutel klingt, das Bildchen in deinen Speicher springt. Kein Problem, aber:
„Kann ich nicht einfach Eintritt bezahlen?”
Heilige, backenaufpumpende Claudia-Roth-Entrüstung.
“Dies ist eine heilige Stätte, kein Museum. Hier bezahlt man keinen Eintritt. Um Zutritt zu erlangen, muss man an der Blumenzeremonie teilnehmen!”

Seufzend folgte ich ihm zum See-Ufer, wo schon die anderen westlichen Touristen mit ihren „Priestern“ saßen, und ließ den Dingen resigniert ihren Lauf.
“Im Hinduismus gibt es drei Hauptgötter. Brahma, der Erschaffer, Vishnu, der Bewahrer, Shiva, der Zerstörer … übrigens pflegen die Pilger meistens dreihundert Rupien zu spenden, einhundert für Brahma, einhundert für Shiva, einhundert für Vishnu … also wir glauben an Wiedergeburt, und daran, dass es von deinem Karma und von deinen guten und schlechten Taten abhängt … viele westliche Touristen spenden allerdings lieber Dollar oder Euro, aber das bleibt Ihnen überlassen … also es hängt von deinen Taten ab, ob du im nächsten Leben in eine höhere Kaste oder vielleicht bloß in den Körper eines Tieres hineingeboren wirst. Brahma, Sie erinnern sich, der Schöpfer, wir haben nämlich drei Hauptgötter, Brahma, Vishnu, Shiva, und für jeden pflegen die Pilger 100 Rupien zu spenden. Aber das ist keine Vorschrift. Manche geben weniger, manche geben mehr, manche geben sogar viel viel mehr.
Werfen Sie jetzt bitte diese Blumen ins Wasser und sprechen Sie das Mantra nach. Ich bitte dich, Brahma, um Gesundheit für meine Eltern. Ich bitte dich, Brahma, um Gesundheit für … wie viele Geschwister haben Sie?”

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich meine Geschwister verleugnete. Das sind nämlich drei, genau wie Brahma, Vishnu und Shiva. 
Ha, ich bin noch nicht einmal am Ende der Geschichte angelangt und sehe vor meinem geistigen Auge schon wieder überall in den sozialen Netzwerken dieses Heer leicht zu triggernder Schneeflocken ihre aufgeregten Tweets ins Handy hacken.

„Eine Schande, so etwas zu veröffentlichen!“ Future_with_Me99, Hamburg

„Ackners Text kommt vielleicht auf den ersten Blick amüsant daher, kann aber sein ihm zugrunde liegendes rassistisches Weltbild nicht wirklich verheimlichen“ the_democrat, Hannover

„Es ist ein Unding, sich über Menschen lustig zu machen, die ihren Lebensunterhalt mit einem Dollar am Tag bestreiten müssen. Der Autor ist das letzte!“ Fucksaxony, Berlin

Leute, nehmt doch mal den Stock aus dem Hintern. Kriegt ihr eigentlich noch mit, warum Menschen wie ich – die bis vor wenigen Jahren sehr wohl und aus eigenem Antrieb auf ihre Sprache achteten – inzwischen so hingebungsvoll provozieren? Weil ihr den Political-Correctness-Bogen so gnadenlos überspannt! Weil ihr uns das Gefühl gebt, dass es mit euch emsigen, antifaschistischen Bibern keinen Interessenausgleich geben kann, der nun einmal die Grundvoraussetzung des friedlichen Zusammenlebens ist. Ihr seid so von eurer eingebildeten Gutheit ergriffen, dass ihr euch überhaupt nicht mehr vorstellen könnt, das die Möglichkeit eines eigenen Irrtums immer und bei jedem Menschen eine reale Möglichkeit ist. Dass sich – genauso, wie sich auf unserer Seite des ‘Risses in der Gesellschaft’, von der immer gesprochen wird, viele in Trotz und Wut verbarrikadiert haben, sich auf eurer Seite des Risses viele in einen regelrechten Planetenrettungs-, Fernstenliebe- und Minderheitenkult geflüchtet sind. In substanzlose moralische Hoffart. Bevor ich meine angefangene Geschichte aus Puschkar zu Ende erzähle, nehmen wir als Beispiel nur mal die Black Matters Proteste von letzter Woche. Ich will jetzt überhaupt nicht groß auf die Punkte eingehen, was davon zu halten ist, dass hier – mitten in einer kreuzgefährlichen Pandemie (wie uns ja immer wieder versichert wurde) deren Bekämpfung Millionen Menschen in Deutschland an den Rand der Existenz und darüber hinaus brachte – in den Großstädten zehn- wenn nicht hunderttausende von euch dicht an dicht gedrängelt stehen, und ob man vermeintlichen institutionellen Rassismus in Deutschland nun ausgerechnet am Fall Floyd George abhandeln muss.

Ich möchte einfach Folgendes wissen: Wenn es tatsächlich drum geht, „die Gräben in der Gesellschaft zuzuschütten“, warum kann sich dann an einem solchen Tag in meiner Stadt Leipzig, als Zeichen des guten Willens und der Versöhnungsbereitschaft, nicht einmal zur Abwechslung so eine junge schwarze Vorzeigeaktivistin wie Karimé Diallo vor den LVZ-Reporter stellen, um ihm in die Blöcke zu diktieren, wie schön sie das findet und wie sehr es sie berührt, dass sich so viele weiße Menschen zusammen mit ihr gegen Rassismus engagieren möchten? Warum muss ich in der Zeitung in diesem Kommandoton von ihr lesen, dass Leipzig die weißeste Stadt Deutschland ist und das sich unsere Stadt ändern MUSS?! Ich meine, abgesehen davon, dass sich viele Leipziger schon kaum noch durch die offizielle „Waffenverbotszone Eisenbahnstraße“ trauen und ich mich manchmal wie in Little Damascus fühle, wenn ich im Neubauviertel Leipzig-Grünau an den Straßenbahnhaltestellen? Besiedlungsprogramme? Erste Ideen dafür gibt es ja schon.

So, und jetzt bring ich endlich meine Geschichte zu Ende, bei der ihr mich unterbrochen habt …
Also, ich sitze da am Lake Pushkar auf der untersten Stufe der Ghats. Schneidersitz wie alle anderen. Natürlich. Alles andere wäre nicht spirituell genug. Mit gequältem Lächeln, weil ich diese „Blumenzeremonie“ als eine unglaubliche Charade, als eine einzige Touristenveralberung empfinde. Kein Vorwurf an die „Priester“, das war nicht mein Punkt. Der kommt jetzt. Als ich gelangweilt meine Blicke in die Runde der übrigen westlichen Touristen schweifen ließ, die vor ihren jeweiligen „Priestern“ saßen und deren aufgesetzt-feierlichen Stimmen lauschten, quollen mir fast die Augen raus. Die anderen Westler zogen alle solche unglaublich beglückten Gesichter, als ob sie gerade tatsächlich Zeugen eines zutiefst heiligen, berührenden, spirituellen Erlebnisses würden.

An genau diese entrückten Gesichter muss ich immer denken, wenn ich im hier und jetzt unsere jungen westlichen Aktivisten beobachte. Und an genau diese falschen Priester mit ihrer Abzocker-Masche muss ich immer denken, wenn unsere Politiker ihre steinmeieresken Sonntagspredigten zum Fremdschämen halten.

Das klingt für mich alles wie: „Unser Planet steht vor der Zerstörung, und dieses Werk ist Mensch gemacht … übrigens bitten uns die viele Bürger, deswegen die Verbrauchersteuern zu erhöhen, um dem entgegensteuern zu können … Der hier grassierende Rassismus, all dieser rechtsextreme Hass, sind eine Schande für unser Land … übrigens, wenn du jetzt sagst, dass wir nicht die ganze Welt aufnehmen können – findest du nicht, dass du mit solchen Äußerungen letztendlich Dinge wie den NSU-Terror befeuerst … Am Ende bleibt zu hoffen, dass die europäische Union Solidarität zeigt, dem Populismus eine Abfuhr erteilt und zu einer Nation zusammenwächst … wie, du willst das nicht? Möchtest du etwa ein zweites Mal einhundert Millionen tote Kriegsopfer verantworten. 

Und genau hier ziehe ich für mich die rote Linie. Ich bin mir bewusst, das ich der in Zukunft noch verschärft angezogenen Propagandaschraube und dem komplettem Umbau Deutschlands und Europas nicht entgehen werde. Was soll’s. Wir hatten unsere Zeit in einer hoch industrialisierten, wohlhabenden, respektierten, demokratischen Heimat. Ihr habt Recht. Lasst uns kaputt machen, was ganz gut funktioniert hatte, und einfach mal was Neues probieren.

Eigentlich erwarte ich nur noch eines. Dass man es zumindest toleriert, wenn ich bei den zukünftigen „Blumenzeremonien“ unserer Priester genau wie früher in der DDR maulig neben dem Fahnenmast stehe, auf dem vermutlich wahlweise die Europa- oder die Regenbogenflagge gehisst wird, und demonstrativ gelangweilt mein: „Ja, das geloben wir“ runterleiere.

Und wenn in Zukunft in Leipzig mal wieder die Politik in trauter Eintracht mit Medien und Kultur dazu aufruft, „Courage zu zeigen“ und zu einer Demonstration gegen Faschismus/ Rassismus/ Imperialismus/ Xenophobie/ Transphobie/ Homophobie/ whatever zu erscheinen und – wie in der Vergangenheit bei Anti-Pegida-Aufrufen schon geschehen – auch mein Arbeitgeber offiziell kundtut, dass eine Teilnahme der Belegschaft „gern gesehen“ ist, werde auch ich wieder genau wie früher in der DDR am Morgen des 1. Mai am vorgeschriebenen Sammelplatz erscheinen, um mir von meinem Gruppenleiter meine Anwesenheit beim Demonstrationszug schriftlich bestätigen zu lassen. Kein Problem. Aber ich erwarte, dass es wie damals ok ist, wenn ich mich sofort nach der Registration wieder auf Zehenspitzen davonschleiche.

Nur leider beschleicht mich immer öfter der leise Verdacht, dass mich unsere Priester erst dann in Ruhe lassen werden, wenn auch ich bei der Blumenzeremonie dieses entrückte, glückselige Gesicht zeige. Doch genau da gibt es ein Problem, denn ich kann euch schon heute versichern – niemals! niemals! werde ich so tief sinken, den Kakao, durch den ihr mich zieht, mit einem Schafslächeln zu trinken.

 

 

 


Wolfram Ackner, 50, nahm 1989 an den Leipziger Montagsdemonstrationen teil, lebte einige Zeit als Punk und baute sich später eine Radikalexistenz als Schweißer, Familienvater und Hausbesitzer in Leipzig auf. Ackner schreibt auch für www.achgut.com.

 

 


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26 Kommentare
  • Ortwin Maffay
    24. Juni, 2020

    Göttlich, Herr Ackner, vielen Dank!
    Wenn’s nicht so traurig wäre… Andererseits haben Sie völlig Recht, dass viele gute Jahre hinter uns liegen, wahrscheinlich die besten der Menschheitsgeschichte, wenn man alles zusammenzählt.
    Mir tut nur die junge Generation leid, oder zumindest der vernünftige Teil, der noch selber denken kann.

  • ceeschow
    24. Juni, 2020

    “Die alte, gelassen-freundlich-souveräne Bundesrepublik Deutschland verblasst […]”
    So habe ich als 1974 aus der DDR ins Exil Gegangener und Gebliebener auch gesehen, allerdings nur bis 1990. Heute kann diese Bundesrepublik [in polcorr eigentlich BRD] nicht verblassen. Dass 1990 die DDR unterging, ist eigentlich nur eine Fußnote in der Geschichte. Das eigentlich bedeutende Ereignis war das Ende der Bundesrepublik mit den o.g. Attributen.
    Als ich das 1993 zum ersten Mal äußerte, erntete ich bei den alten Bundesbürgern Kopfschütteln. Die neuen konnten mir glauben oder nicht, denn die meisten hatten keine Ahnung von dieser Bundesrepublik.
    Vor 1990 wurden mir als für die DDR ökonomisch wertlos gewordener Exilant insgesamt zwei Jahre Aufenthalt im kapitalistischen Feindesland gewährt (jeweils per beschränkter “Gültigkeitserweiterung” des DDR-Passes).
    In akademischen Kreisen der sogenannten Humanwissenschaften im “Westen” waren die weitaus meisten links und manche auch DDR-begeistert, wiewohl nur wenige je dort waren. Nach 1990 konnten sie sich daran nicht mehr erinnern.
    Die meisten “Wendehälse” waren nach 1990 in den gebrauchten Bundesländern, in den neuen waren es vorwiegend Parteiobere in Bezirken, Kreisen und Gemeinden von der SED und den “Blockflöten” sowie viele Systemnutznießer in Ost-Berlin.

  • Dieter Schilling
    24. Juni, 2020

    “Ich stehe hinter jeder Regierung, bei der ich nicht sitzen muß, wenn ich nicht hinter ihr stehe.” (Werner Finck)

  • Emmanuel Precht
    24. Juni, 2020

    Ich bin als alteingesessener Marxloher, der sich noch an Zeiten erinnern kann, als wir Blagen im Park reißaus nahmen, wenn sich der alte Parkwächter mit seinem graugesichtigen (altdeutschem) Schäferhund und erhobenem Zeigefinger näherte, dafür, endlich wieder die Residenzpflicht für politische und verwaltende Entscheider einzuführen. Wenn Ulla-Lisa zum x-ten Male heulend nach Hause kommt weil ihr die Mitschüler mit dem besonderen Vorder- oder Hintergrund in den Schritt gefasst haben oder Xaver-Felix schon wieder das neue Handy abgezogen wurde, die Augen heute grün und blau, weil er es nicht rausrücken wollte. Denn wenn die eigene Brut betroffen ist, will auch der Anhänger Grünangelischen Kirche Änderungen. Wohlan…

  • Alexander Peter
    24. Juni, 2020

    Die “große Transformation” wird vermutlich schon kommen, aber womöglich anders als von ihren Anhängern geplant.
    Wir oder unsere Erben werden sehen, wer sich bei den Darwin-Wettspielen durchsetzt.

  • Andreas Stueve
    24. Juni, 2020

    Vom Allerfeinsten. Herr Ackner, vielen Dank.
    Und viele Grüße aus dem dunkeldeutschen Mecklenburg.
    Ihr
    Andreas Stueve

  • Michael Pfeiffer
    25. Juni, 2020

    Danke für diesen im wahrsten Sinne des Wortes “nonkonformistischen” Beitrag, Herr Ackner! Sie sprechen mir aus der Seele. Leider findet man solche Texte fast nur noch in systemkritischen Blogs, kaum mehr in den großen Medien, wofür ich Alexander Wendt und anderen sehr dankbar bin.
    Lachen musste ich beim Lesen Ihrer Erfahrungen am See in Pushkar. Dort ist es meiner Frau und mir vor einigen Jahren genauso gegangen: Als wir die Stufen zum Wasser hinuntergingen, gerieten wir prompt in die Fänge eines “Brahmanen”, der behauptete, man müsse unbedingt diese “Zeremonie” mitmachen, um sich am See aufhalten zu dürfen. Vom Redeschwall des Mannes geplättet, ließen wir alles über uns ergehen und ich war danach auch noch so blöd und gab ihm Geld. Das bereue ich heute noch! Wenigstens haben meine Frau und ich nicht “entrückt” geschaut, ganz im Gegenteil…
    Ich hoffe, Herr Ackner, bald wieder einen kritischen Beitrag von Ihnen bei Publico, Achgut oder TE zu finden. Alles Gute Ihnen!

  • Albert Schultheis
    25. Juni, 2020

    Lieber Herr Ackner,
    bin ganz bei Ihnen, so weit es geht. Was uns trennt, ich bin ein bisschen älter als Sie, habe die Bonner Republik ganz früh erleben dürfen, das Wirtschaftswunder, wie es auch zaghaft unsere Familie erreichte, als kleiner Lohn für viel, viel Arbeit auf dem allzu kleinen Bauernhof, der 10 Personen gut und glücklich leben ließ. Ich war der erste in meiner Familie, der mit dem BaFöG der SPD studieren konnte. Mit Stolz und nicht zu stillendem Wissensdurst. Konnte mit meiner Frau eine Familie mit 5 Kindern gründen, sie ernähren, ein Haus bauen, die Kinder großziehen, sie was lernen lassen. Das war mein, unser Goldenes Zeitalter.
    Sie dagegen hatten, naja, die Arschkarte gezogen, wurden Drüben geboren, wo ich erst als Primaner hinkam. Furchtbar beklemmend und kalt war dieses Land, beängstigend, wo sie auch Deutsch sprachen, aber mit denen keine Verständigung möglich war. Dann endlich habt ihr euch eure Freiheit erstritten, mit Geschick, mit riesigen persönlichen Risiken und als die Grenze plötzlich aufsprang, bin ich sofort mit Kind und Kegel rüber gefahren zu euch. Ich wollte euer Glück miterleben und tatsächlich, plötzlich wohnten dort Menschen, freundliche, aufgeschlossene, interessierte Menschen, die uns spontan eine Bleibe für die Nacht besorgten. Ich werde diese Fahrt im Winter 89 niemals vergessen. Für eine Sekunde in der elenden, ewigen Geschichte war da ein Riss entstanden, durch den ganz plötzlich eine goldene Sonne leuchtete und dir das Herz erwärmte. Plötzlich war alle Angst vor euch da drüben verschwunden, egal wen du trafst, da war nur Hoffnung und Zuversicht und Freude an eurem Glück. Das ist jetzt 30 Jahre her und der Spalt der sich geöffnet hatte, hat sich längst wieder geschlossen. Es ist dunkel geworden in ganz Deutschland. Die Hoffnung ist zerschellt, an ihre Stelle sind wieder blanker Hass, Hetze und Angst getreten. Wir Westler haben es nicht anders verdient, wir kannten zwar die bösen Geschichten aus den Erzählungen unserer Eltern, aber wir waren viel zu naiv, zu dekadent, zu verweichlicht und geistig zu wenig gefestigt, um für den Angriff des post-postmodernen Stalinismus gewappnet zu sein. Wir fielen herein auf die Mär von unserer Schuld und die meisten beschlich eine Angst, die wir nur zu gut aus den Erzählungen der Eltern kannten. Nazi zu sein, oder so genannt zu werden, das war für die allermeisten von uns nicht auszuhalten. Und die neuen “Meister aus Deutschland” spürten das ganz genau und wussten das auszunutzen und zu dirigieren. Ihr von drüben wart da viel feinfühliger, erfahrener, ihr habt uns frühzeitig vor den neuen Rattenfängern gewarnt. Aber wir rissen euch, gerade erst befreit, von der bleiernen Last der Gängelung, auf’s Neue in die nächste Scheiße, diesmal, ohne einen zweiten Staat irgendwo im Westen oder Osten, von dem Rettung zu erwarten wäre oder in dem man Zuflucht finden könnte. Es tut mir leid um meine Kinder und Enkel, dass es ausgerechnet meine Generation ist, die ihnen ihre Heimat genommen hat. Aber am meisten tut ihr von drüben mir leid, das was da gerade geschieht, das habt ihr am wenigsten verdient. Zu erleben, wie sich ein neuer, eiserner Vorhang nach 30 Jahren der Freiheit wieder senkt und uns alle zu Gefangenen und Fremden in der Heimat macht, wird euch und einigen von uns den Verstand und den Glauben an die Menschheit rauben. Wir haben vieles geschafft, aber das schafft uns. Unwiderruflich.

    • Immo Sennewald
      26. Juni, 2020

      Danke für diese ehrlichen Worte.

    • Leonore
      28. Juni, 2020

      Lieber Herr Schultheis,
      auch ein Leserkommentar wie der Ihre ist so ein Riß, durch den ganz plötzlich eine goldene Sonne leuchtet und dir das Herz erwärmt, um es mit Ihren Worten zu sagen… Es ist tröstlich, Ihre Zuschrift faßt meine Gedanken und Gefühle besser in Worte als ich das gekonnt hätte. Ich werde sie mir ausdrucken und in das Fotoalbum kleben, damit meine Kinder und Enkel vielleicht irgendwann mal verstehen, warum ihre Mutter und Oma, die sie stets rasch abwürgten, wenn das Gespräch auf die politische Entwicklung kam, immer wieder mal so ernst, besorgt und traurig war.

  • Helmut Bühler
    25. Juni, 2020

    Ich fürchte auch, dass wir die endgültige Machtübernahme der linksgrünen Wohlstandsverwahrlosung nicht werden aufhalten können. Längerfristig jedoch wird der Islam das Heft in die Hand bekommen. Dann sind wir Political Correctness und Genderkrampf zwar los, müssen dafür aber zu Ehren Allahs den Hintern gen Himmel recken. Es fragt sich noch sehr, was unangenehmer ist. Diese Transformation könnte schneller kommen als mancher glaubt. Unsere Weltverbesserer werden zügig die industrielle Basis und damit auch die materielle Basis Deutschlands und Europas ruinieren. Wenn unsere Gäste dann nicht mehr erhalten werden, was Allah ihnen durch den Mund der großen Kanzlerin zugesprochen hat, dann werden sie es sich mit Gewalt nehmen. Wer sollte sie daran hindern?

  • Bruno Koslovski
    25. Juni, 2020

    Da gibt es für mich noch ein erstrebenswertes Fernziel ,Argentinien.
    Wenn sich in den nächsten 15 Jahren nichts ändert,und davon gehe ich aus, bin ich verschwunden.
    Der Niedergang unseres bis in die 2000er so schönen Landes ist meiner Meinung nach nicht mehr aufzuhalten.
    Und grade mündige Bürger mit DDR-Erfahrung wie wir können es nicht aufhalten. Wir sind mit schätzungsweise 10 Millionen Nasen einfach zu wenige…..
    Vielen Dank für diesen wundervollen Aufsatz.

  • Till Sitter
    25. Juni, 2020

    Vielen Dank für dieses Lesevergnügen, werter Herr Ackner. Mehr Meinung habe ich zu dem Artikel nicht, es ist alles gesagt. 😊

  • Andreas Schmidt
    25. Juni, 2020

    Vielen Dank fuer den Artikel, sehr lesenswert. Vielleicht eine kleine Korrektur: „Frieden schaffen ohne Waffen“ war ein Slogan der kirchlichen Friedensbewegung und der militanten Doktrin der DDR “Der Friede muss bewaffnet sein” entgegengesetzt.

  • Sigrid Ebert
    25. Juni, 2020

    Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel! Anmerkung: Auch für mich gibt es ein dreifaches NIEMALS!

  • Kath
    25. Juni, 2020

    Herr Ackner, danke für den tollen Artikel, sehr unterhaltsam.
    Wir sind voriges Jahr aus Deutschland (genauer: Berlin) geflüchtet. Ich als ehemalige “Ossi” weiß genau, wovon Sie reden. Ich bin ungefähr im gleichen Alter wie Sie und habe die gute Zeit der Bundesrepublik auch noch geniessen dürfen. Aber in den letzten paar Jahren eben auch die derben Kontraste: Wedding-Gesundbrunnen ( Arbeitsstelle) und Prenzlauer Berg (meine Heimat). Die Bornholmer Brücke kann man ohne Hindernisse passieren, aber es sind Welten dazwischen. Leider hat sich meine alte Heimat, der Prenzlauer Berg in den letzten 20 Jahren zur Grünen-Hochburg mit Bionadegeschmack entwickelt und der Wedding hat auch keine gute Entwicklung genommen, so findet man doch im ehemaligen Arbeiterbezirk kaum noch autochtone Bevölkerung. Beide Welten haben sich sehr konträr entwickelt, aber (meiner Meinung nach) leider beide ins Extreme. Dit is nich mehr Berlin….
    Wir sind gegangen und hier in Österreich ist es sehr schön, ich bin dankbar und versuche, nicht melancholisch zu werden und alten Zeiten nachzutrauern, die nicht wiederkommen werden….

    Liebe Grüße ,
    Kath

  • Lisa_S
    25. Juni, 2020

    Vielen Dank, lieber Herr Ackner, für diesen sehr guten Text. Sprache, Inhalt, Humor – einfach Klasse. Und ja, ich fürchte, Sie haben absolut recht. Es ist so traurig und macht so wütend, wie unsere Heimat und unsere Demokratie kaputt gemacht werden. Noch vor einigen Jahren hätte ich das nie für möglich gehalten, dachte immer, das hört bald auf, aber die Spirale des Irrsinns dreht sich immer schneller. Meine einzige Hoffnung: Dass diejenigen, die das anrichten, auch möglichst schnell unter den Folgen dessen leiden, was sie uns eingebrockt haben. Meine große Angst: Dass sie es schaffen, sich in ihre “gated communities” zurückzuziehen und dass sie einfach immer weiter machen. Aber: Ich habe zwei Töchter, deshalb verbietet sich die Resignation. Weiterkämpfen für die Kinder! Solange es noch so gute Blogs wie diesen hier mit so herausragenden Autoren gibt, so lange gibt es noch Hoffnung. Danke!

  • Jörg Plath
    25. Juni, 2020

    So was Ähnliches wollte ich demnächst auch schreiben… Er spricht mir aus der Seele.

  • Reabaus
    26. Juni, 2020

    Ich hätte nicht gedacht, dass ich auf dieser Seite mal Zeilen lese, in denen die sozialistische Diktatur der DDR als „weiche Diktatur“ bezeichnet wird. Um Gottes Willen. Ich erlaube mir, dem Autor höflich zu empfehlen, mal die Webseite von Herrn Hubertus Knabe zu besuchen. Vielleicht ändert er dann seine Meinung, wahrscheinlich aber nicht, denn was Herr Knabe beschreibt und belegt, wussten sowieso alle, die es wissen wollten. Möglicherweise sehen die am antifaschistischen Schutzwall Erschossenen das auch etwas anders, als der Autor. Für mich ist es verwunderlich, dass Herr Wendt auf seiner persönlichen Seite dem ein Forum bietet, aber selbstverständlich respektiere ich das, zunächst kopfschüttelnd, letztlich achselzuckend.

  • Bechlenberg Archi W.
    26. Juni, 2020

    Schön, mal wieder von dir zu lesen! Und dann noch so wahres und weises! Namasté 😀

  • Werner Bläser
    26. Juni, 2020

    Wir hatten Michelangelo, Leonardo, Shakespeare, Voltaire, Rousseau, Goethe, Mozart, Beethoven, vor gar nicht so langer Zeit immerhin noch Strawinsky, Picasso, und viele andere. Heute sind das “alte weisse Männer”, die teilweise sogar schon der Zensur unterliegen; Shakespeares “Widerspenstige” und sein “Kaufmann von Venedig” werden kaum noch gespielt.
    Ich habe mich immer gefragt: Wenn man am Gipfel ist, kann es dann nur noch bergab gehen?
    In der alten Bundesrepublik hatten wir ein Maß an Wohlstand und sozialer Sicherung, bei öffentlichem Frieden, erreicht, das fast einmalig und vielleicht nur mit der Schweiz zu vergleichen ist, auch bei einem vergleichsweisen Höchstmass an demokratischer Kultur. Auch das war ein Gipfel. Wohin kann es von da noch gehen?
    Wir haben versucht, den Weg zu gehen, unsere schon gute Gesellschaft zu perfektionieren. Wir haben angefangen, nach den letzten Fehlern und Schwächen zu suchen, die sich finden lassen. Chancengleichheit für Frauen, Bildung für möglichst breite Schichten, verbesserter Minderheitenschutz, u.v.m.. (Parole: “Jedem linken Aktivisten seine persönliche verfolgte Minderheit!”).
    Ich habe an der Uni. die Explosion der Studentenzahlen, besonders in den Schwatz-Wissenschaften, noch miterlebt. Die Universitäten wurden überflutet von jungen Leuten, die mit beinhartem Lernen überfordert waren und in diesen Fächern auch nicht gefordert wurden (das war wohl auch ein wichtiger Grund für sie, diese Fächer zu wählen).
    Schwafeln, mit ideologischen und moralischem Unterton, reichte völlig aus, um Anerkennung unter den Kommilitonen und manchmal auch bei den Professoren, zu finden. Das Ergebnis sehen wir heute in den Redaktionen der Medien (hier konnten sie bruchlos weiterschwafeln – wo sollten diese für praktische Arbeit unbrauchbaren Leute auch sonst hin?).
    Zuerst war es der Sozialismus, der den Passepartout für Statusgewinn unter den “jungen Idealisten” darstellte, dann der Pazifismus, dann die grüne Rettung des Planeten. Heute ist es der Anti-Rassismus, morgen wird es irgend etwas anderes sein.
    Wir müssen begreifen, dass wir hier nicht PRIMÄR Probleme behandeln, sondern dass eine gewisse Klasse von Menschen, die den Ton in unserer Gesellschaft erobert haben, tatsächliche oder erfundene oder masslos aufgeblasene Probleme brauchen wie die Fische das Wasser. Sie leben von diesen “Problemen” – ohne sie wäre ihr Dasein sinnlos, in psychologischer wie ökonomischer Hinsicht.
    Eine gesunde Gesellschaft prüft deren Äusserungen und wägt sie auf Sinnhaftigkeit und auf Angemessenheit ab. Eine Gesellschaft, die Demokratie und Toleranz mit aller Macht “perfektionieren” will, geht hingegen in eine selbstgestellte Falle: in ihrem “heiligen Eifer” geht jedes Maß verloren, und das an sich lobenswerte Streben führt zu dysfunktionalen Ergebnissen.
    Das “Bis-hierher-und-nicht-weiter-mit-Eurem-Protest!” fehlt.
    Michel de Montaigne hat in einem seiner Essais die Frage behandelt, ob es eine sinnvolle Grenze der Moral gäbe. Er bejahte dies, da sich Masslosigkeit und Moral gegenseitig ausschlössen.
    Karl Popper hat gewarnt, dass grenzenlose Toleranz zu Tolerierung der Intoleranten führt. Seine Warnung ist nicht beherzigt worden, und die Feinde der offenen Gesellschaft haben bei uns die Macht übernommen.
    Dass es in Deutschland am schlimmsten kommen würde, war zu erwarten, denn Masslosigkeit gehört zu den über die Geschichte zu beobachtenden Eigenheiten deutscher Kultur – im guten wie im bösen.
    Das “Faustische” ist eben typisch deutsch – wir wollen wissen, was die Welt im innersten zusammenhält. Wenn dies mit der Erkenntnis gepaart ist, dass wir dieses Wissen nicht erreichen können, ist dies produktiv. Wenn grenzenlose Hybris ins Spiel kommt, und wenn anti-rationale Freaks sich anmassen, an der Spitze der Erkenntnissuche zu stehen und Regeln für andere setzen zu dürfen, dann führt es zum Desaster.
    Es ist kein Zufall, dass “weisere” Gesellschaften, die um ihre Grenzen und die Unmöglichkeit, Perfektion zu erreichen, wissen, vom Gift des Irrationalismus und des “Savonarolismus” weitaus weniger betroffen sind als wir.

  • Immo Sennewald
    26. Juni, 2020

    Viele DDR-Erfahrene wie ich lesen so einen Text – herzlichen Dank Wolfram Ackner – als pointierte Zusammenfassung ihrer Erfahrungen beim Abwirtschaften der Bundesrepublik Deutschland durch eine unerschütterlich gesicherte Politbürokratie und mindestens eine in Wohlstand und medialer Verblödung nachgewachsenen Generation. Sie haben die leistungslose Anspruchsberechtigung zum Ideal einer Heilslehre erhoben, die sich kaum mehr vom “Kommunismus als lichter Zukunft der Menschheit” unterscheidet und ihre Deutungshoheit nicht minder radikal bis terroristisch durchzusetzen bereit ist, wie ihre historischen Vorläufer.
    Es ist ihnen auch egal, wen sie als prügelnden, plündernden, Kultur zerstörenden Mob in Dienst nehmen, wenn sie Demokratie und Rechtsstaat ihren Wahnvorstellungen opfern: Hauptsache jeder Widerstand gegen ihre zunächst informelle, dann materielle Machtergreifung (mittels Enteignung) wird erstickt, die Bürger sitzen eingeschüchtert in ihrer Nische, arbeiten für die verbleibenden “Privilegien” und sind dankbar, wenn es hoffentlich nur die anderen trifft.
    Das dürfen wir sagen und schreiben. Noch.

  • Thomas Drachsler
    26. Juni, 2020

    Alles richtig, wie meistens bei Wolfram Ackner. Eine Anmerkung erscheint mir aber trotzdem wichtig : Die „öffentliche Meinung“ und die „veröffentlichte Meinung“ liegen näher beisammen, als Wolfram Ackner und ich das für möglich halten. Sonst wäre dieses Land nicht dort, wo es ist.

  • beccon
    27. Juni, 2020

    Das Schöne am Sachse sein ist, immer die Wahrheit sagen zu können, ohne daß die Berliner das merken. Dor Sodsjalismus siescht – ist der Klassiker und bei der FDJ hieß es regelmäßig “das glooben wir”.
    Eine geschickte Platzierung der Parolen hilft auch. So stand “Alles haraus zum 1.Mai” regelmaßig auf einem Banner quer über die Straße bei uns in Markkleeberg und nahe der Klappse in Altscherbitz vernam man “Was wir sind sind wir durch die Partei.” Moderne Antifanten sind gegenüber den alten Bonzen noch ein viel leichteres Ziel 🙂

  • Tino Naake
    27. Juni, 2020

    Hallo Herr Ackner,
    Vielen Dank für diese etwas wütenden, leicht sentimentalen so doch wahren Worte. Es ist schön, wieder einmal von Ihnen zu lesen. Dahingehend auch einen lieben und großen Dank an Alexander Wendt, dessen lange Gedanken mich jedes Mal sehr anregen und immer genau einen (vor allem psychologischen) Aspekt ansprechen, der mich genau zu diesem Zeitpunkt beschäftigt! Schreiben Sie unbedingt beide weiter!
    Diese Welt, Herr Ackner, wie auch ich sie in den 90ern und Nullerjahren kennengelernt habe, ist noch nicht verloren – auch wenn man gerade einiges pessimistisch betrachten kann. Mainstream und politische Klasse wackeln, sitzen nicht mehr fest im Sattel – sollten am Ende (ich erhoffe dieses bald) abgewählt werden. Es wird so kommen, ich habe die Jahre in der DDR bis zur Wende bewusst auch als junger Mensch miterlebt, der Geruch des nahenden Umbruchs ist schon längst wieder zu bemerken.

    Herr Ackner, an Sie: Ich grüße Sie ebenfalls aus Leipzig! Ihr Text holte mich etwas in meine Vergangenheit zurück. Es war 1993, als ich an diesem kleinen See in Pushkar saß und (unglaublich!) ebenfalls dieses Blumenritual vollzog! Erinnere ich mich recht, dann saß mir gegenüber kein Sadhu, sondern eine andere Kaste. Aber Rubien wollte er auch – und das nicht zu knapp! Als dann innerhalb von Minuten der geforderte Geldbetrag rasant anstieg, stieg ich aus. Ich warf schnell die Blumen in diesen See und beendete diesen Traum. Am nächsten Tag unternahmen wir dann (meine Freundin war mit) eine Kameltour in die Steppe und genossen ansonsten das Vollmondfest (camelfair) Ende Oktober in Pushkar.

    Seien Sie herzlichst gegrüßt!

  • Jens Wittenburg
    15. Juli, 2020

    Vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel.
    Aus der Perspektive eines älteren weißen Ex-Ostbürgers frage ich mich dennoch, ob nicht mehr Gegenwehr als das verweigerte Lächeln bei der eigenen Demütigung möglich wäre oder ob die Teilnahme an den künftigen “Maidemonstrationen” vorauseilend zugesagt werden muss.

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