Günter Scholdt (Experte) und Alexander Wendt (Laie) reden über Haupt- und Nebenwirkungen der Weltmeisterschaft, ihre Lieblingsspieler und die Frage, ob früher im Fußball fast alles besser war


Alexander Wendt: Lieber Günter Scholdt, wir führen hier ein Expertengespräch mit Laienbeteiligung über die WM. Ich versuche der Laienrolle so gut wie möglich gerecht zu werden, falls nicht, bitte ich schon jetzt um Nachsicht. Sie haben mit „Fußball war unser Leben“ eine Art Nachruf auf diesen Sport geschrieben, wie er einmal war. Die Weltmeisterschaft gehört zu einer völlig anderen Welt. Mit welcher Stimmung verfolgen Sie die Spiele?

Günter Scholdt: Als ich 2024 bei Manuscriptum meinen Band über den durch Kommerz und Politik beschädigten Fußball vorlegt hatte, stand ich noch ganz im Bann eines spektakulären Missgriffs: der totalen Instrumentalisierung dieser Sportart durch woke Netzwerke und Globalagenden im Rahmen der Weltmeisterschaft von Katar zwei Jahre zuvor. Die aktuelle WM verfolge ich entspannter, zumal die Politisierung etwas zurückgefahren wurde. Zwar gelten wesentliche Diagnosen meines Buchs weiterhin. Aber die Verantwortlichen zum Beispiel beim DFB haben durch den Schaden von Katar ein wenig gelernt. Sie tapsen nicht mehr in jedes Fettnäpfchen.

Alexander Wendt: Von Katar blieb eigentlich nur zweierlei in Erinnerung: die Regenbogenbinde am Arm von Nancy Faeser – ein tiefer Einschnitt – und das kollektive Mundzuhalten beim Mannschaftsfoto der deutschen Startelf gegen Japan. Diesmal gab es, wenn man so will, ein Zeichen ohne offizielle Zeichensetzer: das gemeinsame Gebet von Felix Nmecha mit Jonathan Tah und Spielern von Curaçao. Man kann wirklich von einem Zeichen sprechen: Denn das führte zu echter Aufregung – nicht im Publikum, aber bei anderen.

Günter Scholdt: Immerhin hängte man den (aus dem Dortmunder Anfangsjahr wieder hochgekochten) Homo- bzw. Transphobie-Vorwurf gegen Nmecha diesmal niedrig. Und öffentlich beten durfte er. Das fand nur die taz skandalös. Nmecha hatte sich schließlich in den ersten zwei WM-Spielen sehr leistungsstark gezeigt. Schon die Borussia-Vorstandsetage machte ja seinerzeit – bei 30 Millionen Euro Ablösekosten – nach einem bisschen Theaterdonner gute Miene zum angeblich bösen Spiel.

Alexander Wendt: Die Zeit fragte zu Nmecha ernsthaft: „Kann denn Beten Sünde sein?“, n-tv nannte das Gebet „umstritten“. Aber noch einmal zu den Vorwürfen damals: Soviel ich weiß, hat Nmecha nichts gegen Schwule.

Günter Scholdt: Er hat einmal als Spieler von Wolfsburg einen Post geteilt, der sich aus religiöser Warte kritisch mit der PRIDE-Bewegung auseinandersetzt, die sich übrigens im WM-Spiel – ausgerechnet zwischen Ägypten und dem Iran – im Stadion ungerügt inszenieren durfte. Doch Hass gegen Schwule teilt Nmecha gewiss nicht, was übrigens in den wenigsten Fällen der Skandalisierung durch LGBTQ der Fall ist. Denn zwischen persönlicher Herabsetzung und dem, was die Regenbogen-Ideologie und -Industrie uns zumutet, darunter aggressiv vermarktete geschmacklose Sexspektakel und die leichtfertig-gefährliche medizinische Beeinflussung von Jugendlichen in einer besonders prekären Entwicklungsphase, liegen Welten. Und nicht zuletzt sollte unter Zivilisierten mal wieder der Grundsatz zur Geltung kommen, dass die Sexualität anderer die Öffentlichkeit eigentlich nichts angeht. Doch indem ich dies formuliere, bin ich mir meines Status‘ als Zeitgeist-Fossil durchaus bewusst.

Alexander Wendt: Zu jeder EM und WM gehört in Deutschland die sogenannte Debatte um Schwarzrotgold – und wer es wie zeigen darf. Wie lautet der Spielstand 2026?

Günter Scholdt: In der Tat wirkt die alberne Kabbelei darüber, wer welche deutsche Flagge wann und wo aufstellen beziehungsweise tragen darf, wie ein ideologisches Saurier-Problem. Im Bundestag, bei der Kieler Woche und teils beim öffentlichen Schauen war es offenbar unerwünscht. Man sah derartige Fahnen im aktuellen Stadtbild ohnehin deutlich weniger als zu Zeiten, in denen Merkel, Bitburger und Co. zum „Sommermärchen“-Partyotismus animierten. Ein Vorgang, dessen Wirkung eine ARTE-Sendung 2026 gerade zum rechten Schreckgespenst aufblies.

Alexander Wendt: Bei ARTE behauptete jemand, es hätte 2006 in Deutschland pogromartige Ausschreitungen gegen Italiener gegeben – eine freie Erfindung. Tatsächlich, diesmal sah man nur wenige Fähnchen an Autos, nach dem Ausscheiden Deutschlands flatterten gar keine mehr. Zeigt sich darin eine gewisse Erschöpfung oder Ernüchterung des Publikums? Seit 2018 hat es die deutsche Auswahl nicht mehr unter die 16 Besten bei einer WM geschafft. Kommen Publikumsmobilisierung und fußballerische Leistungen möglicherweise auf die gleiche Ebene – eben etwas tiefergelegt? Vielleicht finden sich beide in einer neuen Normalität wieder?

Günter Scholdt: Von Normalität im Umgang mit unseren Kickern sind wir trotzdem weit entfernt. Linke Kreise fürchten deren nationale Ausstrahlung und instrumentalisieren sie zugleich innenpolitisch. So verklärte der grüne MdB Timon Dzienus Migration gegen AfD-Bedenken pauschal als etwas „Tolles und Bereicherndes“ und fragte im Bundestag: „Was wäre denn unsere Nationalmannschaft ohne Jonathan Tah, Jamal Musiala und Deniz Undav?“

Alexander Wendt: Abgesehen davon, dass Musiala gebürtiger Stuttgarter ist und von dem grünen Abgeordneten eben mal rhetorisch ausgebürgert wurde – wie lautet Ihre Antwort auf Dzienus‘ Frage?

Günter Scholdt: Zunächst einmal schnoddrig: Viel schlechter hätte die Mannschaft ohne die drei gegen Paraguay auch nicht gespielt. Aber das sind ohnehin nur von der jeweiligen Tagesform abhängige Scheinargumente, die für eine gesellschaftliche Debatte wenig taugen. Schon 2018 trompetete der Tagesspiegel: „Der WM-Titel 2014 war das alleinige Verdienst einer multiethnischen Fußballmannschaft. Das Team ist der beste Beweis dafür, wie grotesk das Verlangen nach einer bewahrenswerten deutschen Identität ist.“ Das ist es gewiss nicht. Und auf so platte Pseudobelege hat seinerzeit bereits Michael Klonovsky geantwortet: „Tja, und wessen Verdienst ist der letzte Gruppenplatz in der Vorrunde?“

Alexander Wendt: Fußballergebnisse entscheiden oder ersetzen natürlich keine politische Debatte über Migration. Aber Fußball wurde von Politikern immer als Gesellschaftsmetapher verstanden, vor allem aber als Bühne: Helmut Kohl besuchte bekanntlich die Mannschaft 1996 in der Kabine – Mehmet Scholl meinte damals auf die Frage, wie es war, als der Kanzler zu ihnen kam: „Eng.“ Merkel folgte Özil 2014 mit Medienbegleitung in die Umkleide. Wie steht es in diesem Jahr um die Mesalliance von Politik und Fußball?

Günter Scholdt: Diesmal wetteiferte Friedrich Merz mit Jürgen Elsässer um die patriotischste Vereinnahmung des Teams. Unser Kanzler schenkte dem Unhold Trump sogar ein Nationaltrikot und kommentierte selbst das Fiasko gegen Paraguay als inneren Gewinn. Extrem bitter und schmerzlich sei das Ausscheiden gewesen, aber: „Was für ein Spiel! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Oha! Auch vom Fußball versteht dieser Mann also nichts angesichts eines der leidenschaftslosesten, uninspiriertesten WM-Auftritte deutscher WM-Fahrer seit langem. Fast so schrecklich wie jener Gijóner Nichtangriffspakt mit Österreich zu Lasten Algeriens.

Alexander Wendt: Hier muss man vielleicht für Jüngere oder noch weniger Fußballvertraute als ich einwerfen: Die „Schande von Gijón“ bestand darin, dass sowohl Deutschland als auch Österreich 1982 nach der frühen deutschen 1:0-Führung weiterkamen und sich deshalb ganz offensichtlich auf dem Platz keine Mühe mehr gaben. Daneben gab es noch die „Schmach von Córdoba“ 1978, als Deutschland gegen Österreich 2:3 verlor. Die Titanic hatte in ihren besseren Zeiten übrigens einmal öffentlich eine Gedenktafel aufgestellt: „Orte der Schande, die wir nie vergessen dürfen“. Da kam Córdoba auf jeden Fall vor; Gijón – da bin ich mir nicht ganz sicher. Früher waren Fußball und Spieler und sogar Kommentatoren – man denke an Heribert Faßbender – eine zuverlässige Quelle von Spott, Persiflage und Satire, von der man dachte, sie könnte niemals versiegen. Die Sportler selbst lieferten schon überreichlich Stoff. Jetzt trocknet sie offenbar doch aus. Oder übersehe ich etwas?

Günter Scholdt: Da ist was dran. Sport, Sportmarketing und nicht zuletzt Sportpolitisierung ist ein bierernstes Geschäft geworden. Man kann sich leicht den Mund dabei verbrennen. Auch als Moderator muss man sich akribisch innerhalb bestimmter Grenzen halten. Der Fall eines Freigeists wie Mehmet Scholl hat dies exemplarisch gezeigt. „Fall“ übrigens im doppelten Wortsinn, denn dieser Prominente erlaubte sich noch so manchen zum Lachen reizenden frechen Spruch und löckte gegen den Stachel der Korrektheit, bis man ihn vom ÖRR-Hof wies. Das passiert den Hitzlspergers und Co. gewiss nicht. Und auch unser Bundes-Loddar schnitte sich eher die Zunge ab, als noch einmal über Frauenfußball zu lästern.

Alexander Wendt: Müssen wir etwa auf Friedrich Merzens Botschaft zum Ausscheiden der Mannschaft als letzte Humorressource zurückgreifen? Beziehungsweise auf seine nachgeschobene Erklärung vom „Abstimmungsfehler“?

Günter Scholdt: Das schützt ihn kaum vor dem Gelächter des Fernsehpublikums. Das hieße doch nur, dass auch seine PR-Abteilung wenig vom Fußball und nichts von PR versteht. Langsam klappt offenbar hierzulande, vom Flughafenbau bis zur Bahn, rein gar nichts mehr. Das ZDF verdaddelt bei der Übertragung einfach fast die Hälfte der Eröffnungsfeier. Aber zurück zu Merz: Plötzlich präsentierte sich der verhöhnte Großmeister des Wählerbetrugs – siehe Schuldenbremse – als charakterstark-unerschütterliche Eiche: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. […] Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“ Was für ein deutscher Mann in einem Meer von sofort aufbrandenden Wankelmütigen, die nach den verfrühten Siegesarien beim 7:1 gegen Curaçao nun flugs den Trainersturz orchestrieren.

Alexander Wendt: Nagelsmann nimmt, wie man hört, sieben Millionen Euro Abfindung mit. Damit stürzt er nicht allzu hart. Ganz nebenbei: Gab es in der Fußballgeschichte schon einmal einen Trainer, der so ausnehmend hässlich angezogen war wie Nagelsmann?

Günter Scholdt: Da müsste ich überlegen. Aber ich will nicht auch noch die Modebranche gegen mich aufbringen. Außerdem sehe ich der Anstoßzeiten und Übertragungsrechte wegen nicht alle WM-Spiele. Tun Sie denn das?

Alexander Wendt: Nicht alle, nur ab und zu. Meist vergesse ich aber, den Ton einzuschalten.

Günter Scholdt: Weil Sie noch irgendwas nebenher tun?

Alexander Wendt: Ja, Henry James lesen. Bei ihm funktionieren die Spannungsbögen immer. Auf dem Rasen teils, teils. Wie gefallen Ihnen bisher die Kommentatoren und Kommentatorinnen?

Günter Scholdt: Na ja, man gewöhnt sich nolens volens an die bereits von Katar her geläufigen Verdächtigen im ÖRR-Team, deren dortige Regenbogen-Loyalität jetzt reiche Rendite bringt. Neben Kramer, Mertesacker, Hitzlsperger amtet die obligate Frauenfraktion, die sämtliche männlichen Plattitüden noch einmal papageienhaft variieren darf. Für Christian Streich lohnte sich sein demagogischer „Correctiv“-Alarmismus gegen rechts. Jetzt präsidiert er – eine Art Elder Statesman – inmitten von Rechtgläubigen. Im Übrigen werde ich hienieden von „Moderatoren“, die keine schlichten „Reporter“ mehr sein wollen, wohl nie mehr wie einst Grundinformationen erwarten wie etwa Spielernamen. Die Nennung von Elementardaten zur Leistungsmusterung sind unter der Würde heutiger Kommentatoren, die sich weithin auf das Einhämmern dessen beschränken, was selbst Einäugigen nicht entgeht.

Alexander Wendt: Wie machen die Kommentatorinnen ihre Arbeit?

Günter Scholdt: Frauenpower per Quotierung beschert uns wohl bis zum Sankt-Nimmerleinstag die stimmliche Krähenfraktion à la Claudia Neumann, Christina Graf sowie der penetranten Besserwisserin Almuth Schult. Ihre durch forciertes Männlichkeitsgetue gesteigerte akustische Peinigung lässt einen fast reflexartig die Stummtaste drücken. Wie nur schaffen es die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich, so zielsicher Nervensägen aufzutun? Gibt es doch fraglos mehrheitlich angenehmere weibliche Stimmen.

Alexander Wendt: Wie sieht es bei den männlichen Kollegen aus? Über Gari Paubandt schrieb die FAZ: „Wenn du sprichst, bluten den Göttern die Ohren.“

Günter Scholdt: Das mögen einzelne ja so empfinden. Aber ich bezweifle, dass dieses Verdikt von so vielen geteilt wird wie bei den genannten Damen. Außerdem herrscht ein wesentlicher Unterschied: Es kursierten auch früher unter Zuschauern spöttische Kommentare etwa über Rubenbauer oder Faßbender, und manche derart Geplagte erstellten regelrechte Sammlungen unfreiwilliger Komik. Die Sender nahmen das aber klaglos hin. Wenn heute Entsprechendes über Neumann und Co. öffentlich geäußert wird, macht man daraus schon fast eine frauenfeindliche Staatsaffäre und Dutzende feministischer NGO’s heulen auf. Sogar Strafantrag wegen Beleidigung wurde von den Betroffenen schon gestellt, als wäre es ein Menschenrecht, im ÖRR zu knarzen.

Alexander Wendt: In Ihrem Buch von 2024 kritisierten Sie die Durchkommerzialisierung des Fußballs bis in den letzten Winkel. Hat sich die FIFA hier trotzdem noch einmal gesteigert?

Günter Scholdt: Der Schrei nach Money beseelt besonders dieses FIFA-Event als Gelddrucksystem, das die Grenze zur Selbstzerstörung leider immer noch nicht erreicht hat. Aus 32 Nationen in Katar wurden schlagartig 48, aus 64 Spielen 104. Mit allen Nachteilen solcher Aufblähung: Zunehmend unwirtliche Anstoßzeiten, noch größere Verzerrungen, wenn, kaum vergleichbar, irgendwelche Dritte zu ermitteln waren. Belastung der Spitzensportler über das Vertretbare hinaus. Dabei mimt man (analog zur politischen Klasse) gleichzeitig den großen Gesundheitsschützer und verordnet, unabhängig von den jeweiligen Temperaturen, generell Trinkpausen alias „Hydration Breaks“. Pfeifende Zuschauermassen demonstrieren immerhin, dass der eigentliche Zweck solcher Maßnahmen als Reklamepausen der Mehrheit nicht verborgen blieb.

Alexander Wendt: Eine Frauenquote bei den Offiziellen im Männerfußball ist mittlerweile Standard. Spielen dabei auch kommerzielle Überlegungen eine Rolle?

Günter Scholdt: Durchaus. Schließlich peilen die Veranstalter statt einer begrenzen Zahl sportspezifischer Adressaten ein möglichst großes, vornehmlich am Spektakel interessiertes Publikum an. Wirkliche Sachkunde tritt somit hinter Entertainment zurück. Wir erfahren nun vermehrt Details über Promis unter den Zuschauern. Oder man/frau begutachtet Shakiras Brille. Man huldigt zudem aus scheinbarer Gleichheitsgerechtigkeit dem wenig plausiblen Mehrwert, wonach Männerspiele zunehmend durch Schiedsrichterinnen geleitet werden müssen. Dabei hübscht etwa der Ex-Schiri Patrick Ittrich die Leistung der Schiedsrichterin von Deutschland gegen Ecuador schleimerisch zur „Weltklasse“ auf: „Mit Abstand die beste Leistung bei der WM“. Warum? Weil sie auch mal einem Spieler die Hand auf den Arm gelegt und gelächelt habe, während sie trotz VAR-Option wohl als einzige im Stadion ein krass irreguläres Tor nicht als solches erkannte. Fast wäre unser Gegner dadurch ausgeschieden. Macht nichts bei ihrer positiven Ausstrahlung. Angesichts solcher Kriterien fehlen einem die Worte.

Alexander Wendt: Mein größter Schiedsrichter-Held ist für alle Zeiten Pierluigi Collina. Gibt es souveräne Figuren dieser Art gar nicht mehr?

Günter Scholdt: Generell gilt wohl, dass man Schiedsrichter durch diese Art der VAR-Nutzung fast systematisch zu Entscheidungszwergen degenerieren ließ. Auch glaube ich nicht, dass es im Sinne des Spiels ist, wenn Millimeter einer Fußspitze über Abseits entscheiden und es endlos dauert, bis ein Schuss als Tor kreditiert wird. Ein pragmatischer Ausweg aus diesem Dilemma wäre m. E., ein Match einfach mal laufen zu lassen und den Schiedsrichtern ein Mindestmaß an Freiraum und Irrtum zuzugestehen, der nur grobe, ins Auge springende Regelverstöße überprüft. Im Gegenzug sollte man den Trainern Challenges geben. Wenn sie diese für lächerliche Einwurf-Einsprüche verpulvern und so am Schluss ein entscheidendes Tor nicht korrigieren können, ist das ihr Problem. Darüber hinaus halte ich – ähnlich wie bei Justizministern – diejenigen Schiedsrichter für die besten, über die man am wenigsten spricht.

Alexander Wendt: Fußball ist auch zum gesamtgesellschaftlichen Tugendspektakel geworden. Heute gibt es Kategorien des Fehlverhaltens, die früher gar nicht existierten.

Günter Scholdt: In der Tat. Insbesondere der überall gewitterte „Rassismus“ will tüchtig bekämpft sein. So wurde etwa Paraguays Miguel Almirón vom Platz gestellt, weil er die Hand vors Gesicht gehalten hatte. Diese Regel hat man im Vorfeld der WM geschaffen, um explizit Rüpel wie Vinicius Junior vor Beleidigung zu schützen. Aber wie pervers ist denn das: Jemanden bereits zu sanktionieren, weil er etwas gesagt haben könnte, was Stadionbüttel per Lippenlesen als strafbar ermitteln könnten? Eine völlige Verkehrung der Nachweispflicht, wobei man sich ohnehin fragt, ob jedes in der Hitze des Gefechts gefallene Wort auf die juristische Goldwaage gelegt werden soll. Was für eine Gesellschaft kleinkarierter Denunzianten ist da entstanden! Dem Ecuadorianer Hincapié passierte später dasselbe. „Nichts gelernt von Almirón“ titelte in der Manier hämisch petzender Musterschüler der Kicker. Gerade noch mal davon kam der australische Referee Shaun Evans für eine Handgeste, die inquisitorische Sittenwarte als „White Power“-Symbol identifiziert haben wollten. Die FIFA akzeptierte nämlich seine Erklärung, es habe sich nur um ein „unterbewusstes Zucken“ gehandelt. Hätte er für „Black Power“ gezuckt, wäre er aus dem Schneider gewesen. Wie wirkliche Verbrüderung im nationalen Gemeinschaftserlebnis aussieht, verraten etwa Jubelbilder anlässlich Ecuadors Einzug ins Sechzehntelfinale als ungestellter Ausdruck gloriosen Feierns, das keine Rassenschranken mehr kennt. Das markiert den positiven Weg zur Integration ohne gesinnungsmäßige Drohkulisse oder politpädagogischen Rohrstock.

Alexander Wendt: Ich glaube, wir müssen nochmal zum Sport selbst zurückkommen. Ihr Kommentar zum Scheitern der deutschen Auswahl?

Günter Scholdt: Nicht mal Elfmeter-Schießen können wir mehr – jahrzehntelang einschüchternde Domäne deutscher Fußballer bei WM-Turnieren. Damit liegen unsere Kicker im allgemeinen Trend des hiesigen Niedergangs. Wenigstens verzichtete Kapitän Kimmich auf Ausreden, wie sie noch bei der letzten EM in Sachen Cucurella umliefen.

Alexander Wendt: Gab es für Sie auch einen Moment des fröhlichen Spiels? Von Franz Beckenbauer stammt ja der große Satz für seine Jungs: „Geht’s raus,  habt Spaß und spielt’s Fußball.“

Günter Scholdt: Den gibt’s tatsächlich noch gelegentlich, wenn Spielern etwas Artistisches gelingt. Dann sieht man ihnen die pure Freude an. Andererseits ist die Unterwerfung im Rahmen eines taktischen Systems schon bemerkenswert. Die früheren „Exoten“, die einem ausgebufften Team naiv ins Messer liefen und abgeschossen wurden, sieht man kaum noch. In der Regel können alle diszipliniert verteidigen. Und bevor einer vermeintlich hoch überlegenen Mannschaft ein Treffer gelingt, beißen sie sich nicht selten fast die Zähne aus.

Alexander Wendt: Welcher Spieler gefällt Ihnen bisher am besten? Ich gebe zu, ich folge hier Oscar Wilde, bekanntlich auch kein Ballsportkenner: „Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem Äußeren.“ Für mich jedenfalls: Bellingham.

Günter Scholdt: Mein Idol ist Harry Kane. Ich schätze ihn seit langem als nervenstarken Vollstrecker, als kampfstarke Führungsfigur, die sich jederzeit dem Teamerfolg unterordnet, als Prominenter ohne Dünkel, glamouröse Exzesse und peinliche Egotrips. Sportler von Kopf bis Fuß, wie man ihn sich als Vorbild nur wünscht. Als er neulich ausnahmsweise mal einen Elfmeter zu schinden suchte, war ich fast entsetzt, so als hätte man einen Sittenprediger zumindest beim Naschen erwischt.

Alexander Wendt: Sehen wir ein Endspiel England-Spanien?

Günter Scholdt: Wenn ich zustimme, wird’s vermutlich anders ausgehen. Ich spreche mir fraglos einen gewissen Fußballverstand zu, aber keine Fähigkeit, ein ganz bestimmtes Spiel vorherzusagen. Solche Ansprüche habe ich schon in meiner Jugend aufgeben müssen, als ich gemeinsam mit meiner Mutter wöchentlich Totoscheine ausfüllte. Sie, die noch nie ein Fußballspiel vollständig gesehen hatte, hat nämlich damals gewonnen, während ich, der fast von jeder Mannschaft auf dem Totoschein die Spielernamen hätte aufzählen können, leer ausging. Doch sei’s drum. Frankreich bleibt für mich mit in der Verlosung. Und natürlich Argentinien, dessen Spielstil ich seit Jahren bewundere.

Alexander Wendt: Schauen Sie sich die Spiele jetzt immer noch an?

Günter Scholdt: In der Endphase sogar mit größerem Vergnügen. Einen Vorteil hat die DFB-Blamage nämlich für mich persönlich: Ich kann mich nun, ungetrübt von deutschen Befindlichkeiten – denn Fremdschämen liegt mir nicht –, an den Kunststücken der Ballathleten anderer erfreuen. Guten Fußball und höchst spannende Spiele gibt es in allen belebten Kontinenten. Und manche Auseinandersetzungen sind äußerst reizvoll. Der eigentliche Spaß hat begonnen.


„Fußball war unser Leben: Wie Kommerz und Politik die schönste Nebensache der Welt fast zerstörten“, Günter Scholdt, 2024, Manuscriptum, 488 Seiten, 28 Euro

Vom gleichen Autor:

„Eisblumen. Nonkonformistische Lyrik im Dritten Reich. Eine Anthologie“, Günter Scholdt, Christoph Fackelmann, Ruth Wahlster, 2024, Lepanto, 840 Seiten, 32 Euro

 

 


Liebe Leser, Publico erfreut sich einer wachsenden Leserschaft, denn es bietet viel: aufwendige Recherchen – etwa zu den Hintergründen der Potsdam-Wannsee-Geschichte von “Correctiv” –, fundierte Medienkritik, wozu auch die kritische Überprüfung von medialen Darstellungen zählt, Essays zu gesellschaftlichen Themen, außerdem Buchrezensionen und nicht zuletzt den wöchentlichen Cartoon von Bernd Zeller exklusiv für dieses Online-Magazin.
Nicht nur die freiheitliche Ausrichtung unterscheidet Publico von vielen anderen Angeboten. Sondern auch der Umstand, dass dieses kleine, aber wachsende Medium – anders als beispielsweise “Correctiv” – kein Staatsgeld zugesteckt bekommt. Und auch keine Mittel aus einer Milliardärsstiftung, die beispielsweise das Sturmgeschütz der Postdemokratie in Hamburg erhält.
Hinter Publico steht weder ein Konzern noch ein großer Gönner. Da dieses Online-Magazin bewusst auf eine Bezahlschranke verzichtet, um möglichst viele Menschen zu erreichen, hängt es ganz von der Bereitschaft seiner Leser ab, die Autoren und die kleine Redaktion mit ihren freiwilligen Spenden zu unterstützen. Auch kleine Beträge helfen.
Publico ist am Ende das, was seine Leser daraus machen. Deshalb herzlichen Dank an alle, die einen nach ihren Möglichkeiten gewählten Obolus per PayPal oder auf das Konto überweisen. Sie ermöglichen, was heute dringend nötig ist: einen aufgeklärten und aufklärenden unabhängigen Journalismus.
Der Betrag Ihrer Wahl findet seinen Weg via PayPal
oder per Überweisung auf das Konto
A. Wendt/Publico
DE88 7004 0045 0890 5366 00
BIC: COBADEFFXXX

Die Redaktion


Unterstützen Sie Publico

Publico ist weitgehend werbe- und kostenfrei. Es kostet allerdings Geld und Arbeit, unabhängigen Journalismus anzubieten. Im Gegensatz zu anderen Medien finanziert sich Publico weder durch staatliches Geld noch Gebühren – sondern nur durch die Unterstützung seiner wachsenden Leserschaft. Durch Ihren Beitrag können Sie helfen, die Existenz von Publico zu sichern und seine Reichweite stetig auszubauen. Vielen Dank im Voraus!

Sie können auch gern einen Betrag Ihrer Wahl via Paypal oder auf das Konto unter dem Betreff „Unterstützung Publico“ überweisen. Weitere Informationen über Publico und eine Bankverbindung finden Sie unter dem Punk Über.

PayPal:
Publico unterstützen


Überweisung:
Publico per Überweisung unterstützen


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter, wir benachrichtigten Sie bei neuen Beiträgen.
* Ja, ich möchte über Neue Beiträge von PublicoMag.com per E-Mail informiert werden. Die Einwilligung kann jederzeit per Abmeldelink im Newsletter widerrufen werden.

Was denken Sie darüber?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert