Wer die Geschichte vom Untergang des Ancien Régime in Frankreich liest, entdeckt verblüffende Ähnlichkeiten mit der Gegenwart. Das System kollabierte vor allem deshalb, weil seine Profiteure sich ein Ende einfach nicht vorstellen konnten


In amtlichen Zahlenwerken findet sich ab und zu ein Puzzlestück, das ein Bild vervollständigt. Das Statistische Bundesamt gab im Januar die Beschäftigungsdaten für das vergangene Jahr bekannt. Erstmals seit langer Zeit ging 2025 die Zahl der Beschäftigten in Deutschland insgesamt zurück, obwohl die Nettozuwanderung seit 2015 jedes Jahr im sechsstelligen Bereich lag.

Die Details erzählen etwas über eine grundsätzliche Gewichtsverschiebung in der Gesellschaft. Im privatwirtschaftlichen Bereich sank die Zahl der Arbeiter und Angestellten innerhalb eines Jahres um 210 000 auf 33,6 Millionen. Einen Zuwachs gab es nur im öffentlichen Sektor einschließlich des zumeist öffentlich finanzierten Gesundheitsbereichs, und zwar um 205 000. Im verarbeitenden Gewerbe, also dem Teil der Wirtschaft, den der Chef der Softwarefirma Palantir als „wirtschaftliches Herz Deutschlands“ bezeichnet, fiel die Beschäftigung innerhalb von nur zwölf Monaten um 143 000 auf 7,9 Millionen Personen, im Bau um 23 000 auf 2,6 Millionen.

Die Zahl der Selbstständigen sinkt seit Jahren beständig; im vergangenen Jahr zählte diese Gruppe 3,66 Millionen, 2015 lag die Zahl noch bei 4,16 Millionen. Nur ein einziger Bereich steigert sich seit einem Jahrzehnt ungebrochen, während der Corona-Jahre genauso wie in den mittlerweile drei Rezessionsjahren: der Staatssektor. Der öffentliche Dienst kam 2015 noch mit 4,695 Millionen Angestellten und Beamten aus, 2025 drängelten sich hier 5,38 Millionen. Und diese Zahlen erfassen nur den Kernbereich. Zum sogenannten zweiten öffentlichen Dienst, dem Schattenbereich der ganz oder teilweise steuergeldfinanzierten NGOs, existieren keine zuverlässigen Zahlen. Auch der Teil der Wirtschaft, der als privat gilt, tatsächlich aber teilweise oder überwiegend von Staatsgeldern lebt, lässt sich nur sehr grob abschätzen.

Die Ampel-Regierung gab von 2021 bis 2024 insgesamt 30 Millionen Euro für externe Gutachten und Beratungen aus; mehr als die Hälfte davon, 16,5 Millionen, entfiel auf das Ressort von Robert Habeck. Zählt man also den unmittelbaren Staatsbereich, die 5,5 Millionen Bürgergeldempfänger und noch einen sehr konservativ gerechneten Aufschlag für den nicht ausgewiesenen öffentlichen Graubereich dazu, dann übersteigt deren Gesamtzahl die Beschäftigung in Industrie und Selbstständigkeit mittlerweile deutlich. Und alles spricht dafür, dass sich die Verhältnisse weiter zu Lasten der einen und zugunsten der anderen Gruppe entwickeln.

Dieses Menetekel liest sich zugegebenermaßen zäh, es kostet Mühe, sich durch die Statistik zu arbeiten, um dann wieder auf das große Bild zu schwenken. Mit dem ganz großen Bild, dem Panorama, befasst sich kein Forscher so intensiv wie der aus Russland stammende Peter Turchin, Erfinder des jungen Gebiets der Kliodynamik, die er selbst so definiert: „Kliodynamik ist die Anwendung der Komplexitätswissenschaft auf die Geschichte.“ Sein Institut namens „Complexity Science Hub“ in der Wiener Metternichgasse 8 befasst sich mit der Frage, warum Gesellschaften kollabieren. Seine Datenbank umfasst nach Turchins Auskunft 800 Fälle des Niedergangs von Gemeinwesen aus insgesamt 4000 Jahren. Ihm und seinen Mitarbeitern geht es darum, darin wiederkehrende Muster aufzuspüren.
Die Weltwoche verpasste Turchin die durchaus passende Berufsbezeichnung „Kollapsologe“. In seinen Büchern von „Ages of Discord“ bis zu seinem neuesten, „End Times. Elites, Counter-Elites and the Path of Political Disruption“ erklärt er, woran Imperien nach oft langandauernden Blütephasen scheitern. Der Kern seiner Thesen lässt sich ungefähr so zusammenfassen:

Staaten geraten aus dem Gleichgewicht, wenn es zu einer Überproduktion von Funktionseliten kommt – und diese Eliten einen so großen Teil des Wohlstands verzehren, dass dem Rest der Gesellschaft der Geduldsfaden reißt. Ein weitverbreitetes Miss- oder vielmehr Falschverständnis besteht darin, Eliten für eine Gruppe überdurchschnittlich befähigter und dadurch zur Führung legitimierter Menschen zu halten. Dafür steht der Begriff weder bei Turchin noch überhaupt.
Eliten zeichnen sich weder durch ein besonders moralisches Verhalten noch durch überlegene Intelligenz aus, und auch nur selten durch selbst erworbenen Reichtum. Sie heben sich nur durch zwei Fähigkeiten ab: erstens Definitionsmacht, also den lenkenden Einfluss auf das öffentliche Denken. Und zweitens durch ihr Vorrecht, materielle Ressourcen für sich zu beanspruchen. Kurzum, sie besetzen die dominante Position jeder Gemeinschaft, egal, ob nun Stamm, Staat oder übernationales Gebilde. Solange die Eliten ihr Wohlergehen daran binden, dass sich auch das Leben der anderen verbessert oder wenigstens nicht verschlechtert, genießen Gemeinwesen in aller Regel Zeiten der Stabilität. Das Gleichgewicht geht verloren, wenn sich die Klasse der Privilegierten aufbläht, wenn also immer mehr Personen materielle Ansprüche an den Rest stellen und auch durchsetzen.

Die Lage verschärft sich einmal, wenn es sich nicht um unternehmerische, sondern überwiegend unproduktive Eliten handelt. Dem Kollaps geht eine Gesellschaft noch etwas schneller entgegen, wenn sehr viele Inkompetente innerhalb kurzer Zeit in die herrschende Gesellschaftsebene aufsteigen. Denn dann drücken sie schon durch ihre schiere Zahl die Ressourcenerzeuger weiter unten nicht nur materiell immer härter, sondern brocken ihnen zusätzlich noch Probleme ein, die eine fähigere Führungsschicht schon aus Gründen der eigenen Rechtfertigung vermeiden würde.

Dieses Grundmuster zeigt sich in einem herausragenden Fallbeispiel in Turchins Kollektion historischer Zusammenbrüche besonders klar: dem Niedergang und jähen Ende des Ancien Régime in Frankreich. Die Gesellschaft mit dem absoluten Monarchen an ihrer Spitze gliederte sich in drei Stände, die sich vor allem durch ihre jeweilige Stellung zu den Staatsfinanzen definierten. Der erste Stand, der Klerus, genoss völlige Freiheit von Steuern und Abgaben, der zweite, der Adel, verfügte über das Privileg, seine Last stark zu reduzieren, beispielsweise, indem man mit dem jeweiligen Steuerintendanten ein Arrangement traf. Außerdem durften sich viele in dieser Klasse über Frondienste, also unentgeltliche Leistungen ihrer Untertanen, wieder das hereinholen, was sie nach oben abgeben mussten. Die unverminderte Last der Staatsfinanzierung trug der dritte Stand, die Bürger, Handwerker, Bauern, Diener und Knechte. Darunter gab es noch einen informellen vierten Stand – alle, die in einer solchen Armut lebten, dass die Steuereintreiber sie aus Effizienzgründen in Ruhe ließen.

Diese Standesgesellschaft zeichnete sich durch eine gewisse Durchlässigkeit aus. Um die Staatskasse zu füllen, aus der schon unter Ludwig XIV. ständig mehr ab- als zufloss, verkaufte die Monarchie Staatsämter, aber auch Adelspatente. Wer als Bürger die geforderten 20 000 bis 50 000 Livres aufbringen konnte, durfte in den zweiten Stand aufsteigen und erwarb sich damit eine weitgehende Steuerfreiheit. Nach Schätzung der Historikerin Sylvia Neely wechselten im 18. Jahrhundert etwa 6500 Familien durch Titelkauf vom dritten in den zweiten Gesellschaftsrang. Da die weitgehende Steuererleichterung nicht nur für die Titelkäufer selbst galt, sondern auch für ihre Nachfahren, bedeutete sie für die Aufsteiger langfristig eine gute Investition, für den Staat dagegen einen langfristigen Einnahmeverlust im Tausch gegen einen kurzfristigen Vorteil. Zwar ging die Gesamtzahl der französischen Adelsfamilien im 18. Jahrhundert zurück – einfach, weil viele ausstarben –, von unten gab es aber stetigen Nachwuchs, und zwar aus dem Milieu der finanzkräftigsten Bürger und damit der ehemals besten Steuerzahler.

Nur ein außerordentlich wohlhabender Bourgeois konnte sich die Titelpreise überhaupt leisten. In Zeiten von Ludwig XV. lag das Jahresgehalt einer Dienstmagd zwischen 24 und 33 Livres. Das System der Vénalité, der Ämterkäuflichkeit, erstreckte sich auch auf immer mehr Posten im allgemeinen Staatsdienst. Im 17. Jahrhundert lag die Zahl der Ämter mit Preisschild noch bei etwa 1500, am Vorabend der Revolution von 1789, so schätzt es der britische Historiker William Doyle, bei etwa 70 000. Am Ende des Ancien Régime kam es deshalb zu einem rapiden Preisverfall für die Posten, manche blieben sogar trotz Rabatt auf dem Markt liegen. Dieses System brachte massenhaft für die Amtsführung inkompetente, aber zahlungskräftige Personen in Entscheidungspositionen, es entzog der Krone auch langfristig Geld, während sich der Staat auf der anderen Seite nicht etwa in seinen Ausgaben beschränkte. Ganz im Gegenteil: Vor allem Frankreichs erfolglose Teilnahme am Siebenjährigen Krieg, in dem es fast sämtliche nordamerikanischen Besitzungen einbüßte, verschlang absurd hohe Summen.

Der dritte Stand litt unter dem Alpdruck von 22 verschiedenen Steuerarten, und zusätzlich unter häufigen Missernten wegen der kleinen Eiszeit in Europa. Weil sich aus dieser Schicht der Lastenträger ab einem bestimmten Punkt nicht noch mehr herauspressen ließ, verschaffte sich die Monarchie zusätzlichen Spielraum durch Verschuldung. Als Ludwig XVI. Anne Robert Jacques Turgot zum Generalaufseher der Finanzen berief, fand der Beamte folgende Ausgabengliederung vor: Ein Drittel aller Einnahmen floss in das Heer, 30 Prozent in den Schuldendienst, 10 Prozent in die Hofhaltung und weitere sechs Prozent in die Pensionen der Staatsdiener. Turgot erkannte genauso wie der spätere Finanzminister Jacques Necker, dass die alte Ordnung auf einen Abgrund zuraste, wenn es nicht gelingen sollte, erstens auch die beiden oberen Stände zur Steuerzahlung heranzuziehen, und zweitens die Ausgaben zu senken. Beide scheiterten an der eisernen Weigerung von Klerus und Adel, ihre Vorrechte beschneiden zu lassen, geschweige denn, dass sie bereit gewesen wären, sie aufzugeben.

Ludwig wusste sich angesichts der Lage keinen anderen Rat mehr, als 1788 die Generalstände einzuberufen. Er beauftragte gewissermaßen eine Reformkommission, zu der allerdings auch die Profiteure der zwar schwankenden, aber immer noch bestehenden Ordnung gehörten. In den nächsten zwölf Monaten rollten in Frankreich drei Lawinen herab, die vom Ancien Régime nichts mehr übrigließen. Erstens die Lawine der Wut, die sich in der Provinz löste. Im Jahr 1789 kam es zu lokalen Aufständen, Bauern stürmten Adelssitze, verbrannten die Dokumente, in denen die Frondienste festgeschrieben standen und manchmal auch gleich das ganze Schloss. Am 14. Juli fiel in Paris die Bastille.

Als der Brandgeruch gewissermaßen noch in der Luft lag, fasste die Nationalversammlung ihre berühmten Augustbeschlüsse, deren zentraler Punkt lautete: „Alle Sonderrechte sind gestrichen und jeder Bürger ist gleicherweise steuerpflichtig.“ An diesem Tag kam die institutionelle Lawine an ihr Ziel. Hier lag der Umschlagpunkt der Ereignisse. Wie William Doyle schrieb – einer der brillantesten Historiker der Französischen Revolution –, dachte 1789 noch niemand an den Sturz der Monarchie. Das Ziel der rebellischen Bürger und einiger problembewusster, allerdings für ihre Klasse nicht ausschlaggebender Aristokraten bestand in der Errichtung eines konstitutionellen Königtums. Ihre Bemühungen zielten darauf, Monarch und Adel in ihrer Machtausübung zu begrenzen und gerade dadurch zu erhalten. Nur zwei Wochen später schlug die dritte und größte Lawine ein, größer und mächtiger deshalb, weil sie schon wesentlich länger rollte: die Lawine der Staatspleite.

Am 16. August, dem offiziellen Datum des Bankrotts, befanden sich noch 400 000 Livres in der königlichen Kasse. Der Betrag entsprach dem Finanzbedarf Frankreichs für ziemlich genau sechs Stunden. Hätte sich der Monarch zusammen mit den Notablen in diesem Moment an die Spitze einer Reformbewegung gestellt und dafür gesorgt, die Augustbeschlüsse augenblicklich umzusetzen, dann gäbe es heute in Frankreich womöglich neben dem Parlament noch einen zeremoniellen Herrscher aus der alten Dynastie, ähnlich wie in Großbritannien oder Japan. Der jakobinische Terror wäre ausgefallen. Es geschah das genaue Gegenteil. König, Klerus und vor allem die Masse der Adligen taten alles, um die Augustbeschlüsse nach Kräften zu hintertreiben. Als die Pariser Fischmarktweiber, die Poissarden, eine Hungerrebellion anzettelten, nach Versailles zogen und den Herrscher am 6. Oktober zwangsweise von dort in die Hauptstadt führten, unterzeichnete dieser zwar endlich die Beschlüsse, um die Gemüter etwas zu beruhigen. Es vergingen trotzdem noch Jahre, bis die Steuerprivilegien vollständig endeten – was auch daran lag, dass die königliche Autorität schon nach dem Poissardenzug in Trümmern lag. Der Sturm auf die Tuilerien drei Jahre später setzte nur noch den Schlusspunkt.

Für einen Niedergang und schließlich den Zusammenbruch einer Ordnung müssen drei Bedingungen zusammenkommen: Eine Oberschicht, die sich nur dem eigenen Wohl verpflichtet fühlt und einen immer größeren Teil des erzeugten Reichtums für sich beansprucht, der zunehmende Druck auf diejenigen, die für die Privilegien der anderen zahlen müssen und den Sinn irgendwann nicht mehr einsehen – und schließlich als finale Zutat eine völlige Wirklichkeitsblindheit der Oberen, die selbst dann die Zeichen der Zeit nicht erkennen, wenn es gar nicht mehr um ihr Wohlleben geht, sondern schon buchstäblich um ihren Hals.

In Deutschland verändern sich die Verhältnisse, siehe oben, ständig weiter zu Lasten des heutigen dritten Standes, der den Gesamtstaat finanziert, und zu Gunsten derjenigen, die von Steuern und Abgaben leben. Der erste Stand besteht aus rundum abgesicherten Berufspolitikern, die schon nach drei Legislaturperioden mehr Altersversorgungsansprüche erwerben als ein Normalbürger, der 45 Jahre ununterbrochen in die Rentenkasse einzahlt, die ferner – als völlige Ausnahme in der fiskalischen Ordnung – neben der Diät eine steuerfreie Aufwandspauschale ohne Nachweispflicht kassieren, und die selbstverständlich die Bahncard 100 erster Klasse, die sie zur Amtsausübung erhalten, nicht als geldwerten Vorteil versteuern müssen. Staatssekretäre – kaum eine Beamtengruppe blähte sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlenmäßig derart auf – erhalten 75 Prozent ihres Gehalts weiter, auch wenn sie noch lange vor der Altersgrenze in den Ruhestand wechseln – was Politikern eine schöne Gelegenheit verschafft, treue Gefolgsleute zu belohnen. Beamte erhalten generell bis zu 71,75 Prozent ihrer Bezüge im Ruhestand. Und sie können Vorrechte für sich in Anspruch nehmen, die der dritte Stand schlicht nicht kennt, aber finanzieren darf. Beispielsweise einen 16 Jahre andauernden Krankenstand bei vollen Bezügen. Oder einen für 12 Jahre gewährten Sonderurlaub unter Beibehaltung des Beamtenstatus, um als Angestellter eines staatsnahen Unternehmens 200 000 Euro pro Jahr zu verdienen. So praktizierte es der Geschäftsführer von Lotto Rheinland-Pfalz. Es handelt sich eben nicht um Auswüchse, sondern um ein System. Ähnlich wie im alten Frankreich existiert auch im ersten und zweiten Stand Deutschlands gar keine Scheu, die eigene Lebensweise zur Schau zu stellen, Krise hin oder her.

Das Bundesverfassungsgericht entschied kürzlich, dass Beamten mehr Geld gezahlt werden muss, und das sogar rückwirkend. Die Begründung lautete, ihnen stünde ein „Leben ohne Existenzsorgen“ zu. Bundestagsabgeordnete dürfen nach einer kurzen taktischen Pause beruflich wieder Business Class fliegen. Mitten in Berlin entsteht mit dem Erweiterungsbau des Bundeskanzleramtes ein Versailles der Gegenwart, selbstredend in zeitgemäßer Hässlichkeit und mit veranschlagten Kosten von 777 Millionen, was 21 500 Euro pro Quadratmeter entspricht. Realistisch dürfte eher ein Gesamtpreis von einer Milliarde Euro sein.

Die Bundesregierung verfügt schon jetzt über die größte Regierungszentrale der westlichen Welt; durch den Anbau entsteht ein zusätzlicher Platz, der etwa der doppelten Nutzfläche des Weißen Hauses entspricht. Die Rechtfertigung dieser Staatsadipositas lautet, im bisherigen Kanzleramt gäbe es nicht genügend Büroräume für die 900 Mitarbeiter. Im Jahr 2005 kam die gleiche Behörde noch mit 464 Beamten aus. Die unentwegte Ausweitung des öffentlichen Dienstes, Gehaltsnachschlag für Beamte, die eigene Luxuskleinstadt im Spreebogen – das alles setzen die Verantwortlichen mit dem ständigen Klagelied über knappe Kassen durch, weswegen sie auch ständig darüber debattieren, wie sich der Fiskus am Erbe von Normalbürgern noch umfangreicher beteiligen und Immobilienbesitzer erleichtern kann.
Wie im Ancien Régime gilt auch in der Spätbundesrepublik der Grundsatz, dass die beiden oberen Stände die Ausgaben nicht aus der Verfügbarkeit von Steuergeld ableiten, sondern das Umgekehrte: Aus ihren Wünschen und Bedürfnissen ergibt sich das, was der dritte Stand leisten muss. Den Rest holt man sich auf dem Kreditmarkt.

Aus der Perspektive des individuellen Vorteils sprechen gute Gründe dafür, sich einen Platz im ersten Stand zu sichern. Die Aussicht auf einen Status, der materielle Rundumabsicherung auch noch mit einer moralischen Gloriole verbindet, wirkt einfach zu verlockend. Genau diese Kombination zieht zwangsläufig eine ganz bestimmte Klientel an. Etwa diese Kandidatin, die sich schon unbändig freut, demnächst dort anzukommen, wo Gleichgesinnte schon das betreiben, was sie für Politik halten.

Kürzlich meldeten zwei Politikkadetten ihre Aufnahme in das „Junge Wirtschaftsforum“ der SPD. Beide verfügen über keinerlei unternehmerische Erfahrungen oder überhaupt über einen bürgerlichen Beruf, aber schon über eine beeindruckende Sammlung von Funktionärsposten. Mit Kadern dieser Sorte festigt die SPD ihren Ruf als Partei der Nichtarbeit; das Duo steht pars pro toto für ein Lebensmodell: Der Aufstieg in den höchsten Stand beginnt heute mit 14, spätestens 16 Jahren durch Aufbau von Netzwerken und den Einritt in politische Gremien, durch Medientraining und Dauerpräsenz auf X und Bluesky. Das Karriereziel besteht darin, auch später im Leben niemals Erfahrungen in der Wirtschaft sammeln zu müssen.

Zum zweiten Stand der Gegenwart zählen alle, die es immerhin zum Abgeordnetengehilfen, Politikberater, Mitarbeiter einer NGO, eines politisch ausgerichteten Forschungsverbundes, eines Subventionskunstbetriebs oder einer Meldestelle schaffen. Dieser Gesellschaftsrang bietet zwar keine lebenslange Absicherung, aber immer Schutz vor den Zumutungen des Marktes. Bisher erhöhten die Regierungen die Budgets für diese Organisationen zuverlässig nach Bedarf. Zumindest bleibt der Unterstützungs- und Rechtfertigungsapparat aber von den kleinen staatlichen Sparmaßnahmen ausgenommen, die ab und an tatsächlich stattfinden.

Eine besondere Stellung nehmen in diesem Gefüge die öffentlich-rechtlichen Anstalten ein, die näher am ersten als am zweiten Stand siedeln. Bisher lassen sich die Intendanten weder von dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu Rundfunkgebühren und Programmauftrag noch durch mittlerweile drei Millionen Zahlungsverweigerer im Geringsten beeindrucken. Man hätte erwarten können, dass spätestens jetzt aus den Reihen der ÖRR-Mandarine eine Art Günter Schabowski hervortritt, der versucht, ein wenig Druck aus dem Kessel zu nehmen. Beispielsweise durch die Ankündigung einer Reformkommission mit dem Ziel, einige Sender zusammenzulegen und sofort, unverzüglich zwei Linksaußen-Politmagazine zu streichen. Aber selbst dieses Minimalprogramm zum Selbstschutz liegt in den oberen Anstaltsetagen völlig außerhalb des Vorstellungshorizonts. Bekanntlich verklagen die Sender zurzeit die Bundesländer vor dem Bundesverfassungsgericht, um die Parlamente und damit die Bürger zu zwingen, ihnen einen um 0,58 Cent pro Monat auf dann fast 20 Euro erhöhten Rundfunkbeitrag zu zahlen. ZDF-Intendant Norbert Himmler erklärte kürzlich in der FAZ: „Wir sind nicht einseitig“. Wer könnte das besser beurteilen als er? Jede Verleumdung, jede Falschbehauptung, jedes verdrehte Zitat geht hier durch mindestens drei Qualitätskontrollen.

Die grüne Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta beklagte kürzlich, die „zunehmenden Geldnöte in Deutschland“ würden zu einer „Entsolidarisierung“ führen, die sich darin ausdrückt, dass nicht nur in Sachsen-Anhalt viele Bürger nicht mehr ihren Zehnten an die Rundfunkanstalten entrichten wollten, dass die Normalexistenzen dritter Klasse in drei Bundesländern die Lust daran verlieren, die Apparate von 13 Ländern über Wasser zu halten, und – das schwingt unausgesprochen mit –, dass sie demnächst womöglich auch nicht mehr klaglos die Apanagen der Piechottas finanzieren.

Aus ihrer Wortmeldung leuchtet kristallklar heraus, was Gaunerworte wie Solidarität und Zusammenhalt bedeuten. Nämlich: bezahlt uns! Das erwarten wir von euch, während ihr außer Ermahnungen und Belehrungen nichts von uns erwarten dürft. Noch nicht einmal die Bekämpfung von Glatteis auf Berlins Straßen.

Anders als das Frankreich der Kapetinger bietet die Spätbundesrepublik nicht die Möglichkeit, sich aus dem dritten Stand herauszukaufen. Aber immerhin zwei Wege, sich herauszustehlen. Zum einen durch Auswanderung, um das Arbeitsleben anderswo unter besseren Bedingungen fortzusetzen. Unter den Staatsbürgern, die Deutschland dauerhaft verlassen – um die 300 000 pro Jahr – stellen Rentner nur eine Minderheit von sechs Prozent. Sehr viele gehen jung und mit guten Abschlüssen. Weil sich dieser Trend bis zu den Steuergeldabpressern herumspricht, brachte der Chef der Jungfeudalisten, Philipp Gangolf Balthasar Türmer, kürzlich die Idee einer allgemeinen Bundesfluchtsteuer ins Spiel. Kaum jemand verkörpert übrigens den Typus des deutschen Ancien-Régime-Repräsentanten so perfekt wie Türmer: Vater Ministerialdirektor, Mutter Oberstaatsanwältin, Parteieintritt mit 16, als mittlerweile 30-Jähriger keinerlei Erfahrung mit Erwerbstätigkeit außerhalb der Politik. Selbstverständlich wünscht er sich eine stärkere Umverteilung vom dritten in seinen ersten Stand. Eben wegen dieser Türmers nehmen viele mittlerweile einen anderen Ausweg, nämlich den des stillen Rückzugs. Eine statistisch nicht erfasste Zahl gerade von Kleinunternehmern entschließt sich, den Laden einfach dichtzumachen.

Das lässt sich mit Auswanderung kombinieren, aber auch mit einem ruhigeren Leben in landschaftlich reizvollen Teilen Deutschlands. Dass sich oft keine Nachfolger finden, liegt in der gleichen Logik wie schon die Geschäftsaufgabe. Wer Unternehmer werden möchte, tut das lieber in einem Land, in dem sich die Türmer-Klasse nicht immer schneller ausbreitet. Diese durchaus verständlichen Fluchten entfalten eine ganz ähnliche Wirkung wie damals die Absetzbewegung aus dem dritten Stand in Frankreich: Sie erhöht automatisch die Last für diejenigen, die noch bleiben, arbeiten und abliefern.

Natürlich gibt es bei allen Ähnlichkeiten auch gravierende Unterschiede zwischen dem vorrevolutionären Frankreich und dem vorrevolutionären Deutschland, also der Gegenwart. Den beiden oberen Ständen wäre es damals nicht in den Sinn gekommen, auch noch Millionen Armutsmigranten ins Land zu holen, viele davon, um es dezent zu sagen, mit Anpassungsproblemen, und dem dritten Stand deren Alimentierung aufzuzwingen. Vor wenigen Tagen meinte ein Gast in der Talksendung „Markus Lanz“, dass sich unter Normalbürgern die Angst verbreitet, bei der Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln ein Messer an beziehungsweise in den Hals zu bekommen. Worauf Lanz ihn fragte, wie viele Leute er denn kenne, denen so etwas passiert sei? Der Dialog ereignete sich nur wenige Tage, bevor ein per Sonderaufnahmeprogramm nach Deutschland steuerfinanziert eingeflogener, dann hierzulande bereits kriminell aufgefallener Südsudanese in Hamburg eine 18-Jährige mit sich riss und vor eine einfahrende U-Bahn warf. Aber der Talkgast hätte antworten können, dass er auch den Mann nicht persönlich kannte, der 2025 in der Berliner U-Bahn tagsüber von einem polizeibekannten Syrer erstochen wurde, genauso wenig wie das junge Paar, das ein gerade aus der Haft entlassener ehemaliger Gazastreifenbewohner in einem Regionalexpress bei Brokstedt 2023 massakrierte.

Und noch viele Zufallsopfer mehr, die niemand persönlich gekannt haben muss, um sie aufzuzählen. In der Reaktion von Lanz verdichtet sich der mentale Zustand einer ganzen Gesellschaftsklasse: Interessant, so etwas passiert? Kannten Sie jemanden von diesen Pechvögeln persönlich? Diese Angst im öffentlichen Raum ist, wie wir wissen, natürlich extrem subjektiv – aber warum nehmen sich diese Leute nicht einfach einen persönlichen Fahrdienst? Indem der ZDF-Talker und Millionär per Zwangszahlung die Wirklichkeitsbeschreibung einfach indigniert weghüstelt, spricht er für eine ganze Gesellschaftsoberklasse. Sie schaut auf den Rest mit vollendeter Gleichgültigkeit herab und macht ihm klar: Von uns dürft ihr außer der Verschlechterung eurer Lebensumstände nichts erwarten.

Die Repräsentanten des neuen ersten und zweiten Standes merken, dass immer mehr Bürger im Souterrain diese Ordnung nicht so geduldig hinnehmen wie früher. In den alten Zeiten lautete die Rechtfertigung für die Gesellschaftshierarchie, sie sei gottgewollt. Heute gibt es das ganz ähnliche Argumentationsmuster in weltlicher Ausführung. „Faschist“ ersetzt heute „teuflische Mächte“; der Containerbegriff meint schlicht alle, die nicht links-etatistische Bekenntnisse herbeten. Das Urteil „faschistisch“ trifft beispielsweise schon Leute, die einen Bikini für eine dem Westen angemessenere Kleidung halten als die Burka. „Jedenfalls nach Ansicht eines Forschix aus dem zweiten Stand. „Desinformation“ dient ebenfalls als Code- und Containerwort für: „Meinungen, die wir Wohlgesinnten nicht teilen“. „Angriff“ ersetzt generell den guten alten Begriff „Kritik“.

Der obere Gesellschaftskomplex sieht sich folglich von Faschisten umzingelt, durch Desinformation in seiner Definitionsmacht bedroht und generell angegriffen, kurzum: belagert. Personen, die über sehr viel Macht verfügen, begründen damit einen Ausnahmezustand, der sie dazu legitimiert, Bürgerrechte beiseitezuschieben. Genau diese Kreise, die anderen ständig vorhalten, sie wollten zurück in eine bessere Vergangenheit – immer mit dem Zusatz „vermeintlich“ –, sehnen sich mittlerweile selbst nach den Zeiten, in denen es auch für sie gemütlicher zuging. Sie merken, dass es für sie demnächst unangenehm werden könnte, bringen das aber nie mit ihrem eigenen Verhalten in Zusammenhang – ihrer nach unten gerichteten Forderung nach Loyalität, kombiniert mit einem Maximum an Illoyalität gegenüber der eigenen Bevölkerung.

Das Ancien Régime ging vor allem deshalb unter, weil sich seine Vertreter diesen Untergang bis zuletzt einfach nicht vorstellen konnten. Selbst die Aufständischen von 1789 glaubten, siehe oben, zuerst auch nicht daran. Sie rechneten mit einem Kompromiss, nicht mit einem Kollaps. Es scheint fast so, als würden die beiden oberen Stände der Gegenwart einfach ausprobieren, wie weit historische Analogien tragen. Das heißt: wie weit sie den Bogen spannen und überspannen können. Früher oder später kennen sie die Antwort. Eins muss man anerkennen: Die Elite, die sich ansonsten dadurch definiert, sämtliche Lasten und Risiken der von ihnen verursachten Probleme routiniert nach unten abzuwälzen, verwendet hier ihre eigene Existenz als Spieleinsatz.
Sie wirft ihre skin in the game.

 

 

 

 


Dieser Beitrag erscheint auch auf Tichys Einblick.


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1 Kommentar
  • Bernd Zeller
    03.02.2026

    Das könnte die Einfuhr des Fünften Standes erklären, der hat ein Interesse daran, dass der Erste Stand seine Finanzierung organisiert. Auch das wurde so kommuniziert; „ist unsere Stärke“.

  • Uli Dönch
    03.02.2026

    2 weitere Notausgänge hat der 3.Stand: Schwarzeinkünfte und Frührente – ich weiß recht genau, wovon ich hier spreche ;-). U.Dönhoff