Die Führung von Grünen, SPD und SED verlässt X mit Krawall. Andere dramatisieren ihr Ausharren auf der teuflischen Plattform. Gemeinsam scheinen sie auf eine Art EU-Twitter zu hoffen. Aber auch das würde ihnen in der neuen Medienwelt nichts nützen


Aufmerksamkeitsökonomisch erlebten die vereinigten Linken Deutschlands in dieser Woche ihren größten Beutezug seit Jahren: Erstens mit der Erklärung des Dreispartenunternehmens – also Grüne, SPD und SED –, die Plattform X zu verlassen, jedenfalls, was die Fraktions- und Parteiführungen angeht.

Die Mitteilung erfolgte per Einheitstextbaustein aller drei Beteiligten, der folgendermaßen lautete: „X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr.“

Wodurch X ihrer Ansicht nach „Desinformation fördert“, verrieten die Vertreter der Dreiercombo nicht, obwohl jeder den Empfehlungsalgorithmus der Plattform einsehen kann. Die Formulierung „nicht mehr bespielen“ bedeutet offenbar, dass die Konten nicht durch Löschung verschwinden, sondern nur vorerst brach bleiben sollen, was die Möglichkeit eröffnet, nach einer Weile wieder zurückzukehren. Am Tag nach dieser Ankündigung des kollektiven Abgangs ging dann eine Mitteilungsflut deutscher Linker quer über die Plattform, die erklärten, trotzdem und nun erst recht zum Zweck der Demokratieverteidigung bleiben zu wollen, um X nicht den Schreihälsen, Rechtsextremisten und Desinformanten zu überlassen – also allen, die nicht zum progressiven Milieu gehören.

Auch hier lässt sich ein Hang zu generischen Formulierungen nicht überlesen: Selbstredend geht es darum, die Demokratie auch digital zu verteidigen. Es gibt außerdem noch eine dritte Bekenntnissorte, nämlich Posts von auf X berühmten Nutzern, die der Plattform einen schnellen Niedergang vorhersagen, weil eine Katharina Dröge, ein Jan van Aken und eine Hand voll Sozialdemokraten dort nichts mehr veröffentlichen. Zu dieser Art Kategorie gehört ein Mark Schieritz; er schreibt auf X und nebenbei für den Wirtschaftsteil der Zeit und äußert sich folgendermaßen (in Originalschreibweise):
„Ich habe Verständnis für das jeden Xit. Das hier ist kein Diskursraum, sondern eine Algorhythmushölle, die aber davon lebt, dass eine kritische Anzahl von Leuten dabei ist. Wenn hier nur noch @jreichelt mit seinen Fans diskutiert ist sie wertlos und das sollte das Ziel sein.“

Um diesen Zeitpunkt bloß nicht zu verpassen, an dem nur noch der Chef von Nius, seine Leser und außerdem Leute anwesend sind, für die sich Algorithmus in irgendeiner Weise von Eurythmie ableitet, harrt Schieritz jedenfalls weiter auf X aus. Darüber hinaus glaubt er fest daran, dass er und die Dableiber unter den mehr als 500 Millionen Nutzern weltweit und 85 Millionen in Europa die kritische Anzahl bilden, an denen die gesamte Plattform hängt.

Dem einen oder anderen kommt das Raus- und Wiederreingerenne bei X möglicherweise bekannt vor. Das Netz funktioniert auch als Archiv, aus dem dank Wayback machine und Screenshots nichts wirklich verschwindet. Schon allein aus diesem Grund würden es viele liebend gern ähnlichen Regulierungen zum nachträglichen Umschreiben oder Löschen unterwerfen, die in „1984“ für alle Textsorten gelten. Jedenfalls erklärte Robert Habeck 2019 „nach einer schlaflosen Nacht“, Twitter, wie es damals noch hieß, richtiggehend zu verlassen, also selbst seinen Account zu löschen. In einem geposteten Video versprach er damals nämlich, Thüringen nach der anstehenden Landtagswahl „in ein offenes, freies, liberales Land“ zu transformieren, vergaß aber dabei, dass seine Partei dort schon vor dieser Wahl mitregierte. Nach der erwähnten durchgrübelten Zeit bis zum nächsten Morgen kam er zu dem Schluss, „dass Twitter auf mich abfärbt“, er erklärte also das Medium zum Schuldigen für sein dumm Tüch. Wie schon erwähnt handelte es sich gar nicht um einen Tweet, sondern um ein verlinktes selbstproduziertes Video; nach seiner Logik hätte er also eher von Bewegtbildern dauerhaft Abschied nehmen müssen. Im November 2024 – also passend zum bevorstehenden Bundestagswahlkampf – lautete die Habeck-Parole: Er ist wieder da. Nämlich, um „Orte wie diesen“ durch seine erneute Präsenz nicht „Schreihälsen und Populisten zu überlassen“.

Jetzt, nachdem die grüne Parteichefin X zum rechtsradikalen Sumpf erklärte, gehört er wiederum zu den Trotzdembleibern, was sich aber schon morgen wieder ändern kann. Womöglich rostet die Drehtür sonst noch ein. Auch der SPD-Bundesvorstand verließ X im Februar 2024 schon einmal mit großem medialen Gerumpel, übrigens mit der gleichen Begründung wie im Mai 2026.

Dazwischen ging es kurz retour, denn zwischenzeitlich stand die Bundestagswahl an, und man musste schließlich Bürger jenseits der sowie Überzeugten erreichen. Nicht erst seit gestern beherrschen also Personen und Institutionen den dramatic exit genauso gut wie den dramatic re-entry. Dazu kommt neuerdings noch das dramatische Dableiben mit Anwartschaft auf die Weiße Rose mit Krawallschachtelhalm und Unseredemokratie-Brillanten.
Die Operation X-Exit mit Knall und Hintertürchen erläutert die politische Geschäftsführerin der Grünen, Pegah Edalatian, auf „grünblog“ folgendermaßen:

„Auf X findet Desinformation eine enorme Verbreitung. Die Algorithmen der Plattform pushen nachweislich Hass und rechtspopulistische Inhalte.“ Diese Behauptung liest man oft, auch in Medien mit selbstvergebenem Qualitätssiegel, allerdings nie den hunderte Male angekündigten Beweis, der ja bei einem nachweislichen Sachverhalt leicht zu liefern sein müsste.
Weiter Edalatian:
„Nach der Übernahme durch den Tech-Oligarchen Elon Musk wurde der Raum für einen offenen demokratischen Diskurs dort immer stärker eingeschränkt.“

Zur Erinnerung: Als Musk 2022 Twitter kaufte, fand er einen Berg von Beweisen für Eingriffe vor, die das Unternehmen vorher immer leugnete oder kleinredete: Etwa dafür, dass der Kurznachrichtendienst während der Corona-Zeit in Absprache mit Regierungsbeamten die Accounts von renommierten Wissenschaftlern wie Jay Bhattacharya per Blacklist unter Shadow Ban stellte, also technisch dafür sorgte, dass weniger Nutzer sie zu sehen bekamen, als es normalerweise der Fall gewesen wäre. Ebenso wurden Beweise gefunden für willkürliche Löschungen, für Reichweitenmanipulation zu Lasten von rechten beziehungsweise konservativen und zum Vorteil von linken Nutzerkonten. In einigen Fällen und zu manchen Zeiten konnte schon das massenhafte und wiederholte Melden eines Nutzers zur Kontensperrung führen, selbst ohne irgendwelche Verstöße gegen die sowieso niemals offengelegten Twitter-Community-Regeln, weshalb sich linke Nutzer in Deutschland verabredeten, um bestimmte User, die ihnen nicht passten, „wegzumelden“. So hieß das damals. Musk schaffte diese Praktiken ab. Zusätzlich führte er die Community notes ein, also eine Möglichkeit für User, in einem kollektiven und geregelten Verfahren kritische beziehungsweise korrigierende Anmerkungen unter Posts zu setzen. Den so genannten Faktencheck gibt es auf der Plattform seit der Übernahme durch Musk also in alle politischen Richtungen.

Statt eines firmeneigenen anonymen Aufsichtskomitees wie früher führen ihn die Nutzer jetzt in transparenter Weise selbst durch, was dazu führte, dass diese Korrekturnotizen plötzlich auch unter vielen Verlautbarungen von Spiegel, ARD, Grünen und SPD kleben. Dass die grüne Funktionärin in der Beendigung der jahrelangen Manipulationspraxis eine Diskursraumbeschränkung sieht, sagt vor allem etwas darüber aus, wie sich derartige Personen generell Diskursräume vorstellen, egal ob digital oder analog, beziehungsweise, wann sie einen Raum nicht oder nur unter Protest ertragen: dann nämlich, wenn für alle Teilnehmer halbwegs gleiche Bedingungen und Regeln herrschen.

Schon die Anwesenheit von Leuten mit anderen Ansichten empfinden Neoprogressive als kaum noch erträgliche Provokation, die sie in Milieuveranstaltungen wie der Konferenz Re:publica, Diskurssimulationen im „Berliner Ensemble“ und anderen Veranstaltungen hinter dem Antinazischutzwall von vornherein unterbinden. Dass die anderen mit ihrer Meinung genauso viel Platz einnehmen können, macht X in ihren Augen kaputt. Andererseits und apropos kaputt: In dem fast perfekt isolierten Bluesky geht es überhaupt nicht friedvoll zu, sondern exakt so, wie man sich das vorstellt, wenn sich Schreihälse der verschiedensten linken Subgruppen eine ziemlich enge Tobzelle teilen. Außerdem erreicht man dort über die eigene Kernanhängerschaft praktisch niemanden. Deshalb heißt es auch in der Verlautbarung der Grünensekretärin Edalatian:
„Wir gehen diesen Schritt über Parteigrenzen hinweg und verlassen X gemeinsam! Unsere Parteien und Bundestagsfraktionen werden ihre Accounts nicht mehr bespielen. Einzelnen Mitgliedern und Mandatsträger*innen ist die Entscheidung natürlich freigestellt.“

Einige halten im faschistoiden Techbro-Sumpf also noch aus, und zwar schon deshalb, weil hier eine Menge Journalisten mitlesen, mit denen die Parteileute schließlich Kampagnen koordinieren müssen. Selbst Medienschaffende in Sendern, die sich schon vor einiger Zeit von X davontrollten – unter anderem wegen dessen angeblich geringer Relevanz – berichten groß über das Auszugsspektakel der Dreispartenlinken, und auch sonst über alle möglichen politischen Posts, die dort erscheinen.

Im Spiegel erklärte die Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge übrigens zum X-Auszug selbdritt: „Wir wollten diesen Schmutz nicht länger legitimieren.“ Daraus folgt zweierlei: Erstens handelte es sich bis eben noch bei allem auf X offenbar um linksbizarr legitimierten Schmutz. Zweitens glaubt die Führung von GRÜNSPDSED unerschütterlich an ihre eigene Funktion als Legitimierungsinstanz mit Alleinvertretungsanspruch für den Meinungsaustausch in der digitalen wie analogen Welt. Ganz ähnlich äußerte sich die Parteichefin Franziska Brantner auf einer Pressekonferenz.

Auch sie zieht bei X aus – und bleibt gleichzeitig auf einem der vielen unverändert druckbefüllten grünen Kanälen dieser Plattform.
Dass die drei Parteien gerade dort jetzt partiell verschwinden – unter Zurücklassung ihrer Saustallwachen, versteht sich –, kommt nicht von ungefähr, wie ja überhaupt nichts Kampagnenmäßiges in diesem Spektrum zufällig geschieht. Als „Correctiv” mit der inzwischen kollabierten Potsdam-Story herauskam, standen eine Europawahl und zwei Ost-Landtagswahlen bevor, außerdem hegten die Organisatoren der landesweiten Aufmärsche die Hoffnung, mit der falschen Deportationsgeschichte endlich das Verbotsverfahren gegen die AfD erzwingen zu können. Der Fernandes/Ulmen-„Deepfake“-HateAid-Komplex kam zeitgleich mit einem Gesetzentwurf gegen „digitale Gewalt“ auf die Bühne, der sich in Wirklichkeit auch gegen satirische digitale Montagen richtet und die automatische Gesichtssuche im Internet ermöglichen soll. Was steht diesmal an? Ein ganzes Maßnahmenpaket. Zum ersten beginnt die „Testphase“ für die von der EU und öffentlich-rechtlichen Medien eifrig als „Alternative zu X“ beworbene Plattform namens „W Social“. Nutzer müssen sich dort verpflichtend mit Ausweis anmelden.

Zweitens bastelt die EU nach den Worten der Vize-Kommissionspräsidentin Henna Virkkunen an Plänen, um die Benutzung von VPN (Virtual Private Network) in Zukunft zumindest einzuschränken, also eine Technik, die Onlinekommunikation vor Überwachung schützt, und außerdem dazu dienen kann, staatliche Sperren für Plattformen wie X zu umgehen. Während der Sperre für X durch die linksautoritäre Regierung in Brasilien ordnete der Oberste Gerichtshof dort drastische Geldstrafen für die VPN-Nutzung an. Die Agitation für eine gesäuberte und obrigkeitsstaatlich kontrollierte Plattform läuft mit der Verdammung von X als Hölle, Hölle, Hölle voller „Desinformation“ und „Hetze“ jedenfalls bemerkenswert parallel. In ihren Umrissen lässt sich schon jetzt die Argumentation erkennen, wenn es zu EU-Maßnahmen gegen X und andere Plattformen kommen sollte: Das bedeute doch überhaupt keine Einschränkung der öffentlichen Debatte, schließlich stünden ja mit W und Bluesky famose neue Möglichkeiten bereit. Vor wenigen Tagen meinte Hamburgs Mediensenator Carsten Brosda: „Eigentlich hätte so etwas wie Social Media nur öffentlich-rechtlich gebaut werden dürfen.“

Auf die Frage, wo die Grünen denn künftig die Öffentlichkeit außerhalb ihrer eigenen Blase erreichen wollten, antwortete Parteichefin Brantner – nein, nicht mit dem zutreffenden Hinweis, dass ja viele von ihren Freunden dort bleiben, wo man angeblich als Demokrat nicht bleiben darf – mit der Bemerkung: „Vielleicht entsteht auch etwas Neues, who knows?“ Fehlte eigentlich nur noch ein pfiffiges Zwinkern.
Manche Nachtigallen trapsen nicht nur, sie marschieren lauter, als jemand „Verschwörungstheorie“ schreien kann.

Manche Nachtigallen trapsen nicht nur, sie marschieren lauter, als jemand „Verschwörungstheorie“ schreien kann.

Übrigens beweisen die Begriffskonstrukteure im Schwerkraftfeld Brüssel/Berlin entweder einen sehr speziellen Sinn für Humor oder einen Hang zur Subversion, je nachdem: W soll vermutlich für das englische we stehen, weckt allerdings auch Assoziationen an Georges Perecs Roman „ W ou le souvenir d’enfance“ (w oder Erinnerungen an die Kindheit“), der eine Diktatur auf einer isolierten Insel beschreibt; als Machtmittel dienen dort unentwegte Sportfeste unten den Augen von Funktionären, denen sich die Bürger nicht entziehen dürfen. Das EU-Programm gegen „Desinformation“ trägt den Namen SOMA, es heißt also genauso wie die Volksberuhigungsdroge in Aldous Huxleys Dystopie „Brave New Word“. Aber das nur nebenher.

Natürlich handelt es sich bei der Linksfront-Erwartung, über „W Social“ und/oder Bluesky gesellschaftliche Debatten führen oder gar steuern zu können, um illusionären Unfug. Debattendominanz über Medien funktioniert für diesen Blob auf X kaum noch, aber dort immer noch weniger schlecht als in den selbstgebastelten schalltoten Räumen. Diese Auflistung zeigt die reichweitenstärksten deutschsprachigen Bluesky-Konten und die Zahl der Interaktionen mit dem Publikum.

In diesem Darkroom langweilt sich praktisch jeder, ein bisschen Abwechslung bringt dort nur die Aktualisierung der Blocklisten für alle Nichtlinken, die ein bisschen Leben in die Bude bringen könnten, aber nicht dürfen. Bluesky kommt bei der Nutzerzahl weltweit noch nicht einmal auf ein Zehntel von X; da sich W an die gleiche Klientel richtet, teilen sie sich vermutlich die Kundschaft untereinander auf.

Das Problem dieses Lagers vor allem in Deutschland liegt nicht in einem bestimmten Medium: Es läuft schlecht für die Neolinken auf X, es läuft schlecht anderswo, es läuft schlecht, wenn ein Teil von ihnen das Musk-Reich verlässt und ein anderer bleibt, es läuft schlecht für sie in den konventionellen Medien. Nirgends funktioniert das alte politische Geschäftsmodell, was teils an den Linken selbst liegt, teils aber auch an einem echten Strukturwandel der Öffentlichkeit. Annalena Baerbock ließ sich 2021 partout nicht ins Kanzleramt schreiben und senden, mit der konzertierten Aktion gegen Hubert Aiwanger erreichte die Süddeutsche mit ihren Verbündeten so ziemlich genau das Gegenteil ihrer Absicht, der „Correctiv“-Blitzkrieg ging als Abnutzungsschlacht über die Runden und endete mit der Niederlage der Angreifer, die Fernandes-HateAid-Offensive erzielte noch nicht einmal kleine Raumgewinne. Vor wenigen Tagen erzählte der Schauspieler Jan Josef Liefers, wie ihn damals unmittelbar nach der Videoaktion „Alles dichtmachen“, einem satirischen Protest gegen den Corona-Lockdown, ein Mitarbeiter von „Correctiv“ anrief und aufforderte, seine Beteiligung daran zu widerrufen und öffentlich zu bereuen, ansonsten würde eine Medienlawine ihn und seine Freunde niederwalzen. Liefers tat nichts dergleichen. Tatsächlich fahndeten Tagesspiegel, Spiegel und andere damals nach Belastungsmaterial gegen ihn und andere Beteiligte – irgendwas mit rechts natürlich (ohne Erfolg).

Die Technik, mit der Zerstörungsmacht zu drohen und sie bei verweigerter Unterwerfung einzusetzen, zeigt kaum noch Wirkung. Wegen Leserschwund, wegen Relotius, wegen der kritikfrei beklatschten Grenzöffnung 2015, und natürlich wegen der ein für alle Mal verlorenen Torhüterfunktion, ohne die sich die Definitionsmacht nie wieder so ausüben lässt wie zu alten Zeiten. Dass die neuen Verhältnisse sich gerade erst herausbilden, begreift zumindest ein Teil des politisch-medialen Apparats spätestens seit dem Interview des Podcasters Ben Berndt mit dem AfD-Politiker Björn Höcke in Berndts Format „Ungescripted“, das innerhalb weniger Tage 3,5 Millionen Aufrufe erreichte. Das Prinzip des Berndt-Podcasts besteht darin, seine Gäste weitgehend ohne Nachfragen und mit sehr viel Zeit reden zu lassen. Man kann diese Art der Gesprächsführung nach dem Muster Caren Miosga/Robert Habeck für ein journalistisch anspruchsloses Konzept halten – oder für ein Angebot, sich selbst ein Bild zu machen. Anders als bei Miosga muss allerdings niemand für Berndt zahlen. Außerdem lädt er alle politischen Richtungen ein.

Am 7. März plauderte der Linkspartei-Vorsitzende Jan van Aken bei ihm („die Faschos sitzen jetzt neben mir“), am 18. März der Vater des in Budapest einsitzenden linksextremen Hammerbanden-Mitglieds Simeon T. („der deutsche Staat hat mein Kind entführt“). Der Stern würdigte Berndt 2023 als einen der „inspirierenden Menschen, von denen man sich was abschauen kann“. Erregung, Proteste, eine herbeigequälte Denunziationsgeschichte über den Podcaster im Spiegel – das alles gibt es erst seit dem Höcke-Gespräch. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken forderte einen Werbeboykott für Berndts Sendung, die über YouTube ihr Publikum findet. Mehr als diese Äußerung, die den Podcast noch etwas bekannter macht, fällt ihr und ihren Genossen zu diesem Phänomen nicht ein.

Vor allem die reine Abrufzahl löste offenbar eine tiefe Erschütterung in diversen Redaktionen und Medienabteilungen von Parteien aus: Ein Einzelner erreicht aus seinem kleinen Studio mehr Menschen als viele Sendungen von ARD und ZDF, und vermutlich auch mehr Zuschauer unter Dreißig als das heute-journal. In den USA begann dieser wirkliche Strukturwandel der Öffentlichkeit schon vor einigen Jahren; heute verfügt der Podcaster Joe Rogan über eine höhere Reichweite als die meisten konventionellen TV-Sender. Amerikanische Linke schieben Rogan einen erheblichen Teil der Schuld an Donald Trumps Wiederwahl zu. Denn wie bei ihren deutschen Pendants liegt es immer nur an der unzureichenden Vermittlung ihrer Inhalte und der Medienpräsenz der anderen („Desinformation“), wenn Debatten und Wahlen nicht nach Plan und Wunsch verlaufen.
Womit wir zu den beleidigten Linken selbst kommen. Viele Nutzer auf X durchforsteten nach der Auszugserklärung die Konten von Politikern wie Katharina Dröge, Konstantin von Notz und anderen nach irgendwelchen Beispielen dafür, dass sie je eine Debatte gesucht hätten.

Egal, wie weit man zurückscrollte: Die Figuren, die sich jetzt beklagen, ein sinnvolles Gespräch sei auf X nicht mehr möglich, gingen in der Vergangenheit nirgends auf Einwände und Fragen ein, noch nicht einmal auf die höfliche Bitte, für Pauschalbehauptungen wenigstens ein Beispiel zu nennen. Sie oder ihre Mitarbeiter posteten stumpf eine Verlautbarung nach der anderen, im Fall von Dröge auch oft linkische Videos, die medienaffine Fünfzehnjährige besser hinbekommen. X lebt außerdem von Spott, Ironie, Persiflage und Memes, also von Techniken, mit der die Dröges dieser Welt einfach nichts anfangen können. Jedenfalls nicht als aktive Produzenten. Als unfreiwillige fast jeden Tag.

Vor etwa zwei Wochen ging ein großes Hallo durch X: Patrick Graichen, Robert Habecks ehemaliger Staatssekretär und Mastermind, meinte auf der Plattform Nutzer gefunden haben, die um finanzielle Unterstützung für den Welt– und Politico-Herausgeber Ulf Poschardt bitten. Dass die Geldsammler ausweislich ihrer Kontaktdaten in Nigeria saßen, irritierte ihn offenbar nicht weiter, er hielt sie für echte Poschardt-Fans. Dutzende Nutzer fragten ihn, ob er auch ab und zu Angebote westafrikanischer Prinzen bekommt, in denen es um Millionen auf herrenlosen Konten geht, und schlugen ihm diese Art von Geldtransfers zur Finanzierung der deutschen Energiewende vor.

Graichen, das verdient an dieser Stelle noch einmal Erwähnung, saß einmal auf einem Posten, auf dem er wesentliche Teile der deutschen Energiewirtschaft lenkte. Auf X informierte die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vielzitierte vorgebliche Energieexpertin, dass sie sich um die Pinguine am Nordpol sorgt, auf dieser Plattform erklärte der Zeit-Redakteur Lars Weisbrod, Einfuhrzölle von mehr als 100 Prozent könnte es gar nicht geben, „weil 100 Prozent sind ja schon der ganze Preis“. Hier erklärte Katrin Göring-Eckardt einen ehemaligen Panzerübungsplatz in Brandenburg zu einer klimabedingten Wüste; auf X, das eben auch als Archiv funktioniert, lassen sich alle Äußerungen des DIW-Chefökonomen Marcel Fratzscher nachlesen, der 2015 erklärte, die Migranten würden die Renten der deutschen Boomergeneration mitfinanzieren, und 2025 einen „Boomer-Soli“ vorschlug: Nicht ganz arme Rentner sollen nach dieser Idee armen Rentnern etwas von ihren Ansprüchen abgeben.

Auf X schrieb der schon erwähnte Mark Schieritz von der Zeit über den Algorhythmus, Luisa Neubauer plauderte über Länder, „ein paar hundertausend Kilometer entfernt“; die damalige SPD-Chefin Esken gab hier zu Protokoll, dass nicht etwa die Steuerzahler sie finanzieren, sondern sie mit ihrer Abgeordnetendiät Teile der deutschen Volkswirtschaft. Für ein Milieu, das jahrelang im Schutz der Torwächtermedien den Nimbus der intellektuellen Überlegenheit pflegte, wirkt die selbsterzeugte Lächerlichkeit tödlich. Sie lässt sich nicht wieder weglöschen, nicht wegerklären und liefert in Echtzeit Futter für Kommentatoren, die sich auf X nun einmal nicht lange bitten lassen, wenn sich Leute, die sich als berufene Gesellschaftslenker fühlen, öffentlich zum Ei machen. Videos, in denen Robert Habeck sich im Fernsehen die Pendlerpauschale und später als Minister das Insolvenzrecht erklären lassen muss, entwickelten sich auf X zu Memes. Ein einziges davon genügt in dieser neuen Medienwelt, um beispielsweise einen Stern-Artikel über den großen Steuermann Habeck zu pulverisieren. Grüne und Linkstwitterer allgemein erfahren auf X nicht so sehr Hass & Hetze, sondern vielmehr Spott & Hohn. Eine Katrin Göring-Eckardt nehmen viele Nutzer nicht als Politikerin wahr, sondern als unerschöpflich produzierende Stand Up comedienne. Sie bleibt übrigens auch.

Am ehesten verstehen noch einzelne Vertreter der Linkspartei wie Heidi Reichinnek den Wandel der Öffentlichkeit. Die meisten Grünen- und SPD-Verächter von X verstehen noch nicht einmal, dass sie nichts verstehen. Deshalb hilft ihnen auch ein W Social nichts. Selbst eine Abschaltung von X würde ihnen kein neues Publikum zutreiben. Im öffentlichen Raum vollzieht sich bei Bedeutung und Reichweite genau das, was Linke aller Schattierungen bewerben: Umverteilung und Enteignung. Und zwar mit ihnen als Opfer.

 

 

 


Dieser Beitrag erscheint auch auf Tichys Einblick.


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1 Kommentar
  • Frieder
    09.05.2026

    Jeder Artikel von Alexander Wendt ist eine Wohltat für Geist und Seele.