Eine Vision geht um in Deutschlands Redaktionsstuben – von einem zum Land gehörenden Islam, der bereichert, ohne Probleme zu verursachen. Wer reale Probleme benennt, macht sich des „antimuslimischen Rassismus“ schuldig. Ein kleiner Sachstandsbericht in Sachen selbstzerstörerischer Islamophilie
von Jürgen Schmid
Ein vierzehnjähriger Junge versteht die Welt nicht mehr. Bisher hat sein Vater, ein Textilhändler, seinen Kunden „leuchtende Stoffe und elegante Kleidung“ angeboten. Jetzt stehen plötzlich merkwürdige Figuren im Schaufenster, „eingehüllt in Niqabs“, die „wie Gefangene in einem düsteren Albtraum“ wirken. Noah, so heißt der Junge, muss auf den Verpackungen der Produkte, die noch verkauft werden dürfen (Slips und Tops gehören nicht mehr dazu), Haut und Haar der abgebildeten Models mit schwarzer Farbe übermalen – weil neuerdings ein Kalifat herrscht, in dem die Scharia als oberstes Gesetz gilt.
Die Szenen stammen aus „Der letzte Sommer der Tauben“, einem Roman von Abbas Khider, 2026 bei Hanser erschienen und vom Feuilleton gefeiert. Der Exil-Iraker schildere, wie religiöser Fanatismus sich in ein nicht genanntes Land, in dem man Afghanistan erkennen kann, regelrecht hineinfresse, lobte die FAZ. Ein Land, in dem Lieder als „Klänge des Teufels“ verboten sind, und überhaupt jede Freiheit und alle Äußerungen der Lebensfreude durch Vorschriften und Strafen rigide beschnitten werden (so Deutschlandfunk, NDR).
Legitime Staatsform Kalifat
In Deutschlands politisch-medialem Komplex herrscht eine tiefe Bewusstseinsspaltung, sobald es um den Islam und vor allem seinen politischen Machtanspruch in Deutschland geht. Die gleichen Medien, die sich über Khiders reale Dystopie eines Kalifats berührt zeigen, stellen den Islam in den buntesten und wärmsten Farben dar, sobald es um die Bundesrepublik geht. Und das sogar wortwörtlich: die Zeit illustrierte kürzlich einen Beitrag mit dem Bild einer Frau, die einen Hijab in Regenbogenfarben trägt. Den gibt es außerhalb der Zeit-Grafik-Abteilung nirgends, weder in Deutschland noch sonst irgendwo auf der Erde. Einen mittelbaren Realitätsbezug gibt es trotzdem: Diese Erfindung steht stellvertretend für das Islambild des wohlgesinnten Deutschland.
Nun könnte man einwenden: Der Rainbow-Schleier symbolisiert den moderaten, kompatiblen Euro-Islam, also die Wunschvorstellung linker westlicher Nichtmuslime – ein Konstrukt (hier passt das Wort wirklich einmal), aber wenigstens ein gut gemeintes. Die große Islam-Weichspülung bezieht sich aber in hunderten von Beiträgen auch auf den real existierenden Islam, wie er sich mittlerweile in fast jeder deutschen Stadt zeigt. Vor einigen Monaten strahlte der Bayerische Rundfunk einen Beitrag über „Modest fashion“ aus, also Verhüllungsmode, bei dem der Zuschauer schon durch die Bilder und vor allem eine beschwingte Sprecherstimme vermittelt bekommt: Hier präsentiert der Sender etwas rundum Positives.
In dem ARD-Film „Modest Fashion – wenn Mode bewusst die Haut bedeckt“ – lernt der Zuschauer das Bekleidungsgeschäft „La Boutique“ in der Nürnberger Südstadt kennen, das Ahmed Dastan zusammen mit seiner Frau betreibt. Frauen, so Dastan, sollten sich bedecken, um „kein Objekt für andere Männer zu sein“. Ein Smartphone, so der Verkäufer, würde man ja auch in eine Schutzhülle stecken, um Schäden zu vermeiden. Er selbst steht sommerlich-locker im T-Shirt vor der Kamera. Die bescheidene Bedeckung gilt aus seiner Sicht ausschließlich für Frauen. Die Reporter der ARD-Anstalt finden das keiner Nachfrage für würdig. Im Gegenteil, an einer Stelle heißt es im begleitenden Kommentartext, es gehe nicht darum, „wie viel Haut ein Mensch zeigt, sondern wie wohl er sich in seiner Haut fühlt“. Das ZDF mochte da nicht zurückstehen. In seiner speziell für Kinder konzipierten Sendung „logo“ zeigte der Sender erst einen fröhlich-beschwingten Beitrag zu Ramadan, nämlich die Vorbereitung zum Fastenbrechen. Gleich darauf folgte ein Erklärstück zu den christlichen Kirchen, das kurz zusammengefasst so lautete: Die Kirchenfürsten redeten den Menschen jahrhundertelang die Angst vor der Hölle ein, um von ihnen Ablasszahlungen zu kassieren – aber irgendwann glaubten das die aufgeklärten Menschen eben nicht mehr. Außerdem missbrauchten die Priester ständig Kinder.
Über christliche Glaubensinhalte erfahren die Zuschauer nicht ein Jota. Das Lernziel für sie lautet: Bei Christen geht es um nichts als anderes Geld und Sex, Christentum ist Aberglauben – aber zum Glück ist das fast vorbei. Beides steht exemplarisch nebeneinander: Hier der sympathische und durch die Moderne in keiner Weise erschütterte Glauben der Muslime, dort der fast überwundene christliche Schabernack. So, wie in den gleichen Medien die Erzählung über einen afghanistan-ähnlichen Gottesstaat gleich neben der wohlwollenden Beschreibung von Verhüllungsmode in Deutschland steht.
Zum einen begründet der politisch-mediale Apparat das Einfliegen von Afghanen nach Deutschland mit den finsteren Verhältnissen dort, vor allem für Frauen und Homosexuelle (wobei allerdings hauptsächlich heterosexuelle Männer in die Bundesrepublik kommen). Auf der anderen Seite berichtete die Zeit gerade ganz frisch und im vertrauten Sorgentenor über eine sogenannte Studie, die bei zwei Dritteln aller Deutschen eine „verfestigte rassistische Einstellung“ diagnostiziert. Die entdecken die Studienautoren nämlich schon bei allen, die meinen, bestimmte Kulturen seien „besser und fortschrittlicher als andere“.
Alle diese Medien mit dem säuberlich gespaltenen Wahrnehmungsapparat zeigten noch nicht einmal dann Zeichen der Verstörung, als ein islamistischer Mob in Hamburg die Einführung des Kalifats in Deutschland als Lösung aller Probleme forderte. Warum auch? Der damalige Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang bezeichnete das Kalifat ausdrücklich als „eine denkbare Staatsform“ neben Kommunismus und Monarchie. Keines der Medien forderte seinen Rauswurf (den sie umgehend bei einer Andeutung Haldenwangs verlangt hätten, man könnte die AfD vielleicht als ganz normale Partei behandeln).
Schleichendes Abgleiten in die Unfreiheit
Der Weg in ein Kalifat, das eine denkbare Lösung sein soll, beginnt nicht mit totalitärer Repression durch einen übermächtigen Staatsapparat. Sondern, wie alles Abgleiten von Freiheit in die Unfreiheit, schleichend. Was man in Zeiten der Massenzuwanderung hierzulande beobachten kann: Zunehmende Drangsalierungen christlicher Kinder durch muslimische Mitschüler, sogar vermehrt körperliche Angriffe. Aggressives Durchsetzen der eigenen Glaubensvorstellungen findet im „besten Deutschland“ (Frank-Walter Steinmeier) fast ausschließlich von Seiten des Islam statt, wird aber in den wohlmeinenden Medien weitgehend verschwiegen, beschönigend relativiert – oder gar die Kritik daran mit dem Schlagwort „antimuslimischer Rassismus“ stigmatisiert. Dazu gesellen sich – unter diesem Druck von zwei Seiten – vorauseilende Kotaus, wenn während des Ramadan deutschen Schülern nicht nur von den muslimischen Mitschülern, sondern auch vom Lehrpersonal geraten wird, nicht schulöffentlich zu essen, um die Gefühle der Fastenden nicht zu verletzen. Als bei einer Veranstaltung der „Islamischen Hochschulgruppe“ während der „Islamwoche“ vom 5. bis 9. Mai 2026 an der Universität Kiel die Teilnehmer nach Geschlechtern getrennt saßen, blieb die öffentliche Aufregung darüber mäßig. Vor allem stellte kein großes Medium die Frage: Zu welchem Zweck findet überhaupt eine Islamwoche an einer Hochschule statt? Über eine katholische Woche zumal traditionellen Zuschnitts würde sich das linke Milieu garantiert erregen – wenn es so etwas an irgendeiner staatlichen Bildungseinrichtung gäbe. Gibt es natürlich nicht.
Mehr Selbstaufgabe war nie
All dies sind Symptome und Folgen einer abendländischen Gesellschaft, die sich soweit säkularisiert hat, dass sie die eigene Religion nicht mehr nur nicht weiter wertschätzt, sondern so verachtet oder wenigstens ignoriert, dass es nur noch wenigen auffällt und aufstößt, wie sehr sich Politiker aller Parteien (außer der AfD) mit besten Wünschen an die hier lebenden Muslime zum Ramadan hervortun (oft sogar auf Arabisch), während sie gleichzeitig zu christlichen Hochfesten wie Weihnachten und Ostern jeden religiösen Bezug vermeiden. Zu Ostern versenden die meisten Amts- und Mandatsträger auf Social Media Eier- und Hasenbilder. Während Weihnachtsmärkte entweder mit Pollern und Polizeiaufgebot gesichert werden müssen (oder ausfallen, weil die Veranstalter die Sicherheitskosten nicht mehr aufbringen können), glänzt in Städten wie Frankfurt oder München steuerbezahlte Ramadanbeleuchtung. Schon vor längerer Zeit durfte mancherorts der Martinsumzug nicht mehr so heißen; die Veranstaltung wurde zur Lichterprozession, weil der christliche Bezug Mitbürger anderer Religionszugehörigkeit angeblich ausschließen würde. Diese generöse Selbstaufgabe des einstmals christlichen Abendländers deutscher Zunge im Namen von „Vielfalt“, „Respekt“ und „Toleranz“ wird vom aggressiven Teil der muslimischen Community beantwortet mit demonstrativer öffentlicher Raumnahme, etwa beim Fastenbrechen-Gebet am Dresdner Elbufer. Es gibt eben in religiösen Dingen kein Vakuum; lässt eine bisher dominierende Religion – in Deutschland das Christentum – Platz für eine Konkurrenz, nimmt die sich den freigeräumten Platz ganz selbstverständlich.
Was aber bringt eigentlich Medien, „die Wissenschaft“, NGOs, Kirchen und Parteien dazu, den Islam so zu hofieren? Ist es eine Art „Soumission“, eine vorauseilende Unterwerfung unter Herrschaftsansprüche, die seine Vertreter in Deutschland immer offener stellen? Geht es diesen Apologeten wirklich um „den Islam“, den man in Schutz nehmen möchte vor „pauschalem Generalverdacht“? Oder handelt es sich bei der Parteinahme für den Islam vielmehr um eine Variante der ständigen eigenen Positionierung „gegen rechts“, da man die Kritik an den Auswüchsen des Islamismus (oft zu Recht) dort verortet? In Berlin wählten am 20. September 51 Prozent der Muslime die Linkspartei. Durch die „Turbo-Einbürgerung“ steht dort und in den westdeutschen Großstädten mittlerweile ein hart umkämpftes und umworbenes Potenzial bereit, das den Weg zur politischen Macht ebnen kann. Hier liegt der eigentliche Hebel für die große politisch-mediale Verschiebung.
Schutzraum Shisha-Bar
Das Paradoxe dieser Verschiebung liegt darin, dass die Zahl der Muslime in Deutschland seit 2015 sprunghaft gewachsen ist, der politische Islam mit all seinen Organisationen sich bester institutioneller Verankerung und staatlicher Förderung erfreut, und neuerdings eine erhebliche politische Gestaltungsmacht dazukommt – und parallel dazu linke Politiker und Medien Muslime immer stärker zu einer diskriminierten, bedrohten und schutzbedürftigen Gruppe erklären. Für „junge Menschen mit Migrationserfahrung“, so etwa der Deutschlandfunk, bildeten die über 6000 Shisha-Bars, die es in Deutschland gibt, eine Art „Safe Space“. Bedroht würden diese „Rückzugsorte“ durch polizeiliche Razzien, die überzogen und rassistisch seien. Ein in deutschen Erklär-Medien vielgebuchter Experte erklärt Shisha Bars als „Orte des kulturellen Austauschs“, die „von einer sehr diversen Gemeinschaft besucht“ würden, unter anderem von „Ingenieure*innen, Ärzt*innen und Arbeiter*innen“. Dass dieser Experte damit dem Narrativ widerspricht, in diesen Bars wären „Menschen mit Migrationserfahrung“ weitgehend unter sich, tut der gemeinsamen Stoßrichtung keinen Abbruch. Dieser Stichwortgeber fordert fast unverklausuliert von Staat und Polizei: Finger weg von diesen Orten. Genau das steht mittlerweile im Programm der Berliner Linkspartei, die sich auf die Regierungsübernahme vorbereitet. Demnach soll es Razzien in Shisha-Bars nur noch in Ausnahmefällen geben, idealerweise gar nicht.
Wenn Shisha-Bars von Medien und deren Experten als Safe Spaces konstruiert werden und damit für sie eine schützenswerte Sonderstellung reklamiert wird: Gilt das dann auch für Barbershops, Gaststätten und alle anderen Einrichtungen, die von „muslimisch gelesenen Menschen“ betrieben werden? Das Argument lautet, es dürfe eben keine „Vorverurteilung“ geben. Nun lässt sich eine gewisse Nähe derartiger Läden zu Schwarzarbeit, Geldwäsche und anderen Delikten nicht abstreiten. Auch nicht gelegentliche gewaltsame Gegenwehr bei Kontrollen. Nach dem gleichen Argumentationsmuster wäre ja auch jede Betriebsprüfung bei einem alteingesessenen deutschen Handwerksbetrieb eine Vorverurteilung – denn die Prüfer suchen ja nach Unregelmäßigkeiten. Der Begriff vom „Safe Space“ trifft es schon ziemlich gut: Politiker wie Elif Eralp und andere streben die Errichtung von Sonderzonen an – Zonen, in denen Polizei und Gewerbekontrolle nur ausnahmsweise aufkreuzen dürfen, und ganze Themengebiete, die nicht mehr kritisch, sondern nur noch schmeichlerisch-wohlwollend beleuchtet werden dürfen.
Wie das in der Praxis funktioniert, durfte die Öffentlichkeit zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September sehen, hören und lesen. Wer der ARD-Tagesschau, taz, Stern und anderen folgte, der musste zu dem Schluss kommen: Bei den kollektiven Leidtragenden und Kollateralopfern der Anschläge handelte es sich um Muslime. „Was Muslime nach 9/11 durchmachen mussten“, titelte die Tagesschau zum Jahrestag auf ihrer Website, und beklagte eine „Kampagne“ gegen den islamolinken Bürgermeister New Yorks, Zohran Mamdani. Der zog tatsächlich Kritik auf sich: Bilder von der Trauerzeremonie am 11. September 2026 zeigten ihn lachend und schwatzend neben einer ebenfalls besten aufgelegten Alexandria Ocasio-Cortez, als Sprecher die Namen aller Opfer des Anschlags auf die Twin Towers verlasen.
Mit dieser Volte wird großflächig Geschichte umgeschrieben, nicht nur die von 9/11. Es sind Anhänger des Islam, die Autos in Menschenmengen fahren, niemals Buddhisten; es waren Moslems, die das Blutbad in der Redaktion von Charlie Hebdo anrichteten, während Christen jede Schmähung ihres Glaubens hinnehmen; es waren Moslems, die das Bataclan-Massaker begingen, keine Hindus; es war ein fanatisierter Moslem, der in Mannheim einen Islamkritiker töten wollte und dabei einen Polizisten kaltblütig erstach. Die Liste der religiös motivierten Attentate, für die offensichtlich der Islam im Gegensatz zu anderen Religionen in der Gegenwart leicht entflammbar ist, ließe sich mühelos fortsetzen. All das beeilen sich Medien, begleitet von Experten aus allen möglichen Geisteswissenschaften, herunterzuspielen, zu relativieren und „einzuordnen“. Sophie Liebnitz hat recht, wenn sie in der Sezession feststellt, dass es (nicht nur) der Islamwissenschaft virtuos gelungen sei, das dem Gegenstand ihres Interesses „reichlich anklebende Blut zu ignorieren“.
Zum 25. Jahrestag dieser Horrortat gelang dem Netzwerk der Qualitätsmedien ein propagandistisches Rührstück der besonderen Art: Man behauptete, siehe oben, die eigentlichen Opfer von 9/11 wären Muslime gewesen. Und das geht so: Christin Hansen, Historikerin der Universität Trier, forscht zu Islamophobie, Islamfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus. Medien wie der Südwestfunk suchen eine geeignete Einordnung zum 25. Jahrestag der islamistischen Terrorattacke, die die Welt erschütterte. Das Interview des Senders mit der Expertin ergibt die Überschrift: „Wie der Anschlag von 9/11 alte Feindbilder gegen Muslime befeuert hat“. Dass der Anschlag fast dreitausend Menschen das Leben gekostet hat, weitere sechstausend zum Teil schwer verletzt und traumatisiert wurden, interessiert Interviewerin und Interviewte erkennbar nicht. Mit diesem Interview wurde bereits drei Tage vor dem Gedenktag der Ton gesetzt, der dann in allen Mainstream-Medien dann exakt so reproduziert wurde, von ARD und ZDF über die überregionale Presse bis hinunter zur letzten Lokalpostille: Eigentliche Opfer von 9/11 waren Muslime, die durch das Aufflammen uralter islamophober Stereotype pauschal unter Verdacht gestellt worden seien. Regionalprogramme komplettierten das Narrativ mit Berichten über den Muslime „unter Generalverdacht“ in ihrem Sendebereich.
Dem Beitrag des Südwestfunks eingebettet sind Hinweise auf weitere Äußerungen zum 9/11-Gedenktag aus derselben Anstalt: „So hat der Terror das Leben für Muslime in Rheinland-Pfalz verändert“ (also nicht: So hat der Terror das Leben der Rheinland-Pfälzer verändert, die nicht wussten, ob auch sie Ziel eines islamistischen Anschlags werden würden), außerdem: „Sicherheit nach Anschlag vor 25 Jahren: So schützt die Polizei in Rheinland-Pfalz vor Terror, Rechtsextremismus & Co.“ Wie es gelingt, den Rechtsextremismus mit 9/11 zu verbinden und gleichzeitig das Wort Islamismus im selben Zusammenhang auszulassen, kann man durchaus als propagandistisches Meisterstück bestaunen.
Man könnte nun neben die Geschichte der Islamophobie, die die Trierer Historikerin Hansen zeichnet, mindestens ebenso fundiert eine Geschichte der Islamophilie stellen: Wie Araber von der mittelalterlichen Scholastik „als philosophi par excellence“ gefeiert wurden; wie dem Orientalen lange das Attribut des „Heilkundigen“ und „Magiers“ zuerkannt wurde, „der die Geheimnisse der Natur kennt“ (Franco Cardini, Europa und der Islam, 2003), wie es der Kino-Blockbuster „Der Medicus“ jüngst noch einmal reproduzierte; wie sehr höfische Sitten einst durch die „Türkenmode“ bestimmt waren, in Bayern höchstrangig repräsentiert durch den maurischen Saal im königlichen Jagdhaus Ludwigs II. auf dem Schachen inmitten der Bergwelt des Wetterstein; nicht zuletzt in Goethes bewunderndem „West-östlichen Diwan“, der das evangelische Chrismon-Magazin zur ernst gemeinten Frage bewegte, ob der Dichter vielleicht Moslem gewesen wäre. Die Trierer Historikerin bietet zudem eine abenteuerliche Lesart über die Genese des christlichen Abendlandes an: „Als 1492 die letzten Muslime und auch Juden von der iberischen Halbinsel vertrieben werden, entsteht die Vorstellung, Europa als genuin weißen, christlichen Kontinent zu konstruieren.“ Das christliche Europa also gab es danach bis zum Ende des Mittelalters gar nicht, es wurde erst nach der Reconquista „konstruiert“, was nichts anderes heißen kann als: erfunden. Subtext dieser Einlassung: Der Islam hat mindestens so viel Anspruch auf den Kontinent wie das Christentum, wenn nicht sogar mehr. Mehr Selbstverleugnung und Selbstaufgabe war nie.
Dass der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ausweislich seiner Pressemitteilungen ein Hauptaugenmerk auf das Beklagen von Islamophobie legt und vehement eine nationale Konferenz zum Thema „antimuslimischer Rassismus“ fordert, kann dieser Lobbyorganisation niemand verdenken. Problematisch dagegen ist das weitgehende Schweigen des ZMD zu einem Phänomen, dass der BKA-Präsident als „importierten Antisemitismus“ bezeichnet, einem in vielen Fällen gewalttätigen Judenhass von muslimischer Seite, der sich mit der Masseneinwanderung in Deutschland extrem verstärkte. Eine neue Qualität entsteht schließlich, wenn große Teile der Medien die ZMD-Lobbyarbeit praktisch eins zu eins wiederholen, indem sie das eine Thema mit Daueralarmismus bearbeiten, das andere mit Dauerrelativierung.
Sorge um das große „Projekt“
In der taz erschien kurz nach dem fulminanten Wahlsieg der Linkspartei in Berlin ein Kommentar von Frederik Eikmanns, „Fachredakteur für Innere Sicherheit und Migration“. Die Überschrift macht klar, wohin die Richtung geht: „Antisemitismus in der Berliner Linken – Gefahr für Elif Eralp“. Nicht die Gefahr für die Berliner Juden (die die taz „Juden*Jüdinnen“ nennt) beklagt der Autor also, sondern das Problem der Linkspartei und ihrer Spitzenfrau beim Griff nach der Macht, die Eikmanns als „riesige Chance“ sieht, weil es „Hoffnung“ auf „Politikwechsel“ mache. Dieses „Projekt“ sei nun bedroht.
Wenn die Neuköllner Linke mit dem Slogan „Wütend auf den Kapitalismus“ Wahlkampf macht, schallt es von der Bühne in „schunkelndem Atzentechno“ (Zeit): „Yalla Yalla Intifada“, „Palästina Intifada wie die PFLP“, sprich: Terror und Selbstmordattentate – und „Death to the IDF“, sprich: Tod für israelische Soldaten der Israel Defence Forces. Für Zeit-Autor Jens Balzer, der über diesen Auftritt berichtet, ist der „charismatische“ Rapper namens Dahabflex für ihn doch mit seiner „Terror-Romantik“ nebst „Sowjet-Nostalgie“ ein „Vorreiter einer neuen popkulturellen Querfront“. Sorgt sich nun der Redakteur angesichts einer von ihm befürchteten „Legitimierung des palästinensischen und islamistischen Terrorismus“ um die Sicherheit der Juden in Deutschland und speziell in Berlin beziehungsweise allgemein um die innere Sicherheit im Land? Mitnichten. Seine Sorge gilt genauso wie dem Kollegen von der taz den Machtoptionen der Linkspartei: „Ruiniert die zu beobachtende Radikalisierung vieler jüngerer Mitglieder der Linken gerade deren Koalitionsfähigkeit mit den Parteien der bürgerlichen Mitte?“ Balzers wohlwollendes Porträt des Rappers verzichtet keineswegs darauf, dessen krasseste Liedzeilen zu zitieren: „Jedes Bullenschwein ist eine Missgeburt“, „FCK AfD“, „Ich bin Josef Stalin“, „Komm ich in dein’n Block / Gibt’s ein’n Massenmord“ (letztere Zeile ist für die Zeit „Lyrik, wie sie zeitweise typisch war im deutschen Rap“). Zwar erklärt man dem Leser pflichtschuldig, dass es sich bei der vom Rapper gepriesenen PFLP um die 1967 gegründete Volksfront zur Befreiung Palästinas handele, die 1972 in Tel Aviv „wahllos Menschen im Wartebereich des Flughafens ermordete“, und im Oktober 1977 die Lufthansa-Maschine Landshut entführte. Dennoch gilt bei der Hamburger Wochenzeitung der Rapper Dahabflex als „Posterboy einer neuen Version linker Gegen- und Popkultur“, der „die ältere Anti-Imperialisten- und K-Gruppen-Dogmatik mit dem jüngeren postkolonialen Antizionismus und Antisemitismus sowie mit der Romantisierung des sowjetischen Imperialismus und der Verehrung des autoritären Russlands unter Putin“ verbinde. Eine interessante Mischung, findet der Zeit-Autor – und mahnt, diese Entwicklung unter kulturellen Aspekten weiter im Auge zu behalten.
Nach einem ganz ähnlichen Muster verläuft auch die stark zeitverzögerte Berichterstattung deutscher Medien – vor allem in den öffentlich-rechtlichen Sendern – über die Gewaltexplosion in Frankreich. Dort brannte ein Mob reihenweise Schulen nieder, attackierte Lehrer, schwenkte palästinensische Flaggen, plünderte Geschäfte; in Bordeaux zündete die Menge einen Feuerwehrmann an. Dass sich unter den Gewalttätern so gut wie kein weißer christlicher Franzose befindet, lässt sich in den Videos aus dem Nachbarland dutzendfach sehen. Wie lautet der Kommentar im ZDF dazu? „Den Schülern reichts.“ Davon, dass sich hier die Verachtung muslimischer Jugendlicher gegen die säkulare Republik Bahn bricht – kein Wort. Man kommt nicht an dem Gedanken vorbei, dass Medien im Verein mit NGOS, akademischen Stichwortgebern und linken Politikern ganz im Sinn von taz und Zeit ein bestimmtes Projekt nicht gefährden wollen – die Fusion von Dumpflinks und Islamgrün, zusammengehalten durch den Hass auf die westliche Bürgergesellschaft.
Doch, man konnte es längst wissen
Jetzt, wo die ganze Republik gebannt auf die Neuköllner Zustände und Umtriebe schaut – die enge Verbindung zwischen radikalem Islam, Clans und Linkspartei – , hört man in den Medien immer wieder: Das konnte man ja nicht wissen. Oh doch. Und sogar der Mainstream hat es sehr lange vor der diesjährigen Berlin-Wahl seinem Publikum frei Haus geliefert – zur besten Sendezeit. Einer der letzten Filme mit Götz George spielte in Neukölln: Zivilcourage (2010), eine WDR-Produktion, die „präzise Milieu, Szene und Atmosphäre des konfliktgeladenen Stadtteils einfängt“ (Lexikon des internationalen Films). George gibt einen Antiquar, der in die Gewalt- und Einschüchterungsspiralen Neuköllns hineingezogen wird. Der Film zeigt den Stadtteil als sozialen Brennpunkt, in dem sich das deutsche Bürgertum (er Antiquar ist einer seiner letzten Vertreter vor Ort) ins Private zurückzieht.
Zur selben Zeit, also lange vor der Grenzöffnung 2015, avancierte Kirsten Heisigs „Das Ende der Geduld“ (2010) zum Bestseller, 2014 für die ARD verfilmt. Heisig beschreibt ungeschminkt die Neuköllner Probleme (pars pro toto), mit denen sie sich als zuständige Jugendrichterin konfrontiert sah, und zwar so filterlos, dass es den linken Migrationsapologeten und Islamfreunden recht blümerant wurde. Im „Neuen Deutschland“ unkte man schon vor dem Erscheinen des Buches, es würde ein „düsteres Bild“ entwerfen (also: ein realistisches). Außerdem behauptete das Parteiblatt, die Richterin stelle bei der Täteranalyse „rassistische Kriterien“ auf. Der Begriff gehörte also schon damals zum Appeasement-Wortschatz der Linken.
Zur Beschwichtigung und Realitätsverweigerung gehören auch Schutzbehauptungen zugunsten des eigenen Milieus, wie sie der Grünen-Wahlkämpfer und Anti-rechts-Aktivist Christian Bangel in seiner Funktion als Zeit-Redakteur aufstellte: „Die Behauptung, Deutschland sei von links bedroht, kann man als albern abtun.“ Stellvertretend für viele andere Kirchenobere propagiert der Fuldaer Weihbischof Karlheinz Diez eine „Verpflichtung der Kirche zum Dialog“. Begründung: „Wir leben in einer Welt, in der autoritäre Tendenzen vielerorts wieder im Aufwind sind.“ Und weil der Bischof „autoritäre Tendenzen“ wie Bundeskanzler Friedrich Merz ausschließlich „rechts“ zu verorten in der Lage ist, ergibt sich für ihn aus diesem Befund, den Schulterschluss mit dem Islam zu suchen, dessen autoritäre, wenn nicht totalitäre Tendenzen („Kalifat ist die Lösung“) er nicht sehen will, besser: nicht sehen darf, will er es sich mit der herrschenden Meinung des polit-medialen Komplexes nicht verscherzen. Seine worthülsengesättigte Erklärung über den „interreligiösen Dialog“ bietet wenig mehr als die zur Beliebigkeit geknetete Formel, „die Menschenwürde aller zu verteidigen, unabhängig von Herkunft oder Religion“ – was nur aussprechen kann, wer verdrängt, dass Teile des Islam durchaus das exakte Gegenteil dieser Formel anstreben.
Wie in allen geistig-politischen Prozessen von großer Wirkung kommen auch bei der großen Islam-Weichspülung in den Medien bei einer gleichzeitig rapide wachsenden Aggressivität von Muslimen gegen den Westen innerhalb des Westens mehrere Interessen und Strömungen zusammen: Das Dominanzstreben der Muslime selbst, die Gier der Parteien nach muslimischen Wählerstimmen, die Illusion, mit Appeasement das Schlimmste zu verhindern, dazu reiner Opportunismus, kultivierte Verachtung für die eigene Geschichte, bei vielen älteren vielleicht auch schlicht das Kalkül, die heiße Phase der Auseinandersetzung, die sich jetzt in Frankreich ankündigt, nicht mehr erleben zu müssen.
Dieser letzte Gedanke könnte sich als großer Irrtum herausstellen.
Jürgen Schmid ist Historiker und freier Autor. Er lebt in München.
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