Wenn im „Wertewesten“ alles Wertvolle Gefahr läuft, mit Macht zerschlagen zu werden, müssen die Bürger verstehen, was sie zu verlieren haben. Denn nur dann können sie es auch verteidigen. Eine Replik
von Jürgen Schmid
Publico
Eine eigene Kultur, eine eigene Religion und eigene repräsentative Gebäude, um nur das zu nennen, was Möller aufzählt, müssen wir nicht erst schaffen. Sie sind da. Das heutige Frankreich etwa, das gerade brennt, ist auf den Grundfesten der katholischen Religion erbaut. Notre-Dame ist nicht von der EU-Kommission geplant und errichtet worden, genauso wenig wie der Mailänder Dom, den jetzt italienische Fallschirmjäger vor Übergriffen durch Vandalen schützen. Die Mona Lisa ist kein Werk von Emmanuel Macron. All diese Schätze wird es hoffentlich noch geben, wenn sich niemand mehr an die schwachen Männer an der Spitze der europäischen Regierungen erinnert. Diese Kunstwerke überstrahlen so vieles, weil sie größer sind als ihre Schöpfer. Und sogar größer als die Epochen, aus denen sie stammen.
Was wir haben
Was ein anderer Publico-Leser, Alexander Peter, schreibt, ist zutreffend: „dass eine Gesellschaft, die keine gemeinsame Grundlage an Werten und Zielen hat, das eigene Erbe als ’Schande’ begreift und alles ’dekonstruiert’, Angriffen von innen und außen hilflos gegenübersteht“. Nun sind die marodierenden Kulturabwickler aber nur ein Teil des gesellschaftlichen Spektrums unserer Gegenwart – in Deutschland mit seinem Brennpunkt Berlin und im geplünderten Frankreich zurzeit sicherlich die sichtbarsten, lautstärksten und skrupellosesten Akteure, aber aus einer gesellschaftlichen Minderheitenposition heraus agierend nach dem Motto: Wer die Straße beherrscht, beherrscht die öffentliche Wahrnehmung. Und damit früher oder später das Land.
Viel zu oft begegnet einem im derzeitigen konservativen Spektrum, auch im medialen Milieu, eine Haltung, die auf die hysterische Zerstörungsobsession der „Progressiven“ gegen-hysterisch bis resignativ reagiert, mitunter sogar defätistisch bis apathisch. Wie sich aktuell in Frankreich drastisch zeigt, ist dieses passive Hinnehmen unter bestenfalls papierenem beziehungsweise virtuellem Protestrauschen fatal. Noch fataler wirkt sich das Wegducken der breiten Masse öffentlich Stummer aus, die zu Hause, in einem geschützten Raum, die Missstände beklagt, ohne eine Idee zu haben, wie die Zustände wieder ins Lot kommen könnten, ohne ihren Unmut gegen die zu wenden, die für die Zustände verantwortlich sind, und – am fatalsten – meist nicht einmal das Einzige tut, was ein konstruktiver Gegenentwurf zu all dem Fatalismus wäre: das Eigene in Ehren zu halten und damit zu verteidigen. Für eine konservative Publizistik hieße das: sich nicht mehr von den fortschrittlichen Rückschrittlern treiben zu lassen, sich nicht mehr deren Themen oktroyieren zu lassen, sondern das, was immer gilt, selbstbewusst ins Schaufenster zu stellen. Keine weinerliche Reaktion mehr, wenn wieder ein Bestand angegriffen wird; stattdessen Betonung und Hochwertung des Eigenen.
Müsste man nur ein Beispiel aus der Religion nennen von dem, was wir haben, wäre das von München aus betrachtet eine der beeindruckendsten Sakrallandschaften, die denkbar sind: mit einer Fülle von Klöstern und Kirchen, die das Land seit Jahrhunderten präg(t)en und recht eigentlich erst zu dem gemacht haben, was es lange war; mit durchbeteten Andachtsstätten, mit Wallfahrten, die Generationen vor allem in schlechten Zeiten und in menschlichem Leid durchs Leben getragen haben; mit einer Fülle von Kunst gewordenem Glauben, in der so überreichen Barock- und Rokoko-Ausstattung dieser Gottesräume.
Eine biblische Weisheit hat ihre Gültigkeit: Prüfet alles, das Gute aber behaltet. Genauso gilt: Alles hat seine Zeit. Jakob Wassermann liefert das passende Bild: Wenn man sieht, wie jemand sein Pferd heillos prügelt, macht es in dieser Situation wenig Sinn zu spekulieren, ob der Gaul nicht vielleicht so störrisch wäre, dass er Prügel verdiente. Wassermanns Verhaltensempfehlung für einen solchen Fall: Darüber könne man zu gegebener Zeit diskutieren, zunächst aber möge man dem Wüterich die Peitsche aus der Hand schlagen. So macht es in der momentanen Lage keinen Sinn, die Bestände des Eigenen aus konservativer, sprich realpolitisch machtloser Perspektive ebenfalls überkritisch zu hinterfragen. Es ist höchste Zeit, sie entschieden zu schützen. Erst wenn die Alleszerschlager entmachtet sind, dann kann man sich den Luxus der Bestandsprüfung wieder leisten. Solange nichts von dem, was überliefert ist, vor dem Auslöschungsfuror sicher ist, sollte es die Aufgabe jedes Konservativen sein, sich als Schutzschild vor die Traditionen zu stellen. Konservativ sein, meinte Antoine de Rivarol, „heißt nicht, am Vergangenen zu hängen, sondern aus dem zu leben, was immer gilt.“
Liebe Leser, Publico erfreut sich einer wachsenden Leserschaft, denn es bietet viel: aufwendige Recherchen – etwa zu den Hintergründen der Potsdam-Wannsee-Geschichte von “Correctiv” –, fundierte Medienkritik, wozu auch die kritische Überprüfung von medialen Darstellungen zählt, Essays zu gesellschaftlichen Themen, außerdem Buchrezensionen und nicht zuletzt den wöchentlichen Cartoon von Bernd Zeller exklusiv für dieses Online-Magazin.
Nicht nur die freiheitliche Ausrichtung unterscheidet Publico von vielen anderen Angeboten. Sondern auch der Umstand, dass dieses kleine, aber wachsende Medium – anders als beispielsweise “Correctiv” – kein Staatsgeld zugesteckt bekommt. Und auch keine Mittel aus einer Milliardärsstiftung, die beispielsweise das Sturmgeschütz der Postdemokratie in Hamburg erhält.
Hinter Publico steht weder ein Konzern noch ein großer Gönner. Da dieses Online-Magazin bewusst auf eine Bezahlschranke verzichtet, um möglichst viele Menschen zu erreichen, hängt es ganz von der Bereitschaft seiner Leser ab, die Autoren und die kleine Redaktion mit ihren freiwilligen Spenden zu unterstützen. Auch kleine Beträge helfen.
Publico ist am Ende das, was seine Leser daraus machen. Deshalb herzlichen Dank an alle, die einen nach ihren Möglichkeiten gewählten Obolus per PayPal oder auf das Konto überweisen. Sie ermöglichen, was heute dringend nötig ist: einen aufgeklärten und aufklärenden unabhängigen Journalismus.
Der Betrag Ihrer Wahl findet seinen Weg via PayPal – oder per Überweisung auf das Konto
A. Wendt/Publico
DE88 7004 0045 0890 5366 00
BIC: COBADEFFXXX
Die Redaktion
Unterstützen Sie Publico
Publico ist weitgehend werbe- und kostenfrei. Es kostet allerdings Geld und Arbeit, unabhängigen Journalismus anzubieten. Im Gegensatz zu anderen Medien finanziert sich Publico weder durch staatliches Geld noch Gebühren – sondern nur durch die Unterstützung seiner wachsenden Leserschaft. Durch Ihren Beitrag können Sie helfen, die Existenz von Publico zu sichern und seine Reichweite stetig auszubauen. Vielen Dank im Voraus!
Sie können auch gern einen Betrag Ihrer Wahl via Paypal oder auf das Konto unter dem Betreff „Unterstützung Publico“ überweisen. Weitere Informationen über Publico und eine Bankverbindung finden Sie unter dem Punk Über.









