Die Mär vom Kollaps „rechter“ Nutzerkonten stellte sich schnell als Unfug heraus. Aber auch als lehrreich: Die Wohlgesinnten sehen den Bürger entweder als Objekt russischer Trolle oder der eigenen Belehrung – aber auf keinen Fall als selbständiges Wesen
Bei der Behauptung, ukrainische Drohnenangriffe auf drei Datencenter des russischen IT-Unternehmens Yandex zwischen dem 8. und dem 11. Oktober 2026 hätten zu einem schlagartigen Rückgang sogenannter russischer Bots in sozialen Medien und zu einem drastischen Einbruch der Followerzahlen „rechter“ Accounts geführt, handelte es sich zum einen um eine Desinformation unter vielen, die sich – hier treffen Begriffe wie ‘drastisch‘ und ‘schlagartig‘ tatsächlich zu – innerhalb weniger Stunden vor allem auf X verbreitete. Aus verschiedenen Gründen ragt sie allerdings lehrbuchhaft aus der Falschnachrichtenmasse heraus: Erstens, weil sich diese Falschnachrichtenkampagne sehr gut von ihren Ursprüngen an rekonstruieren lässt. Zweitens, weil es sich um ein internationales Phänomen handelte – mit Schwerpunkt Deutschland, aber auch einer Welle in Österreich, Polen und sogar in den USA. Zum Dritten stellte sie einen Test dar, wer alles eine schlichte Behauptung und eine offensichtlich fabrizierte Grafik weiter durchs Netz trieb: Politiker mit großer Reichweite, Journalisten in Führungspositionen, ein gerade mit einer hohen staatlichen Auszeichnung bedachter Meinungsmacher auf X. Im Netz, wie es immer wieder heißt, schwirren tatsächlich viele absurd falschen Erzählungen herum. In diesem Fall und vielen anderen Fällen könnten sie niemals Hunderttausende erreichen, wenn sie nicht durch wohlmeinende Personen aus Politik und Medien verstärkt würden, die gleichzeitig unentwegt nach schärferen Maßnahmen gegen „Desinformation“ rufen. Und schließlich zum Vierten, weil sich die Drohnen-Bot-Story perfekt in die Großerzählung von den omnipotenten russischen Strippenziehern einfügt, die weltweit die Puppen nach Belieben tanzen lassen.
Am Anfang der facettenreichen Geschichte steht eine Grafik, deren Schöpfer es schaffte, bis jetzt anonym zu bleiben.

Das am 11. Oktober erstmals veröffentliche Wunderwerk zeigt auf seiner y-Achse „Aktivitäten pro Tag“, die Skala reicht bis 7000. Wessen Aktivitäten? Auf welchen Plattformen? Für welches räumliche Gebiet? Was sollen überhaupt „Aktivitäten“ sein? Darauf findet sich nirgends auch nur der kleinste Hinweis. Dafür reicht die x-Achse bis zum 15. Oktober, also einem Datum, das zur Premiere der Grafik noch in der Zukunft lag. Angaben zur Datenquelle existieren genauso wenig wie zu den Urhebern. Man sieht also 6000 irgendwas, dann stürzt die Linie ab. Ganz nebenbei: Dem offenbar mit KI erstellten Blödsinn lässt sich nirgends ein Hinweis auf einen Zusammenhang mit ukrainischen Drohnenangriffen auf Datencenter des russischen Unternehmens Yandex entnehmen, den es tatsächlich gab. Diese Verbindung stellte erst der tschechische Europaabgeordnete Tomáš Zdechovský her, der zu dem Graph schrieb: „So much talk about German patriotism… then the connection from Russia goes down.“

Was er genau mit „connection“ meint, bleibt unerklärt. Aber er behauptet auch: „Online activity around AfD suddenly plummets“, obwohl die Abbildung selbst keinerlei Bezug zu der Partei herstellt. Er liefert auch keine eigenen Belege dafür, dass Online-Aktivitäten „rund um die AfD“ plötzlich gefallen wären. Dem Publizisten Philippe Lemoine zufolge, Autor für Quillette, sammelt die X-Veröffentlichung des Tschechen 62 000 Likes und fand 13 000 Verbreiter.
Sie passt einfach zu gut in die Großerzählung von den „russischen Bots“, den „Trollfabriken“, die angeblich hinter allen großen innenpolitischen Entwicklungen in Deutschland, Österreich, Großbritannien und anderswo stecken. Nie präsentierte irgendjemand dazu harte Fakten. Hier kam nach Ansicht sehr vieler Überzeugter endlich das gewünschte Zahlenwerk. Offenbar halten gerade in der politisch-medialen Sphäre sehr viele Leute alles für einen Beleg, was über eine y- und eine x-Achse verfügt.
Um es gleich hier einzuschieben: Authentische Messergebnisse zeigen nach dem schlag gegen die Yandex-Center überhaupt keinen Reichweiten- und Follower-Rückgang bei AfD-Accounts und AfD-nahen Nutzern, auch nicht bei Rechtsparteien anderer Länder. Einen allgemeinen Rückgang von Bot-Aktivitäten ebenfalls nicht, wobei sich generell nur schwer feststellen lässt, hinter welchem Nutzerkonto sich kein Mensch verbirgt, sondern eine Maschine. Der Däne Valdemar Osted, Technikchef des Digitalunternehmens Common Consult, schaute sich sowohl die Aktivitäten von AfD- als auch MAGA-Konten an, und schrieb zu der Drohnen-Datencenter-Schrottgrafik-Story: „Wir haben es überprüft. Wir sehen es nicht.“
Der österreichische EU-Abgeordnete Helmut Brandstätter, für NEOS in Brüssel, erkannte ganz genau: „Russische Rechenzentren werden bombardiert und plötzlich wirds ruhiger auf Social Media? Das bestätigt, was wir längst wissen: Russische Desinformation beeinflusst, was wir online sehen.“
Zu den Verbreitungshelfern gehörte außerdem der Vize-Chefredakteur der BILD Peter Tiede: Er nahm sich wie die anderen nicht einmal die 30 Sekunden zum Studium der Grafik, die jedem unvoreingenommen Betrachter zeigen, dass sie unmöglich auf echten Daten beruhen kann.
Ein reichweitenstarker grünen-naher X-Account mit dem neckischen Namen „Faktencheck jetzt“ behauptet, durch die Angriffe auf die Yandex-Zentren würden nur noch 1932 X-Nutzer Alice Weidel folgen. In Wirklichkeit beträgt die Follower-Zahl der AfD-Chefin zu diesem Zeitpunkt 1,3 Millionen.
Bei „Faktencheck jetzt“ handelt es sich um einen Account, hinter dem möglicherweise nicht nur eine Person steht, sondern mehrere. Jedenfalls sendet er in Vollzeit Polemik nicht nur gegen die AfD, sondern auch die Union, verbreitet Klingelworte und Kampagnen der Grünen, und betätigt sich generell als notorische Fakenews-Schleuder. Unmittelbar nach der Falschbehauptung über die angeblich kollabierte Weidel-Followerzahl verbreitete „Faktencheck“ ein Foto, das angeblich „die Ära Trump zusammenfasst“ – ein in Wirklichkeit AI-generiertes Bild.
Man könnte also sagen: Der Account arbeitet mit ZDF-Methoden. Aber vor allem entspricht er ziemlich genau der unterstellten Bot-Aktivität, in der Vertreter der Linken den Hauptgrund für ihren Verlust der Deutungshoheit sehen.
Soweit also das Netz beziehungsweise vielmehr, diejenigen, die das Netz mit Falschnachrichten fluten, geboostert durch den Klang eines politischen Mandats oder die Wirkung, die das Bundesverdienstkreuz merkwürdigerweise immer noch auf einige im Publikum ausübt.
Wie gingen die Medien mit dem erfundenen Material um? Zunächst muss man sagen: Öffentlich-Rechtliche sprangen in diesem Fall nicht auf, der Bayerische Rundfunk nahm die offensichtlich unsinnige Grafik und die daran geknüpfte Geschichte sogar auseinander. Andererseits sollte man selbst bei niedrigem Vertrauen in alteingesessene Medien annehmen, dass dort überhaupt niemand auf ein quellenloses Quatschdiagramm hereinfällt. Die Realität sieht anders aus. Der Wiener Standard (Redaktionsstatut: „DER STANDARD ist der wahrheitsgetreuen sowie wissenschafts- und evidenzbasierten Berichterstattung verpflichtet“) titelte im ersten Anlauf: „Angriff auf Yandex-Zentrum brachten russische Propaganda zum Erliegen“. Die Frankfurter Rundschau: „Ukraine attackiert Russlands ‚Google‘ – und plötzlich verstummen die Bots in sozialen Netzwerken.“
Focus online: „Plötzlich still geworden – Ukraine trifft russische Rechenzentren – und womöglich Bots“.
Als Beleg führt Focus die Spekulation eines Mitarbeiters von Capgemini auf LinkedIn an, der wahrgenommen haben will, dass bestimmte Accounts von „Trump-Anhängern oder EU-Skeptiker“ plötzlich „unheimlich still geworden“ wären.
Nun geschah Folgendes: Einer der Verbreiter aus der ersten Welle, der polnische Militäranalytiker Jarosław Wolski, entschuldigte sich ausführlich für das Breittreten eines offenkundigen Unsinns.
Das brachte offenbar auch andere dazu, sich (zum ersten Mal) den Graphen überhaupt näher anzusehen. Der Vize-Chef der Bild Tiede postete auf X, er habe „eine falsche Grafik“ verbreitet, was allerdings so klingt, als hätte er sich nur bei der Illustration der Story vergriffen. Kiesewetter und Polenz löschten ihre Posts stillschweigend. Der Standard schrieb seine Geschichte hektisch um: Auf einmal hieß es dort, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen dem Drohnenschlag gegen die russischen Rechenzentren und einem Rückgang rechter Internet-Aktivitäten, ja selbst der Rückgang sei nicht sicher feststellbar. Der Text mit der Fakenews-Überschrift lässt sich zwar via Google noch aufspüren – aber die Redaktion sorgte flugs dafür, dass Nutzer, die ihn anklicken, auf der gesäuberten Version landen.
Damit zeigt sich ein eingespieltes Muster, das sich grundsätzlich ähnlich auch im „Correctiv“-Potsdam-Komplex, beim angeblichen Sturm der Habeck-Fähre und noch vorher bei in der frei erfundenen Behauptung von der „Pandemie der Ungeimpften“ zeigte: Erst das Netz und Medien damit fluten, um dann, wenn die Konstruktion zusammenfällt, das Narrativ einfach fallen zu lassen und die Spuren so gut es geht zu verwischen.
Kampagnen dieser Art bleiben trotzdem nicht wirkungslos, sie verflüchtigen sich nicht wie Fußabdrücke am Strand. Sondern sie erzeugen in ihrer ständigen Wiederholung einen Sound, ein Bewusstsein, das sich bei denjenigen festsetzt, die keine Nachrichten aus anderen Quellen konsumieren. Viele bekommen die stillschweigenden Löschungen von Falschbehauptungen überhaupt nicht mit.
Eine Figur wie Polenz steht außerdem noch für an anderes Phänomen – die nahezu perfekte Projektion des eigenen Verhaltens auf den imaginierten Gegner. Imaginiert deshalb, weil auf der Feindseite angeblich alle mit allen zusammenhängen.
Ganz oben auf seinem X-Konto wirbt der von Steinmeier dekorierte CDU-Mann für sein neues Buch „Wenn ein Volk den Verstand verliert – und was wir dagegen tun können“ mit einem Zitat von Hannah Arendt: „Der ideale Untertan der totalitären Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder der engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, wahr und falsch nicht mehr existiert.“ Dass er mit dem Arendt-Zitat mitgemeint sein könnte, kommt einem Polenz keinen Mikroaugenblick seines Lebens in den Sinn. Bei ihm geht es nicht nur um das Weitertragen von Fake News, das er oft genug praktiziert, und wofür ihn ein ebenfalls Falschbehauptungen ventilierender Präsident bewundert, sondern um deutlich mehr.
Polenz postete nämlich zu der abstrusen Grafik: „Auf einmal sind die ganzen AfD Troll Bots verschwunden hier auf X“ – also nahezu das gleiche wie der EU-Abgeordnete Brandstätter. Sie spielen es womöglich nicht nur anderen vor, sondern glauben wirklich, etwas zu wahrzunehmen, was andere in ihrer Beschränktheit nicht erkennen können.

„Die pausenlose Allgegenwart und Aufdringlichkeit aller möglichen Botschaften, die avancierte Aufmachung der absurdesten Idiotien, die schrille Emotionalisierung, die Verwirrung, ob ein Mensch schreibt oder eine Maschine, ob ein Bürger oder ein Bot postet – all das ist kein Gütezeichen des demokratischen Streits mehr.“ So sprach Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zum 3. Oktober, wobei er auch in den folgenden Passagen nicht mitteilte, wann absurde Idiotien früher einmal ein Gütezeichen des demokratischen Streits gewesen sein sollten. Sie sind es jedenfalls seiner Ansicht nach nicht mehr. Es ergibt sich eigentlich ganz von selbst, dass der Knödelkönig von Bellevue, der beispielsweise die Mär verbreitet, im deutschen Kaiserreich ab 1871 hätte der Staat Juden verfolgt, seinerseits einer notorischen Falschbehauptungsschleuder, die sich auf Hannah Arendt beruft, einen Staatsorden um den Hals hängt.
Der EU-Parlamentarier Brandstätter verknüpfte seine Alternativrealität zu Drohnen und Russenbots mit dem Lob des EU-„Democracy Shield“, mit dem von der Leyens Beamte künftig noch gründlicher einschränken wollen, was sie als „Desinformation“ einordnen. Brandstätters NEOS-Parteifreundin Beate Meinl-Reisinger, Österreichs Außenministerin, kündigte vor wenigen Tagen den Aufbau eines staatlichen „Zentrums gegen Desinformation“ an. „Desinformation“ dient für diese Mitglieder der Funktionselite als Sammelbegriff für alles, was ihrer eigenen Erzählung irgendwie entgegensteht.
Zur Welt als Gerücht und Behauptung gehört auch die Äußerungen des neuen britischen Premiers Andrew Burnham, der erstens erklärte, Russland stecke auf nicht näher erklärte Weise hinter dem Brexit-Votum von 2016, und zweitens, die AfD würde von Russland finanziert. Letzteres hätte ihm Friedrich Merz erzählt. Dass sich die AfD insgesamt durch eine deutliche Russland-Schlagseite auszeichnet, bestreitet noch nicht einmal die Partei selbst. Eine Finanzierung aus Moskau wäre allerdings ein ganz anderes Kaliber, und vor allem nichts mehr, was jemand einfach meinen kann. Vor allem könnte man kaum verstehen, dass Merz über exklusive Erkenntnisse dieser Art verfügt, sie aber nur dem britischen Regierungschef offenbart, nicht jedoch der deutschen Öffentlichkeit. Publico fragte deshalb den Kanzler mit Bezug auf Burnham, ob ihm Informationen über eine russische Finanzunterstützung für Weidels Partei vorliegen. Ein Regierungssprecher antwortete: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu den Inhalten vertraulicher Gespräche grundsätzlich nicht äußern.“
Im Königreich widersprach MI 5-Chef Ken McCallum umgehend Burnhams Behauptung, russische Internetaktivitäten hätten beim Brexit-Votum irgendeine messbare Rolle gespielt. Er warnte außerdem davor, generell einen russischen Einfluss auf die Politik anderer Staaten hemmungslos zu überzeichnen. Damit steht er zwar auf der Seite der Rationalität, aber gegen einen sehr großen Teil des politisch-medialen Komplexes.
Nach Ansicht vieler linker Politiker und der mit ihnen verbündeten Journalisten kippten russische Bots und Internetaktivisten nicht nur Großbritannien 2016 aus der EU, sie beförderten auch Donald Trump ebenfalls 2016 und wieder 2025 (aber nicht 2021) ins Weiße Haus, machten in Deutschland die AfD groß und sorgten im Sommer 2026, jedenfalls dem spanischen Premier Pedro Sanchez zufolge, für den Sturm zehntausender junger Männer über die Grenze in die Exklave Ceuta. Angesichts dieses Panoramas fragt man sich, warum ein Staat, der über derartige Wunderkräfte verfügt, mit der er die Politik anderswo mit leichtem Tippen auf dem Keyboard lenken kann, jetzt schon im vierten Jahr in der Ukraine feststeckt, schwere Schläge auf seine Treibstoffindustrie einstecken muss, und derzeit netto Territorium in der Ukraine verliert.
Nach den Vorstellungen der Meinungsbildner, die das Bild eines (bis auf den Ukraine-Schlammassel) nahezu allmächtigen Putinreichs zeichnen, kann es unmöglich stimmen, dass sich eine Mehrheit der Briten wegen des Zustands der EU gegen eine EU-Mitgliedschaft entschieden hatten, dass eine Mehrheit der US-Wähler Trump für akzeptabler hielt als Hillary Clinton, dass Gründe für die Wahl der AfD existieren, und dass junge Marokkaner und Einwohner anderer afrikanischer Staaten die kaum bewachte Grenze zur EU überqueren, nur weil der Oberste Gerichtshof Spanien und die Sanchez-Regierung sie faktisch dazu einlädt. Nein – um das zu bewirken, müssen schon andere am Draht ziehen.
Von dem Spezialthema Ceuta/Spanien einmal abgesehen offenbart sich in dieser Konstruktion des Russicus ex machina ein bemerkenswerter Blick des erwähnten politisch-medialen Apparats auf das Zustandekommen von Meinungen. Den Bürger sieht man aus eigenen Deutungshoheit als Objekt, das kaum eigene Interessen und so gut wie keinen eigenen Willen kennt, von Reflexionsvermögen einmal ganz zu schweigen. Schon ein paar fremdländische Bots im Internet können ihn dahin und dorthin stoßen, weshalb der Staat und der dazugehörige Schattenstaat der Organisationen ihn in seinem eigenen Interesse davon abschirmen und seinerseits beeinflussen muss. Wer wie Angela Merkel das Nudging der Bürger, also das sozialingenieurhafte Anschubsen der Bürger durch Belohnung und Strafe für die politische Königsdisziplin hält, der muss sich die Normalexistenz notwendigerweise als Blatt im Wind vorstellen. Daraus folgt, dass alle Gedanken sich nicht auf den Bürger und seine Fragen und Beschwerden richten müssen, sondern darauf, dass ihn der Wind von der richtigen Seite anweht. Das Nudging der Uckermärkerin, erprobt in den Coronajahren, und die Idee der nahezu allmächtigen Russenbots bilden zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Aus diesem Geist entstehen Bücher wie Polenz‘ „Wenn ein Volk den Verstand verliert“, und Werke wie „Zu dumm für die Demokratie“ von Zeit-Redakteur Mark Schieritz. Daraus entstand Emmanuel Macrons Bezeichnung Bullshit für freie Rede: Denn damit, so der Präsident, könnte der gemeine Bürger gar nichts anfangen, er müsste vielmehr durch das Meinungsangebot geführt werden. Getragen von diesem Bewusstsein entspringt gerade Ursula von der Leyens „Democracy Shield“. Die Kommissionschefin hält es bekanntlich auch für nötig, Bürger gegen Desinformation zu impfen.
Weil die Geführten unmöglich selbst zurechtkommen, müssen die Gewalttaten auf Frankreichs Straßen für die Kunden von ARD, ZDF und verwandten Medien hinter einer rhetorischen Nebelwand verschwinden („Schülerproteste“), genauso wie die Szenen aus Ceuta: Die Zuschauer und Leser könnten sonst falsche Schlüsse ziehen. Und Schlüsse ziehen, egal welche – das vermögen sie nach fester Überzeugung der Wohlmeinenden nur im beeinflussten Zustand. Entweder Dunja Hayali sagt ihnen, wo es langgeht, oder ein russischer Troll. Tertium non datur.
Am besten, konzisesten, einprägsamsten fasste die nach wie vor omnipräsente Ordenssammlerin Angela Merkel dieses Gesellschaftsbild nach einer weiteren Preisverleihung aus der Hand von Daniel „Zensur“ Günther zusammen: „Sie können die allerbesten Politikerinnen und Politiker haben – wenn nicht die Menschen im Lande, die Bürger, genauso spüren, dass wir uns für diesen Staat, für diese Demokratie einsetzen müssen, dann werden wir es vielleicht nicht schaffen.“
Man will ihr eigentlich nicht zu nahe treten: Aber die Formel, dass der beste Führer nichts nutzt, wenn das Volk beziehungsweise heute die Bevölkerung nicht mitzieht, benutzte so ähnlich schon einmal jemand, und zwar 1945 in einem Berliner Souterrain. Wer jetzt den Vergleich rügt, sollte sich daran erinnern, dass vergleichen ja nicht bedeutet, eine Gleichheit zu behaupten, sondern Ähnlichkeiten aufzuspüren.
Durch die falsche Russenbot-Story erfährt die Öffentlichkeit noch ein bisschen besser und authentischer, wie die Funktionselite auf das Gewimmel unter ihnen blickt: Wir haben nicht die allerbesten Bürger. Aber wenn wir alles tun, um sie anzuleiten, sie gegen das Falsche abschirmen, und jeden Verstockten zum Opfer russischer Trolle erklären, dann könnten wir es schaffen.
Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.
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