In Qualitätsmedien legen eiserne Regeln fest, welche Illustrationen eine bunte Gesellschaft zeigen müssen – und welche bei Strafe des Empörungssturms nur kartoffelweiße Menschen. Nur manchmal kommt es noch zu Fehlern in der Matrix.
Von Dirk Schwarzenberg
Neulich erschien in der Zeit ein Werbeblock für Kinderlosigkeit. Am glücklichsten von allen Frauen, hieß es in dem Beitrag, würden unverheiratete Kinderlose leben. Es handelt sich natürlich nicht um gekennzeichnete Werbung. Artikel dieser Art zeichnen sich allerdings durch alle Merkmale einer Anzeige aus: Die Illustration zeigt eine fröhlich hopsende Symbolbild-Frau; der Text beschreibt das Kinderlosigkeitsglück in dem Tonfall, den man im Englischen upbeat nennt. Wer lieber im Deutschen bleiben will, denkt möglicherweise an ein Referat eines Gurkenhobelverkäufers in der Fußgängerzone. Der Konsument des Beitrags soll merken, dass es hier nicht darum geht, etwas von allen Seiten zu betrachten, sondern ein Modell anzubieten. Er richtet sich an eine klar umrissene Zielgruppe. Und es gehört eine ebenfalls werbetypische Standardisierung dazu. In diesem Fall: Bei der Symbolfrau handelt es sich um eine weiße Person. Und das nicht nur in der Zeit, sondern bei allen generischen Kinderlosigkeit-macht-glücklich-Texten.
Auch sämtliche Beiträge über den Klimaschädling Kind illustrieren die Redaktionen mit weißen Babys. Nicht nur mehrheitlich, sondern grundsätzlich.

Das fällt vor allem vor dem Hintergrund aller anderen Symbolfotos in Zeitungen, Magazinen und in der Werbung auf: Dort herrscht die Regel, dass mindestens eine der abgebildeten Personen farbig sein muss, egal, worum es geht. Auch eine Einzelperson kann gern of Color sein.
Es gibt aber Ausnahmen, um die es hier gehen soll.
Um vorher kurz noch einmal auf den behaupteten Zusammenhang zwischen child free (so lautet der positive Fachausdruck mittlerweile) und Glück zurückzukommen, bevor es mit der spezifischen Einfärbung von Werbeträgern weitergeht: Das Aberdutzend an englischsprachigen und von dort ins Deutsche kopierten Beiträgen über das Glück der Kinderlosigkeit stützt sich auf die Behauptung des Soziologen Paul Dolan. Er lehrt an der London School of Economics and Political Science, viele Medien nennen ihn der Einfachheit halber Glücksforscher. Das Fach gibt es natürlich nicht, aber es klingt erst einmal gut.
Dolan stützt sich in seinen Beiträgen, die er zu dem populärwissenschaftlichen Buch „Happy Ever After“ verarbeitete, im Wesentlichen auf die Daten der American Times Use Survey (ATUS), einer vom US-Büro für Statistik langfristig angelegten Untersuchung zum Sozialverhalten von Amerikanern. Dolan verstand nachweislich eine Frage in dieser Untersuchung falsch, außerdem übersah er, dass sie sich, da es um den Glückszustand von Paaren ging, an Männer und Frauen gleichermaßen richtete, ohne dass die ATUS-Leute beide Gruppen eigens auswiesen. Stattdessen verwenden sie den neutralen Begriff „Partner“. Die schon aus diesem Grund wacklige These des Briten widerspricht außerdem vielen Befragungen, die zu dem genau entgegengesetzten Ergebnis kommen. Und obendrein dem statistischen Befund, dass unverheiratete und kinderlose Frauen unter allen Frauen die höchste Suizidrate aufweisen. Trotz dieser Faktenlage machte Dolans Veröffentlichung in den Medien von Guardian bis Zeit, Stern und Elle eine Blitzkarriere.
Die Artikel ähneln im Aufbau einander, als kämen sie alle aus ein und demselben Prozessor: Wir wussten das eigentlich schon immer – und jetzt liefert ein Experte endlich die passenden Daten dazu. Und wie schon erwähnt: Als Illustration sucht die Redaktion grundsätzlich das Agentursymbolbild einer lachenden, nicht allzu alten Frau heraus. Einer weißen Frau. Ausnahmslos. Hier gilt der Grundsatz, eine, wie es heißt, vielfältige Gesellschaft abzubilden, gerade nicht.
Damit sticht die Child-free-Propaganda aus dem Schema heraus: Während ansonsten für fast alle im weitesten Sinn positiv oder wenigstens neutral konnotierten Lebensbereiche Vielfaltsabbildungen als ungeschriebenes Gesetz gelten, gilt beim Thema Glücksvorsprung durch Kinderlosigkeit genauso eisern und ungeschrieben die Einfarbigkeit. Ebenfalls bei den generischen Textproduktionen über die Gefährlichkeit von partnerschaftlicher Bindung: Weiß, weiß, weiß ist auch hier alles, was das Archiv hergibt.
Keine Kinder in weißen Familien – so deutlich spricht die Botschaft vermutlich deshalb niemand bei Zeit und Stern aus, weil sich der Transfer vom Privatleben der Journalistin via Artikel zur vorgestellten Leserin im Unterbewusstsein abspielt.
Aber un- und halbbewusste Gedankenströme fließen meist sogar kraftvoller als alles, was ganz kontrolliert durch die Oberstube einer Person läuft. Manche Autorinnen geben vor, nur ganz deskriptiv und ausschließlich für sich zu sprechen. Aber der nachdrückliche, propagandistisch angehauchte Duktus ihrer Texte lässt sich nicht übersehen. Die Überschriften der Texte von Stefanie de Velasco, die überwiegend für die FAZ schreibt, lesen sich so: „Ich bin eine Childless Dog Lady – und nie ging es mir besser“, „Hund statt Mann“, „Heute bin ich für Männer unsichtbar und feiere das“, aber auch: „Warum ich mich nicht um meine Eltern kümmere“. Zusammen ergibt das einen abgeschlossenen Kurzroman. Natürlich würde Stefanie de Velasco, die in Berlin lebt, ihre Nachbarin Aische nie fragen, warum sie sich gleich mehrere Blagen aufhalst, um die Antwort dann zu einem Artikel zu verarbeiten.
Von der Ausnahme, etwas aus Mediensicht Positives strikt homogen weiß zu halten, geht es in den Rest des Textes wieder um eine harte Regel: Alles irgendwie negativ empfundene und vor allem konfliktbeladene darf ebenfalls niemals bunt sein, sondern so kartoffelhell wie sonst nur antifaschistische Kundgebungen in Deutschland.
Der Focus etwa berichtete vor Kurzem über einen zunehmenden „religiösen Konformitätsdruck an den Berliner Schulen“ (der nicht nur in Berlin herrscht). Wirklich, so etwas gibt es? Und Gewalt kommt dabei auch hin und wieder vor? Die Bildredaktion des Focus kann den Gesamteindruck immerhin mildern, und zwar mit dieser Illustration:
Finn geht hier Sören im Streit zwischen Katholiken und Protestanten um das Abendmahlverständnis an den Kragen. Wer sich am Ende wem anpasst, muss offen bleiben.
Streit im Freibad – wer kennt den nicht? Beispielsweise alle, die aus bestimmten Gründen seit Jahren diese Einrichtungen meiden. Das Thema gehört aber zum allgemeinen Debattenstoff, also sah auch der Stern sich in der Lage, es irgendwie aufgreifen zu müssen. Und zwar mit dieser Bebilderung.
Diese Zusammensetzung des Publikums findet man am ehesten noch in Grünwald bei München. Und eben auf den sensibel ausgewählten Fotos der deutschen Medien, die auf keinen Fall in den Ruch kommen wollen, rassistisch zu sein.
Außerdem weiß jeder Redakteur, auch ohne dass man das eigens sagen müsste: Bebilderung von Texten zu Erektionsproblemen: immer, immer einfarbig, was die Person darauf betrifft.
Aber es muss ja gar nicht immer eine Person auf dem Bild sein, nicht wahr? Beim Thema Catcalling – also dem Vorgang, bei dem Männer Frauen auf der Straße anzüglich hinterherrufen – fanden WDR und Deutschlandfunk fast identische Illustrationslösungen, die Süddeutsche sogar eine im Rahmen ihrer Möglichkeiten originelle.
Puh, gerade noch mal die Kurve bekommen. So wie die Stadt Köln mit ihrer Kampagne gegen sexuelle Belästigung in Freibädern. Bei dem Design gingen wahrscheinlich mehrere Kreativköpfe zu Bruch, bevor man die Lösung fand, Belästigung so darzustellen, dass die Integrationsbeauftragte und der grüne Abgeordnete sich nicht daran stoßen: In der Narrenstadt am Rhein jedenfalls greift eine rothaarige weiße Frau einem farbigen Jungen ans Holzbein.
Apropos Belästigung: Wahlwerbung gibt es mittlerweile auf Arabisch, beispielsweise in Berlin, aber auch auf Türkisch. Plakate, die vor sexueller Belästigung warnen, bringen ihre Botschaft wiederum selbstredend nur auf Deutsch an die Zielgruppe.
Natürlich wissen die betreffenden Qualitätsmedienschaffenden, was sie da tun. Es handelt sich schließlich um das gleiche Personal, das völlig unironisch Begriffe wie „Qualitätsmedien“ und „Unsere Demokratie“ benutzt, das die Geschichte von türkischen Gastarbeitern erzählt, die beim Aufbau des kriegszerstörten Deutschlands kurz nach 1945 Hand anlegten, und seinen Lesern erklärt, fast alle Eindringlinge hätten Ceuta längst wieder verlassen. Der eine Teil der Bürger konsumiert diese Blätter und Sender überhaupt nicht mehr. Bei denen, die es doch tun, bleibt die tägliche Wirklichkeitsverzerrung nicht ohne Folgen. Selbst bei dem Teil ihres Publikums, der ihnen distanziert gegenübersteht.
Ab und zu unterlaufen den Schaffenden auch Fehler, nämlich dann, wenn sie vergessen, wann eben keine vielfältige Gesellschaft ins Bild kommen darf. Irgendjemand meinte es beim WDR neulich nur gut, als er den üblichen PoC auf einer Grafik unterbrachte, in der es um das große mediendesignte Thema NS-Vorfahren ging. Und irgendjemand passte bei der Endkontrolle nicht auf. Dann rutscht so etwas durch.
Mit KI passiert so etwas in Zukunft nicht mehr. Übrigens kann dieser Text irgendeinem Programm als Grundlage gegeben werden. Es versteht ihn sofort. Künstliche Intelligenz hat mittlerweile auch Humor.
Dirk Schwarzenberg verfasste früher Kriminalromane und bleibt auch als Journalist dem Genre im weitesten Sinn treu. Er lebt und arbeitet in Bayern. In der Publico-Kolumne „Frisch gepresst“ behandelt er gesellschaftliche Stilfragen.
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