Probleme sind für die Hysterie-Politik nicht zum Lösen da, sondern zum Verschärfen und Bewirtschaften. Münchens neuer OB zeigt, wie das aufmerksamkeitsökonomisch hoch profitabel funktioniert


„Never let a good crisis go to waste“ – der Spruch stammt angeblich von Winston Churchill, Barack Obama benutzte ihn mit Sicherheit, sehr viele Träger politischer Ämter befolgen ihn in aller Stille oder auch laut. Krisen eignen sich wie kaum etwas anderes, um die eigene Agenda voranzubringen. Denn plötzlich gilt das Gebot der Dringlichkeit, von dem nur noch ein kleiner Schritt hin zum Ausnahmezustand führt. Wer dann noch die praktischerweise immer schon parat liegenden Maßnahmen durch Einwände oder auch nur Nachfragen verzögert, der steht automatisch auf der gefährlichen Seite. Churchill meinte eher die Gelegenheit, eine echte Krise für eigene Ziele zu nutzen. Die Steigerung der Krisenpolitik besteht darin, auf Notlagen nicht erst zu warten, sondern ihr Design gleich selbst in die Hand zu nehmen.

Münchens gerade erst gewählter grüner Oberbürgermeister Dominik Krause fiel in den ersten Amtsmonaten nicht auf; jetzt – im mal sehr warmen, mal durchschnittliche warmen Juli – ergriff er die Gelegenheit mit beiden Händen, sich als Bekämpfer der Münchner Wasserkrise einen Namen zu machen. Dazu ordnete er ein Verbot der Befüllung von Pools an, auf die private Handwäsche von Autos (ein in deutschen Großstädten vor etwa zwanzig Jahren ausgestorbener Brauch) steht neuerdings eine Strafe von 50 000 Euro, auch auf die Rasen- und Blumenbewässerung ausgenommen morgens und abends, also zu den Zeiten, in denen Gartenbesitzer üblicherweise sowieso wässern. Weil diese Maßnahmen aufmerksamkeitsökonomisch noch nicht viel hergeben, ließ Krause außerdem den Fischbrunnen auf dem Marienplatz, also unmittelbar vor seiner Haustür, nicht nur abstellen, sondern mit Brettern vernageln. Warum das?, mag sich der eine oder andere denken. Fürchtet der OB, dass die Münchner sonst den Brunnen heimlich aus ihren Mineralwasserflaschen wieder auffüllen? Jedenfalls blieb er so auch nach dem ergiebigen Sturzregen in dieser Woche, der sich über der Wassermangelstadt an der Isar ergoss, knochentrocken. Es gibt auf die Frage nach dem Warum eine simple Antwort: Das grüne Stadtoberhaupt braucht dringend ein Symbol für die von ihm ausgerufene Krise. Denn ohne die Brunnenvernagelung würden die Münchner überhaupt nichts von einer Wasserkrise spüren.
Es gibt sie nämlich nicht.

Die Führung der Stadtwerke München (SWM) windet sich: Nein, von einem Wassermangel im Sinne der Knappheit könne man derzeit nicht sprechen, lässt man wissen. Allerdings kann das Unternehmen angeblich nur etwas zum aktuellen Wasserdurchsatz sagen, nichts aber über die vergangenen Jahre, so dass ein Vergleich zwischen Zeiten ohne und mit zugenageltem Brunnen nicht möglich ist. Der tägliche Wasserdurchsatz der Stadt München mit ihren 1,61 Millionen Einwohnern liegt nach Angaben der Stadtwerke zwischen 350 und 370 Millionen Liter pro Tag, an einem besonders heißen Samstag maßen die SWM 400 Millionen Liter. Interessanterweise findet sich im Archiv ein Bericht der Abendzeitung München aus dem besonders warmen Juli 1976. „Rund 600 Mil­lio­nen Litern Was­ser lie­fen gestern aus den Leitungen“, heißt es dort. Niemand kam seinerzeit auf die Idee, Brunnen abzustellen oder sogar mit einem Holzdeckel zu verrammeln.

Die Münchner Kiesebene im Alpenvorland gehört zu den wasserreichsten Gegenden Deutschlands. Der 2017 begonnene Bau einer zweiten S-Bahn-Stammstrecke zieht sich auch deshalb bis voraussichtlich 2037 hin, weil zu der Konstruktion, die gleich hinter dem Münchner Rathaus und dem Fischbrunnen 45 Meter in die Tiefe geht, Spundwände das Wasser draußen und gleichzeitig den extrem nassen Sand- und Kiesboden in Form halten müssen, damit die Häuser ringsum nicht ins Rutschen geraten. Bayerns Hauptstadt steht buchstäblich auf einer riesigen, von lockeren Sedimenten durchsetzten Wasserblase. Trotzdem zapfen die Stadtwerke dieses Tiefenwasser nicht an; auch das oberflächennahe Grundwasser trägt gerade einmal zehn Prozent zur Versorgung der Stadt bei. Die Kommune kann so großzügig auf die Ressourcen direkt unter den Füßen der Münchner verzichten, weil der frische Nachschub von bester Qualität seit Mitte des 19. Jahrhunderts ganz überwiegend aus anderen Quellen stammt: aus den natürlichen Wasserspeichern des Mangfall- und Loisachtals, jeweils zu 75 und 15 Prozent. Weder die Durchflussdaten der Mangfall noch irgendwelche anderen Zahlen zeigen irgendeine außergewöhnliche oder gar bedrohliche Entwicklung.

Zwar stammt das Münchner Wasser nicht direkt aus der Mangfall, sondern aus unterirdischen Speichern des Mangfalltals. Aber Fluss und Tiefenspeicher existieren nicht in völlig verschiedenen Welten; es spricht nichts dafür, dass oben das Nass ganz normal rauscht, in den Kavernen unter dem Strom aber Staubtrockenheit herrscht. Denn beide speisen sich aus dem gleichen alpinen Wasserkreislauf. Und sollte es doch einen fundamentalen Unterschied geben, dann müsste es dem Oberbürgermeister und dem Stadtwerke-Obersten kinderleicht fallen, das mit Zahlen zu belegen. Schließlich bezieht München, siehe oben, seit mehr als hundertfünfzig Jahren sein nasses Element aus diesen Gebieten, man kennt also die Gegebenheiten wie seine Hosentasche. Bis Mai 2026, dem Monat, in dem der grüne OB sein Amt antrat, warben die Stadtwerke München auf ihrer Webseite noch mit ihren praktisch unerschöpflichen Tiefenwasserquellen im Süden, die sich auf natürliche Weise erneuern.

Dann verschwand die Passage wundersamerweise. Auf Nachfrage erklärte das Unternehmen, man wolle durch die Löschung verhindern, dass der Bürger die (völlig korrekte) Aussage „missversteht“.

In der politisch-medial zusammengebastelten Wasserkrise zwischen Isar, Eis- und Glockenbach lässt sich ein bemerkenswertes Phänomen beobachten: Je weiter entfernt die Berichterstatter von München sitzen, desto dramatischer fallen ihre Schilderungen aus der Beinahesteppe aus. 
Die Süddeutsche fragt zwar in ihrer Überschrift dramatisch: „Sitzt München bald auf dem Trocknen?“ Im Text selbst heißt es unter Vermeidung irgendwelcher konkreter Zahlen: „Der Wasserchef der Stadtwerke (SWM) spricht im Stadtrat von Pegeln ‘im Tiefflug‘, von ‘Notfallplan‘ und dass man bereits ‘weitere Eskalationsschritte‘ gegangen sei. Diese aber dürfe er nicht benennen, weil es sich um kritische Infrastruktur handle.“ Ansonsten schlagen vermutlich Saboteure aus dem Osten zu. Im selben Artikel heißt es auch unter Berufung auf den Stadtwerkechef, es gebe zwar keine Wasserkrise. „Aber es sei Zeit, Wasser zu sparen, um eine echte Krise zu vermeiden.“ Damit rutscht dem kommunalen Manager heraus, worum es sich in wirklich handelt: eine Krise per Design. Denn nur echte Krisen fallen überhaupt unter die Rubrik Krise.

Aus genau diesem Grund reichte es auch nicht, den kleinen Fischbrunnen auf dem Marienplatz einfach nur abzustellen. Der Deckel musste drauf, damit es richtig nach Notfall aussieht, gerade deshalb, weil er sich ja sonst nirgendwo zeigt. Vermutlich heißt es in einigen Monaten, das berühmte Präventionsparadox hätte auch hier wieder einmal gewirkt; der schlimmste Fall sei also dank weiser staatlicher Maßnahmen nicht eingetreten. Deshalb noch schnell ein Blick auf die Wirkung der Krause-Maßnahmen, die er mit einer nichtexistenten Notlage begründet: Alle zehn derzeit abgeschalteten Brunnen der Stadt zusammen vermindern den Wasserdurchsatz pro Tag nach Stadtwerkangaben um „fast eine Million Liter“ – also weniger als eine Million. Bei einer Durchschnitts-Wassernutzung von 350 Millionen Litern macht das also eine Ersparnis um die 0,25 bis 0,28 Prozent aus, eine Größe im Bereich der Messunschärfe.

Viele Münchner sehen, dass die meisten Brunnen munter weitersprudeln, beispielsweise die schöne Anlage am Friedensengel.

In ihren privaten Pflanzgefäßen steht noch immer das Wasser aus zwei Wolkenbrüchen, die seit der Brunnenvernagelung über der Stadt niedergingen, bis oben an den Rand. Das erspart ihnen immerhin für die nächsten Tage das Gießen und damit den Besuch der Gießpolizei.

Viele dürften auch von den besonderen Bauschwierigkeiten der neuen S-Bahnstrecke wegen des nassen Untergrunds gehört oder gelesen haben. Kurzum, den Lokalbürgern muss man die Geschichte vorsichtiger verkaufen als dem auswärtigen Publikum. Die Augsburger Allgemeine dichtet der Stadt und ganz Bayern schon eine „Wassernot“ an.
Relotiusiert berichtet Spiegel Online: „Die bayerische Landeshauptstadt muss ihre Wasserreserven sichern. Deshalb ruft Oberbürgermeister Krause erneut zum Sparen auf.“ Ein Zappelpeter – oder, wie es heute heißt, Influencer – von Zeit Online schwatzt kontrafaktisch und ohne den Hauch irgendeiner Ortskenntnis: „München geht das Trinkwasser aus.“

Die ebenfalls in Hamburg fabrizierte ARD-Tagesschau schickt sogar ein Kamerateam in die Wüstenei. „In München hat der Wassermangel bereits direkte Auswirkungen. Einige Brunnen sind stillgelegt“, lürmt die Kommentatorin aus dem Off. (Bei dem hier erstmals eingeführten Neologismus „lürmen“ handelt es sich um eine Fusion aus „lügen“ und „framen“.) Natürlich liegt es nicht an einem imaginären Wassermangel, wenn der Fischbrunnen jetzt ein Holzdach trägt. Sondern an der Verfügung des Oberbürgermeisters und den Hammerschlägen der Handwerker.

Der ARD-Tonfall wirkt vertraut: In der Corona-Zeit hieß es in Medien und Politikerverlautbarungen tausendfach, „das Virus“ hätte die monatelange Schließung von Schulen und Läden erzwungen. „Das Virus“ traf damals natürlich genauso wenig politische Entscheidungen, wie jetzt eine herbeigebogene Wasserkrise aus der PR-Küche einen Brunnen verrammelt. Auch die Kombination aus schrillen Katastrophenbeschwörungen und einem erstaunlichen Datenmangel kommt einem bekannt vor. Außerdem der offenbar unbezähmbare Drang, irgendetwas dichtzumachen.

Nicht weil es irgendeinen praktischen Sinn ergäbe, sondern um Normalbürgern den Ausnahmezustand unter die Nase zu reiben. In politisch beschworenen und medial aufbereiteten Krisen im Allgemeinen und in durchdesignten Kriseninszenierungen erst recht fällt nicht nur ein völliger Mangel an Pragmatismus auf, sondern geradezu eine Abneigung gegen alles, was wirklich auf der Hand liegt. Für Münchens Wassernetz kursieren unterschiedliche Daten darüber, wie viel aus den alten Rohren im Boden versickert. Aber sämtliche Zahlen dazu liegen im zweistelligen Bereich, zwischen 10 und 15 Prozent. Sollte der Oberbürgermeister wirklich den Wasserverbrauch langfristig senken wollen, könnte er hier ansetzen. Seine Grünen bestimmen übrigens nicht erst seit gestern oder vorgestern die Rathauspolitik. Aber das wäre eine Aufgabe für Ingenieure, nicht für Krisentheaterregisseure. Die einen suchen nämlich nach Lösungen. Die anderen wollen, dass die Vorstellung endlos weitergeht.

Wie keine andere Partei verdanken die Grünen ihren Aufstieg, ihre Etablierung und schließlich ihre beherrschende Stellung innerhalb eines weiten und tiefen Geflechts aus Stiftungen, Organisationen und Medien der Gefahrenbeschwörung bei dem gleichzeitigen Versprechen, die Schützlinge gegen das Übel zu beschirmen, von Elektrosmog und Atom bis zu Klimahölle, toxischer Männlichkeit, Faschismus und neuerdings eben Wassernot. Die Gefahrenerzählung befestigt die eigene gesellschaftliche Stellung, vor allem, wenn sie sich mit dem zentralen Klimakatastrophennarrativ verknüpfen lässt, das dringend einer Auffrischung bedarf. Denn dass sich hier nach dreißig Jahren unerfüllter Endzeitprognosen allmählich ein Ende des Panikzyklus ankündigt, bleibt der Partei und ihrer großen Allianz nicht verborgen. Maßnahmen verfolgen außerdem immer den Nebenzweck, die Bürger auf weitere Maßnahmen vorzubereiten.

Das von Nagelkrause regierte Wassernotistan nahm in den vergangenen Tagen medial eine Sonderstellung ein, zumal nichtgrün regierte Gemeinden im Münchner Umland hartnäckig erklärten, dass sie über reichlich Wasser verfügen und keinen Brunnenlockdown bräuchten. Die angeblichen Juni-Hitzetoten versuchen Politiker und Medienschaffende allerdings in ganz Deutschland und für ganz Deutschland zum Großthema zu machen. Der grüne EU-Abgeordnete Michael Bloss zog sogar ausdrücklich eine Parallele zum Corona-Regime: Damals, so klagte er auf X, habe das Wir, dem er angehört, „den Laden zurecht dicht gemacht“ – womit er die nachweislich gegen das Virus wirkungslosen und gesellschaftlich extrem schädlichen Maßnahmen wie Schul- und Einzelhandelsschließungen meint, das Maskentragegebot im Freien und Ausgangssperren.

Wegen der vorgeblich 5000 Hitzetoten, so seine Anklage, würde jetzt nichts Vergleichbares passieren. Vermutlich basteln Vertreter des Bloss-Wir längst an Plänen für Sommer-Lockdowns. In Deutschland sterben jeden Tag im Schnitt 2900 Menschen; bei den angeblich 5000 Juniopfern handelt es sich ganz überwiegend nicht um Menschen mit der Sterbeursache Hitzschlag. Die Zahl 5000 schätzte das Robert-Koch-Institut lediglich als temporäre Übersterblichkeit. Auch beim RKI dürfte man erstens wissen, dass hohe Temperaturen die Mortalität bei ohnehin schon chronisch kranken Menschen erhöht, und dass zweitens die Zahl der Sterbefälle im Zusammenhang mit Kälte etwa achtmal höher liegt. Es gibt allerdings einen faktischen Kern in der Todesfallzahl mit Hitzekontext: Wenn in Krankenhäusern wie in der Uniklinik Düsseldorf und anderswo 38 Grad herrschen, in Alten- und Pflegeheimen ebenfalls, dann fordert das mit Sicherheit in einer heißen Juniwoche dutzende zusätzliche Tote. Die Leute sterben allerdings nicht als Klimaopfer. Sondern weil in Deutschland Klimaanlagen selbst dort fehlen, wo sie absolut nötig wären.
Parallel zu den Hitzetotenschlagzeilen ging aber nicht etwa eine Kampagne für mehr Klimaanlagen durch die grünennahen Medien, sondern das exakte Gegenteil: eine große Warn- und Verdammungswelle. Klimaanlagen machen es nämlich „schlimmer“, verkündet beispielsweise die Deutschlandfunk-Umweltredakteurin Ann-Kathrin Büüsker.

Denn: Diese Anlagen verbrauchen Strom. Das trifft tatsächlich zu, sie laufen elektrisch, genauso wie die technisch sehr eng verwandten Wärmepumpen, die laut Robert Habeck jeder deutsche Haushalt einbauen soll. Logik darf man im Krisentheater so wenig erwarten wie von einem Ionesco-Stück. Laut WDR heizen Klimaanlagen außerdem die gesamte Erde auf.

Beziehungsweise laut einem Experten in der Süddeutschen heizen Klimaanlagen „die Stadt als Ganzes“ auf.

Man kommt an dem Eindruck nicht vorbei, dass Dachgeschossbewohner nach dem Willen der Klimafront bei 40 Grad schmoren müssen, so wie sie Tote in unklimatisierten Kliniken als eigentlich gar nicht so unwillkommene Kollateralopfer in Kauf nimmt. Denn beides hilft wie der zugedeckelte Brunnen beim Inszenieren einer Krise, die gar nicht bekämpft, sondern bewirtschaftet werden soll. Wie diese Bewirtschaftung aussehen kann, zeigt die ausdrücklich für halal und vorbildlich erklärte Hitzebekämpfungsmethode in Städten: steuerfinanzierte Cooling Points. Diese Einrichtungen bestehen aus zusammengenageltem Holz mit spärlichem Pflanzendekor, sie strahlen gediegene Sperrmüll-Ästhetik aus, kühlen nichts und niemanden, noch nicht einmal die eigene traurige Flora, und kosten wie dieses Exemplar am Berliner Mauerpark schon mal 45 000 Euro.
Im Mauerpark gleich nebenan spenden Bäume reichlich Schatten – aber daran verdient leider kein Angehöriger des Klima-Profiteursnetzwerks auch nur einen einzigen lausigen Cent. Wer jetzt ausrechnet, wie viele Klimaanlagen man für 45 000 Euro in Krankenhauszimmern installieren könnte, über den fallen die gleichen grünen Hetzfeuerwehrleute auf X her, die auch jeden für rechtsradikal erklären, der sich vorsichtig nach dem Sinn der Krause-Maßnahmen in München erkundigt.

Wem es wirklich um Hitzeschutz und CO2-Vermeidung ginge, der würde flächendeckend alle Orte, an denen sich Kranke und Alte aufhalten, mit Klimaanlagen ausrüsten, am besten auch Schulen und andere öffentliche Gebäude, und für den Strommehrbedarf die stillgelegten Kernkraftwerke wieder in Betrieb nehmen. Aber Pragmatismus, das bedeutet, aus der Welt der Permanenzpanik zu desertieren – ein schwerer Straftatbestand, der vor dem virtuellen Standgericht endet.
Pragmatismus würde es auch nahelegen, die Wohnungskrise in den Städten zum einen durch Rückführung aller nicht aufenthaltsberechtigten Migranten und zum anderen durch Wohnungsbau zu bekämpfen. Bekanntlich kommt für die große Linksallianz in Berlin weder das eine noch das andere in die Tüte. Die wehrt sich beispielsweise erbittert gegen den Plan, wenigstens am Rand des Tempelhofer Feldes Wohnungen zu errichten. Eigentlich spricht alles dafür; das Gelände liegt in öffentlicher Hand und verkehrsgünstig, es handelt sich außerdem um eine Brache ohne sonderlichen ökologischen beziehungsweise Freizeitwert. Umso nachdrücklicher machen Grüne und Deutsche Umwelthilfe die Idee aus Prinzip nieder.

Hier schält sich der Kern der Krisen- und Konfliktpflege in aller Deutlichkeit heraus: Neue Wohnungen, womöglich noch eine Rücknahme bürokratischer Bauvorschriften im Gleichschritt mit einer anderen Migrationspolitik, würden den Wohnungsmarkt deutlich entspannen – und damit sämtliche Argumente der Immobilienenteignungs- und Umverteilungspolitiker kaputtmachen. Denn darauf läuft das Krisendesign in jedem Fall hinaus: Rationierung, ob nun von Wohnraum, Energie, Wasser oder demnächst anderen Ressourcen. Und Besteuerung, im Fall von CO2 längst praktiziert, für „zu großen Wohnraum“
gefordert, für Wassernutzung geplant.

Angstmanagement plus Ressourcenkontrolle – mit dieser Formel lassen sich Mandate holen, neue Steuerquelllen anbohren und es lässt sich Steuergeld in private Taschen leiten. Außerdem verhilft sie Funktionären zu einem Status, der sich mit Geld gar nicht beziffern lässt. Anderen Güter zuzuteilen (oder eben nicht) – ein reineres Machtgefühl gibt es nicht auf Erden. Das wussten schon Welt- und Kirchenfürsten, das weiß man in Neuversailles an der Spree und in den gehobenen Zirkeln ehemals stolzer Städte wie München, in denen Schrumpfbürger einen Vernagler nicht nur wählen, sondern ihm für seine Härte und Konsequenz die harte Hand küssen. Früher ging ein wohlhabender Schwabinger zur Domina, wenn ihm danach war. Heute verschafft er sich eine ganz ähnliche Genugtuung in der Wahlkabine. Das Dauerkrisentheater braucht Vieles, um weiterzubestehen.
Aber vor allem Publikum, das freiwillig zahlt und anschließend klatscht.

 

 

 

 


Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.


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1 Kommentar
  • Petersilikum
    19.07.2026

    Irre!

    Ein weiteres Beispiel: die Bildungspolitik, die (seit Jahrzehnten) bestens mittels Drama und phantastischen Ressourcen in den Ländern bewirtschaftet wird. Dabei kennt der Erfolg nur eine Richtung: abwärts. Dumm gelaufen? Dann war die Dosis linker Medizin einfach noch nicht hoch genug! Krisen sind gut, Dauerkrisen (Klima, Rassismus, Patriarchat, Ausbeutung…, such dir was aus) noch besser. Dass man die Menschen auf Dauer kirre macht, steht auf einem anderen Blatt. Aber der eine oder die andere freut sich schon auf vorrevolutionäre Zustände.

  • Philipp
    19.07.2026

    Ich war vom Wandern etwas müde und hatte statt „Gefahrenerzählung“ den Begriff „Gebührenerzählung“ gelesen.

    A propos, hat schon jemand nach dem Gardasee geschaut heuer?

    Es ist infam, wie die Hamburger ARDZDFDLRSPIEGELZEIT-Medien das Thema München bewirtschaften. Keiner meiner Münchner Freunde und Verwandten klagt über Wassermangel.

  • Philipp
    19.07.2026

    Es scheint ein Kreuzzug zu sein: Schon im Juli 2025 durfte ein „Experte“ dem WDR ins Mikro diktieren:

    „Schon 2030 könnte weltweit mehr Energie für Kühlung nötig sein als für Wärme, […] [f]ür den Klimaschutz sei das keine gute Entwicklung, meint Oliver Wagner vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. „Letztendlich ist eine Klimaanlage immer mit Stromverbrauch verbunden, und Stromverbrauch ist erst mal nicht gut für das Klima“, so Wagner. […]

    Doch der Anteil des Stroms, der aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird, steigt. Im Jahr 2024 erreichte er in Deutschland einen Rekordanteil von fast 63 Prozent. Zudem gibt es längst Stromtarife mit einem Ökostromanteil von 100 Prozent. Wäre das nicht eine Chance, auch Klimaanlagen klimafreundlich zu betreiben?

    Oliver Wagner ist skeptisch. Auch Ökostrom sei viel zu wertvoll, um ihn zu verschwenden. Hinzu kommt, dass der Ökostrom, der für den Betrieb einer Klimaanlage eingesetzt wird, auf dem Strommarkt fehle“

  • Danton
    19.07.2026

    Der Bretterverschlag auf dem Brunnen ist die 2026’er Kollektion der Dominikanischen FFP2 Maske. Zum einen hilft es dem Brunnen sich nicht bei Regen zu füllen, zum anderen hilft es den Münchnern die dramatische Lage zu verstehen. Wäre Spahn nicht gerade über seinen dekadent-woke-schwulen Lifestyle Egoismus gestolpert, und wäre er Gesundheitsminister in Bayern, die Lager um München wären voll mit Brunnen-Verdeckungsmaterial. Aber diese Farce wird enden wie alle Clownerien hier in Irreland, 80% der Bürger lassen sich ‚mitnehmen‘ und mit Panik ‚impfen‘. Übrigens ‚verbrauchen‘ wir hier in Frankfurt überhaupt kein Wasser. Wir gießen den Rasen und kochen unsre Eier damit und geben es dann brav in den Kreislauf zurück. Das gilt auch für den Genuß? von Apfelwein.

  • Stefan Kressin
    19.07.2026

    Die Analyse der “ Münchner Wasserkrise“ ist hervorragend und gut nachvollziehbar.
    Aber der Beschreibung des “ Tempelhofer Feldes “ muss ich widersprechen. Die Fläche hat schon einen großen ökologischen Wert , als Ort der der “ Stadtdurchlüftung“ dient. Nähert man sich dem alten Flughafen z.B. aus dem dicht bebauten Neukölln an einem warmen Sommertag, spürt man die deutlich kühlere Luft. Beeindruckend! Und was den Freizeitwert angeht: Na da fragen Sie mal die Jogger , Radfahrer, Drachensteiger, Stadtgärtner etc. Und es gibt noch einen urban – ästhetischen Aspekt: Wo findet man sonst mitten in einer Großstadt einen Rundumblick auf eine deutliche Stadtkante? An den ausgefransten Stadträndern unserer Siedlungen nicht mehr! Für mich als Hamburger ist das Tempelhofer Feld eine der größten Sehenswürdigkeiten Berlins .