Sichtagitation breitet sich in der Postbundesrepublik aus wie japanischer Knöterich. Wie entkommt man der öffentlichen Parolendichte? Hier heißt es wieder mal: vom Osten lernen
von Dirk Schwarzenberg
Bevor ein Durchreisender dazu kommt, sich näher mit Politik und Gesellschaft eines Landes zu befassen, genügt ein erster Gang durch die Städte für die grobe Orientierung. Nah am Bürger gebaute Demokratien wie die in der Schweiz kennen kaum die sogenannte Sichtagitation, also politisch-moralische Losungen im öffentlichen Raum. In Deutschland breiten sich Botschaften respektive Ermahnungen dieser Art seit etwa 2015 so stark aus, dass ältere Ostdeutsche sich wie im Jungbrunnen fühlen. Guten Westdeutschen scheint die Agitation gar nicht weiter aufzufallen: kein Déjà-vu, keine Reaktion. Wer doch wenigstens ein kleines Störgefühl entwickelt, der fragt sich mittlerweile, wie man der Parolendichte überhaupt noch entkommt.
Dieser kleine Exkurs beginnt nicht direkt in Deutschland, sondern in seiner informellen politischen Zentrale, nämlich Brüssel, Berlaymont-Gebäude, Sitz von Ursula von der Leyen. Also das Hochhaus, in dem die Kommissionschefin kürzlich aus Energiespargründen die Klimaanlage abschalten ließ, allerdings nur für die Beamten weiter unten, nicht für die oberen Stockwerke, in denen sie mit ihren nächsten Helfern sitzt. Über die volle Höhe der Fassade dieser EU im Kleinen hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Democracy“.
Hier gilt das Gleiche wie für das Phänomen, dass es sich bei Staaten mit „demokratisch“ im Landesnamen nicht um Demokratien handelt: Wer dazugehört, muss es nicht extra dranschreiben – und umgekehrt. Der Leitung des Nichtparlaments der Democracy-EU gelang gerade das Meisterstück, die zweimal abgelehnte Chatkontrolle unter Bruch sämtlicher Regeln doch noch durchzuprügeln. Erstens mit der Behauptung einer Dringlichkeit, die hier überhaupt nicht zutrifft. Außerdem gilt das Eilverfahren nur für die erste, nicht jedoch für die zweite Lesung eines Gesetzentwurfs. Aufhalten ließ sich dieses Brechstangenverfahren auf offener Bühne nur durch eine qualifizierte Mehrheit von 361 Stimmen, die aber auch deshalb nicht zusammenkamen, weil sich etliche Abgeordnete schon im Urlaub befinden.
Deshalb ja auch der Abstimmungstermin. Raffiniert, nicht wahr? Jetzt dürfte hinreichend klar sein, warum dieser Schriftzug dort hängt. Propaganda ist nun einmal keine Inhaltsangabe.
Mit dieser Vorbereitung geht es auf die Grand Tour durch das deutsche Sichtagitationsdickicht. Sie beginnt dort, wo man besonders schlecht ausweichen kann, nämlich an Bahnhöfen und in beziehungsweise an öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Losung „#gegenRechtsextremismus“ fährt nämlich außen an der Münchner Trambahn mit.

Slogans gegen Links- und religiösen Extremismus kennt das vielfältige städtische Unternehmen nicht. Und ein allgemeines „gegen Extremismus“ würde vermutlich das Grün-Links-Volt-Milieu der Stadt, wie es heute heißt, irritieren. Die Berliner Verkehrsbetriebe verkörpern seit Jahren die Hauptstadt der kognitiven Dissonanz als Ganzes; sie laden deshalb ganz im Gegensatz zu ihrem Motto „ist mir egal“ zum Pride Month ein und teilen vorsorglich allen mit, die sich womöglich nicht angesprochen fühlen: „Haltung ist hot!“.

Das Werbemittel garniert die BVG allerdings nicht mit der alten Regenbogenflagge von Gilbert Baker, die bei der ideologischen Speerspitze vermutlich schon als halbreaktionär gilt, sondern mit der „Progress Pride Flag“, die unter anderem auch der Transideologie eine Farbe zuweist. In diesen Kreisen erklärt man das Wörtchen schwul übrigens schon zum neurechten Code. Wer es für sich verwendet, grenzt sich damit nämlich vom LGTBQ*plus-Queer ab. „Schwule Männer verhalten sich oft zur queeren Community wie die berüchtigten alten weißen Männer zum Rest der Gesellschaft“, urteilte die Süddeutsche schon 2024: „Damit schaden sie anderen – und sich selbst“. Um Ermahnungen dieser Art über sich ergehen zu lassen, musste man früher eine Alpenprawda kaufen oder zumindest aufschlagen und sich damit selbst schaden. Heute verfolgt einen die Heilslehre mit einer solchen Hartnäckigkeit auf Schritt und Tritt, dass man sich die Dezenz der Zeugen Jehovas lobt. Erinnert sich noch jemand an den Danone-Slogan: „Früher oder später kriegen wird euch“?
Apropos, jeder kennt das Prinzip der Fernsehwerbung: Da man weiß, dass die meisten Zuschauer in der Werbepause auf die Toilette oder zum Kühlschrank verschwinden, geht die Lautstärke der Spots im Vergleich zum Programm automatisch nach oben, um die Zielperson wenigstens noch akustisch abzufangen. Nach dem gleichen Grundmuster arbeitet die Sichtagitation. Wer bestimmte Medien nicht mehr konsumiert, den erwischt die Botschaft eben an den Knotenpunkten der Stadt. Beispielsweise auf einem beliebigen Hauptbahnhof mit dem identitätspolitischen Hinweis „Female ICE – Bewegende Frauen am Zug“.
Zweierlei sollte sich der Reisende hier einprägen. Erstens, dass es für ihn möglicherweise zu Problemen führt, wenn er seine Zugbegleiterin mit „Sie sind eine bewegende Frau“ anspricht. Das könnte unter Übergriffigkeit fallen, außerdem unter als Boomerhumor getarnte Hetze, falls der Zug gerade wieder länger auf freier Strecke steht. „Bewegende Frauen“, so etwas dürfen nur Werbeagenturpersonen sagen respektive auf den Zug drucken. Zum zweiten fängt sich der Kunde schnell den Vorwurf der Misogynie ein, wenn er Verspätung, vorzeitiges Fahrtende, das angebotsreduzierte Bordbistro und/oder unbenutzbare Toiletten in einem Female ICE benörgelt. Wie bei der seinerzeit nichtgewählten Verfassungsrichterkandidatin heißt es dann nämlich: „Sie haben wohl etwas gegen starke Frauen?“
Der Autor verwettet seine ganzen mageren Tantiemen darauf, dass Firmen und Behörden ihren Kunden demnächst noch andere Identitätsmarker ihres Personals unter die einheitsgraue Nase reiben, vorzugsweise überall dort, wo die Leistung nicht ganz optimal ausfällt.
Von den Verkehrsmitteln geht es weiter zu Fuß durch die Straßen. Dort fällt eine Art der Beflaggung ins Auge, der man in der alten Bundesrepublik nicht begegnete, in anderen deutschen Staaten aber durchaus. Wer eine Fahne nicht nur einmal zeigt, sondern das Zeichen zur Allee vervielfältigt (Vielfalt!), der strebt einen Überwältigungseffekt an – wie hier in Frankfurt (Main).
Möglicherweise auch einen Übersättigungseffekt, sogar bei nichtheterosexuellen Passanten. Aber gegen diesen negativen Affekt helfen: noch mehr Fahnen. So aufgehängt können sie wirklich im Wind klirren.
Wer die Münchner Kammerspiele betritt, muss an beiden Eingängen unter einer Progress Pride Flag hindurch.

Wen es zur Maximilianstraße zieht, um einem Vortrag über postmigrantische Kontexte zu lauschen, der würde die Beflaggung von sich aus vermutlich fordern, wenn es sie nicht schon gäbe.
Noch einmal zurück an den Main: „Vielfalt bewegt Frankfurt“. Unter diesem Motto findet eine Plakatkampagne gegen ein Phantom mit der Fachbezeichnung „antimuslimischer Rassismus“ statt. Einheitsbraungraue, die Muslimas barsch zum Ablegen des Kopftuchs auffordern oder den Stoff sogar herunterreißen, womöglich mitten auf der Zeil – wer kennt sie nicht, diese trotz erheblicher Handydichte nirgends festgehaltenen Alltagsszenen? Jetzt kommt die schuldgefühlfördernde Botschaft an der Werbetafel auch zu Ihnen, mitfinanziert von der Bundesregierung. Also von Ihnen.
Nach 1945 gaben sich die Kirchen in der Bundesrepublik aus Gründen die Regel, an einer Kirchenfassade nichts anderes als die Kirchenflagge aufzuhängen. Also keinerlei politische Botschaften. Angeblich gilt die Festlegung immer noch, also ungefähr so, wie im EU-Parlament formal immer noch grundsätzlich das Mehrheitsprinzip herrscht. Folglich gibt es Ausnahmen, beispielsweise an der Stephanuskirche in Stuttgart Giebel.
Dort meinen die Verantwortlichen, Vielfalt, Rechtsstaat und Meinungsfreiheit ließen sich nur gegen „Rechtspopulismus“ durchsetzen, wobei dieser Begriff deutlich mehr bezeichnet als nur die AfD.
Die Rundreise durch das veränderte Land – absichtlich begrenzt, weil sie sonst kein Ende nähme – endet an der Betonfassade der Carl-Hahn-Schule in Wolfsburg. Das zentrale Symbol auf dem Plakat erinnert zum einen an den Blick des Großen Bruders in „1984“, zum anderen an das Auge Saurons, von dem auch die Losung „Wir sind mehr“ stammen könnte.
Wie schon erwähnt: In der DDR herrschte eine große Losungsdichte, wobei viele Transparente gleichzeitig dem praktischen Zweck dienten, Fassadenschäden zu verdecken. In Dresden leuchtete nachts auf einem Hochhaus die Versicherung: „Der Sozialismus siegt“. Der renitente sächsische Volksmund sprach es landestypisch nach: „Der Sozialismus siecht“. Eine Mehrheit, wirklich eine Mehrheit, schaute entweder durch die Spruchbänder und Zeichen hindurch oder machte sich darüber lustig. Die designierten Botschaftsempfänger reagierten zumindest in der Spätphase dieses Staates anders als die Bürgermehrheit heute.
Ein paar Unterschiede zwischen der Ehemaligen und der Post-Bundesrepublik gibt es also schon.
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Johanna
11.07.2026In der DDR der fünfziger Jahre stand in jedem Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift „Frieden“. Rechts und links davon meist zwei Streichholzschachteln, die gab es zu kaufen. Der Rest fiel größtenteils unter „ausverkauft“ oder „ham wa nich“. Die Slogans wechseln – „Buntheit“, „Vielfalt“ – der Geist bleibt. „Freiheit“ stand und steht niemals irgendwo.
Klaus Dittrich
11.07.2026Es gibt tatsächlich ein „Erweckungserlebnis“ als Alt-Ossi für mich. Bin daher geschult im Ignorieren. Genau wie damals sage ich, schade um das rausgeworfene Geld.
„Die designierten Botschaftsempfänger reagierten zumindest in der Spätphase dieses Staates anders als die Bürgermehrheit heute.“
Daran anknüpfend – mit diesem (aus meiner Sicht westlich geprägten) Stumpfsinn lässt sich diese Gesellschaft nicht zum Positiven verändern.
Stefan Edler
11.07.2026Fehlt eigentlich noch die Straße der Besten.
Andreas Rochow
11.07.2026Einem linken Professor ist es mit denunziatorischer Agitation ad hominem 1985/86 machtvoll gelungen, den gerade anhebenden „Historikerstreit“ zugunsten des Bolschewismus zu stoppen. Mit der epochalen Folge der besinnungslosen Habermasierung des öffentlichen Diskurses! Das genießen auch Bolschewisten, die Genossen der Mauerschützen-SED und Hunderte von Stasi-Unrechtsanwälten, die im abgrundtief verhassten Rechtsstaat Asyl fanden! Inzwischen bewährt sich Angela Merkels Herzjesu-Bolschewismus mit „Selbstbestimmung“ und „Regenbogen-Stolz“ sogar in der katholischen und der evangelischen Kirche! Und der bolschewistische Boykotthetzer Gerald Hensel bspw. – vormals Werbeagentur(!) Scholz & Friends – lebt als Gründer der NGO „FEARLESS DEMOCRACY“ davon, nichtlinken Demokraten Angst zu machen! Sichtagitation ist die einschüchternde staatliche Lüge. Dabei ist Hang zu Übertreibung und Gigantomanie überwältigend wie schamlos! Der gelernte Ossi spürt genau, dass Demokratie und Pluralismus so nicht gehen! Die gerade stattfindende große Zerstörung des demokratischen Rechtsstaates heißt deshalb seit Angela Merkel „Die Große Transformation“ (WBGU, 2011). Bolschewismus sagt niemand mehr, weil man ahnt, dass diese verbrecherische vor-, während- und nachfaschistische „Bewegung“, die sich heute gern als „Antifa“ tarnt, reichlich Blut an den Händen hat.
Michael
12.07.2026Ja, die BVG in Berlin ist da wirklich ein „toller“ Vorreiter… Hinzu kommt, dass man hier und auch sonst fast überall in der digitalen Kommunikation permanent geduzt wird, dies empfinde ich als absolut respektlos. Schöne Posse: Gerne wird man von der BVG in Schleife beim Busfahren aufgefordert, seine Platz frei zu machen für – na Sie wissen schon – dies auch am Abend um 23 Uhr wenn grade mal zwei Leute im Bus sitzen…
In einem muss ich widersprechen: Werbung ist seit vielen Jahren nicht mehr lauter als andere Programmteile. Dies wird seit der Einführung der Lautheit als Maßstab im Fernsehen weitgehend umgesetzt. Wenn man doch hier und da Ihrem geschilderten Eindruck begegnet, so liegt dies meist an den inzwischen grottenschlechten Tonmischungen deutscher Fernsehfilme.
gerd der (Ver)Zweifler
12.07.2026Den Schuß nicht gehört!
Alte, gelernte Ossis wie ich haben diesen Murks mit Spruchbändern und Parolen jahrzehntelang verachtet und verspottet. Aus dieser Erfahrung sollte man eigentlich klug werden. Wird man aber nicht! Weil man die Geschichte nicht kennt. Nicht kennen will!
Und wie heißt es doch so schön: ‚Wer die Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen!‘
Also auf, ihr neuen Genoss_*Innen! Zum Murmeltiertag nach Punxsutawney!
Dreht dort Eure Runden und laßt Euch die Zeit nicht lang werden.
Immerhin könnt Ihr dort jeden Tag aufs neue Eure Losungen ‚Gegen Rechts‘ an die Wände schmieren. Beim nächsten Erwachen mit Sonny und Cher werden sie verschwunden sein. So habt Ihr Euer Tun bis Sankt Nimmerlein…
Andreas Rochow
12.07.2026Der westliche linke Salon will seine eigene, die besserwesserische DDR! Das wird ihm mit den habermasierten Unis und Medien gelingen. Die Physikerin aus dem Osten hat gezeigt, dass das mit den gesamtdeutschen Wahlschafen geht. Ganz ohne Sichtagitation.
Rudolf Wedekind
12.07.2026Besten Dank für diese hübsche Ausbeute. Dagegen sind ja all die XY-gegen-Rassismus-Bekenntnisse schon recht langweilig und kaum noch der Erwähnung wert. Ich kann allerdings noch ein besonderes Schmankerl beisteuern. In dem hoch subventionierten Theater Kampnagel in Hamburg steuerte man beim Klogang auf eine tapezierte Wand zu, die in endlos Wiederholung mitteilte: Fuck white people Fuck white people Fuck … Das war vor 2 Jahren. Ob die Tapete inzwischen durch eine andere überklebte wurde, z. B. mit Kill …., entzieht sich meiner Kenntnis. Ich besuche diese Spielstätte eher nicht.
Andreas Rochow
12.07.2026Der westliche linke Salon will seine eigene, die besserwesserische DDR! Das wird ihm mit den habermasierten Unis und Medien gelingen. Die Physikerin aus dem Osten hat gezeigt, dass das mit den gesamtdeutschen Wahlschafen geht. Ganz ohne Sichtagitation.
Andreas Delung
13.07.2026Unvergessen auch Nancy Faesers Auftritt mit Regenbogen-Armbinde auf der Fußball-WM 2022. Deutsche Politiker mit Armbinde… – Welche Assoziationen das weckt, will ich hier lieber nicht weiter ausführen.
A. Iehsenhain
14.07.2026Das Wolfsburger Auge mit jenem Saurons zu vergleichen, finde ich naheliegend – die Truppe, die einst von Minas Morgul auf das Pelennor-Feld und gen Minas Tirith zog, zeichnete sich ebenfalls durch eine gleichgeschaltete Vielfalt aus. Ähnlich in Mordor oder Isengart. Wo man schon Schnüffelsoftware den Namen „Palantir“ gibt, hätte ich noch einen Vorschlag für Deutschland – eine Arbeitssklaven-Software namens „Saruman“. Statt der weißen Hand des Zauberers würden jene Untergebene dann stattdessen den Abdruck eines spärlichen Haarkranzes als Erkennungsmal tragen…