Die linksliberale Hegemonie hat sich eine Wunderwaffe geschaffen: Sie überschreibt einfach jede Wirklichkeit, die ihren Vertretern missfällt. Damit deckt sie Fakten zu – und zaubert gleichzeitig eine Parallelwelt aus dem Hut
von Jürgen Schmid
Zwei mal drei macht vier
Widde-widde-witt und drei macht neune
Ich mach mir die Welt
Widde-widde, wie sie mir gefällt
Seit in links-akademischen Kreisen des „Wertewestens“ die Überzeugung herrscht, dass Sprache die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern erst erschafft, ist es zum Prinzip dieser Kreise geworden, jede Realität, die sich ihren Wünschen entgegenstellt, in ihrem Sinne zu überschreiben. Während Pippi Langstrumpf noch so tat, als würde sie Mess- und Beobachtbares – in ihrem berühmten Lied eben Zahlen – ihrer Weltneuerschaffung zugrunde legen, verzichtet ihre deutsche Nachfolgerin im Ministerrang, Bärbel Bas, gleich ganz auf jede Scheinevidenz, wenn sie sagt, niemand wandere in unsere Sozialsysteme ein. Das ist die plumpe, nicht sonderlich intelligente Variante einer Überschreibung unerwünschter Wirklichkeit – schnell als „falsch“ sogar vom ZDF zu durchschauen, weil mit Zahlen widerlegbar: 2.410.700 Bezieher von Bürgergeld sind „Ausländer“ (so das ZDF) – 46,5 Prozent aller Anspruchsberechtigten. Bas’ trotziges Aufstampfen mit dem Fuß gegen eine abzählbare Realität kommt ausgesprochen kindisch daher – nach dem Motto: Ich will es jetzt aber so, sonst halt ich die Luft an.
Dass eine SPD-Parteivorsitzende und Bundesministerin so etwas krass Wirklichkeitswidriges überhaupt denken und – für sie persönlich ohne Konsequenzen – im Bundestag aussprechen konnte, dazu benötigte es einen langen Weg der Wirklichkeitsbeugung. Die bestimmende politmediale Hauptströmung begegnet dieser Technik nicht nur nicht skeptisch. Sie kultiviert sie mit System.
Wenn die Welt nicht so ist, wie sie der wohlmeinende Weltgestalter gerne hätte, und das Volk nicht denkt, was der wache Sozialingenieur von ihm erwartet, bleibt nur der Versuch, durch sprachliche Manipulationen so zu tun, als wäre zwei mal drei vier. Das kann wie bei Bas’ plump-dreist geschehen, aber auch mit wortgewaltiger akademischer Verbrämung. Wie, das soll hier in Grundzügen nachgezeichnet werden. Dazu möge das Vorführen einiger signifikanter Zaubertricks von Pippi Langstrumpfs Schülerinnen dienen.
Zaubertrick Nummer Eins:
Soziale Probleme verschwinden lassen
Bleiben wir zunächst im Hoheitsgebiet einer sozialdemokratisierenden Sozialministerin. „Rufmord am Hasenbergl“ – so hieß ein Aufsatz einer Münchner LMU-Absolventin im Bayerischen Jahrbuch für Volkskunde 2012; ein Musterfall, wie man eine Tatsache (Hasenbergl als Münchner Problemviertel) aus der Welt zu schaffen versucht, indem man erklärt, dass kein Problem vorliegt. Im Gegenteil, in der Trabantenstadt Neu-Perlach entfalten sich „Vielfalt“ und „Buntheit“, eine „Utopie des Urbanen“; die oben genannte Arbeit führt den „Nachweis“, dass erst durch den medialen „Diskurs“ (also: Berichterstattung über Tatsachen) ein negatives „Image“ des Quartiers entsteht.
Es gibt eben nun einmal No-go-Areas wie dieses Hasenbergl, wo mit der U2 jede Hoffnung auf Teilhabe an den Freuden des Münchner Seins endet, wie es der Film „Ghettokids“ (2002) zeigt. Gegen diese Darstellung verwahrte sich damals eine mächtige Lobby in der Stadt, weil der Film die „Marke München“ (Kulturstadt, Touristen-Magnet, Wirtschaftsstandort) beschädigen würde, indem er das Viertel mit Drogendealern, Gewalt und Kinderprostitution in Zusammenhang bringt. Was nicht sein darf, soll aus der Welt verschwinden, indem es kein Abbild bekommt.
Du sollst dir kein Abbild machen: Das galt auch lange für einen politisch geschaffenen Brennpunkt im ehemals bürgerlichen Berlin-Schöneberg. Die Verantwortlichen der Stadt kamen auf die Idee, Roma-Familien in einem angemieteten Hotel in der Fuggerstraße unterzubringen, einem gepflegten Gründerzeitbau. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu massiven Lärmbelästigungen, zur Vermüllung des Gehsteigs, Diebstähle nahmen zu, Kinder und Jugendliche aus den einquartierten Familien pöbelten Schwule an – denn bei dem Viertel handelt es sich um das, was Grüne und SPD gern liebevoll „Regenbogenkiez“ nennen. Als sich Polizeieinsätze und Anwohnerklagen häuften, reagierte die zuständige Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) erst einmal mit der Überschreibungschiffre Nummer 1: Sie warf den alteingesessenen Bewohnern des Vierteils „Rassismus“ vor. Das Problem bestand für sie darin, dass überhaupt jemand die Zustände öffentlich benannte. Viele Medien schrieben von „Menschen aus Rumänien und Bulgarien“, ohne die Frage zu stellen, wieso der deutsche Steuerzahler überhaupt einen Hotelaufenthalt für EU-Bürger bezahlen muss – also für Personen, die sich selbst beim größten Überschreibungswillen nicht als Flüchtlinge bezeichnen lassen. Irgendwann schwollen die Proteste in dem Schöneberger Kiez so stark an, dass die Zuständigen das Hotel räumen ließen – vermutlich, um die Personen anderswo und weniger zentral unterzubringen.
Für das, was sich zwangsläufig ergibt, wenn Politiker Gruppen ansiedeln, die sich nicht an übliche Normen und Regeln halten, gibt es gleich mehrere Überschreibungsbegriffe: „Alltagsirritationen“, „Verwerfungen“ (Yascha Mounk), oder ganz allgemein „Konflikte“. Als Konflikttreiber macht die in den Medien hochaktive Migrationsforscherin Naika Foroutan die Sorte Bürger aus, „die schon länger hier leben“ (A. Merkel) und sich den neuen Gegebenheiten nicht schnell genug anpassen: „Diese Dynamik überfordert viele Menschen“, doziert Foroutan in einem Text für Focus Online: „Sie haben das Gefühl, ihr ‚eigenes‘ Land nicht mehr wiederzuerkennen. Zu Recht, möchte man sagen – denn es sieht anders aus, es ist jünger geworden, es spricht anders, es isst anders, es betet anders, es liebt anders, es hat neue Konflikte, es kleidet sich anders, es ist lauter als in den Jahren, die für viele bis heute ihr Deutschlandbild prägen.“ Und weiter: „Wenn andere, die bisher eher am Rande standen, sich zusammenschließen, sichtbarer werden, wissen, was ihnen demokratisch zusteht, und nun offensiver ihre Rechte einfordern – seien es sexuelle, religiöse oder antirassistische Minderheitenrechte – dann erzeugt das Konflikte, die zur Beweglichkeit einer Demokratie gehören.“
Welche „sexuellen“ und „antirassistischen Rechte“ fordern Migranten aus islamischen Ländern oder Roma-Großfamilien ein? Was sollen überhaupt „sexuelle Rechte“ sein, die sich auf eine bestimmte Gruppe beziehen? Foroutan weiß natürlich genau, dass diese „Konflikte“ regelmäßig darauf hinauslaufen, Normalbürgern im Gegenteil das ganz allgemeine Rechte zu beschneiden, beispielsweise darauf, sich sicher und unbelästigt im öffentlichen Raum zu bewegen. Mit anderen Worten: die Begriffskonstrukteure wissen erstens genau, was sie überschreiben, und zweitens um die Überschreibungsnotwendigkeit. Aus diesem Drang entstehen auch Formulierungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie „Messernarr“ für den Sikh-Täter, der Ende 2025 den weißen Studenten Henry Nowak in Southampton aus mutmaßlich echten rassistischen Motiven erstach.
Ein zumindest in der deutschen Debatte brandneues Um- und Überschreibwort heißt „Deliverism“: Es bezeichnet die seltsame Erwartung des Bürgers, der Staat müsse im Gegenzug für fast eine Billion Euro eingenommene Steuern etwas „liefern“, nämlich intakte Straßen und Brücken, leidlich saubere und sichere Straßen und ein Schulsystem, das nicht bis zu vierzig Prozent seiner Schützlinge als funktionale Analphabeten entlässt. Dieser „Deliverism“, erklären die Zeit und die „Bundeszentrale für Politische Bildung“ (bpb), stelle ein gravierendes Problem dar: Der Staat sei nun einmal kein „Burgerrestaurant“ (Zeit); die Idee, für seine Steuern auch ein Minimalangebot zu bekommen, offenbare ein „problematisches Menschenbild“. Einem Burgerrestaurant ähnelt der Staat tatsächlich nicht: Dort darf man nämlich auswählen und bezahlt nur für das, was man tatsächlich bekommt. Aber das nur nebenbei.
Was aber nützte der tollste semantische Zaubertrick, würde er nicht eingesetzt für den „Kampf gegen rechts“? Denn nach dem Wegleugnen der realexistierenden Wirklichkeit können interessierte Kreise eine Künstliche Intelligenz genau das virtuell als Zukunftsdystopie erzeugen lassen, was sie als Abbild des gegenwärtig Existenten nicht sehen wollen (auch, weil sie sonst Verantwortung dafür übernehmen müssten). Diese Art der Überschreibung schiebt die Verantwortung denjenigen in die Schuhe, die daran erkennbar keine Verantwortung tragen, sondern diese Zustände benennen.
Man kann also mit KI produzieren, was passieren würde, wenn „die Blauen regieren“: Deutschland – ein kaputtes, deindustrialisiertes, wirtschaftlich, politisch, kulturell und sozial heruntergekommenes Land mit Städten voller Dreck, Zerstörung und Chaos; mit erodierter freier Presse, einem weitgehend zensierten Internet. Man kann aber auch, wie NIUS es tat, einfach abfilmen, was dort entsteht, wo Wohlmeinende Gestaltungshoheit ausüben. Dann kommt jenes Zombieland im Hier und Jetzt zum Vorschein, das die KI des anderen Films nur nachbildet.
Beide Filme zeigen im Prinzip dasselbe: Der eine, wie sich der wohlmeinende Komplex das Land 2060 vorstellt, wenn seine Vertreter nicht regieren. Der andere, was dieses Milieu bereits jetzt erreicht hat. (Doppelte Triggerwarnung: Das Original ist schwer zu ertragen, das KI-Produkt von peinigender Einfalt).
Zaubertrick Nummer Zwei:
Kriminalität in Wohlgefallen auflösen
Frank Urbaniok, lange Jahre Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Diensts des Kantons Zürich, legte jüngst ein Buch mit Titel „Schattenseiten der Migration“ vor, über dessen Datenbasis er im Cicero-Podcast detailliert berichtet. Urbaniok zauberte die Zahlen, mit denen er argumentiert, nicht aus dem Hut. Sie entstammen der amtlichen Kriminalstatistik. Und die besagt, dass bei Tatverdächtigen die Zahl der Ausländer „2,6-Mal höher als bei Deutschen“ ist – das legen selbst dezidiert nicht-rechte Portale wie der Mediendienst Integration nüchtern dar. Bei bestimmten Gewaltdelikten, so Urbaniok, liegt die Überrepräsentanz verurteilter Täter aus bestimmten Herkunftsländern gegenüber deutschen Tätern noch sehr viel höher, was er auf kulturelle Prägungen zurückführt.
Dagegen macht nun ein politmedialer Komplex Front, für den die bedingungslose Migrationsbejahung ein Dogma darstellt. Aus Sicht dieses Milieus betreibt jemand wie Urbaniok, der datengestützt Realität präsentiert, „Die Erfindung des kriminellen Ausländers“. Die Methode ist einfach: Erweisen sich Zahlen unbequem und lassen sich nicht einfach pippilangstrumpfisieren, wird derjenige, der über sie spricht, ausgrenzungswürdig markiert: Urbaniok betreibe „rechtes Influencertum“ – ein Urteil, von dem die Gerichtshöfe der Moral glauben, es könne die Wirklichkeit, die jenes „Influencertum“ benennt, ungeschehen machen. Ein zweites gegen Urbanioks Befund angeführtes Pseudoargument lautet, die Kriminalstatistik bilde ja gar nicht die „Wirklichkeit“ ab, sondern würde sie „verzerren“. Es gibt also eine wirkliche Wirklichkeit der Verfasser von Wegerklär-Papieren und –Sendungen, die den Zweck erfüllt, sich über die Wirklichkeit zu legen, wie sie die Polizei in ihrer täglichen Arbeit erfasst.
Grundsätzlich geht unter Linken eine ungeheure Angst vor Begriffen um, da (siehe oben) in ihrer Welt der Begriff die Welt formt. Ein aus ihrer Sicht falscher Begriff wirkt also gefährlicher als ein materieller Vorgang. Zuletzt kam deshalb das Wort „Clan-Kriminalität“ bei ihnen in den Verruf, „rassistisch“ zu sein – und nichts weiter als ein „Konstrukt“ derer, die sich nicht damit abfinden wollen, dass es eine Unterminierung des staatlichen Gewaltmonopols durch eingewanderte Familienbanden real gibt.
Einen Schritt weiter ging das FHXB Museum im grün dominierten Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dort versuchte man gar nicht erst, die großstädtische Drogenszene zu leugnen, sondern wollte „Verständnis für afrikanische Drogendealer wecken“. In einer Ausstellung hieß es: „Vor dem Hintergrund vielfältige[r] Widerstände arbeiten Drogenverkäufer unerschrocken und tapfer im öffentlichen Raum“, im konkreten Fall dem berüchtigten Drogenumschlagplatz Görlitzer Park. So kann man das Problem abräumen: Man erklärt Kriminalität zu Erwerbsarbeit.
Ebenfalls schon eine Weile im Angebot: Die „gefühlte“ Kriminalität, die aus einem realen Bedrohungsempfinden etwa beim Betreten eines nächtlichen Bahnhofsvorplatzes ein reines Sentiment nach dem Muster macht: kann man so sehen, muss man aber nicht. Merke allerdings: Es gibt jede Menge gefühlte Kriminalität – aber niemals nur gefühlten Rassismus.
Zaubertrick Nummer Drei:
Behinderungen semantisch heilen
Das nächste Instrument im Werkzeugkasten linker Sozialingenieure: Leugnen von Behinderungen nach dem Muster: „Man ist nicht behindert, man wird behindert“, nämlich durch Menschen, die Behinderung Behinderung nennen. Wie alle Sprachmanipulationen gedieh auch diese zunächst in den Treibhäusern der Universitäten, von dort aus diffundierte sie in die Gesellschaft.
Ein Leitfaden „Feministisch Sprachhandeln“ aus der Berliner Humboldt-Werkstatt schlägt (auf Seite 38) den Ton an, dem viele folgen: „Ableismus ist das strukturelle Diskriminierungsverhältnis, das Nicht/beHinderung bzw. Dis/Ableisierung konstruiert. Personen, die in einer Gesellschaft nicht-beHindert sind, sind ableisiert.“
Behinderung gibt es also gar nicht, sie wird erst (sprachlich) „konstruiert“. Das Verb „konstruieren“ verstehen die Autoren im Sinne von „weitgehend gedanklich, theoretisch, mithilfe von Annahmen und daher künstlich, in gezwungener Weise herstellen“, wie der Duden ausführt. Das heißt, es gäbe keine „Behinderungen“, zum Beispiel Querschnittslähmung oder Blindheit, wenn Nichtbehinderte, die „Ableisierten“, sie nicht als solche benennen und behinderte Menschen damit nicht „disableisieren“, sprich „unfähig machen“ würden (so die deutsche Wiedergabe von „to disable“).
Um diesen ungeheueren Zynismus gegenüber Behinderten in die Welt zu setzen, müssen die Sprachschöpfergöttinnen neue Wörter erschaffen: Aus dem Englischen entnehmen sie den Begriff „able“ („fähig“ sein, [zu etwas] „in der Lage sein“). Sodann orten sie bei der nichtbehinderten Gesellschaftsmehrheit die „Fähigkeit“, ihre Deutungsmacht dahingehend zu missbrauchen, Behinderten die „Fähigkeit“ zu nehmen, ihr Leben genauso zu gestalten wie Nichtbehinderte, sie also erst durch sprachliche Diskriminierung „unfähig zu machen“.
Die Berliner Sprachhandelnden gehen nicht davon aus, das körperliche Behinderung sichtbar und medizinisch diagnostizierbar existiert, sondern fragen: „Wer macht wen beHindert?“ Die Wortverdreher sind sich einig: Behinderung ist eine „soziale, historische und kulturelle Konstruktion“. Verantwortlich für diese Behinderte diffamierende „Konstruktion“: Der weiße ableisierte (sprich: nicht behinderte) Mann. Das sind in Gesamtheit: „Männer der westlichen Mehrheitsgesellschaft, die sich als Norm setzen, womit andere, die der Norm nicht entsprechen, ausgeschlossen und also diskriminiert werden.“
Hase im Hut der Zauberer:
Das Wort „Zuschreibung“
Aktivistische Gesellschaftswissenschaftler (vor allem in ihrer Variante als *innen) gefallen sich seit geraumer Zeit darin, sich mit der Behauptung von sogenannten „Zuschreibungen“ gegenseitig zu überbieten – soziale Ungleichheit, Kriminalität, körperliche Behinderung, ja sogar primäre Geschlechtsmerkmale können auf diese Weise weggezaubert werden.
Mit dieser Argumentation befreit die Wissenschaft ein beliebiges Objekt ihrer Zuwendung von seinem „Negativ-Image“, das ihm erst „die Mehrheitsgesellschaft“, „rechte Infuencer“ und ganz allgemein die „white Supremacy“ „zuschreiben“, sprich: andichten. Wenn Tatsachen zur „Zuschreibung“ erklärt werden, verschwindet die Ebene der Realität durch Überschreibung ganz von selbst.
Natürlich verschwindet sie nicht wirklich, jedenfalls nicht aus der nicht-semantischen harten Wirklichkeit, was die Zauberkünstler regelmäßig dazu treibt, ihre Umschreibbemühungen noch zu verstärken. Dann surrt die Euphemismus-Tretmühle: Nach „Migranten“ kam, da angeblich zu negativ konnotiert, „Schutzsuchende“ und „Menschen mit internationaler Geschichte“. Der aktuelle Stand lautet: „Nicht-Migranten“ und „neu Hinzukommende“, ein Begriff, der den illegal eingereisten Somalier und die angeworbene Krankenschwester aus Brasilien zu einer Gruppe zusammenfasst, die nur in der Begriffsalchimie existiert.
Zaubertrick Nummer Vier:
Nichtgebärende Mütter und schwangere Männer erfinden
Wer sich so in eine Vorstellungswelt rein sprachgemachter Realität eingesponnen hat (und nur der), kommt irgendwann auf die Idee, dass die Realität, die er sieht, nicht einfach existiert, sondern „gelesen“ werden muss wie ein fiktionaler Text. So und nur so verwandelt sich eine Frau in einen „weiblich gelesenen Menschen“; so kann eine SPD-Bundestagsabgeordnete behaupten, der Penis eines Neugeborenen wäre nur „ein erstes Anzeichen“ für dessen Geschlechtszugehörigkeit. Und nur in dieser Welt, die umschreibt, was sie will, kann es Mütter geben, die nicht geboren haben – und „schwangere Männer“. Denn die Um- und Überschreibung lässt nicht nur Realität verschwinden, wenn sie stört. Sie kann auch erfinden, was nicht existiert.
„Kira Walkenhorst, 27, Beachvolleyball-Olympiasiegerin, ist Mutter von Drillingen geworden.“ Das berichtete eine große süddeutsche Tageszeitung. Was will uns die Nachricht sagen? Dass Frau W. Drillinge geboren hat – was sonst? Eben das: „Ihre Frau Maria Kleefisch, 34, ebenfalls Beachvolleyballerin, brachte ein Mädchen und zwei Jungen zur Welt.“
Der Leser ist verwirrt und holt sich Rat bei Wikipedia – Stichwort Mutter: Im sozialen Sinne sei Mutter, so liest er dort, wer einem Kind Mutterliebe entgegenbringt. Kann das auch ein Krokodil sein, wenn es nur Homo Sapiens junior Herzenswärme entgegenbringt? Nein, ein „Mensch“ sollte es schon sein – eine Frau nicht zwingend. Warum sollte auch einem Mann Mutterschaft verwehrt sein?
Da „soziale Mutterschaft“ nicht an biologische Mutterschaft gebunden ist, kann ein Kind auch mehrere Mütter haben (wie viele, sagt das Lexikon nicht). Oder eine Großmutter als Mutter. Nur ältere Lexika behaupten noch, Mutter wäre eine Frau, welche Kinder geboren hat.
„Kira Walkenhorst ist Mutter geworden“ (ohne schwanger gewesen zu sein) – das ist keine Nachricht, sondern ein politisches Bekenntnis, das ideologisch begründet ist statt (bio)logisch. Denn jedes Kind hat naturnotwendig eine Mutter, genau eine – und bei dieser Mutter handelt es sich um die Frau, die das Kind zur Welt gebracht hat. Alle anderen Definitionswünsche sind durchschaubar: Da möchte jemand etwas über die Sprache in die Gesellschaft einpflanzen, was die Natur nicht vorsieht.
Apropos verbale Erschaffung des Inexistenten: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierte ab 2013 das Erkenntnisprojekt „Wie entstehen Väter und Mütter?“. Dabei entdeckten Mainzer Universitätssoziologen die „geschlechtliche (Ent)differenzierung pränataler Elternschaft“. Diese Art Soziologie nimmt an, dass es neben einer „leiblichen“ auch eine „soziale Schwangerschaft“ gäbe, wonach „Single[s], lesbische Paare und schwangere (schwule bzw. transsexuelle) Männer“ wahlweise Väter und Mütter werden können.
All diese sprachlichen Manipulationen haben dasselbe Ziel: Sie dienen dem Versuch, biologische Fakten wortreich zu vernebeln, um sie letztlich im Sinne der Gender-Ideologie umzubiegen in Richtung eines erwünschten Anything goes. Gott sei Dank funktioniert diese Auflösung der Biologie nur auf der Ebene der Sprache.
Zaubertrick Nummer Fünf:
Vertreibung zu Migration umdeuten, Migration zu „Reisen“
Umschreibung betrifft nicht nur die Gegenwart, sondern selbstverständlich auch die Vergangenheit. Für viele Linke lautet eine historische Wahrheit über die Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Deutschen aus den Ostgebieten nach 1945: Eine „Geschichtsschreibung aus der Perspektive der Opfer“ werde „von der Mehrzahl der seriösen Historiker abgelehnt“.
Um den Heimatvertriebenen einen Opferstatus abzusprechen, suchen diese Antideutschen händeringend nach „Narrativen“, wie sie deren traumatische Fluchterfahrungen in ihrem Sinne umschreiben können. Eine der perfidesten Volten gelang dabei dem Historiker Andreas W. Daum in seiner Besprechung von David Blackbourns Monumentalepos „Germany in the world“. Darin steht der kaum glaubliche Satz, Blackbourn stelle „den Zusammenbruch der Naziherrschaft und die auf ihn folgende, erzwungene Mobilität von Millionen von Flüchtlingen, Vertriebenen und Displaced Persons als Gründungsmonument einer neuen Phase der globalen Welt vor, in der politisches Asyl und Flucht auf fast allen Kontinenten zur Alltagsrealität wurde“ (Historische Zeitschrift 318, 2024, S. 109). Eine andere Studie fabuliert eine „Massenmigration zumeist deutschstämmiger Flüchtlinge“ zusammen, wenn sie die ethnische Säuberung der deutschen Ostprovinzen – dann darum handelte es sich – benennen will. Müssen sich die deutschen Heimatvertriebenen also damit begnügen, wider Willen zu Pionieren einer unter One-World-Auspizien erwünschten weltweiten Mobilität im Zeichen des UN-Migrationspaktes umgeschrieben zu werden? Offenbar ja.
Wenn eine Migrationsaktivistin klassischsten Zuschnitts, die heute in Göttingen lehrende (eher: agitierende) Volkskundlerin Sabine Hess, ihre Dissertation „Au-pair als Migrationsstrategie von Frauen aus Osteuropa“ (2009) nicht als beschreibende Studie versteht, wie es einer forschenden Wissenschaftlerin anstehen würde, sondern als Handlungsanleitung, begreift man, woraus sich der aktivistische Geist unserer Zeit nährt: Unter dem Deckmantel von Forschung werden „Narrative“ in den „Diskurs“ eingespeist, um die Gesellschaft nach dem Bilde zu formen, das dem jeweiligen Aktivisten vorschwebt. Und das Narrativ von „No nation, no border“ heißt: unbegrenzte Freizügigkeit für alle, wenn ein Land so viel Platz hat wie Deutschland.
Zaubertrick Nummer Sechs:
Schlepper zu Reiseführern erklären
Willkommenskulturalisten sehen Migration als einen uneingeschränkt positiv zu bewertenden Vorgang. Gäbe es eine globale Menschheitsfamilie ohne nationale Identifikationen, könnten alle Menschen beliebig frei über den Erdball „reisen“ und sich ihren Aufenthalt gerade dort nehmen, wo immer es ihnen beliebt.
Dazu müssen aber zuerst die Begriffe umcodiert werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung geht hierbei voran, indem nicht mehr von Flucht die Rede ist, sondern von „Reisen“, folglich von „Reisenden“ statt „Flüchtlingen“ oder „Migranten“. In der Logik dieser Sichtweise gibt es keine „Schlepper“, sondern nur jene Demokratiegefährder, welche diesen Begriff verwenden, um damit „die Idee [zu erzeugen], dass diejenigen, die ihre [der Migranten] Reisen erleichtern, von Natur aus kriminell seien“. Die Wirklichkeit aber sehe ganz anders aus: Die „Arbeit von Akteur/-innen, die Bewegungen von Migrant/-innen erleichtern“, umfasst in dieser Vorstellungswelt vielfältige Dienstleistungen, sei es als „Reiseführer/-in“, als Beförderer auf bestimmten Reiseabschnitten oder als Agenten, die „potenzielle Migrant/-innen rekrutieren“. (Schreibweise im Original beibehalten.) Nicht das erfundene Narrativ vom Schlepper als Reiseführer ist danach ein Mythos – die Bundeszentrale erklärt, dass es ein Mythos (ein böser, freilich) wäre, einen Schlepper als Schlepper zu sehen.
Was die Umcodierer nicht bemerken: wie sehr sie mit ihren Reise- und Dienstleistungsmetaphern die Sichtweise von Massenmigrationskritikern bestätigen, die eine Differenzierung in asyltaugliche Fluchtgründe und Wanderbewegungen aus nicht asylwürdigen Motiven wie die Verbesserung der individuellen wirtschaftlichen Situation des „Reisenden“ herausstellen. Und wie sehr sie damit wirkliche Flüchtlinge wie die heimatvertriebenen Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges verhöhnen. Diese Gruppen gelten linken Politologen inzwischen ohnehin nur noch als „Thema aus dem rechtsextremen Diskurs“.
Die Welt hat zu sein, wie ich will – basta!
Für diese Überschreibungsmethode – negative Tatsachen positiv umzucodieren – existiert auch ein Gegenstück: die negative Einfärbung eines positiv-neutralen Begriffs ohne weitere Begründung: Vermieter etwa treten in dieser Rhetorik grundsätzlich als Ausbeuter auf; Männer, falls sie nicht präventiv Abbitte leisten, sind grundsätzlich (also, ohne dass sie etwas Böses getan hätten) „Täter“ oder „Komplize“.

Ob die Umschreibung der Ausländerkriminalität zum „Konstrukt“ oder der „Vermieter“ zu Gesellschaftsschädlingen – das Verfahren läuft stets gleich ab: Es gibt keine rationale Argumentation, sondern lediglich eine Willenserklärung als unhinterfragbare Setzung ohne jeden Evidenznachweis.
Immerhin hat Pippi Langstrumpf ihren Trotzkopf noch etwas (schein)rationaler präsentiert, wenn sie wenigstens vorgibt, mit Zahlen zu jonglieren:
Drei mal drei macht sechs
Widde-widde, wer will′s von mir lernen?
Alle Groß und Klein
Tra-la-la-la-lad ich zu mir ein.
Ihre Nachfolger machen keine halben Sachen: Sie erklären Zahlen an sich zum Konstrukt. Und anders als das schwedische Kinderbuchmädchen sitzen sie nicht in der Villa Kunterbunt, sondern in Parlamenten, Ausschüssen, Universitäten und Redaktionen.
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