In der britischen Hauptstadt kommen in diesem Sommer Politiker, Wissenschaftler, Datenanalysten, Autoren und Unternehmer zu zwei wichtigen Vernetzungstreffen zusammen: Erstens das Westminster Free Speech Forum, gegründet und organisiert von Michael Shellenberger, Professor an der 2021 erst vor kurzem als Gegenentwurf zu den identitätspolitisch-aktivistischen Strömungen an US-amerikanischen Hochschulen gegründeten University of Austin. Kurz danach findet die Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) in Olympia London statt.

Während für das Westminster Free Speech Forum die Chatham House Rules gelten – Berichterstattung über Inhalte, aber nicht über Teilnehmer, es sei denn, sie geben ihre Einwilligung –, handelt es sich bei der ARC um eine Veranstaltung mit großer Öffentlichkeitswirkung, die mittlerweile weltweit größte dieser Art.

Beides findet zu einer Zeit statt, in der sich in Großbritannien einschließlich Nordirland gleich zwei Kipppunkte andeuten: Zum einen gingen auch Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte auf die Straße, nachdem die Einzelheiten des Falls Henry Nowak bekannt wurden, der in Polizeigewahrsam verblutete, während die Beamten seinen Mörder, einen Sikh, zunächst unbehelligt ließen. Denn er behauptete nach seinen tödlichen Messerstichen, sein Opfer hätte ihn „rassistisch beleidigt“. Die Polizisten nahmen seine falsche Aussage ohne jede Nachfrage hin. Auf der anderen Seite nehmen Politiker in Irland und in anderen EU-Ländern die Ausschreitungen in Belfast zum Anlass, Plattformen wie X einzuschränken.

Sie sehen nicht die Beinahe-Enthauptung eines weißen Briten durch einen aus Paris eingereisten Sudanesen als zentrales Problem, sondern die Verbreitung des Videos, das die Tat dokumentiert. Die Instrumente zur Unterdrückung von Information in einem nicht definierten „Krisenfall“ liegen im Digital Services Act (DSA) der EU längst bereit.

In Großbritannien lassen sich ganz ähnliche Bestrebungen beobachten. Dort existiert mit der Free Speech Union UK aber auch schon eine schlagkräftige Bewegung für freie Rede. Mit Toby Young verfügt sie über einen Frontmann, der die Konfrontation nicht scheut.

Alexander Wendt nimmt an den Veranstaltungen teil. In Kürze gibt es auf Publico Berichte aus London – und wieder den gewohnten Rhythmus der Beiträge.

 

 


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1 Kommentar
  • Werner Bläser
    20.06.2026

    Es kann hilfreich sein, den Kampf der woken „Elite“ gegen die normalen Untertanen unter militärstrategischen Aspekten zu betrachten: wer hat mehr Truppen, Waffen, andere Ressourcen, Organisationspotential und Kampfmoral.
    Eins vorweg: die gehätschelten Minderheiten werden sich nicht von den Regierungen im Kampf gegen die traditionelle Bevölkerungsmehrheit einspannen lassen. Die Liebe der woken Regierungen zu ihren Neuankömmlingen ist weitgehend eine einseitige. Sie werden auf ihre Polizeikräfte und – für sie bestenfalls – einen sehr kleinen Teil des Militärs zurückgreifen müssen, wenn es auf den Strassen hart auf hart kommt. Wobei die Zuhilfenahme des Militärs je nach Grad des Chaos die Gefahr beinhaltet, dass ein Teil der Militärführung sich verselbständigt und ihrer eigenen Agenda folgt.
    Bei den Waffen ist das Verhältnis eindeutig – die traditionelle Bevölkerung ist unbewaffnet (wenn man von Sonderfällen wie der Schweiz absieht). Allerdings nützt dies den Regierungen wenig, da Schusswaffengebrauch à la Tien An Men immer noch undenkbar erscheint – selbst wenige getötete Demonstranten würden höchstwahrscheinlich Millionen auf die Strasse bringen (im DDR-Format) und wohl auch innerhalb der Sicherheitskräfte zu Auflösungserscheinungen führen. Dasselbe gilt für die an der Macht befindlichen Parteien, da es unmöglich wäre, auch nur alle einigermassen wichtigen Funktionäre vor dem Volkszorn zu schützen.
    Der verzweifelte Versuch, unbequeme oder aufrührerische Kommunikationsflüsse über eine Knebelung der Sozialen Medien zu verhindern, mutet albern an. Medienkontrolle hat schon in Systemen wie in der DDR versagt, und eine komplette Abschaltung des Internets wäre mit extrem hohen ökonomischen Kosten verbunden, bei zweifelhafter Wirkung.
    Entscheidend für den Ausgang eines harten Konflikts zwischen Regierung und Bevölkerung dürfte nicht nur die Manpower, sondern auch die Kampfmoral, oder sagen wir Motivationsstärke, sein.
    Je mehr die Regierung versucht, Freiheitsrechte des Volks einzuschränken, desto entschiedener und breiter wird der Widerstand ausfallen (Machiavelli rät in seinem „Fürsten“ davon ab, freiheitsgewohnte Städte zu erobern, denn diese würden sich nie mit ihrer Unterdrückung abfinden).
    Fazit: In Staaten mit dürftig ausgebauten Sicherheitssystemen wie unseren steht jede Regierung auf verlorenem Posten, wenn sie die Bevölkerung in einem Maße reizt, dass es Spitz auf Knopf kommt. Es würde dann sehr schnell nicht mehr genug Mauselöcher geben, in denen sich die Machthaber verstecken können.
    Je mehr sie die Schrauben anziehen, desto prekärer wird ihre Lage.