Den größten Wissenschaftsscharlatan des 20. Jahrhunderts kennt kaum jemand. Zu Unrecht. Denn seine Methode findet heute begeisterte Anwender: Behaupten, Fälschen, Kritiker zum Schweigen bringen
Kürzlich erinnerte der Vorsitzende der Linkspartei-Fraktion im Deutschen Bundestag, Sören Pellmann, mit warmen Worten an den Todestag von Ernesto Che Guevara. In seiner Grußadresse auf X versicherte er, dass der Geist des Großbürgersohns mit Vorliebe für Exekutionen in seiner, Pellmanns Truppe weiterlebt und gedeiht. Welcher Geist übrigens? „Die Situation war für die Männer und für ihn unangenehm, also machte ich dem Ganzen ein Ende und schoß ihm mit einer 32er Pistole in die rechte Gehirnhälfte mit Austrittsloch am rechten Schläfenbein“, notierte Guevara in seinen „Pasajes de la guerra revolucionaria“ über die Erschießung des kubanischen Bauern Eutimio Guerra, die er selbst erledigte: „Er röchelte noch ein wenig, dann war er tot.“
Nach dem Sieg der Revolution verantwortete der Mann, dessen Gesicht man im Westen massenhaft auf T-Shirts druckte, als Kommandant des Gefängnisses La Cabaña nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 500 Hinrichtungen; vor der UNO erklärte er am 11. Dezember 1964: „Erschießungen, ja, wir haben erschossen; wir erschießen und wir werden weiter erschießen, solange es notwendig ist.“
Mit ähnlichen Gedenknotizen ehrt die Linkspartei auch Lenin, Ernst Thälmann und andere Köpfe der Bewegung. Aber niemals Trofim Denissowitsch Lyssenko. Für ihn gibt es kein Gedenkblatt, sein Abbild erschien nie auf Postern und Textil, obwohl er durchaus über markante Züge verfügte. Anders als Che Guevara brachte Lyssenko nicht nur niemanden um, zumindest nicht eigenhändig, er schöpfte im Gegensatz zu den anderen Hochverehrten sogar eine eigene Lehre, den Lyssenkoismus. Dieses Gedankengebäude wiederum deckt sich mehr oder weniger – eher mehr – mit dem Sozialismus an sich, es zeigt darüber hinaus auch bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit hochaktuellen Theorien zur Transformation der westlichen Gesellschaft, egal, ob es sich um die Herstellung der Industrieneutralität, die Abschaffung der Biologie zugunsten der freien Auswahl unter mehreren dutzend Geschlechtern oder die Yallahlogie aka Postkolonialismus handelt.
Lyssenkos System entfaltet erst jetzt, Jahrzehnte nach seinem Tod, seine eigentliche Wirkung in ganz Westeuropa. Insofern wirkt es seltsam, dass in Deutschland 613 Straßen und Plätze den Namen des Stalinisten Ernst Thälmann tragen, während noch nicht einmal der kleinste Holzweg an Trofim Lyssenko erinnert. Selbst Funktionäre der SED verschweigen ihn, als würde es sich um den leibhaftigen Ibrahim Ibrahim handeln.
Dieser befremdlichen Nichterwähnung will Publico mit der Stiftung der Lyssenko-Medaille entgegentreten, für die das Medium praktischerweise gleich mehrere Kandidaten vorschlägt. Aber bevor das geschieht, muss noch eine Frage beantwortet werden: Wer war Trofim Denissowitsch Lyssenko, geboren am 29. September 1898 im ukrainischen Karliwka?
Er stammte aus einer bäuerlichen Familie, verließ 1925 die Universität Kiew als diplomierter Agronom, um wenig später zum Allunionsinstitut für Genetik und Saatzucht zu gehen, das er ab 1934 leitete. Mit dieser Beförderung begann eine selbst für sowjetische Verhältnisse absurde Geschichte – denn nach Lyssenkos fester Überzeugung handelte es sich bei der von Gregor Mendel entdeckten Vererbungslehre um bürgerlich-reaktionären Unsinn. Gene hielt er für eine Erfindung, genauso wie Mutation und Selektion. Nach seiner Ansicht ließen sich Pflanzen vielmehr durch Umwelteinflüsse erziehen und gaben die so erworbenen Eigenschaften irgendwie ohne Mitwirkung von Genen weiter. Lyssenko glaubte außerdem daran, dass sich Weizen- durch entsprechende klimatische Einflüsse in Roggenpflanzen umwandeln könnten. Ab 1940 übernahm er die Leitung des Instituts für Genetik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR mit Sitz in Moskau, er setzte sich also an die Spitze einer Organisation, um dort sämtliche an Mendel, Thomas Hunt Morgan und anderen Wissenschaftlern orientierte Forschung zu beenden, die Genetik als Disziplin zu zerstören und führende sowjetische Genetiker beim Geheimdienst NKWD zu denunzieren. Da schon damals die Erfindung eines feindlichen -ismus zu den wirksamsten Waffen zählte, beschuldigte er seine bis dahin nach internationalem Standard arbeitenden Kollegen des „Mendelismus-Morganismus-Weismannismus“.
Trofim Lyssenkos Talent lag nicht auf dem Feld der Forschung, sondern der politischen Überzeugungskunst. Ihm gelang es, Josef Stalin für seine Eingebungen zu gewinnen, und mit dessen Hilfe außerdem beste Beziehungen zu dem NKWD-Chef Lawrenti Beria zu knüpfen. Neben dem Parteiführer und dem Herrscher über das Gulagsystem erwies sich der Ideologe Isaak Prezent als Lyssenkos wichtigster Unterstützer. Prezent erwarb seinen Abschluss als Biologe an der Leningrader Universität unter merkwürdigen Umständen (eine längere Phase seiner offiziellen Studienzeit diente er als politischer Instrukteur der Roten Armee im Bürgerkrieg); er bezeichnete sich später selbst als „Methodologe“ und Philosoph, was für ihn ungefähr so zutraf wie das Attribut „Wissenschaftler“ für Lyssenko. Dessen Vorstellung von der Erziehung und Verwandelbarkeit von Pflanzen verknüpfte Issak Prezent mit der Theorie von der Schöpfung des neuen Menschen im Kommunismus zu einem Gesamtglaubenssystem mit akademisch-rabulistischer Fassade.
Dieser Neoreligion unterwarfen sich nicht alle. Der führende sowjetische Botaniker Nikolai Wawilow versuchte sich gegen die beiden Scharlatane zu stellen. Er verstand viel von seinem Fach, aber leider nichts von Machtausübung. Lyssenko denunzierte Wawilow 1939 bei Beria, dessen Leute brachten Wawilow durch Folter zu dem Geständnis, er sei ein „englischer Spion“. Der bei Kollegen hoch angesehene Forscher starb an den Folgen von Haft, Hunger und Folter 1943 im Gefängnis von Saratow. Als Wissenschaftler gegen Lyssenko und Prezent aufzutreten oder auch nur Fragen zu stellen, kam spätestens seit Wawilows Beseitigung einem Selbstmord gleich.
Die Ausbreitung der Lyssenko-Doktrin auf die gesamte sowjetische Landwirtschaft führte zu katastrophalen Ergebnissen. Sie zwang Kolchosen dazu, Nutzpflanzen in klimatisch dafür völlig ungeeigneten Gegenden anzubauen. Statt die fantastischen Ertragssteigerungen zu erreichen, die Lyssenko der Parteiführung versprochen hatte, führte seine Praxis zu Missernten und damit zu Unterernährung und einer nur grob abschätzbaren Zahl von Hungertoten. In seiner unangreifbaren Stellung fiel es Lyssenko leicht, diese Ergebnisse entweder mit Sabotage zu erklären – oder mit der nicht hinreichend konsequenten Umsetzung seiner Vorgaben.
Der Agrardiktator zeichnete sich durch psychopathologische Züge aus, er neigte offenbar auch zu okkultistischen Vorstellungen. Anders lässt sich kaum sein Glaube erklären, dass Weizen sich in kühlen Regionen von allein zu Roggen umbaue. Aber er besaß auch genügend Intelligenz, um ab einem bestimmten Punkt zu begreifen, dass seine spezielle Pflanzenkunde nicht wegen angeblicher Agenten und Saboteure zum Einbruch der Erträge führte – sondern weil die Biologie selbst sie widerlegte, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Als er Anfang der Sechzigerjahre endlich gestürzt wurde, erwiesen sich seine angeblichen Forschungsergebnisse entweder als bloße Behauptungen oder blanke Fälschungen.
Nach alldem, was er angerichtet hatte, konnte er seinen Irrtum unmöglich zugeben, ja noch nicht einmal den Kurs um wenige Grad ändern. Im übergeordneten Sinn handelt es sich beim Lyssenkoismus nicht um einen Inhalt, sondern um eine Methode: Sie setzt eine Doktrin als absolut, verbündet sich mit politischer Macht, erklärt ihr praktisches Scheitern mit Feinden, mit mangelnder Konsequenz oder streitet das Scheitern einfach ab, bringt Kritiker zum Schweigen oder macht sie zumindest lächerlich – und sie zieht eine Riege von willigen Adepten heran, die als Gegenleistung für ihre Loyalität Ruhm und gut dotierte Posten erhalten.
Der Schiffbruch einer theoriebegründeten Praxis führt eben oft nicht zur Revision der Theorie und Änderung der Praxis, sondern mit größerer Wahrscheinlichkeit erst einmal zur Radikalisierung von beidem. Das trifft für alle Denksysteme zu, die sich definitionsgemäß für widerspruchsfrei erklären. Ob der Staatssozialismus osteuropäischer Prägung, der Socialismo tropical auf Kuba oder der Chávismus in Bolivien – jede dieser Formen lässt sich als ganzheitlicher Lyssenkoismus beschreiben. Zum Bereich des Unheimlichen und nur schwer Erklärlichen gehört die Tatsache, dass der Zyklus von unanfechtbarer Doktrin, Denunziation der Kritiker, Wegerklären des desaströsen Scheiterns und dem finalen Zusammenbruch immer wieder von vorn beginnt. Es lässt sich keine gesellschaftliche Lernkurve erkennen, die über eine Generation hinausreichen würde. Die Lernkurven brechen ab, der Kreislauf des Falschen erfreut sich einer ewigen Erneuerung.
Die Kompetenten unter Lyssenkos Zeitgenossen im Wissenschaftsbetrieb erkannten klar, welche Scharade sich vor ihnen abspielte. Die „Information Nr. 439/59 – Bericht über Äußerungen von führenden Wissenschaftlern der Deutschen Akademie für Landwirtschaftswissenschaften gegen den sowjetischen Wissenschaftler Lyssenko und über die Politik der SU gegenüber der wissenschaftlichen Intelligenz“ der DDR-Staatssicherheit vom 1. Juli 1959 – vorgelegt Walter Ulbricht, Erich Mückenberger und anderen Mitgliedern des SED-Politbüros – zitiert ostdeutsche Wissenschaftler, die sich unbelauscht fühlten, zu Lyssenko. „So wurde u. a. von Prof. Ehwald im Beisein der Professoren Becker, Wundsch, Dobberstein und Stahl im Zusammenhang mit einer Diskussion über den Entwicklungsgedanken erklärt, dass sich damit Lyssenko nun endgültig als Gauner erwiesen habe“, heißt es da: „Unter Bezugnahme auf diese Einschätzung und die derzeitige Stellung von Lyssenko sagte er weiter, ihm sei aus der SU bekannt geworden, dass wieder – wie nach der Situation im Jahre 1948 – befähigte Wissenschaftler wegen ihrer wissenschaftlichen Anschauungen diskriminiert und aus leitenden Stellungen gedrängt würden. Prof. Ehwald (der Forstwirt und Bodenkundler Ernst Ehwald – Anmerkung des Autors) erwähnte in diesem Zusammenhang einen ihm bekannten Wissenschaftler aus einem Forstinstitut der SU, dem es unter anderem so ergangen sei. Mit dieser Erklärung fand er auch die Zustimmung der bereits genannten Professoren. Becker äußerte im Verlauf dieser Diskussion sinngemäß, dass es sich „bei Lyssenko nicht nur um einen Gauner schlechthin handelt, sondern um den Gauner aller Gauner, der wegen seinen unlauteren Methoden in der eigenen wissenschaftlichen Arbeit und in seinem Verhalten gegenüber allen Wissenschaftlern zutiefst verachtet werden müsste.“
Das gleiche Dokument enthält außerdem einen Bericht über eine internationale Wissenschaftstagung, auf der sowjetische Biologen eines neuen Typs auftraten: In ihren Referaten kamen keine Zahlen und Belege vor, sie bestanden ausschließlich aus vorgefertigten ideologischen Textbausteinen. In seinem Aufsatz „‘Klassenbiologen‘ und ‘Formalgenetiker‘ – Zur Rezeption Lyssenkos unter den Biologen in der DDR“ schreibt der Biologe und Biologiehistoriker Ekkehard Höxtermann über den Auftritt eines Lyssenko-Adepten: „Schon 1949 konnte sich Nikolaj Ivanovič Nusdin (1904 –1972) in Potsdam an der damals noch Brandenburgischen Landeshochschule nach einer ablehnenden Entgegnung des Studenten Fritz Anders, später Professor der Genetik in Gießen, nur in Diffamierungen klassischer Genetiker als ‘Faschisten‘ flüchten.“
Einem Leser des Jahres 2026 kommt das alles ungeheuer vertraut vor, insbesondere die Universalbezeichnung „Faschist“ für: Person, die man mit Argumenten nicht aus dem Feld schlagen kann. Während die direkten ideologischen Nachfahren Che Guevaras heute eher so aussehen, erlebt der Lyssenkoismus, wie schon erwähnt, erst jetzt seine eigentliche Hochblüte. Dass nur wenige wissen, wer Lyssenko war, schadet diesem Prozess nicht, im Gegenteil. In der deutschen Energiewende etwa sehen wir den angewandten Lyssenkoismus in Reinform: ein staatlich gestütztes und geschütztes Selbstbestätigungssystem, das sich vollständig gegen jede Empirie abdichtet.
Nach mehr als einem Vierteljahrhundert der von Politikern wie Jürgen Trittin, Patrick Graichen und Experten wie Claudia Kemfert gelenkten Ersetzung einer funktionierenden durch eine dysfunktionale Energieversorgung steht Deutschland beim Haushaltsstrompreis an der Spitze aller Industrieländer:

Gleichzeitig an dritter Stelle bei der CO2-Belastung je Kilowattstunde innerhalb der EU.
Manche erinnern sich vielleicht an den Satz von Trofim Denissowitsch Habeck im Wahlkampf 2024/25: „Wir haben den Strom sauber gemacht, jetzt machen wir ihn günstig.“
Zu jedem Jahresende rutscht die Bundesrepublik pünktlich in die Dunkelflaute. Der dänische Statistiker Björn Lomborg rechnet die Verhältnisse vor: Obwohl Deutschland mittlerweile über eine installierte Windkraftleistung von 203 Gigawatt verfügt, die rein rechnerisch mehr als das Dreifache des gesamten Strombedarfs abdecken könnte, brach die Stromerzeugung der mehr als 30 000 Turbinen zwischen Alpenvorland und Nordsee in den Tagen vom 29. Oktober und dem 1. November auf ganze 9 Gigawatt ein. Da auch die Solaranlagen unter dem dauertrüben Himmel kaum etwas liefern, bleiben in solchen Lagen drei Quellen übrig, um das Land trotzdem weiter zu versorgen: Kohle, Gas, Import von Atomstrom aus Frankreich.
Björn Lomborg bringt die deutsche Energiewende auf die einfache Formel: Ihre überdimensionierten Wind- und Solaranlagen erzeugen riesige Strommengen, wenn sie keiner braucht – und können dann, wenn die Wetterlage sich ungünstig entwickelt, noch nicht einmal einen Bruchteil des Bedarfs decken: „Solar and wind: double nothing is still nothing.“ Das leuchtet zwar schon einem Realschüler ein, jedenfalls dann, wenn ihm das niedersächsische Bildungssystem noch nicht jede Rechenfähigkeit ausgetrieben hat. Aber es erreicht nicht unbedingt jeden Politiker in Berlin.
Fast zur gleichen Zeit, als der Autozulieferer Schaeffler die Streichung von 3460 Arbeitsplätzen und die Schließung von vier Werken ankündigte – nicht nur wegen der Energiekosten, sondern wegen des gesamten Grünpakets mit allen Schikanen –, erklärte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Lisa Badum, ihre Partei habe es „satt, uns dafür zu entschuldigen, dass wir die Energieversorgung der Zukunft aufbauen.“ Man kann ihr zumindest nicht vorwerfen, dass sie das nicht täte.
Die KPdSU baute damals schließlich auch die Lebensmittelversorgung der Zukunft auf, und zwar mithilfe von Lyssenko und seinen Helfern. Wie die Stromversorgung der Zukunft en detail aussieht, erklärte die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl – übrigens ehemals Dramaturgin an der badischen Landesbühne – schon 2021 der Öffentlichkeit. Sie schaffte seinerzeit die Grundlast als „so von gestern“ kurzerhand ab, so wie Trofim Lyssenko die Gene. Und kündigte an, das Energiesystem der Zukunft würde, „herausfordernd, ja auch spannend“, jedenfalls aber „angebotsorientiert“. Es kann wirklich niemand sagen, er wüsste nicht, worauf das große Transformationsprojekt zuläuft. Diejenigen, die es voranbringen, verstehen womöglich die Redetexte nicht, die von ihren Referenten stammen. Aber sie sprechen es deutlich aus.
Damit Figuren wie Kotting-Uhl, Badum und Umweltminister Carsten „ich rette die Erde“ Schneider die Bühne erklimmen und sich dort auch halten können, mussten Experten mit großen Titeln erst einmal Vorarbeit leisten, also das Overton-Fenster systematisch in Richtung Irrationalität, Wahn und Feindbekämpfung verschieben.
Die folgende Liste der Anwärter auf die Lyssenko-Medaille enthält in ihrer Reihenfolge keine Wertung im Sinn einer Hierarchie. Der thematischen Nähe wegen beginnt sie mit einem altbekannten Namen:
1. Harald Lesch
Der Astrophysiker, Jahrgang 1960, befasste sich als Wissenschaftler und TV-Erklärer lange Zeit mit diesem Gebiet. Heute liefert er fast ausschließlich Erklärstücke, die sich weitgehend mit den Sprechzetteln der Grünen aller Parteien decken. Neulich erfuhr die deutsche Öffentlichkeit durch ihn, dass „niemand, der bei Verstand ist“, heute noch Kernkraftwerke baue. Dafür spulte er die schon dutzendfach widerlegte Mär ab, Kernkraftwerke würden durch Wassermangel lahmgelegt, das habe man in Frankreich sehen können (in Wirklichkeit drosselte man dort wie in jedem Sommer bei einigen Reaktoren die Leistung, um die Fauna und Flora von Flüssen zu schonen. Zweitens benutzten laut Lesch nur noch Länder Atomkraft, um Nuklearwaffen bauen zu können. Wer kennt es nicht, das Streben Finnlands und Schwedens nach der Bombe?
Weltweit befinden sich zurzeit in 17 Ländern 78 neue Kernkraftwerke im Bau. Ungefähr zwei Dritteln der Menschheit (denn China, Indien und die USA gehören dazu) den Verstand abzusprechen – das schafft nicht jeder. Dazu muss erst einmal ein Meister aus Deutschland kommen. Aus Leschs Urteil über den Teil der Welt mit den minderklugen Köpfen muss der Zuhörer den Schluss ziehen, im Deutschland des ZDF, des Lesch und der Lisa Badum müsste es eine unschlagbare Alternative zur Kernkraft geben. In seiner jüngsten ZDF-Sendung erläuterte er sie auch ausführlich: nämlich das Energiesparen. Oder besser: den Nichtverbrauch von Energie. Denn „jede nicht verbrauchte Kilowattstunde ist eine gute Kilowattstunde“. Das trifft sich mit der angebotsorientierten Stromversorgung, siehe oben, schon sehr gut. Laut Lesch geht es ganz akut darum, „durch den Winter zu kommen“. Und: „Erst, wenn wir das verstanden haben“ – nämlich Energie nicht zu verbrauchen – „wird die Energiewende gelingen.“
Am Anfang des Unternehmens deutscher Energieumbau stand bekanntlich die Verheißung von nahezu unbegrenzter und vor allem spottbilliger Energie, wobei die Transformation selbst bekanntlich nur eine Kugel Eis kosten sollte. Diese Rhetorik erinnert auf erstaunliche Art an die Versicherung eines Lyssenko, er könnte mit seinen Methoden innerhalb kurzer Zeit einen Überfluss an Nahrungsmitteln erzeugen. Stattdessen entstand wie schon beschrieben ein gravierender Mangel, der sich verschärfte, je weiter sich der Lyssenkoismus ausbreitete. Das begründete der Agronom so ähnlich wie Lesch mit der mangelhaften Mitwirkung durch die Gesellschaft.
2. Isabella Weber
Sie gilt als „Ökonomin der Stunde“, jedenfalls allen, die einer Verwirklichung der rot-rot-grünen Enteignungspläne in Berlin entgegenfiebern. Wobei etwas im Dunklen liegt, wie Weber eigentlich zum Rang einer Großökonomin kam. Ihr Jurastudium an der Humboldt-Universität brach sie nach einem Semester ab, studierte dann Politikwissenschaften mit Nebenfach Wirtschaft, schloss mit Bachelor ab, ging für ein Jahr als Gasthörerin an die Universität Peking zur Sprachausbildung und erwarb schließlich 2015 ihren Master in Wirtschaftswissenschaften an der New School for Social Research New York. Als Forschungsschwerpunkt gab sie zunächst die „Ökonomie Chinas“ an, was insofern interessant klingt, als China inzwischen mehr Marktwirtschaft praktiziert als Deutschland. In ihrem Buch „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ schreibt sie allerdings nicht darüber, wie der Titel schon nahelegt. Sondern sie empfiehlt eine bestimmte Wirtschaftspolitik, um den Faschismus zu stoppen, der ihrer Meinung nach schon „faschistische Räume“ bildet, aber noch nicht ganz und gar triumphiert.
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Webers Kurzzeit-Stationen in ihrem Lebenslauf (Cambridge, University of London, Amherst) wirken auf den ersten Blick beeindruckend. Wer sie sprechen hört und ihre Texte liest, begegnet einer erschütternd schlichten Akademikerin. Weber möchte, um den Faschismus, den sie vor allem durch die AfD und Trump verkörpert sieht, dadurch stoppen, dass sie den Kapitalismus – von ihr auch „Profitfundamentalismus“ und „Marktfundamentalismus“ genannt – durch ein System ersetzt, in dem KI Preise errechnet, die der Staat dann durchsetzen muss. Nicht nur der Wohnungsmarkt muss ihrer Ansicht nach staatlich bewirtschaftet werden, sondern auch ein großer Teil des Handels. So wünscht sie sich etwa, dass „der Staat in großem Stil Düngemittel kauft und verkauft“. Weitere Weber-Thesen: „Neoliberalismus und Faschismus haben eine gemeinsame Grundlage: den Sozialdarwinismus. Im Neoliberalismus leitet sich der Wert eines Menschen daraus ab, wie er oder sie sich am Markt behaupten kann: Bist du reich, dann giltst du als toll und fähig. Bist du arm, hast du wohl am Markt versagt.“
Die meisten, jedenfalls außerhalb zentraler Bezirke von Berlin, halten tatsächlich Menschen, die sich Wohlstand erarbeiten, für fähiger als diejenigen, die arm bleiben, übrigens oft deshalb, weil sie gerade nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen. Die Fähigkeit sagt wohlgemerkt nichts über die Würde als Mensch. Auch nicht für klassische und Neoliberale. Manche ihrer Sätze klingen so, als hätte sie ein defekter, von der Rosa-Luxemburg-Stiftung programmierter Bot ausgespuckt: „Mit jedem essenziellen Gut, bei dem der Staat die Krise der Existenzgrundlagen adressiert, demonstriert er eine Alternative zu einem unerträglichen Status quo und zeigt den Menschen, dass nicht nur die Faschisten einen Ausweg aus der Krise weisen.“
Die Anwärterin auf die Lyssenko-Medaille verschmäht auch grobe Manipulationen nicht, wenn sie ihrer Sache dienen. In einem taz-Interview erklärt sie zum Zusammenbruch des Ostblock-Kommunismus 1990: „In ganz Osteuropa sank die Lebenserwartung“. Das stimmte allerdings nur für die sehr kurze Umbruchphase, in der die mittel osteuropäischen Staaten gewissermaßen das Insolvenzverfahren nach dem Kollaps der KP-Diktaturen durchlaufen mussten. Danach stieg die Lebenserwartung überall stark an. Was Weber völlig weglässt: Während der sozialistischen Phase stagnierte die Lebenserwartung im Ostblock ab den sechziger Jahren, und zwar weit unter dem heutigen Niveau im vermaledeiten Kapitalismus.
Das Prinzip von Webers Lehre lässt sich so zusammenfassen: „Alles im Staate, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat.“ Gut, so viel Spaß muss sein: Dieser Satz stammt natürlich von Benito Mussolini. So definierte er das Wesen des Faschismus.
3. Marcel Fratzscher
Der Klassiker. Da man ihn in groben Zügen kennt – wer denn nicht angesichts seiner medialen Allgegenwart? –, genügt ein Schnelldurchlauf. 2016 die Erklärung: „Die Migranten werden die Renten der Boomer bezahlen“, 2025 die Forderung nach einem „Babyboomer-Soli“ für Rentner, die mehr als das Minimum erhalten und deshalb etwas an ärmere Senioren abgeben sollen. 2021: „Die Inflation ist meine geringste Sorge“, dann das Lob der „grünen Inflation“, danach die Aussage, drei, ja sogar vier Prozent Inflation seien gesund, und irgendwann später die Erkenntnis, dass die Geldentwertung dummerweise vor allem Gering- und Normalverdiener ärmer macht. Weshalb denen der Sozialstaat helfen muss, wozu wiederum noch höhere Steuern unumgänglich seien.

Im Gegensatz zu Lyssenko verficht Marcel Fratzscher nun wirklich keine geschlossene Weltsicht. Vieles von dem, was er vorträgt, findet sich wie durch Zauberhand kurz danach in Reden und Papieren der SPD wieder. Deshalb gehört er in die Vorschlagsreihe: Er perfektionierte wie kein anderer den Engtanz zwischen wissenschaftlich verbrämter Agenda und Berufspolitik.
Natürlich wären noch andere Kandidaten und Kandidatinnen zu nennen, etwa Alena Buyx oder Mai Thi Nguyen-Kim, die Erfinderin des Schweizer Austauschvergewaltigers. Sie gehören alle zum großen Feld des zeitgenössischen Lyssenkoismus – und andere mehr. Deshalb nimmt Publico gern Vorschläge mit kurzer Begründung entgegen, ansonsten Voten für die oben schon aufgeführten Anwärter.
Die Medaillenverleihung findet am 31. Januar 2027 statt. Der Akt befördert Trofim Denissowitsch Lyssenko endlich und verdientermaßen wieder dorthin, wohin er gehört – ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.
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