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Die Betriebsnudelfabrik und ihre Manager – ein Schadensbericht

Am Münchner Prinzregententheater ereignete sich gerade ein Skandal: ein zu diverses Konzert. Der Fall steht idealtypisch für einen Kulturbereich, in dem keine Patriarchen mehr herrschen, sondern namenlose Manager, deren Hauptangst darin besteht, gegen politische Codes zu verstoßen

Am 27. Mai 2023 begab sich im Münchner Prinzregententheater Ungeheuerliches. Jedenfalls nach Ansicht der Theaterakademie August Everding, deren Sitz sich im rückwärtigen Teil des Hauses befindet.

Vor der Schilderung des Unerhörten aus Sicht der Akademieleitung muss der Autor dieses Textes erst einmal das Ereignis schildern, an dem er selbst teilnahm, allerdings ganz ohne das Bewusstsein, gerade einen waschechten Skandal zu erleben.
 Bei dem Ereignis handelte es sich um ein Konzert aus Anlass des Geburtstags der Münchner Pianistin Elena Gurevich, die, geboren in Kaliningrad, in St. Petersburg, Jerusalem und Karlsruhe studierte. Diesem Weg durch mehrere Länder zusammen mit Musikerkollegen aus allen Richtungen entsprach auch das Konzertprogramm im Gartensaal des Prinzregententheaters. Unter den gemalten Paradiesvögeln an der Decke spielten und sangen Musiker aus Israel, Estland, China, Mexiko, Rumänien, Brasilien, Aserbaidschan, Russland, der Ukraine, der Schweiz und – daraus entwickelte sich der zeitverzögerte Skandal – einer aus Deutschland. Auf dem Plan standen Stücke von Wagner, Schumann, Chopin, Vivaldi, Mozart, Rameau, Gardel, Reger, Rossini, Tschaikowsky, Villa-Lobos, Piazzolla, Rachmaninow und Kálmán. Außerdem gab es Einwürfe des Conférenciers und Applaus vom Publikum (zweimal stehend). Und später im Theaterrestaurant noch sehr angeregte Gespräche auf Russisch, Deutsch und Englisch. Mit anderen Worten: Es ging so ähnlich zu wie auf dem schon erwähnten Deckengemälde, wo die Form der Vielfalt einen Rahmen gibt, ohne eine einzige Blüte einzuengen.

 

Im Fall des Konzerts ergab sich der Rahmen durch klassische westliche Musik, Abendgarderobe und die Geburtstagsfeier der Hauptperson ganz selbstverständlich. Der zwanglose Zwang des besseren Arguments, den Jürgen Habermas immer nur bei sich selbst vermutete, existiert nämlich in der großen Gesellschaft nicht ernsthaft. Dafür aber das zwanglose Band der Form in der kleinen.
Veranstaltungen und Gremien mit sehr homogenem Personal finden sich in Deutschland en masse, die Intendantenrunde der ARD beispielsweise, die Straßenblockiertrupps der „Letzten Generation“ oder der fast reinweiße Internationalistenkongress der Grünen Jugend.

Das Konzert im Prinzregententheater gehörte nicht zu dieser Sorte.
Es dauerte dann noch vier Tage, bis diese Gartensaalaffäre, wie der Qualitätsmedienschaffende schreiben würde, nun auch die Leitung der benachbarten Theaterakademie in ihren Strudel riss. Die war zwar an dem Ereignis selbst nicht direkt schuld, mittelbar, wie sie zerknirscht eingestand, dann aber doch, nämlich als Vermieter des Gartensaals an die Geburtstagskonzertveranstalter.

Den Anstoß, den ein bis dahin unbemerkter Skandal zwingend braucht, lieferte ein selbst in München nicht gerade weltberühmter Komponist namens Alexander Strauch, der neben- oder möglicherweise sogar hauptberuflich Spielpläne auswertet und so in der Künstlerliste des Geburtstagskonzerts den Namen des Leipziger Cellisten Matthias Moosdorf erspähte. Bei Moosdorf handelt es sich um einen Musiker, der als Abgeordneter für die AfD im Bundestag sitzt. Seine künstlerische Karriere reicht etwas weiter zurück als seine politische; als Mitglied des Leipziger Streichquartetts gab er Konzerte in gut 60 Ländern und spielte etwa 100 CDs ein, sein Gesamtwerk übersteigt das des Hinweisgebers sehr deutlich.

In dem „Bad Blog of Musick“, den die „Neue Musikzeitung“ betreibt, schrieb Strauch:
„Ich verstehe nicht, wie der Theaterakademie die notwendige Awareness hier fehlen konnte. (…) Ich bin zutiefst empört. Furchtbar, was man hier so zulässt und was nun die AfD, die Musiker:innen in ihr und um sie und ihre ‚friends‘ so losgelöst tun dürfen und diese heiligen Hallen des Prinzen für ihre Auftritte als ‚Nur-Musikmacher‘ zu nutzen.“
„Die AfD und die Musiker:innen in ihr“ wäre ein ganz passabler Romantitel, den sich jeder Leser dieses Textes bitteschön kostenfrei aneignen darf. Strauchs Klage über die „Nur-Musikmacher“ klingt wiederum so, als hätte er sich noch eine politische Ansprache von Moosdorf gewünscht, die es in Wirklichkeit bei dieser höchstens kosmopolitischen Veranstaltung weder von ihm noch von einem anderen Teilnehmer gab, noch nicht einmal aus dem Mund des von Strauch völlig übersehenen Conférenciers Michael Klonovsky, Ehemann der Jubilarin, Autor und Mitarbeiter der Fraktion, in der Matthias Moosdorf sitzt.
 Genaugenommen zeigt sich darin schon eine ziemliche Nachlässigkeit des Alarmschlägers. Aber auch so entging seine Tiefempörung der Awareness am höheren Ort nicht. Die Theaterakademie August Everding veröffentlichte am 31. Mai 2023 um 08:59 Uhr eine Presseerklärung, die als deutsches Dokument weit über München hinausreicht (und in der Länge auch über den Text von Strauch). Trotzdem soll sie hier fast vollständig wiedergegeben werden:

„Die Theaterakademie August Everding steht für Toleranz, Diversität, Chancengleichheit und Teilhabe. Sie tritt aktiv gegen jede Art von Machtmissbrauch, Diskriminierung, Benachteiligung sowie für Demokratie und kulturelle Vielfalt ein. Dies spiegelt sich in ihrer eigenen künstlerischen Praxis, namentlich in ihren innovativen rund 40 Eigenproduktionen pro Jahr. Die Theaterakademie August Everding vermietet ihre Räumlichkeiten außerdem an externe Gastveranstalter:innen, mit rund 300 Fremdveranstaltungen pro Jahr. Das vielfältige Programm der Gastveranstalter:innen reicht dabei von klassischer Musik und Tanz über Jazz bis Kabarett und Lesungen. Parteipolitische Veranstaltungen werden nicht unter Vertrag genommen. Das Konzert der israelischen Pianistin Elena Gurevich und ihrer Freunde am Samstag, 27. Mai 2023, um 19 Uhr im Gartensaal des Prinzregententheaters war eine Gastveranstaltung des Veranstalters new classic live. Der Mieter hatte es bei der Theaterakademie vertraglich als ‚Jubiläumskonzert‘ angemeldet und schließlich im Detail angekündigt als musikalische Soiree um Elena Gurevich mit befreundeten Künstler:innen aus Estland, Israel, Mexiko, Rumänien, Brasilien, Aserbaidschan, Deutschland, Russland, der Ukraine und der Schweiz, konzipiert als eine Art ‚klassischer Jam-Session […] durch die Musikgeschichte und über Kontinente‘ mit Werken u.a. von Mozart, Chopin, Lehár, Reger, Piazzolla, Tschaikowsky und anderen. Dies ließ auf ein weltoffenes, buntes und diverses Programm schließen.
Wir bedauern, dass an dieser Gastveranstaltung offenkundig ein Musiker beteiligt war, dessen Werte denen der Theaterakademie August Everding diametral entgegenstehen. Es ist wahr, die beteiligten Musiker:innen, inklusive des diskutierten, wurden schließlich im Monatsspielplan (Print und Web) der Theaterakademie unter ‚Weitere Musiker‘ genannt. Dieser Monatsspielplan enthält sowohl die Informationen zu den Eigenproduktionen der Theaterakademie als auch die Informationen zu den Veranstaltungen der externen Gastveranstalter:innen. Für die Informationen zu den Gastveranstaltungen sind die Gastveranstalter:innen selbst verantwortlich. In der Schlusskorrektur des Eintrags durch die Theaterakademie war die Nennung des Musikers tatsächlich nicht bemerkt worden. Doch bestand so auch die Möglichkeit für die mündigen Besucher:innen, von einem Ticketkauf beim Konzert Abstand zu nehmen. Die Theaterakademie wird den Fall im Detail auswerten und die Zusammenarbeit mit dem Gastveranstalter new classic live prüfen. Die Theaterakademie August Everding unter der Präsidentschaft von Prof. Dr. Barbara Gronau arbeitet auch weiterhin für ein junges, internationales, buntes, diverses und inspirierendes Theater der Zukunft.“

Womit die Akademie unter Prof. Dr. Barbara Gronau natürlich glatt und dreist lügt. Würde sie tatsächlich für ein internationales, buntes, diverses und inspirierendes Haus arbeiten, hätte sie diese Erklärung nie herausgegeben. Welche Werte von Matthias Moosdorf nun genau denen von August Everding widersprechen, geht aus der Mitteilung ebenso wenig hervor wie der Name des Unwertmusikers selbst – offenbar um zu verhindern, dass unmündige Leser:innen auf die Idee kommen, ein paar seiner Musikaufnahmen zu erwerben. Schon auf die Mündigkeit der Konzertbesucher konnte die Akademieleitung nicht so recht bauen, es gab jedenfalls niemanden, der von einem Ticketkauf wegen der Parteimitgliedschaft des Cellisten schnell noch Abstand genommen hatte. In ihrem Schuldeingeständnis klärt die Institution auch nicht darüber auf, warum sie eigentlich die Wertüberprüfung der Musiker aus Israel Brasilien, Russland, China, Estland und der anderen Herren Länder unterlassen hatte. Möglicherweise hätte sie dort im Verein mit ihren Ortskräften auch noch das eine oder andere zu Tage gefördert.

Das Problem besteht nicht in einem inoffiziellen Mitarbeiter der Zivilgesellschaft und dessen Blogeintrag. Es besteht darin, dass sich eine immerhin noch namhafte Akademie vor einem Denunzianten in den Staub wirft, dessen biografisches Pech darin besteht, nur im besten Deutschland aller Zeiten (so ungefähr Frank-Walter Steinmeier) zu wirken und nicht in zwei vergangenen Deutschlandvarianten, die sein Talent noch ganz anders entfaltet hätten. 
Zwischen Haltungsvorzeigern und Gliedvorzeigern im Stadtpark besteht eine innere Verwandtschaft: Beider Betätigung lebt ausschließlich von der Reaktion der Adressaten.

Man kann es sich kaum vorstellen, dass jemand mit der Biografie eines August Everding vor einem unterbeschäftigten Komponisten auf die Knie gefallen wäre und um Nachsicht wegen mangelnder Wachsamkeit in Zusammenhang mit einem Konzert gebettelt hätte, mit dessen Organisation er nie befasst war.
Überhaupt stellt sich aber die Frage, ob Everding als Person heute noch so einfach davonkäme. Wahrscheinlich machte er mit seinem gerade noch rechtzeitigen Tod 1999 keinen schlechten Schnitt. Immerhin galt er schon früh als Reaktionär, weil er Peter Stein daran hinderte, im Theater Geld für Waffen zu sammeln, das dem Vietcong zugutekommen sollte (Everding sprach sich gegen die Geldsammlung im Theater aus, er bestand darauf, Bühne und tagespolitischen Bereich zu trennen). Er pflegte gute und notwendige Beziehungen zu Franz Josef Strauß, dem er 1983 die 32 Millionen Mark für den Wiederaufbau des Prinzregententheaters abfuchste. Als konservativer Katholik gehörte Everding zu den Gesprächspartnern von Joseph Ratzinger; er bekannte sich wie damals der Kardinal zur vorkonziliaren Messe.
Im Gespräch mit Harald von Troschke kritisierte der Impresario außerdem das „Kastendenken vieler Deutscher“. Und überhaupt – er inszenierte konservativ, in seiner „Traviata“ trugen die Darsteller weder SS-Uniform noch blutbeschmierte Haut. Die meisten seiner Regiearbeiten fielen heute schon in der Vorrunde jedes progressiven Theater- oder Opernfestivals durch. 
In dem erwähnten Gespräch mit Troschke meinte Everding auch, Bühnenkunst sei in Deutschland nun einmal subventioniert, das gehöre zum System, andererseits komme es eben darauf an, sich Freiräume zu schaffen, also mindestens ein-, zweimal im Jahr eine Inszenierung abzuliefern, über die sich das politische Juste Milieu aufregt. Damals galten für solche lockeren Reden noch mildernde Umstände, denn das Establishment in Bayern hieß damals wie auch heute noch CSU, im Bund regierte Helmut Kohl und dann Gerhard Schröder, die Quisquilien trafen also die Richtigen, was schulterklopfende Journalisten jederzeit bestätigen konnten.

Eigentlich wäre es heute sehr leicht, ein bisschen Spott über die aktuellen Amtsträger auf die Bühne zu bringen – Claudia Roth beispielsweise in einer Neufassung des ‚Zerbrochenen Krugs‘ als Dorfrichterin Adam, die versucht, einem Antisemitismusskandal auf die Spur zu kommen, oder ein Tartuffe mit Robert Habecks Nachdenklichkeitssimulation, irgendwas in dieser Preisklasse. Dafür wäre ein Haudegen wie Everding sogar zu haben, wenn es ihn noch gäbe, einerseits. Er wüsste aber auch, dass dann wirklich Schluss mit lustig wäre. Ein Spiegel Online-Schreiber würde, statt Schultern zu klopfen, erst einmal die Überschrift „Ein Intendant driftet ab“ tippen. Der Resttext ergibt sich dann praktisch von selbst.

Egal, was jemand von Everdings Inszenierungen hält – ohne ihn wäre das damals kernmarode Prinzregententheater nicht saniert und die Theaterakademie nie gegründet worden. Er konnte schon mit 50 auf viele dutzend Theater- und Opernaufführungen zurückschauen. Seine Laufbahn begann er an der Seite von Größen wie Fritz Kortner und Hans Schweikart. Über die heutige Präsidentin der Theaterakademie Barbara Gronau gibt es kaum etwas aus der künstlerischen Welt zu melden. Der Wikipedia-Eintrag zu ihr liest sich wirklich sehr, sehr flott. Über die frühere Professorin an der FU Berlin – Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ – gibt es an anderer Stelle ein paar ziemlich schüttere Informationen. 
„Neben ihrer wissenschaftlichen Laufbahn“, heißt es auf der Akademieseite, „arbeitete Barbara Gronau immer wieder als Dramaturgin und Co-Kuratorin u.a. mit der Gruppe Lubricat“ und „dem feministischen Künstler:innenkollektiv SheShePop.“

Ihr Statement zum Dienstantritt im Jahr 2022 lautete folgendermaßen:
„Für mich sind die Künste Seismographen der Gegenwart. In einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und Krisen sind traditionelle Modelle von Repräsentation, Ökonomie und Handeln untauglich geworden. Angesichts pandemischer Krisen, einer Rückkehr des Krieges nach Europa und eines spürbaren Klimawandels müssen wir uns fragen, wie wir leben können und leben wollen. Das Theater reagiert in vielfältiger Weise darauf: in der Überschreibung des traditionellen Kanons und seiner Figurenkonstellationen, in Überlegungen zu Teilhabe, Diversität und Nachhaltigkeit und in der Herausforderung neue Zielgruppen anzusprechen.“

Transformation, Pandemie, Klima, irgendetwas mit Überschreibung – in diesem Text steckt wirklich alles drin, von Kultur einmal abgesehen. Ihre Finanzierung verdankt die Everding-Theaterakademie übrigens nach wie vor ganz traditionellen Modellen der Ökonomie, die das nötige Steueraufkommen erzeugen.
Offenkundig handelt es sich bei Gronau um eine der zeittypischen Kulturbetriebsnudeln, die von einem Posten zum anderen flutschen, ohne auf dem Weg irgendwelche Werke oder auch nur Reibung zu erzeugen. Wer wie sie über keinerlei Hinterland eigener Schöpfungen verfügt, dem und der bleibt nichts anderes übrig, als alle schmalen Kräfte ins interne Netzwerken und die Absicherung gegen politische Fehltritte zu investieren. 
Die Frage, woher dieses Verkrümmte, Beflissene und Ängstliche im Kultur-, Wissenschafts- und Medienbetrieb kommt, führt ohne Umwege zu den handelnden Personen, die dort die Schaltstellen schon weitgehend besetzt halten: verkrümmte, beflissene Funktionäre, deren Namen sich außerhalb ganz kleiner Zirkel kein Mensch merkt. Für die breitere Bekanntheit Gronaus tut dieser Text wahrscheinlich mehr als alle für sie zuständigen Pressestellen der letzten zehn Jahre zusammen.

Dieses Muster jedenfalls zieht sich inzwischen fast durch den gesamten kulturpolitisch-medialen Komplex. Als Uwe Tellkamp im vergangenen Jahr seinen neuen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ in Potsdam vorstellte, sah sich das Fontane-Archiv, das in dem gleichen Haus sitzt, in dem die Lesung stattfand, zum nachträglichen Abwehrritual gegen den Leibhaftigen herausgefordert. Auch dort meldete sich eine Funktionärin mit einer Erklärung aus dem Setzkästchen: „Wir stehen für ein Miteinander von Regionalität und Internationalität, für eine freundliche Multikulturalität und Diversität. Eine Veranstaltung mit Herrn Tellkamp passt aus unserer Sicht nicht zu diesem Selbstverständnis.“ Dass sich ihr so genanntes Selbstverständnis komplett aus einer bewusstlos heruntergeklapperten Tät-Aufzählung zusammensetzt, fällt dieser Gesellschaftsstütze so wenig auf, wie einem Fisch das Wasser auffällt.

Mit Siv Bublitz wirkte ein ganz ähnlicher Typus beim S. Fischer-Verlag, nicht als Verlegerin – das war sie nie – sondern als reine Exekutorin des Holtzbrinck-Konzerns. Ihre singuläre Leistung dort bestand darin, die langjährige Fischer-Autorin Monika Maron mit dem Stempel „politisch unberechenbar“ versehen und aus dem Verlag getrieben zu haben.
Gründer, Impresarios und damit auch fast immer Patriarchen (gelegentlich auch Patriarchinnen) kommen von Natur aus selten vor. Heute stehen ihre Chancen schlechter als jemals zuvor, noch an die Spitze einer staatlich finanzierten Kultur- oder Wissenschaftsorganisation, eines großen Verlags oder eines etablierten Mediums vorzustoßen. Auch das Gründen kommt in diesem Bereich nur noch außerordentlich selten vor. Dass jemand zu der winzigen Gattung der Solitäre gehört, garantiert allein noch keine Qualität. Aber ohne einen Samuel Fischer, einen Siegfried Unseld, den früheren Hanser-Chef Michael Krüger, ohne einen August Everding, ohne die frühen Documenta-Kuratoren Arnold Bode, Werner Haftmann, Harald Szeemann, ohne Rudolf Augstein, Henri Nannen und Helmut Markwort gäbe es einen großen Teil des Kultur- und Medienbereichs gar nicht, in dem jetzt Verwalter und Verwerter die von ihren Vorgängern geschaffene Substanz bewirtschaften. Hand hoch: Wer weiß, wer heute die Geschäfte bei S. Fischer führt, immerhin literarische Heimat von Thomas Mann und Franz Kafka? Wer kann auf Anhieb den Nachfolger Michael Krügers bei Hanser nennen? Wer kennt die aktuellen Namen der Chefredakteure von Stern, Focus und Spiegel? Überall dort, wo früher Einzelne dafür sorgten, dass überhaupt etwas entstand, geht der Trend zum gleitfähigen Manager, der vor allem peinlich genau auf Sprachcodes achtet, immer bemüht, die nächste Diskurskurve zu erwischen, die sich meist bei Twitter ankündigt.

Die einzelnen Figuren treten auf und wieder ab, einer gleicht dem nächsten. Wenn jemand stolpert, dann meist wegen eines falschen Worts, vor allem dann, wenn er sich nicht rechtzeitig vor einem Dutzend ebenfalls völlig namenloser Moraltwitterati auf dem Boden wälzt. Idealerweise teilen sich die Gewichtslosen heute den Posten als quotiertes Führungsduo, wenn sich nicht gleich wie im vergangenen Jahr bei der Documenta sowieso alles in ein Kollektiv auflöst, das den unvermeidlichen Globaler-Süden-Krempel auf die subventionierte Bühne wuchtet.

Um das Geld für den Prinzregententheater-Wiederaufbau zu bekommen, schlug Everding 1983 Strauß erst einmal aus taktischen Gründen vor, die Fast-Ruine als Bar wiederzueröffnen. Oder als Kaufhaus. Als der Politiker antwortete, das ginge ja nun wirklich nicht, meinte der Bühnenmann: „Dann bleibt wohl nichts andres übrig, als doch wieder ein Theater draus zu machen.“ Worauf Strauß geantwortet haben soll: „Sie Hund Sie.“
Dass sich seine Theaterakademie einmal in einen Tendenzbetrieb verwandeln würde, dessen Leiterin sich nicht anders anhört als eine x-beliebige kulturpolitische Bundestagshinterbänklerin, so etwas hätte er sich vermutlich nicht vorstellen können.
Vor allem nicht, dass es dafür überhaupt keinen Druck mehr aus einer Staatskanzlei braucht.

 

 

 


Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.


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19 Kommentare
  • Eddie Spaghetti
    1. Juni, 2023

    Großer Text, obwohl ich aufs Kennenlernen der Gronau-Strauch-Erbärmlichkeit auch gern verzichtet hätte.
    (Können Sie Moosdorf nicht dazu bringen, seine Ausdrucksweise zu zügeln…?)

    • D.S.d.h.K.
      2. Juni, 2023

      Eine “Ausdrucksweise zu zügeln” ist nichts anderes als ein Denkverbot.
      Ohne mich.

    • Thomas
      7. Juni, 2023

      Natürlich

      muß jeder aufpassen, was ihm aus dem Gehirn so einfach ohne Angst auf die Zunge hüpft (?!). Das stimmt.

      Nach meinem Dafürhalten sind Meinungsäußerungs-Freiheitsgrenzen in den Zeiten eines Rechtsstaates im Grunde eine Frage der Toleranz oder (in besonders drastischen Fällen, und zwar nur dann) der Gerichte.

      In den Zeiten der Machtergreifung einer Bewegung haben die Meinungszügel heute allerdings Formen und Diensionen angenommen, daß es auf dem (Bl)Ödhof der „bunten“ Gesinnungsethik vor Zaumzeug und Reittieren nur noch so wimmelt. Das hat Gründe:

      Beispielsweise pflegt der Börne-Preisträger 2023
      („In den Zwängen der Politik erkämpft er sich auf beeindruckende Weise Freiräume durch Nachdenklichkeit“, laut FAZ-Herausgeber Kaube)

      im Gegensatz zu BRD-Demokraten eine politische Sprache, über die nur die herrschende Klasse grüner Sinnvermittler verfügt und der sich in der Öffentlichkeit unterordnen muss, wer im politischen Spiel der neuen deutschen Demokratie mitspielen möchte (bekanntlich wird an einer neuen Verfassung gebastelt, wobei es da heute zum Glück noch Widerspruch gibt).
      https://www.bundestag.de/parlament/grundgesetz/gg-serie-15-schlussbestimmungen-634562

      Diese Entwicklung in der Öffentlichkeit führte leider dazu, daß die Bewegung heute allgemeingültige und unveränderbare Grundannahmen bestimmt, über was in einem von ihr selbst so genannten „demokratischen Streit“ (also quasi ddr-demokratischen Streit) gestritten werden kann und soll (lies nach bei Habeck, wie es in den Freiräumen seines nachdenklichen Buches steht).

      Wer also nicht wie Habeck und seinesgleichen sein will, anders denkt, anders spricht, anders schreibt oder mit den Anderen Kontakt hat, der bekommt es beispielsweise mit den Neostasis zu tun. Wobei die etablierten Medien anscheinend keine Probleme mit Neostasis haben.
      Vielleicht hätten sie welche, ohne. 🙂

      Nun,

      • „(Können Sie Moosdorf nicht dazu bringen, seine Ausdrucksweise zu zügeln…?)“

      nach meinem Dafürhalten ist der Herr Moosdorf ein Einzelfall. Und natürlich muss auch die Solostimme einer Bassgeige im Zusammenspiel der Stimmen ihren Platz haben, so lange sie die richtigen Töne trifft; sonst fehlt nämlich etwas im Konzert.
      https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4d/Gaudenzio_Ferrari_002.jpg
      Ich höre da keine falschen Töne.

      Übrigens spielt Moosdorf auf einem Cello von Andrea Guarneri aus dem Jahr 1697. So etwas gehört zu dem, die man gehört haben sollte, in seinem Leben. Das sind wirkliche Einzelfälle.

      Mit freundlichen Grüßen
      Thomas

  • Kira
    2. Juni, 2023

    “Zwischen Haltungsvorzeigern und Gliedvorzeigern im Stadtpark besteht eine innere Verwandtschaft:
    beider Betätigung lebt ausschließlich von der Reaktion der Adressaten.”

    Ich habe herzhaft gelacht. Das ist wunderbar bissig und trifft es haargenau

  • Albert Schultheis
    2. Juni, 2023

    Man müsste sich eigentlich tot-lachen über den exuberanten Wortwitz des Sprach-Karikaturisten Wendt – hätte man nicht die triste, brutale und Menschen verachtende Realität des Deutschen Berufs-Denunziantentums und ihres Schleimspuren ziehenden Adressatentums im Hinterkopf, die gemäß Stimulus und Response Pawlow’scher Rüden anfangen alles vollzusabbern. Die elendigliche Verkümmerung zur Haltungs-Kunst beobachtet man allüberall, es ist zum Verzweifeln. Kunst ist tot in Deutschland. Es leben die Kunst-Akademien, die Kuratoren und Impresarios der staatlich subventionierten Sekundärwirtschaft, die einmal auf den Schultern der Giganten einer vergangenen Großen Kunst errichtet wurde, aber heute nur noch getragen wird von mickrigen Zwergen und den Zwangsgebühren der letzten Arbeiter und Bauern. Peinliches, leeres Stroh, dem die anstößigen Worte, die Steine des Anstoßes untersagt wurde. Die neue Buntheit ist lediglich dem Lack geschuldet, darunter der ewig gleiche brüchige, graue Mörtel aus braunen und roten Diktaturen.

  • Maria Leuschner
    2. Juni, 2023

    DDR pur!!!

    • Dr. Wolf Manuel Schröter
      2. Juni, 2023

      Leider nein, jedenfalls nicht in dieser Totalität, Frau Leuschner: Es handelt sich um die Situation oder Atmosphäre, die durch Duckmäusertum und Schleimscheißer (bitte um Entschuldigung), Denunzianten und Böswillige, Unwissende und Tatsachen-Verdreher einschließlich von Intriganten, die sich um ihr eigenes Wohlbefinden bei und in “errungenen” Pfründen sorgen, geprägt wurde und wird. Und das in der Bundesrepublik Deutschland!
      Sicherlich gab es das alles auch im Kultur- und Kunstbereich der DDR, jedoch war das Niveau solchen Tuns relativ niedrig. Jetzt aber ist es zu einer “Gewalt, die die Massen ergreift” geworden, vor allem deswegen, weil auch weitere gesellschaftliche Bereiche in dieses, wie nenne ich es am besten, wahnsinnige Tohuwabohu hineingezogen wurden und noch werden.

  • Uli
    2. Juni, 2023

    Mit “Die Betriebsnudelfabrik und ihre Manager – ein Schadensbericht” haben Sie sich, obwohl es unmöglich schien, selbst übertroffen. Jeder Satz grandios, und jedes Wort. “Moraltwitterati” gehört, wie viele andere, in eine Neuauflage von Grimms Wörterbuch. Herzlichen Dank für Ihr Schaffen!

  • Thomas
    2. Juni, 2023

    Das große Auge
    oder: Der Neostasi und der Druck

    Was die Welt im Grunde zusammenhält, ist nicht etwa die Solidarität unter Gleichgesinnten, sondern die Freundschaft über Gräben hinweg. … oder sie hält eben nicht zusammen, meine ich.

    *Die einzelnen Figuren treten auf und wieder ab, einer gleicht dem nächsten.*

    Gut beobachtet. Graswurzel. Das ist der Trick.

    Zum Thema kann man in manchen Medien etwas lesen.
    https://www.klonovsky.de/2023/05/aufbewahren-fuer-alle-zeit-8/
    https://www.publicomag.com/2023/06/die-betriebsnudelfabrik-und-ihre-manager-ein-schadensbericht/
    In der Tagesschau läuft Baerbock-, Weltklima- und Habeck-Mist. Die Zeitungen in den Supermärkten schreiben das Gleiche. Kein Wunder.
    „Ihr werdet überrascht sein, wie schnell der bzw. die Händler/-in einlenkt, wenn ihr öffentlichen Druck vor ihrem Geschäft aufbaut und sie Umsatzeinbußen befürchten müssen.“
    https://zako.verdi.de/themen/++co++4ed3a26c-2178-11e3-be27-525400438ccf

    Im allgemeinen Kriegsgeschrei der Vorwärtsverteidiger und im Brausen der Werte-Besäufnisse gewählter Alternativlosigkeiten gehen Gemeinheiten wie die oben geschilderte natürlich unter. Die Bewegung marschiert rund ums Mittelmeer herum und über die osteuropäische Ebene hinweg. Da fallen politische Späne, daß es in der Logik nur so raucht. Im Grunde fallen derlei Ausgrenzungsmaßnahmen, Schwarze Listen und zutage tretende Neostasis heute nur noch den Betroffenen auf. Was da für Irrsinn geschieht, ist für den staunenden Betrachter gar nicht mehr alles zu erfassen.
    https://www.achgut.com/artikel/chronik_des_irrsinns_der_mai_2023

    Die Neostasis sind heute allgegenwärtig. In sämtlichen Institutionen, in sämtlichen Bereichen des Zusammenlebens der Menschen im Lande (Das Private ist politisch). Das reicht eben vom Privatleben, der Nachbarschaft bis hin zu den drei Säulen und den vier Gewalten im Lande, in Europa und in der Welt.

    Heute verkündet ein Richter einen alterativlosen Schuldspruch gegen jene Gruppe Linksextremisten, welche Mitmenschen in Überzahl aus „achtenswerten Motiven heraus“ mit einem Hammer angreift, Kopf und Gelenke schwer verletzt und anschließend mit Säure übergießt, weil die größere Gefahr von rechter Gewalt ausgehe. Und diese achtenswerten Motive spazieren danach ins Freie, zu ihren Genossen, …
    https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/linksextreme-gruppe-um-lina-e-zu-mehreren-jahren-haft-verurteilt/
    Nun, bekanntlich fordern ja „Experten“ vom WDR (Monitor) Freiheit, …

    Einer dieser Berliner Linkspartei-Abgeordneten merkte gar an:
    „Wer sich gegen Nazis organisiert, ist nicht kriminell, sondern wird kriminalisiert! Das zeigt erneut, wie wenig Deutschland aus der eigenen Geschichte gelernt hat. Gegen die Kriminalisierung von Antifaschismus“.
    https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2023/linkspartei-lina-e/

    Die Strafbarkeit der Billigung von Straftaten beginnt heute wohl rechts von Frau Roth oder Herrn Hofreiter. Ein öffentliches Interesse gibt es da wohl nicht. Rechtsextremisten entgegenzutreten ist eben ein achtenswertes Motiv. Da nimmt der Aktivist dann eben Hammer (Wurzen, Leipzig-Connewitz, Eisenach, Leipzig) oder Sichel zur Hand. Oder Sprengstoff (Bürgerbräukeller). Damit alles seine linke und grüne Ordnung hat.

    Nun könnte man einem Berliner Vollpfosten der Bewegung allerdings widersprechen und sagen, daß Deutschland durchaus etwas aus der eigenen Geschichte gelernt hat, nur eben das Falsche: Gewalt erzeugt Gegengewalt, so ein Huhn ist kein Ei. Was nützen Kranzabwurfstellen, wenn ein Staat von Linken das Linken lernt.

    Aber da die Bewegung Stück für Stück dafür gesorgt hat, daß wirklicher Widerspruch (also Widerspruch von außerhalb der Bewegung) in der Öffentlichkeit so gut wie unmöglich gemacht wird, geht es in den vier Säulen munter voran.
    https://www.youtube.com/watch?v=qR0SiW-W4ZY

    Was das obige Thema betrifft,

    bin ich persönlich schon seit längerer Zeit entsetzt, wohin sich jenes Land entwickelt, in dem ich schon länger lebe und aufgewachsen bin. Zu dem obigen Text möchte ich noch einen Gesichtspunkt beisteuern, weil nach meinem Dafürhalten das Bewusstsein der Menschen, was öffentlich-rechtliche Feindschaft betrifft (AfDDR), hierzulande eben nicht an einem Tag demoliert wurde. Ein Beispiel:

    An einem Montagabend im März 2017 machte der Sänger einer Punk-Kapelle (Echo-Preis) eine dieser Schieflagen im Lande deutlich, als er im Rahmen eines „Konter-Konzertes gegen rechts“ bezüglich der Meinungsfreiheit (rechts von sich) anmerkte, man sei ja schließlich nicht rübergegangen und hätte denen „auf die Fresse gehauen, wie es sich eigentlich gehört“.
    https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/tote-hosen-uberraschen-mit-auftritt-bei-anti-pegida-demo-4923052.html
    https://www.welt.de/politik/deutschland/article163210132/Ueberraschung-in-Dresden-Tote-Hosen-rocken-Anti-Pegida-Demo.html
    (Das Video seiner Worte ist, wer hätte das gedacht, in den Weiten des Internets verschwunden)
    https://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Ueberraschungskonzert-Die-Toten-Hosen-rocken-gegen-Pegida/?tsUser=Ts
    Natürlich war das keine Aufforderung zu einer Straftat (Und wer hätte das auch anzeigen sollen, bei all dem Kram, was derlei Kapellen an feiner Sahne Fischfilet jeden Tag im Lande verteilen). Außerdem empfiehlt ja die Bundespräsidentschaft.

    Bemerkenswert an dieser Sache ist aber, daß aus dem Dunstkreis dieser Veranstaltung heraus eine dieser “Aktionen gegen Sachen und Nazis“ stattfand, in deren Verlauf einem Jogger auf die Fr… gehauen … (kurz: Krankenhaus).
    https://www.tag24.de/nachrichten/dresden-neustadt-randale-nach-anti-pegida-demo-linksautonome-schlagen-passanten-krankenhausreif-231589
    Auf Twitter wurde (auch) nach dieser Angriff gefeiert: „ein Juppi ist in ne Faust gelaufen“. Das Operative Abwehrzentrum übernahm die Ermittlungen. Nach Informationen der Zeitung war der Jogger in der Vergangenheit selbst schon bei den NOPE-Veranstaltungen mitgelaufen.

    Im Ergebnis bedeutet das mehrerlei:
    Linksfaschisten verprügeln bei ihrer „Gewalt gegen Sachen“ auch schon mal den einen oder anderen nützlichen Id…ealisten, was wiederum bedeutet, daß sich ein solcherlei gearteter Patient damit trösten kann, für einen guten Zweck verdroschen worden zu sein, … also quasi aus achtenswerten Motiven heraus. In einer bunten Republik zählt dies im weitesten Sinne wohl zur „Zivilcourage“. Mal ganz zu schweigen vom mysteriösen „plötzlichen Messertod“ unter jungen Männern, im Zuge der dramatischen Veränderungen im Lande, die ja wohl auch auf derlei achtenswerten Motiven gründen.

    Denkt man sich derlei Entwicklungen zu Ende,
    dann muss man heute leider konstatieren, daß so manche Geburtstagsgäste in den Gezeiten dramatischer Veränderungen, Kontaktschuld und Schwarzer Listen im Grunde noch Glück gehabt haben. Wer weiß, wie lange die Bewegung da noch tatenlos zusieht.

    „Die Witzfiguren haben es geschafft, der Welt einzureden, sie seien Vorbilder, über die man sich nicht lustig machen soll, sondern denen man im besten Fall nachstrebt.“
    https://jungefreiheit.de/kolumne/2022/kaisers-royaler-wochenrueckblick-127/
    Das war Mai, 2022. Tja. So ist es wohl, in einer real existierenden Alternativlosigkeit.

    Trotz allem Mist glaube ich noch daran, daß es achtenswerte Motive gibt, die diese Bezeichnung verdienen. Bei all dem Mist ringsum tun mir gute Musik und gute Worte von guten und tüchtigen Leuten gut. Gut, daß es sie gibt. Viel Glück!

    Ach, und: Alles Gute zum Geburtstag!

  • Ralf aus Wuppertal
    2. Juni, 2023

    Interessanter aber viel zu langer Text, ich habe nicht bis zu Ende gelesen.

  • Helene
    3. Juni, 2023

    Ganz abgesehen von der geistigen Erbärmlichkeit des Tugendwächters zeigt mir sein Text, daß an meinem Vorurteil über “gendergerecht” formulierte Texte etwas dran ist: Sie sollen zeigen, daß man auf der “richtigen” Seite steht. Überspitzt formuliert: Man hätte früher vorsorglich eine Hakenkreuzflagge aus dem Fenster gehängt. (Ich vergleiche NICHT. Es müßte nicht eine solche Flagge sein. Es könnte auch das Zeichen der Froschanbeter sein, sollten die gesellschaftlich gerade hoch angesehen sein.)
    Und solche Texte, in die Sonderzeichen eingefügt werden, hindern am Lesen.

    • Werner Bläser
      4. Juni, 2023

      Ich verstehe das mit dem Gendern nicht. Kann mir einer auf die Sprünge helfen? Es ist doch bisher so gewesen, dass z.B. “Schaffner, Fahrer, Friseur, Ingenieur….” etc. für BEIDE Geschlechter benutzt wurde. Zusätzlich konnte man auch “Schaffnerin” usw. sagen. Für die Frauen galt also, dass sie erstens schon unter der grammatisch männlichen Form miteingeschlossen waren und zweitens, darüber hinaus, noch eine fakultative eigene Form hatten. Die Männer hatten für sich nur die grammatisch männliche Form. Ganz unspezifisch und nicht-identitär.
      Jetzt würde ich in meinem alten und wohl nicht mehr ganz fitten Kopf sagen, damit waren Frauen doch klar privilegiert. Und die Männer benachteiligt. Wird mit dem Gendern dieses weibliche Privileg jetzt aufgehoben? Ich bin verwirrt.

    • pantau
      13. Juni, 2023

      Warum vergleichen Sie nicht? Früher jedenfalls bedeutete Vergleichen das Auffinden des Gleichen im nicht ganz Gleichen. Für das Identischnehmen gibts ja das Wort Gleichsetzen. Mir blitzte bei “Musiker:innen” immer ein “heillitler” durch die Birne, und es ist exakt diese Funktion, der generische Kotau vor einer neuen Variante von Totalitarismus.

  • Skepticus
    3. Juni, 2023

    Zitat: “Eine Veranstaltung mit Herrn Tellkamp passt aus unserer Sicht nicht zu diesem Selbstverständnis.“ Meine Antwort dazu: Dann wird es Zeit, Ihr “Selbstverständnis” zu überprüfen. Ein kluger Spruch lautet: Wer die Welt verändern will, sollte ZUERST bei sich (selbstkritisch) anfangen.

    Der Artikel ist, wie immer, gut geschrieben. Humor hat nur der, der über sich selbst lachen kann. Das wiederum kann nicht jeder; Sie, Herr Wendt, haben Ihre Freude daran. Ihre Formulierungen. Beispiel: “Der zwanglose Zwang des besseren Arguments, den Jürgen Habermas immer nur bei sich selbst vermutete, existiert nämlich in der großen Gesellschaft nicht ernsthaft.” Buchreif, ach ne, das geht ja nicht, da Sie, na, Sie wissen schon, politisch “nicht stubenrein” sind. Nur weiter so.

  • Joachim
    5. Juni, 2023

    Egon Erwin Wendt, das kann man nicht anders sagen.

    • Werner Bläser
      6. Juni, 2023

      Besser nicht. Egon Erwin Kisch war ein kleiner Relotius, der schon seine erste Reportage türkte. Da ist Herr Wendt ein ganz anderes Kaliber. So was hat er nicht nötig.

  • pantau
    12. Juni, 2023

    Grandioser Text! Was mir zuerst auffiel: beide, Strauch u. Akademieleitung, gendern. Die sind offenbar alle in derselben Fabrik hergestellt. Die entlarvendste Formulierung hat Strauch selber geliefert: “die notwendige Awareness”. Sind die so vernagelt, dass sie nicht mitkriegen, dass sie mittlerweile wirken wie eine schlechte weil übertriebene Parodie ihrer selbst? Das erste, was ich beim Lesen tat, war, “Barbara Gronau” in die google Bildersuche einzugeben…..was für ein tantenhafter Backfisch…die Sorte, die man überall in der SPD antrifft. Ich muss mich bei Ihren Texten, Herr Wendt, immer wieder gewaltsam daran erinnern, dass Sie in keiner Weise überspitzen, sondern schlicht realen einflussreichen öffentlichen Personen die nötigen Worte verpassen.

  • Joachim
    22. Juni, 2023

    Ist dies das Kino der Wertigkeiten?
    Und Sie sind der Platzanweiser?

    Wichtig ist, was gemeint ist.

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