Der „Prozess gegen Deutschland“, da ist sich das Milieu einig, hätte so nie stattfinden dürfen. Die Wohlgesinnten blickten in den Abgrund eines echten Meinungsstreits. So schnell passiert das nicht wieder
von Dirk Schwarzenberg
Die Amadeu Antonio Stiftung in Berlin, kurz AAS, beschäftigt 95 Mitarbeiter und erhielt im Jahr 2024 insgesamt 7,35 Millionen Euro aus unterschiedlichen öffentlichen Kassen; sie weist ein Eigenkapital von ca. 1,42 Millionen aus und hält Wertpapiere in Höhe über 2 Millionen Euro.
Die Zuwendungen aus Steuermitteln decken (mit einem kleinen Überschuss) die Personalkosten in Höhe von knapp 7 Millionen Euro. Die Organisation verfügt also über einen gutbezahlten Mitarbeiterstamm, der erwartungsgemäß die Aufgabe erfüllt, Unheil schon beizeiten zu wittern. Dabei hilft vermutlich das Vorbild der Stiftungsgründerin Anetta Kahane, der einzigen ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeiterin, die in der Bundesrepublik einen gleitenden beruflichen Übergang zur Schild- und Schwertträgerin des linksautoritären Debattenbetriebs absolvierte.
Offizielle AAS-Mitarbeiter warnten jedenfalls schon vor der Aufführung des Stücks „Prozess gegen Deutschland“ am Hamburger Thalia-Theater vor dem Spektakel, das dort unter der Regie des Schweizers Milo Rau stattfinden sollte. Denn der Mann aus Bern, offenbar nicht vertraut mit den Gepflogenheiten des deutschen Kulturbetriebs, ließ auf der Hamburger Bühne echte Personen mit echt antagonistischen Ansichten auftreten, um in einem prozessähnlichen Verfahren Pro und Contra eines AfD-Verbots durchzuspielen.
„Das ist keine Kunst, sondern brandgefährlich & zeigt, wie kaputt der Debattenraum ist“, schrieb die AAS, weil sie korrekt erkannte, dass hier eine echte Debatte drohte. Der Gründerin des Vereins „Free Speech Aid“, Joana Cotar, und anderen Teilnehmern warf die Stiftung ohne jeden Beleg vor, zu nicht näher definierten „menschenfeindlichen & demokratiefeindlichen Stimmen“ zu gehören.
Besonders interessant wirkt die Wendung „keine Kunst, sondern brandgefährlich“. In dem Moment, wo eine Aufführung ausnahmsweise wirklich das Zeug besitzt, möglicherweise hier und da Denkgebäude zu gefährden oder wenigstens das Publikum zu verstören, erklärt eine staatsfinanzierte Plattform die seit etwa vierzig Jahren von Regietheaterfexen sonst immer nur behauptete Provokationsaufgabe des Schauspiels erstens für beendet und zweitens als gemeinschädlich.
Nach dem Theaterabend erregten sich die AAS-Kader darüber, dass angeblich „Rechtsextreme“ auf der Bühne „nahezu widerspruchsfrei“ reden durften. Wo, so lautete der Subtext, blieb der, sagen wir, spontane Zuschauerbevölkerungszorn?
Den gab es übrigens in zeitlicher Nähe zum „Prozess gegen Deutschland“ tatsächlich, und zwar am Schauspiel Bochum bei der Aufführung des Stücks von Tiago Rodriguez „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“. In dem Drama geht es um eine Familie, die einmal im Jahr einen irgendwie Rechten, in ihrem Sprachgebrauch eben einen Faschisten einfängt, um ihn zu erschießen. Die dazu ausersehene Tochter weigert sich, und so kommt der Faschist, gespielt von Ole Lagerpusch, dazu, einen längeren Monolog zu halten. Daraufhin schrien Zuschauer „Aufhören!“, „Nazis raus!“, „Halt die Fresse!“, zwei Personen aus dem Publikum enterten die Bühne, eine Frau bewarf Lagerpusch mit einer Orange. Allgemeiner Applaus.
Bei der nächsten Aufführung am 1. März will das Schauspiel einen Sicherheitsdienst zum Schutz der Mimen einsetzen. Es handelte sich wirklich nicht um einen Teil der Inszenierung, sondern vielmehr um eine Selbstentäußerung der jungprogressiven urbanen kognitiven Elite, die sich etwa auf dem Stand eines vierjährigen Kindes befindet, das Teufel und Krokodil im Puppentheater mit Bauklötzen bewirft. Mit anderen Worten: Die Leute verhielten sich genau so, wie man sich dieses Milieu in distanzierten Erwachsenenkreisen vorstellt. Zum Abheften, sogar zum Einrahmen eignet sich der Kommentar des slowenischen Regisseurs Mateja Koležnik gegenüber dem Guardian zu dem Vorfall: „Ich hätte das erwartet von den Leuten, gegen die wir uns aussprechen, aber nicht von Leuten, die an unserer Seite stehen sollten.“
Die Amadeu Antonio Stiftung, so der Subtext des oben zitierten Postings, erwartete ihrerseits offenbar ein solches gesundes Linksempfinden auch im „Thalia“, zumal es dort ja nach AAS-Verständnis sogar echte Faschisten getroffen hätte. Aber an der Alster stand das Publikum nicht auf, und der Sturm brach nicht los. Was vermutlich zum einen ein bisschen am Hamburger Temperament lag, hauptsächlich aber daran, dass Milo Raus Aufführung über lange Strecken durchaus im Sinn des AAS-Diskursverständnisses verlief. Als Zeuge der Anklage trat beispielsweise der freischaffende Soziologe André Kemper auf, um den im Normalkulturbetrieb, unentbehrlichen sehr, sehr weiten Bedeutungsrahmen für den Terminus „Faschismus“ aufzuspannen. Denn der umfasst seiner Ansicht nach den „argentinischen Präsidenten Javier Milei und dessen Projekt des Staatsrückschnitts“ genauso wie Elon Musk und überhaupt die Tech-Unternehmen, kurz Tech-Faschismus.
„Es droht“, so Kemper, „nicht nur das Hakenkreuz, sondern auch die Kettensäge als das neue Hakenkreuz.“ Also in jedem Fall das Hakenkreuz. Zu dem Tech-Faschistenimperium zählt Kemper auch ausdrücklich den Software-Hersteller Palantir und damit dessen Chef Alex Karp, Sohn eines jüdischen Vaters und einer farbigen Mutter. Als ein Vertreter der Verteidigung (Frédéric Schwilden) Kemper nach dessen wissenschaftlicher Kompetenz fragte, erhielt er zur Antwort, das interessiere ihn nicht. Ähnlich wie die AAS finanziert sich Kemper zu einem erheblichen Teil über öffentliches Geld – mal von der Heinrich-Böll-Stiftung, mal von der Friedrich-Ebert-Stiftung, auch von der Stadt Essen für ein juristisch wertloses Gutachten, Kostenpunkt 3900 Euro. Als Autor schreibt er unter anderem für die erwähnte Amadeu Antonio Stiftung. Eine bündige und sogar authentische Definition von Faschismus lautet in der Welt von Kemper: eine Politik, die ihm und ähnlichen Leuten den Zugang zu Steuermitteln verstopfen würde. n diese großzügige Begriffsbestimmung passt die AfD allemal; vor der Bundestagswahl 2025 sogar die Union.
Aber zurück zum Hamburger „Thalia“: Als Zeuge der Anklage, also der AfD-Verbotsbefürworter, trat auch Erik Ahrens auf, den man – jedenfalls in der Vergangenheit – wirklich als Neonationalsozialist bezeichnen konnte, ohne die Wortbedeutung zu überdehnen. Er beriet den AfD-Politiker Maximilian Krah in Social-Media-Fragen, überwarf sich dann mit ihm und der Partei und sieht sich heute als Antifaschist. Unter anderem trat er in seiner neuen Funktion als Kronzeuge für die Richtigkeit der „Correctiv“-Potsdam-Story auf (ohne allerdings in der Substanz etwas bezeugen zu können). Ahrens erklärte, Fragen in der Prozess-Inszenierung nur auf Englisch antworten zu wollen, um die Sprache der Täter zu meiden, und bezeichnete sich auf Nachfrage als „Holocaust-Überlebenden“. Seit seinem Wechsel vom Rechtsaußen-Spin-Doktor zur Stimme des „Zentrums für Politische Schönheit“ kann er sich eine solche Obszönität problemlos leisten, jedenfalls vor dem Theaterpublikum in Hamburg. Dort empören sich zwar etliche im Auditorium – aber nicht über einen Mann in den Dreißigern, der die Shoa für das Selbstmarketing nutzt.
Zu den Zeugen der Verteidigung gehörte der AfD-nahe Influencer Feroz Khan, der unter anderem die Zahl von „29.000 Messerdelikten“ im Jahr 2024 nannte. Die Rechtsanwältin Gabriele Heinecke in der Rolle der Anklägerin fragte ihn, woher er diese Zahl habe. Khan: „Über Polizeiliche Kriminalstatistik ist das nachvollziehbar. Die wird vom BKA herausgegeben.“ Worauf Heinecke erwiderte: „Soll ich Ihnen was sagen? Das, was Sie hier bisher gesagt haben, ist, Entschuldigung, nicht bös gemeint, totaler Bullshit.“ Ob er sich denn „diese Auswertung“ überhaupt angeschaut habe?
Heinecke begründet mit keinem Wort, wie sie zu ihrem Urteil „bullshit“ kommt, sondern tut einfach so, als sei Khan zu dumm, um eine Statistik zu lesen. Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik von 2024 zeigt: Er zitiert die Zahl völlig korrekt. Khan kommentierte, dass Heinecke das, was er vorträgt, ohne jedes Argument wegwische, „sagt viel über Sie aus“. Erst an diesem Punkt mischt sich die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin ein, die in Hamburg die Vorsitzende Richterin spielt, indem sie nicht etwa Heinecke für deren „bullshit“-Bemerkung rügt, sondern Khan: „Entschuldigung, darf ich darauf achten, dass wir uns in der Sprache mäßigen. Das hatten Sie auch gelobt.“ Khan: „Welches Wort beanstanden Sie genau?“ Däubler-Gmelin, zusammenhanglos: „Auch gegenüber Frauen, bitte respektvoll.“ Dann fährt sie ihn an, er solle das einfach so hinnehmen und nicht mit ihr diskutieren.
Alles in allem folgte die Inszenierung also dem auf öffentlichen Podien vertrauten Muster: Die gute, mit dem Publikum harmonierende Seite muss nichts belegen und darf sehr sparsam mit intellektueller Energie umgehen. Besonders Anklägerin Heinecke spielt ihren Part in dieser Hinsicht souverän, indem sie Einwände einfach wegwedelt und sich an anderen Stellen dumm stellt. Als es um das Thema Meinungsfreiheit ging, tut sie so, als hätte sie von Habecks „Schwachkopf“-Affäre kaum etwas gehört. Milo Rau gelang es also schon einmal, den deutschen Debattenbetrieb sehr naturalistisch auf die Bühne zu bringen. Allerdings sah er für „Prozess gegen Deutschland“ auch vor, dass Zeugen beider Seiten längere Texte vortragen, also überhaupt ohne ständige Unterbrechungen sprechen durften. Die wirkungsvollste Rede stammt von dem Autor und Publizisten Harald Martenstein. Wir dokumentieren sie hier vollständig:
„Sie möchten hier also in einer Art Schauprozess über das Verbot einer Partei sprechen, die im Westen Deutschlands von 20 Prozent der Menschen gewählt wird und im Osten von 35 bis 40 Prozent. Mit anderen Worten: Wir reden hier über das Ende der Demokratie und ihre Ersetzung durch etwas anderes. Die Meinung großer und immer noch wachsender Teile der Bevölkerung soll für die Politik in Zukunft keine Rolle mehr spielen.
Wie soll das neue System eigentlich heißen? Gelenkte Demokratie? Unsere Demokratie? Bestimmt fällt Ihnen ein schönerer Name ein.
Sie haben Recht mit dem, was hier vermutlich vielen gerade durch den Kopf geht: Ja, die NSDAP hätte man mal besser rechtzeitig verboten. Ob dieser Versuch etwas genützt hätte, weiß man natürlich nicht. Aber die sogenannte „Machtergreifung“ von 1933 war zweifellos eine Katastrophe und Vorbote weiterer Katastrophen. Man musste alles versuchen, um das zu verhindern.
Ich stelle Ihnen einige Fragen.
Die erste Frage: Sind die Begriffe „rechts“ und „rechtsradikal“ mehr oder weniger bedeutungsgleich? Ich frage das, weil beide Begriffe in den linken Debattenräumen meist wie Synonyme verwendet werden. „Kampf gegen Rechts“ – so soll also ein Kampf für die Demokratie heißen. Es ist ein Kampf gegen die Demokratie.
Rechts und links sind seit 1789 die beiden Grundrichtungen aller demokratischen Staaten. Typische Rechte lehnen ein sozialistisches Wirtschaftssystem ab, sie verteidigen das Unternehmertum, sind für Traditionen, sie halten die Familie für ein gutes Modell, und sie mögen ihr Land, sie hassen es nicht. Eindeutig rechte Politiker haben gegen die Nazis gekämpft und den Vorläufer der EU gegründet, sie hießen de Gaulle, Adenauer und Churchill. Typische rechte Politiker der jüngeren Geschichte waren Margaret Thatcher und Ronald Reagan. Sie lehnen diese Leute ab. Okay. Aber wollen Sie allen Ernstes solche Haltungen verbieten?
Sie sind dann ein Gegner der Demokratie. Das sollten Sie dann aber auch zugeben, vor sich selbst und vor der Welt.
Sie werden einwenden, dass Sie nicht solche Old-School-Rechten wie Adenauer oder Reagan meinen, wenn Sie Verbote fordern. Sie meinen den Populismus, eine neue Spielart des Rechten, die in der gesamten westlichen Welt entstanden ist, nicht nur in Deutschland. Sie findet Zustrom vor allem bei denen, die bisher bürgerliche oder gemäßigt linke Parteien gewählt haben, bei uns also Union, SPD oder FDP.
Diese Wähler fühlen sich nicht mehr repräsentiert durch das alte Parteienspektrum. Das meist abwertend gebrauchte Wort „Populismus“ suggeriert, dass es ein Fehler wäre, beim Regieren auf die Zustimmung der Bevölkerung Wert zu legen. Genau diese Idee – alle Macht muss durch den Willen der Mehrheit gerechtfertigt sein – ist aber nun mal die Grundlage unserer Verfassung. Mit einem Verbot mehrheitsfähiger Parteien entzieht man diesem Staat seine Legitimation und verwandelt ihn in ein autoritäres Regime.
Dafür muss man schon sehr gute Gründe haben. Man muss es mit einem Gegner zu tun haben, der selbst die Demokratie abschaffen will. Man muss sich in einer Notwehrsituation befinden.
Die entscheidende Frage ist, ob so eine Partei legitime Ziele verfolgt oder illegitime. Es geht also nicht darum, ob Sie oder ich diese Ziele für richtig halten. Illegitime Ziele wären zum Beispiel die Beseitigung der Meinungsfreiheit, der Entzug von Grundrechten für Teile der Bevölkerung oder das Verbot von Parteien, die von den Regierenden als störend empfunden werden. Illegitime Ziele sind also genau die Ziele, die Sie vertreten.
Man kann mit der Begründung, man verteidige die Demokratie, die Demokratie nämlich auch abschaffen. Tatsächlich war diese Begründung – Wir retten die Demokratie – historisch gesehen eine der beliebtesten bei denen, die sie abgeschafft haben.
Kennen Sie die „Anti-Rechts-Bewegung“? Das sollten Sie. Unter diesem Namen wurden 1957 in China fast zwei Millionen Menschen verhaftet, bürgerliche Elemente, viele davon Intellektuelle, und in Straflager gesperrt. Dort ermordete man viele von ihnen. Sinn der „Anti-Rechts-Bewegung“ war es, China in einen Einparteienstaat zu verwandeln. Ja, es gab bis 1957 unter Mao Tse-tung ein Mehrparteiensystem. Der Kampf gegen rechts hat mit diesem demokratischen Unsinn aufgeräumt.
Ähnliche Parteien wie die AfD waren bereits in mehr als einem Dutzend europäischer Staaten in Regierungskoalitionen vertreten oder stützten Regierungen, unter anderem in Skandinavien. Demnächst könnten sie in Frankreich und Großbritannien regieren. Sie wollen also, dass Deutschland in Europa wieder einmal einen Sonderweg beschreitet.
Nun zu einer anderen Frage: Ist es legitim, für Verfassungsänderungen einzutreten? Es muss wohl legitim sein, denn das Grundgesetz wurde seit 1949 bereits mehr als 50 Mal geändert oder ergänzt. Ist es legitim, für eine restriktive Migrationspolitik einzutreten? Es muss wohl legitim sein, denn es gibt eine solche Politik in so zweifellos demokratischen Staaten wie Dänemark oder Australien. Ist es legitim, aus der EU austreten zu wollen? Das keineswegs faschistische Großbritannien hat es getan. Ist Patriotismus legitim? Willy Brandt war erklärtermaßen Patriot.
Ich sage es noch einmal: Bei all diesen Fragen kommt es nicht auf richtig oder falsch an. Es geht nur darum, ob etwas in einer Demokratie erlaubt sein muss oder nicht.
Es gehört zu den Merkmalen demokratischer Staaten, dass dort das Spektrum des politisch Erlaubten sehr breit ist. Sie müssen sich also gegen Ihr Naturell damit abfinden, dass es in einem freien Land mit freien Wahlen nicht immer so läuft, wie Sie es möchten. Falls Sie das überfordert, liegt das Problem bei Ihnen und nicht bei denen, die anders denken als Sie.
Wenn Sie wollen, dass die AfD verboten wird, müssen Sie nachweisen, dass diese Partei das Land in ein anderes System überführen möchte. Zum Beispiel, indem sie alle Parteien ausschaltet, die nicht das Weltbild der AfD teilen, also, ich wiederhole mich, indem sie ungefähr das tut, was einige von Ihnen gern tun würden. Aber von einer Verbotsforderung der AfD gegen ihre politische Konkurrenz ist bisher nichts bekannt.
Es genügt für ein Verbot keineswegs, dass einzelne Parteimitglieder rechtsextremen Bullshit von sich geben. Der Nachweis dessen ist leicht zu führen. Ich helfe Ihnen. Hier ein paar wirklich skandalöse Zitate. Sie sind alle belegt.
‚Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören – in ihre Löcher.‘
‚Wir wollen von niemandem mehr, weder von Washington noch von Moskau, von keinem europäischen Nachbarn, auch nicht von Tel Aviv, ständig an unsere Vergangenheit erinnert werden.‘
‚Ich bin ein Deutschnationaler und fordere bedingungslosen Gehorsam.‘
Spätestens am letzten Zitat haben es sicher einige erkannt. All das war Originalton nicht etwa von Björn Höcke, sondern von Franz Josef Strauß, dem CSU-Vorsitzenden, der in einem demokratischen Land beinahe Kanzler wurde. Willy Brandt saß neben ihm im Kabinett. Dass Willy Brandt kein Nazi war, ist Ihnen ja vermutlich bekannt.
Auch Strauß war kein Nazi, nur ein Reaktionär. Sonst hätte sich Willy Brandt wohl kaum neben ihn gesetzt. Ihr Problem besteht darin, dass Sie keinerlei historische Kategorien besitzen, sondern lediglich ein paar Bauchgefühle.
Der Vorsitzende der Grünen, Felix Banaszak, sagte vor ein paar Tagen im Podcast meines WELT-Kollegen Paul Ronzheimer, die AfD stehe in einer Traditionslinie mit den Nationalsozialisten. Das Gleiche würde er vielleicht auch über Strauß sagen, über Ernst Jünger, über Boris Palmer oder über den Weihnachtsmann. Es ist inzwischen völlig klar, dass „Nazi“ ein moderner Sammelbegriff für alle ist, die nicht an Wokeness oder den Sieg des Sozialismus glauben.
Die Nazis unterschieden sich von den Rechtskonservativen. Die Nazis hatten eine Miliz namens SA, die auf den Straßen Jagd auf Linke machte. Sie machten keinen Hehl daraus, dass sie Krieg wollten. Sie waren erklärte Antisemiten, Rassismus war ihr Programm. Sie wollten keine andere Republik. Sie wollten überhaupt keine Republik, sondern den Führerstaat.
In einer Demokratie einer Partei vorzuwerfen, dass sie eine andere politische Richtung einschlagen will, ist albern.
1990 formulierte der amerikanische Autor Mike Godwin eine sozialpsychologische Theorie. „Godwins Law“ gilt inzwischen als empirisch bewiesen. Es besagt, dass seit etwa 1950 bei jeder größeren Meinungsverschiedenheit, weltweit und immer, irgendwann ein Vergleich mit den Nazis auftaucht. Dieser Vergleich habe nichts mit der realen Geschichte zu tun, sondern mit dem Wunsch des Sprechers, seinem Gegenüber die Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen.
Sogar Angela Merkel wurde schon mit den Nazis verglichen (von Hugo Chávez), auch Peer Steinbrück (von irgendwelchen Schweizern).
Im Grunde wissen Sie das, Sie sind ja nicht blöd. Sie wissen, dass es zwischen Heinrich Himmler und Alice Weidel ein paar Unterschiede gibt. Eine offen mit einer Andersrassigen verbandelte Lesbe wie Alice Weidel wäre bei den Nazis ja im KZ gelandet. Wer alle Rechten Nazis nennt, nur weil sie keine Linken sind, ist wirklich ein historischer Analphabet. Aber das wäre verzeihlich, finde ich. Unbildung ist kein Verbrechen. Ihnen werfe ich vor, dass Sie wissen, was Sie tun. Sie wissen, dass Sie nicht das Vierte Reich verhindern, sondern dass Sie lediglich Ihre politische Konkurrenz ausschalten wollen.
Die meisten AfD-Wähler wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu halten. Man müsste dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten Atemzug bestreiten werden. Passen Sie die Migration den wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes an, sorgen Sie für das Level an Sicherheit, das wir hier 2010 hatten, sorgen Sie dafür, dass in unseren Schulen wieder alle lesen und schreiben lernen und dass unsere Wirtschaft wieder international konkurrenzfähig ist.
Mehr muss es nicht sein. Ist das für Sie Faschismus?
Sie haben verdrängt, dass in der Sowjetunion im Namen des Sozialismus mindestens neun Millionen Menschen ermordet oder dem Hungertod preisgegeben wurden. Sie haben die Millionen Opfer von Pol Pot und Mao erfolgreich verdrängt. In Venezuela wurden nach der gefälschten Wahl von 2024 auf den Straßen 24 Demonstranten von Maduros Truppen „außergerichtlich hingerichtet“, auch Minderjährige. Was wäre hier los, wenn Trump das getan hätte?
Links ist gut, rechts ist böse: So einfach ist es nicht. Aber ein schlichtes Weltbild ist nun mal bequemer als ein etwas komplizierteres.
Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen autoritären Regimen und solchen, in denen alle die gleichen Bürgerrechte besitzen, egal, wo sie politisch stehen, egal, ob sie die Regierung großartig finden oder sie verabscheuen. Wer sich an die Gesetze hält und keine Gewalt anwendet oder anzuwenden beabsichtigt, ist sicher, und bei dem klingelt frühmorgens nicht die Polizei an der Haustür.“
Eins lässt sich schon jetzt feststellen: Wenn etwas vom „Prozess gegen Deutschland“ langfristig bleibt, dann Martensteins Rede. Denn sie enthält nur Selbstverständlichkeiten und nachprüfbare Fakten, im Großen und Ganzen gibt sie wieder, was der Grundsatz sagt: Dass Grundrechte nämlich nicht von der Gesinnung derjenigen abhängen, die sie in Anspruch nehmen. Seinen dauerhaften Wert bezieht dieser Text nicht nur aus sich selbst, sondern auch aus der Publikumsreaktion. Die meisten im Auditorium lauschten mit versteinerten Gesichtern.
Man sah den Personen an, dass sie schon sehr lange keinem mehr zugehört hatten, der in einer wesentlichen politischen Frage grundsätzlich anders denkt und spricht als sie. Der eine oder die andere in Hamburg machte vielleicht zum ersten Mal überhaupt diese erschütternde Erfahrung.
Auf X zählt der Sozialwissenschaftler Gerald Knaus zur Schadensbegrenzung auf, was Martenstein alles nicht gesagt und erwähnt hätte – beispielsweise die Gutachten des Verfassungsschutzes zur AfD. Die kamen in Hamburg natürlich zur Sprache. Knaus findet es offenbar empörend, dass Martenstein als Zeuge der Verteidigung tatsächlich gegen das AfD-Verbot argumentierte, statt sich wenigstens auf die Position ‘die einen sagen so, die anderen so‘ zu beschränken.
Auf der Plattform „Bluesky“, dem digitalen Forum für Thaliatheaterbesucher aus aller Welt, erkannte jemand sehr schnell den eigentlichen Kern des Übels: Wenn echtes Pro und Contra in den Diskurs- Kulturbetrieb einzieht, dann steht der Feind schon im Inneren der Festung.
Bekämpfen lässt er sich aber nur außerhalb der Mauern und stummgeschaltet. Eine Theresa Schütz schreibt in „Nachtkritik“: „Mit der digitalen Entkopplung von der analogen, als Kunst gerahmten Versuchsanordnung im Theater erweisen Milo Rau und sein Team ihrer eigenen Kritik an einer auf Affizierung, Polarisierung und algorithmischen Verstärkung basierenden Debattenkultur auf Social Media-Plattformen mit ihren demokratieschwächenden Wirkungen einen Bärendienst.” Aus dem Schütz’schen in Deutsche übersetzt heißt das: Dass man Raus Inszenierung im Netz verfolgen konnte, macht sie besonders schlimm. (Mittlerweile hat das Thalia die Videoaufzeichnung des Stücks auf „privat“ gestellt).
Die Erregung der Wohlgesinnten fällt ähnlich groß und grundsätzlich aus wie 2025, als in Halle an der Saale eine nichtlinke Buchmesse stattfand: Kultur, das ist unser Terrain! Und jetzt sind sie drin. Erst machte das Internet die medialen Torwächter arbeitslos – und neuerdings funktionieren auch die analogen Sperranlagen nicht mehr.
Was folgt nun daraus?
Erstens: So schnell kommt es nicht wieder vor, dass eine Institution die bewährte Diskursordnung durchbricht. Am besten, man lädt keine kulturfremden Regisseure mehr ein.
Zweitens kommt als angemessene Antwort auf diesen Vorfall in Hamburg nur in Frage, die Grenzen für Äußerungen noch etwas entschiedener zu ziehen. Die oben und auch zwischendurch erwähnte Amadeu Antonio Stiftung ermahnt beispielsweise den Spiegel, seine Bestsellerliste nicht mehr danach zusammenzustellen, welche Bücher sich wie gut verkaufen. Dass beispielsweise Björn Harms „Der NGO-Komplex” von 2025 dort vorkommt, findet man bei Belltower News, dem Wachturm der AAS, höchst schädlich: „Daß ein derart dünn belegtes, ideologisch aufgeladenes Werk Bestsellerstatus erreicht, wirft auch Fragen an das Spiegel-Ranking selbst auf. Wenn reine Verkaufszahlen zur Währung öffentlicher Relevanz werden, sollte der Spiegel dringend darüber nachdenken, wie interessant seine Bestsellerliste tatsächlich noch ist”.
Es muss auch nicht mehr jede Diskussionsveranstaltung überhaupt stattfinden. An der TU Berlin entzog der dortige AStA Studenten, die eine Veranstaltung über die Menschenrechtsverletzungen des Mullah-Regimes im Iran durchführen wollten, kurzerhand den Raum. Da kann die Szene auch nicht zum Tribunal werden.
An der Universität Lyon trieben Vertreter des Islamogauchisme einen Professor kurzerhand aus dem Hörsaal.
In Frankreich verglich der Chef von La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, schon 2024 einen Universitätsrektor, der sich gegen einen Auftritt der linksislamistischen Hetzerin Rima Hassan („Lady Gaza”) an seiner Institution wehrte, mit Adolf Eichmann, und markierte ihn auf diese Weise als legitimes Ziel von Gewalt. In der vergangenen Woche prügelten Linksextremisten in Lyon den Studenten Quentin Deranque zu Tode – er gehörte zu dem Team, das eine identitäre Frauengruppe, die gegen einen Auftritt von Hassan protestierte, vor Übergriffen schützen wollte. Unter den Schlägern befand sich ein Mitarbeiter eines Abgeordneten von LFI; die Fraktion schloss den Politiker demonstrativ nicht aus.
Wenn eine Partei derzeit Mussolinis Faschisten und der NSDAP ähnelt – autoritäres Programm, Antisemitismus, Führerprinzip, Schlägertrupps, politischer Mord als akzeptierte Methode – dann Mélenchons LFI.
Kein Theater in Deutschland wird dazu etwas Dokumentarisches auf die Bühne bringen. Und falls es doch jemand versuchen sollte: Bochum lässt grüßen. Denn es geht um das, was der ZDF-Journalist Jo Schück einprägsam so zusammenfasst:
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Dirk Schwarzenberg verfasste früher Kriminalromane und bleibt auch als Journalist dem Genre im weitesten Sinn treu. Er lebt und arbeitet in Bayern. In der Publico-Kolumne „Frisch gepresst“ behandelt er gesellschaftliche Stilfragen.
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