Der Grünenpolitiker wirft finsteren Mächten vor, sie wollten Deutschland „zerschlagen“ und „unter Fremdherrschaft stellen“. Dabei würde genau das viele Probleme mit einem Schlag lösen – vorausgesetzt, man macht es richtig
Nicht ganz vor Jahr und Tag, aber zumindest vor vielen Tagen und im vorigen Jahr behelligte der Autor dieses Textes die Publico-Leser mit seinem privaten Lebensproblem. Er beabsichtigt nämlich, sich zu verheiraten, und benötigt dazu einen beglaubigten Auszug aus dem Geburtsregister. Beantragt beim Standesamt Leipzig im September 2025.
Dort meldete man sich zwei Wochen später mit dem Hinweis, ich müsste neben dem Antrag, der schon meine Adresse und eine amtliche Passkopie enthielt, auch noch eine offizielle Bestätigung meiner Wohnanschrift in München beibringen. Wegen Datenschutzes. Damit die Dokumente nicht in die falschen Hände gelangen. Ich brachte diese Bestätigung sogar persönlich im Leipziger Riesenrathaus mit seinen langen Fluren vorbei, genauer gesagt, ich drückte sie der einzigen Mitarbeiterin in die Hand, die ich dort an einen normalen Werktag zwischen 13:30 und 13:45 Uhr antraf. Laut Internetseite des Standesamtes muss ein Antragsteller bis zu zwölf Wochen auf seine Urkunden warten. Das erschien mir schon außerordentlich fantastisch für eine Behördenleistung, bei der niemand etwas prüfen und berechnen muss. Es geht darum, seit 1966 vorliegende Daten auf ein A4-Blatt zu drucken, einen Stempel daraufzusetzen und das Ganze per Post zu verschicken. Mehr nicht.Als Anfang Januar 2026, also deutlich nach Ablauf der Dreimonatsfrist, die Dokumente immer noch nicht angekommen waren, schickte ich ein Beschwerdeschreiben, das eine Teamleiterin sogar relativ schnell per E-Mail beantwortete: Ich möge nicht so drängeln, derzeit arbeite man gerade den Posteingang von August 2025 ab. Wenn es so weit sei, werde man die Unterlagen an diese Adresse senden – es folgte die Postanschrift eines Namensvetters aus einer völlig anderen Ecke Deutschlands. Immerhin verfüge ich jetzt über die Daten eines Namensdoppelgängers. Wer weiß, wofür man es einmal braucht.
Meine Münchner Adresse hatten die Mitarbeiter in Leipzig, die so sehr darauf achten, dass nichts in falsche Hände gerät, bis dahin nur dreimal erhalten, einmal davon auf amtlichem Papier. Es konnte also nicht schaden, sie noch ein viertes Mal zu übermitteln. Als bis Anfang Februar immer noch nichts aus meiner Geburtsstadt in meinem Briefkasten lag, schaltete ich einen Anwalt ein, der den Standesamtsleiter auf Paragraf 75 VwGO aufmerksam machte, der eine Untätigkeitsklage erlaubt, wenn eine Behörde in einer angemessenen Frist keine Entscheidung trifft.
Darauf schrieb eine Mitarbeiterin dem Anwalt, meine Dokumente seien schon am 8. Januar an mich verschickt worden (zufällig genau der Tag, an dem mich die andere Mitarbeiterin darüber in Kenntnis setzte, ich wäre noch längst nicht dran). Der Anwalt antwortete, es sei bei seinem Mandanten nichts angekommen, und fragte, worin denn das Problem bestehe, die Unterlagen noch einmal in die Post zu geben, wenn dieser Akt angeblich schon einmal stattgefunden haben sollte. Das Leipziger Rathaus reagierte nun gar nicht mehr.
Der Anwalt, ein grundsätzlich freundlicher Mensch und Rechtsvertreter eines ebenfalls konzilianten Menschen, der eigentlich nur heiraten und nicht prozessieren will, schickte die schon fertige Klageschrift an den Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung, verbunden mit der Frage, ob er dieses Verfahren wirklich kostenpflichtig verlieren möchte, oder eventuell doch die Lösung darin erkennt, seine Mitarbeiter zum Arbeiten anzuhalten. Anschließend vergingen noch einmal fast zwei Wochen. Dann aber, nach fünf Monaten, zwei Beschwerdeschreiben des Bürgers und zwei anwaltlichen Schriftsätzen, kam tatsächlich ein Brief mit den beiden gestempelten Blättern in München an.
Das geht nicht nur mir so. Ich weiß. Ein Kollege von mir wartet auch schon ziemlich lange auf seine deutsche Geburtsurkunde, die er für seine Übersiedlung in die Schweiz braucht. Ein anderer Bekannter möchte an seinem denkmalgeschützten Ferienhaus Umbauten vornehmen, reichte alle Unterlagen dazu ein und fragte, wann er mit einem Bescheid rechnen könne. Antwort: in etwa zweieinhalb Jahren.
Wie der Newsletter des Tagesspiegel mitteilt, sieht es zurzeit sehr schlecht für Berliner aus, die etwas von der Abteilung Nachlasssachen des Amtsgerichts Kreuzberg wollen, beispielsweise einen Erbschein. Dort finden nämlich seit Wochen und noch bis zum 6. März „umfangreiche Schulungen der Beschäftigten“ für eine neue IT-Anwendung statt, wie ein Behördensprecher mitteilte. Bis dahin geht kein Bediensteter ans Telefon, geschweige denn, dass er sich um Nachlasssachen kümmert. In der Hauptstadt der Abwärtsbewegung brachen sich in diesem Winter wahrscheinlich Hunderte die Knochen – genaue Zahlen der Januar- und Februargefallenen gibt es nicht – , weil die Stadtregierung den Einsatz von Tausalz gegen Glatteis für umweltschädlich hält. Als Bürger mit noch heilen oder auch schon durchtrennten Knochen und sogar der Regierende Bürgermeister flehentlich darum baten, eine Ausnahme zuzulassen, warnte eine SPD-Politikerin vor Schnellschüssen.
Es stellt also ein gewisses Gesundheitsrisiko dar, im Winter über die Berliner Straßen zu rutschen. Aber nichts scheint das Wohlbefinden so anzugreifen wie eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst der Stadt. Dessen Beamte und Angestellte fallen malaisenbedingt im Schnitt 33,8 Tage im Jahr aus, in Berlin-Mitte sogar fast 50 Tage. Rechnet man Urlaub, Kuren und Schulungen dazu, dann wirkt es eher erstaunlich, dass die Restzeit reicht, um überhaupt noch den einen oder anderen Erb- oder Totenschein auszufertigen. Nicht von ungefähr stellte die Stadtverwaltung das Verfahren auf einem Gebiet, auf dem die Politik ausdrücklich Tempo wünscht, auf Onlineantrag ohne vertiefte Prüfung um, nämlich bei der Einbürgerung.
Bei Einzelbürgern geht es nur um Angelegenheiten wie Heirat, Erb- und Totenscheine, Hausumbau, Hals- und Beinbruch und andere Kalamitäten. Bei Unternehmen steht etwas mehr auf dem Spiel. Wer mit Eigentümern kleinerer Firmen etwas näher ins Gespräch kommt, der stellt fest, dass fast jeder von ihnen an einem Deutschland-Exitplan bastelt. Die meisten von ihnen möchten eigentlich nicht fort. Sie wollen sich aber auch nicht von immer neuen strafbewehrten Vorschriften erdrosseln lassen, vor allem wollen sie, seit Juso-Chef Philipp Türmer öffentlich von einer allgemeinen Bundesfluchtsteuer träumt, ganz gern noch vorher entwischen.
Mit künstlicher Intelligenz ließen sich nicht nur Behördendokumente in deutschlanduntypischer Geschwindigkeit ausstellen, ohne dass sich ein Behördenmensch daran beteiligen muss, es ließen sich auch sonst viele Dinge beschleunigen, im öffentlichen Bereich wie in Privatunternehmen. Dafür braucht ein Land Rechenzentren. Ein solches Zentrum wollte das US-Unternehmen Vantage Data Centers für 2,5 Milliarden Euro am Stadtrand von Groß-Gerau in Hessen errichten. Das Grundstück besaßen die Amerikaner schon. Dann verhinderte eine Stadtratsmehrheit von Grünen, SPD, Linkspartei und auch FDP und Freien Wählern das Projekt. Die Begründung lautete, die Gebäude des Rechenclusters wären zu groß geworden („gigantische 30 Meter hoch“, hieß es bei den Grünen), sie störten dadurch das Stadtbild. In diesem Zusammenhang scheint das Wort offenbar unbedenklich zu sein. Außerdem erzeuge eine solche Anlage Lärm, Abwärme und verbrauche viel Energie, ein US-Investor bedrohe außerdem die „europäische Datensouveränität“, wodurch auch immer.
„Bye, bye, Rechenzentrum”, freute sich der Groß-Gerauer Stadtverband der Grünen nach dem Entschluss der Stadtratsmehrheit, den Ort vor einer Milliardeninvestition zu schützen. Der politisch-behördliche Apparat treibt also nicht nur Normalexistenzen in die Verzweiflung und Unternehmer zu Wegzugsplänen oder schon vollendeter Flucht, sondern verrammelt neuen Industrien auch erfolgreich den Weg. Wer die Geschichte von Groß-Gerau für eine lokale Besonderheit hält, sollte sich die jüngste Folge der ZDF-Sendung „terra X“ ansehen. Dort erklärt die Transformationsforscherin (Selbstbezeichnung) Maja Göpel
– die Frau, neben der Marcel Fratzscher seriös wirkt –, sie und ihr Milieu müssten noch sehr viel mehr Überzeugungsarbeit leisten, um Bürger an Verbote und Degrowth zu gewöhnen.
In diesem in jeder Hinsicht lehrreichen Beitrag sagt Göpel: „Wir sind kein Standort für Unternehmen.“ In der Tat, das Spätdeutschland, schon eine Art Postbundesrepublik, tritt vor allem als Standort für öffentliche Nichtbeschäftigte, Finanzämter, politische Funktionäre, öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und Göpels hervor. Grob gesagt zerfällt die Gesellschaft in zwei Teile: Diejenigen, die von diesem Inkompetenzcluster einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen – und eben dieses Cluster, das seinen Existenzzweck darin sieht, so penetrant wie möglich in das Leben der anderen einzugreifen.
Nach diesem Präludium kommen wir nun zu dem Interview mit Cem Özdemir, das – richtig verstanden – die Verhältnisse grundlegend zum Besseren wenden könnte. In dem Gespräch mit der Welt zitiert er übrigens den Noch-Ministerpräsidenten Baden-Württembergs Winfried Kretschmann mit der Feststellung: „Der Staat ist kein Lieferservice.“ Natürlich ist er das nicht. Sondern ein Inkassounternehmen, bei dem immer mehr Bürgern der Begriff einfällt, den Juso-Türmer gern und pejorativ benutzt, nämlich leistungslos.
Aber das nur nebenbei; der Özdemir-Satz, um den es hier gehen soll, lautet: „Die AfD und Teile der rechten Szene wollen dieses Land zerschlagen, unter Fremdherrschaft stellen.“ Details dazu nennt der schwäbische Grünenpolitiker keine. Das tut aber nichts zur Sache, denn seine beiden Stichworte weisen in eine bessere Zukunft: Eine Zerschlagung der Bundesrepublik und die Unterstellung der einzelnen Teile unter eine jeweils passende Fremdherrschaft würde sehr viele Probleme dieses Landes auf eine Weise lösen, die allen Seiten fast nur Vorteile verschafft.
Um mit dem Aspekt der Fremdherrschaft zu beginnen: Die würde für unterschiedliche Sektoren zumindest in einem der beiden künftigen Deutschländer gelten. Für das allgemeine Schulsystem empfiehlt sich die Aufsicht eigentlich jedes beliebigen ostasiatischen Landes, zum Abriss des alten öffentlichen Dienstes ein Kommissar aus Argentinien, zum Aufbau eines neuen ein Aufsichtsgremium aus Singapur, das sich gleich noch um den öffentlichen Nahverkehr kümmern könnte. Eine japanische oder wahlweise Schweizer Fremdherrschaft über die Deutsche Bahn würde wahrscheinlich schnell zu Verbesserungen führen. Das kostet natürlich etwas, gratis übernimmt niemand diese Aufgaben. Aber das Verfahren würde nach einiger Zeit eine gesellschaftliche Dividende für alle abwerfen – mit Ausnahme derjenigen natürlich, die im Zuge der Neuordnung ihre Posten verlieren.
Diese territoriale Neuordnung bildet den Kern des Özdemir-Stichwortplans. Die Aufteilung folgt der Erkenntnis, dass bestimmte Phänotypen einfach nicht gut miteinander auskommen: Zum einen diejenigen, die im Großen und Ganzen zu den Produzenten gehören, ob als Angestellte, Selbstständige oder Unternehmer. Sie erzeugen in aller Regel etwas, wonach bei anderen eine Nachfrage besteht; was sie tun, lässt sich meist konkret messen und beschreiben. Sie gehen Risiken ein, das heißt, für Fehleinschätzungen haften sie in der Regel selbst. Vom Staat erwarten sie, dass er sich um seine Kernaufgaben kümmert und sie ansonsten arbeiten lässt. Anders als von Katrin Göring-Eckardt und anderen unterstellt, sind sie auch nicht „veränderungsmüde“. Ihr Unwille richtet sich nicht gegen Veränderungen, sondern gegen Verschlechterungen. Ganz besonders ermüden sie Veränderungen, die ihr eigenes Leben verschlechtern, während sie gleichzeitig das von anderen angenehmer machen.
Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die sich selbst als Visionäre empfinden. Andere, beispielsweise Vertreter der Produzenten, verwenden eher Begriffe wie chattering class, Nettostaatsprofiteure, Etatisten oder politisch-technokratischer Komplex. Jede dieser Bezeichnungen trifft für eine Teilqualität des Ganzen zu. Diese Entität bringt vor allem Papiere, Studien und Gesetze hervor, Kongresse, Kolloquien und als Wissenschaftssendungen etikettierte Fernsehauftritte von Maja Göpel, also alles in allem Dinge, für die kein echter Markt existiert. Daher rührt die starke Abneigung dieser Gesellschaftsmitglieder gegen den Markt und alle, die sich an ihm orientieren. In dem hier skizzierten Großmilieu denkt man sehr viel an morgen, erklärt Veränderungen für alternativlos und einen Wert an sich, mag aber ebenfalls keine Veränderungen zu seinen eigenen Lasten. Darin liegt ein performativer Widerspruch, den die Visionäre dadurch auflösen, dass sie unfehlbar jemanden erspähen, der für ihre gewünschten und geforderten Änderungen die Rechnung bekommt. Darin liegt ihre Kernkompetenz.
Die ständigen Konflikte zwischen beiden Seiten illustriert das Gestreite um die kleinen Solaranlagen auf den Dächern besonders gut und eigentlich pars pro toto. Für den Strom, der durch diese Module entstand, gab es bisher für die Solardachbesitzer sehr hohe staatlich garantierte Einspeisevergütungen, egal ob jemand den Strom gerade brauchte oder nicht. Dafür kamen lange die Strombezieher per EEG-Umlage auf, später die Steuerzahler, als der Posten in den Bundeshaushalt wanderte. Jetzt will die Wirtschaftsministerin diese feste Vergütung ab 2027 streichen. Betreiben lassen sich die kleinen Solaranlagen dann natürlich immer noch. Sie lohnen sich ohne die Zahlungen der anderen nur nicht mehr, wie die Grünen jetzt feststellen, also die Partei, die immer darauf hinwies, dass die Sonne keine Rechnung schickt, weshalb sich diese Art von Anlagen (und natürlich auch größere) konkurrenzlos günstig betreiben ließen, zumal jetzt ja auch kein Atomstrom mehr die Leitungen verstopft.
Ein grüner Europa-Abgeordneter rechnete 26 Jahre nach Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sogar etwas genauer nach. In dem visionären Nordstaat, der sich nach der Zerschlagung Deutschlands bilden würde, müsste beispielsweise die Subvention für Solardächer nicht verschwinden, sondern könnte weiterlaufen, weil an ihr bekanntlich die unzerreißbare Kausalkette Umbau des Industrielandes – European Green Deal – Globalklima des Jahres 2100 entspringt. Lauter wichtige Dinge also, die Rechnung dafür reichte man bisher routinemäßig weiter. Wie gesagt, das könnte in dem neuen Teilstaat auch so bleiben, der auf jeden Fall Nordrhein-Westfalen, Bremen, Hamburg, Güntherland, Niedersachsen und Berlin umfasst. Wie und mit welchem Geld, dazu gleich mehr. Erst einmal soll der Blick aber auf das große Bild fallen, und zwar auf beide Teile, also auch auf den neuen Südstaat.
Die Betrachtung beginnt oben auf der veränderten Landkarte. Dort könnten die politischen Entscheidungsträger endlich zeigen, dass sich ein Land im nördlichen Mitteleuropa komplett mit Wind- und Solarenergie versorgen kann, und das nach Beweisführung einer grünen Bundestagsabgeordneten auch noch bei sinkenden Strompreisen. Sie hätten die Chance zu beweisen, wie gut grenzenlose Einwanderung und Sozialstaat zusammenpassen, dass es dem Land gut geht, wenn Berufspolitiker, Verwaltung und NGOs den Rest der Gesellschaft nach ihren Bedürfnissen gestalten, und dass sich auch ein halbes Deutschland hervorragend als weltweiter Klimavorreiter eignet. Zum Musterstaat würde es allemal.
Vor allem aber würden die Visionäre durch den unvermeidlichen großen innerdeutschen Bevölkerungsaustausch in ihrem Beritt endlich von den Bürgern befreit, die falsch wählen, falsch heizen und falsch meinen. Kurzum, die Personen, die das Richtige wollen, bekämen endlich auch die Unterstützer, die sie verdienen, statt sich an renitenten Kritikern, Bremsern und Drückebergern abarbeiten zu müssen.
Unten im Südstaat ordnen sich die Dinge ebenfalls wie von selbst. Das Steuerrecht kennt nur drei Stufen, die höchste beträgt 35 Prozent, eine Erbschaftssteuer gibt es nicht, ebenso wenig wie eine CO2-Abgabe. Das, was in den öffentlichen Kassen landet, bestimmt den Umfang von Staat und Staatsausgaben. Die Erstellung offizieller Dokumente erledigt die Künstliche Intelligenz, außerdem gibt es für die meisten Standardfälle, vom Hausumbau bis zur Gewerbeansiedlung, kein Genehmigungs-, sondern nur noch ein Einspruchsverfahren: Der Bürger oder das Unternehmen reichen Unterlagen ein, und falls die Verwaltung nicht in einer bestimmten Frist begründet widerspricht, gilt der jeweilige Antrag automatisch als genehmigt. Selbstredend gibt es kein Steuergeld für Vereine mit politischer Agenda, übrigens muss auch niemand für Medien zahlen, die er nicht konsumiert. In der ersten Phase wundert man sich noch, mit welche einer kleinen Zahl öffentlicher Bediensteter der Staat auf einmal auskommt, und wie viel Geld für Investitionen in Schulen, Straßen und Schienenwege zur Verfügung steht. Das südliche Land begrenzt das Asylrecht auf einen Personenkreis, der eine politische Verfolgung nachweisen kann (was auch für Spätaussiedler des Nordstaates gilt), trennt aber Schutz- und Versorgungsanspruch: Arbeitsfähige Schutzbedürftige müssen sich um ihren Lebensunterhalt selbst kümmern. Für normale Migranten gilt das sowieso. Bei der Währung des Südstaats handelt es sich um Zahlungsmittel mit gedeckelter Geldmenge.
Der große Umbruch eröffnet außerdem die Chance zu einer neuen europäischen Integration: Das südliche beziehungsweise südöstliche Deutschland bildet eine Union mit Österreich, Südtirol und Slowenien, es finden also unterschiedliche, aber kulturell nicht zu weit voneinander entfernte Landstriche zusammen. Natürlich können sich die Nordwestler auch um Bündnispartner bemühen. Unmittelbar nach der deutschen Teilung gäbe es einen regen Umsiedlungsverkehr hin und her, aber nach einer kurzen Übergangszeit könnte jeder in dem Staat leben, der weitgehend seinen Vorstellungen von einem gut eingerichteten Gemeinwesen entspricht. Hier wie dort ginge es dann sehr viel harmonischer zu.
Nun kommt die unvermeidliche Frage nach den volkswirtschaftlichen Grundlagen des Visionärsstaats. Der Autor dieses Textes hört den spitzen Unterton dabei bis an seinen Schreibtisch. Aber gemach: Dort gingen keinesfalls die Lichter aus. Jedenfalls nicht sofort und gleichzeitig. Erstens käme es auch zu einer säuberlichen Aufteilung von Bundesbankgoldschatz und Staatsschulden; im Vergleich etwa zu Frankreich würde das neue Gebilde mit einer relativ geringen Schuldenquote und reichlich Luft nach oben bei der Kreditaufnahme starten. Viele große Unternehmen würden in Visionäristan bleiben, wo Subventionen und Staatsaufträge die Nachteile zumindest aufwiegen. Außerdem – so schnell geht man nicht. In beispielsweise Berlin sitzen immer noch Firmen, sogar der eine oder andere Mittelständler. Viele würden sich sagen, dass die neuen Lenker des Staates manches heißer kochen als servieren. Dafür gibt es tatsächlich Anhaltspunkte.
Die Initiative „Berlin autofrei“, die im September 2026 zur Abstimmung steht, will beispielsweise das private Autofahren nicht ganz verbieten, sondern zwölf Fahrten im Jahr auf Antrag erlauben. Die Güntheristen der CDU und andere Linksgrünprogressive wollen das Internet gar nicht abschalten, sondern nur einschränken, wer dort etwas veröffentlichen beziehungsweise lesen darf. Auch Privatbetriebe könnten bleiben, solange sie den hohen gesellschaftlichen Anforderungen genügen. Um es mit der Titelheldin aus Ernst Lubitschs „Ninotschka“ beziehungsweise mit Maja Göpel zu sagen: Im neugeschaffenen Nordwestdeutschland gäbe es weniger Unternehmen als vorher – dafür aber moralisch bessere.
Und nun zu den externen Finanzquellen, die diesem Staat offen stünden. In den vergangenen Jahren flossen erstaunliche Gelder nach Deutschland, um hierzulande politische Entscheidungen zu beeinflussen. Das „Dezernat Zukunft“ beispielsweise, die Denkfabrik von Philippa Sigl-Glöckner, beschäftigt 18 Mitarbeiter, bei der Organisation handelt es sich um ein Lobbyunternehmen zur Abschaffung der Schuldenbremse, das bisher mit großem Erfolg arbeitete. Zwischen 2021 und 2023 stammten 97 Prozent der Finanzierung für das „Dezernat Zukunft“ nicht aus Deutschland, sondern unter anderem von der Stiftung der „Open Philanthropy“ des kalifornischen Milliardärs Dustin Moskovitz, der Hewlett Foundation, die es als ihr Ziel beschreibt, Industriestaaten klimaneutral umzubauen und „falsche Narrative zu bekämpfen“, von Open Society Foundations und der European Climate Foundation, die unter anderem auch die „Agora Energiewende“ von Robert Habecks späterem Staatssekretär Patrick Graichen finanzierte.
In der Finanzindustrie wünschen sich viele große Mitspieler seit Jahren eine deutlich höhere Verschuldung Deutschlands und damit mehr Anlagemöglichkeiten. Bei Sigl-Glöckner handelt es sich übrigens um die Lebensgefährtin von Wolfgang Schmidt, dem engsten Weggefährten von Olaf Scholz, dessen Kanzleramt er bis 2025 leitete. Ihr Name taucht öfter in den Epstein Files auf, dort heißt es in einer Mail, sie arbeite nebenbei für den BND. Bei ihren öffentlichen Auftritten hörte sich Sigl-Glöckner übrigens sehr ähnlich an wie Maja Göpel:
Jedenfalls: Bei Visionäristan würde es sich um ein Land mit sehr hohem Kreditbedarf handeln. Wer davon profitiert (und vielleicht noch die einen oder anderen Interessen verfolgt), der kann dem Nordweststaat finanziell unter die Arme greifen, nicht nur bei der Denkfabrikation. Auch der „Volksentscheid Hamburg klimaneutral“ konnte ganz wesentlich auf Großstiftungen als Geldgeber bauen. Diese Gönner sollten das deutsche Visionärsland konsequenterweise ganz offen zu ihrem Projekt machen.
Zweitens würde sich dort auch der Islam noch etwas schneller und kräftiger entwickeln als in dem alten, noch ungeteilten Deutschland. Das deutet sich jetzt schon an, wenn man sieht, in welcher Stadt ab sofort der Muezzin-Ruf erschallt, nämlich Göttingen, wo die Grünen-Politikerin Lamya Kaddor das Recht für Polizistinnen fordert, Schleier zu tragen (in Berlin), und an welcher Universität Studenten schon einmal probehalber die Geschlechtertrennung einführten – Kiel.
Nach Meinung der führenden deutschen Visionärspartei soll der Islam ganz allgemein eine sehr viel größere Rolle im öffentlichen Leben einnehmen. Es gibt in der Golfregion große Stifter und Einzelpersonen, die den Sieg des wahren Glaubens jetzt schon mit Milliarden fördern. Nicht jeder Investor strebt nach einer finanziellen Rendite. Auch dieser Geldstrom würde dabei helfen, den neuen Teilstaat über Wasser zu halten.
Außerdem unterschätzen gerade diejenigen, die sich aufgrund ihrer Mentalität im Südbund niederlassen würden, dass nicht alle Menschen in erster Linie das Ziel des materiellen Wohlstands verfolgen. Arthur Schnitzler meinte einmal, der Wiener sei uneigennützig gemein. Das stimmte zwar nicht für alle Wiener, für manche aber schon, und es trifft auch heute auf viele Zeitgenossen zu. Für alles, was in Visionärsland in den kommenden Jahren trotz der Zuwendungen von außen nicht nach Wunsch und Plan läuft, braucht der Apparat Schuldige, was wiederum bedeutet, dass in dem Staat die Zahl der Feinde, Verschwörer, Südagenten und Abweichler in ähnlich fantastischen Raten wächst wie im Süden das Bruttoinlandsprodukt.
Um Gegner der Guten kümmern sich deshalb nicht nur die in ersten Linie Zuständigen, etwa die Mitarbeiter des Amadeu-Antonio-Amtes für Bevölkerungsaufkärung und Verfassungsschutz, sondern auch viele Einzelne in Eigeninitiative. Erinnern Sie sich an die Bürger, die in Coronazeiten das staatliche Hinweisgebertelefon frequentierten und Nummernschilder von Autos aus den falschen Landkreisen notierten? Niemand beauftragte sie damals direkt, niemand bezahlte sie dafür. Sie taten es trotzdem, und zwar gern.
In Berlin würde beispielsweise das Autofrei-Begehren nach dem großen Bevölkerungsaustausch höchstwahrscheinlich eine Mehrheit erhalten, was vielen in der Stadt wiederum in Zukunft die Möglichkeit eröffnet, auf Nachbarn hinzuweisen, die illegal fahren und/oder gefälschte Passierscheine benutzen. Nicht jedes Lebensmodell lässt sich mit finanziellen Interessen erklären. Es gibt durchaus den Phänotyp, der sich auch in einer 30-Quadratmeter-Wohnung in Friedrichshain bei spärlicher Bezahlung wohlfühlt, wenn er Berichte schreiben und so bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung mithelfen kann.
Auf ihre Weise würden beide Zerschlagungsprodukte prosperieren. Gewiss, die Wendung „deutsche Einheit“ besitzt aus der Geschichte einen überwiegend positiven Klang. Wer das so sieht, kann sich in Zukunft sagen, dass es jetzt eben zwei deutsche Einheiten gibt, innerlich jeweils gefestigter als der Vorgängerstaat. Es fällt einfach friedlich auseinander, was nicht zusammengehört. Eine Festlegung muss aber gleich am Anfang stehen: keine zinsvergünstigten Kredite von Süd nach Nord. Private Päckchen nach drüben beziehungsweise oben ja, staatliche Hilfe: nein. Kein Wiedervereinigungsgebot in der Südverfassung. Keine Transitpauschale, sondern nur harte Geschäfte. Beispielsweise könnte der Süden den historischen Teil des Berliner Schlosses kaufen, außerdem die Gebäude auf dem Gendarmenmarkt, sie Stein für Stein überführen und in Bayern wiedererrichten. Auch hier bekäme wieder jeder, was er will: Die einen Devisen und eine brandneue innerstädtische Kundgebungsfläche, die anderen Kleinode zum Aufstellen in den bayerischen Bergen.
Ob Baden-Württemberg zur Südunion gehört oder nicht, muss sich noch ergeben. Cem Özdemir erhält dort aber auf jeden Fall Bürgerrecht, damit nicht in Vergessenheit gerät, von wem die entscheidenden Stichworte auf dem Weg zu zwei pazifizierten Deutschländern stammen.
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Elsfleth
05.03.2026Was fehlt? Natürlich das Ostland! Ich hätte da so meine Ideen. Aber das würde den Rahmen eines Kommentars sprengen.
Horst Hauptmann
05.03.2026Ich habe gerade selbst ähnliche Erfahrungen mit unserem dysfunktionalen Staat (hier Verwaltung in Hessen) gemacht und teile daher die Wut und Verzweiflung, die aus diesem sarkastischen Artikel trieft, der allerdings nur von Gleichgesinnten gelesen werden wir. Diejenigen, die etwas an den Zuständen ändern könnten interessieren sich nicht für so etwas. Man kommt sich völlig machtlos vor. Es ist zum KOTZEN! Danke für diesen Beitrag – Spende folgt.