Wer sich als progressiv empfindet, hüpft, zappelt und skandiert gern mit anderen im gleichen Takt. Warum eigentlich? Dirk Schwarzenberg stellt Vermutungen über die Veitstänzer der Gegenwart an


von Dirk Schwarzenberg

Im sommerlichen Juli des Jahres 1518 begann eine gewisse Frau Troffea in Straßburg auf der Straße zu tanzen, und zwar zu einer Musik, die nur sie hören konnte. Schnell steckte sie ihre Nachbarn an, die plötzlich auch aus dem Nichts anfingen, ihre Glieder zu schütteln. Die Straßburger Tanzwut erfasste die ganze Stadt; siedauerte länger als einen Monat und tötete an manchen Tagen bis zu fünfzehn Menschen, denn die Befallenen zappelten, bis sie völlig erschöpft zusammenbrachen. Auch die Anrufung des heiligen Veit half Chronisten zufolge nur selten gegen das rastlose Gehampel auf den Straßburger Gassen. Bis heute spekulieren Historiker und Mediziner über den Auslöser der Tanzplage; als wahrscheinlichste Variante gilt der Verzehr von Mutterkorn, einem damals in seiner Wirkung noch unbekannten Pilz, der ähnliche Erscheinungen hervorrufen kann wie LSD, dazu aber noch Atemnot und Durchblutungsstörungen. Das würde die hohe Todesrate ziemlich gut erklären. Jedenfalls tanzten die Leute damals unter dem Einfluss irgendeiner Macht und nicht zu ihrem Vergnügen.

Im Fall der Tanzwut lässt sich der Beginn genau datieren: der 14. Juli 1518. Wann und wo ein halbes Jahrtausend später erst politisch hervorgehobene Einzelpersonen und dann ganze Kollektive in der Öffentlichkeit anfingen, Arme, Beine und alles dazwischen zu verdrehen, zu hüpfen und tranceartig zu schunkeln, das lässt sich nur vage bestimmen. Festhalten kann man Folgendes: Das Phänomen begann um 2018 oder früher, es dauert bis heute an, Todesopfer im direkten Sinn gab es bisher nicht. Die Erscheinung befällt fast ausschließlich linksstehende Individuen, und sie tun es ebenfalls zwanghaft und nicht zum Spaßvergnügen. Das lässt sich an ihren Gesichtern mühelos ablesen.

Statt einer vertieften Diagnose kann der Autor hier eigentlich nur eine kleine Typologie des modernen Antoniusfeuers bieten. In seinem unbedingt empfehlenswerten Roman „Der Meister des jüngsten Tages“ führte Leo Perutz alle volksreligiösen Massenbewegungen in Europa auf das Mutterkorn zurück, also auf den Auslöser des ignis sacer, des heiligen Feuers, das je nach Region und Umständen hier zum Veitstanz und dort zum Glaubenswahn führen konnte. Eine Verbindung von Eiferertum und einer Art Tanz lässt sich auch in der Neuzeit erkennen, nur eher mit umgekehrter Kausalität: Erst kamen die endzeitgläubigen Bürgerkinder unter Führung der hl. Klimagreta zusammen. Dann begann das große Hüpfen. Beides gehörte bald untrennbar zusammen. Am Anfang lag es nah, Gesänge wie „Hey, hey, wer nicht hüpft, der ist für Kohle“ mit dem geistig etwas unfertigen Zustand der Schulstreiker zu erklären. Aber schon damals hüpften formal Erwachsene begeistert mit. Sie tanzten auch hier und da anderen vor, beispielsweise diese eisgraue Dame mit dem Erscheinungsbild Kirchentagsliesl/ZEIT-Leserin/Long-Tageschau. Es handelt sich nicht unbedingt um Frau Troffea der Neuzeit, also den Patient zero, aber immerhin um einen sehr frühen Fall. Das Video stammt von 2019 und enthält schon alle wichtigen Elemente: Schreittanz, Kollektivauftritt, Sprechchor.

Übrigens sprechsingt die Vorbeterin nicht, wie der eine oder andere vielleicht im ersten Moment hört, „Babyfleisch“, sondern „wenig Fleisch“. Aber ganz ehrlich und nur unter uns: Auch „Babyfleisch“ ginge in dieser Szene völlig unbeanstandet durch, gerade aus dem Mund einer idealtypischen Pfefferkuchenhausleiterin, und zwar als Mahnung, Kinder nicht zu CO2-emittierenden Monstern heranwachsen zu lassen. Denn erstens argumentiert man in diesen Kreisen wirklich fast genau so, und zweitens gelten dort Worte wie Scham oder Sockenschuss als Begriffe, mit denen das Patriarchat starke Frauen unterdrücken will. Das gehört nun einmal in diese kleine Beschreibung: Eine gewisse weibliche Schlagseite bei der modernen Entrücktenbewegung lässt sich nicht leugnen.

Selbst dann, wenn ausnahmsweise kein Tanz stattfindet, kommt im Zusammenhang mit Klimahölle und Sündenstolz zumindest eine Performance zustande – wie hier in London.

Die Mitwirkenden knüpfen hier unmittelbar an die Geißlerumzüge des Mittelalters an, eine Tradition, die in der Gegenwart erst einmal nur Migranten mit Schiitenhintergrund lebendig hielten. Aber das ändert sich gerade, wie man sieht.
Die getanzte Politik machte ab 2021 kaum jemand so bekannt wie die grüne Bundestagsabgeordnete und Influencerin Emilia Fester, Influencerin insofern, als nach ihr immer mehr Politiker anfingen, vor der Kamera zu wackeln, zu hüpfen und die Lippen zu bewegen. Auch hier beschränkt sich die Praxis weitgehend auf das linksbizarre Milieu – Beispielvideo hier – , aber nicht komplett: 2022 tanzten auch FDP-Politiker ihren Antrag zur Abschaffung des Abtreibungs-Werbeverbots.

Wobei: Eine kurzzeitige Ausdehnung auf die Wirmachenjedenscheißmit-Partei spricht nicht wirklich für eine Erweiterung der Hüpf-und-Springmanie. Die spasmische Vermittlung der eigenen Weltanschauung spielt sich bis heute zu neunundneunzig Prozent auf dem oben umrissenen Turf ab. Mit der Zeit machten aber kaum noch wirklich Jugendliche mit, das Ausdruckswackeln verwandelte sich irgendwann endgültig in eine Sache mittelalter und älterer Schwundstufenbürger mit viel Tagesfreizeit. Übrigens scheint es für alle Interessenten Einführungs- und Vorbereitungskurse zu geben.

Hier mehrere Beispiele aus dem Sammelalbum für Kollektive, deren Mitglieder sich garantiert nicht mehr in der allesentschuldigenden Pubertät befinden. „Omas gegen rechts“ in Freiburg im Breisgau:

„Palestine will be free“-Demonstranten in Mailand:Drittens „free, free Palestine” irgendwo in London mit wirklich allem Drum und Dran, Vorbeter und Chor, Kufiya und eigenem Instrument:

Warum bloß? Das fragten sich auch schon die Nichtbetroffenen in Straßburg 1518. Die Antwort für heute fächert sich in mehrere Teile auf. Erstens halten sich progressive Frauen wie die Person mit der Pfanne für cool, etwa so wie Mittvierzigerinnen in Berlin, die sich in zerrissene Jeans quetschen und beim Harry-Styles-Konzert in die erste Reihe rempeln. Man sollte nie das unmittelbar Lebensweltliche an Modeerscheinungen unterschätzen. Zweitens erzeugt die gemeine rhythmische Bewegung, am besten noch verbunden mit Sprechgesang, ein wohligwarmes Zusammengehörigkeitsgefühl. Enkellose Omas gegen rechts reagieren darauf besonders dankbar. Und was speziell eine bestimmte Sorte Frau betrifft: Eine ebenfalls ganz bestimmte Sorte von Medienschaffenden redet ihnen seit Jahren ein, dass nicht die Art und Weise ihrer öffentlichen Aufführung ihre Würde beschädigt, sondern erst der Moment, in dem sie jemand auslacht (bekannt als auch Bärbel-Bas-Axiom).

Kommen wir zu den verschiedenen Ableitungen der modernen Veitstänzerei: erstens die Hüpfprozession. Sie eignet sich für alle, die nicht direkt tanzen, aber trotzdem in diesem Sinn kreativ sein wollen. Hier einmal mutmaßliche Mitglieder der SPD Rheinland-Pfalz, dort der Juso-Vorsitzende und künftige Bundesbeauftragte für Silly Walks Philipp Türmer, der ausgestattet mit einem 130-Euro-Pulli dem Willy-Brandt-Haus entspringt, um draußen in Berlin den daselbst nicht auffindbaren Kapitalismus niederzukämpfen.

Ableitung zwei: der rhythmische Sprechgesang mit leichten Bewegungen. Hier zwei Exempel, jeweils wieder mit Vorbeter, einmal aus Saarbrücken, einmal an der
Uni München. Tanzen/stehen/marschieren/skandieren im Block – das sitzt tief im Gewebe dieses Landes. Anderswo tänzelt man nur zusammen, hier sieht es auch 2026 noch so zackig aus, als kämen die Choristen frisch vom Zeppelinfeld. Eine Spezialform stellt der Sprechgesang im Duo dar. Die beiden Beteiligten sollten nur aufpassen, dass darin niemand eine Veralberung seiner religiösen Werte sieht. Denn ausgerechnet mit dieser Glaubensrichtung könnte es haarig werden.

Drittens: Das notorische Arm- und Handfuchteln beim Reden scheint sich ebenfalls aus der Tanzbewegung heraus entwickelt zu haben. Und auch dieses Teilphänomen findet eher weiblich gelesene Anwender.
Zum Schluss noch der Hinweis, der den einen oder anderen möglicherweise herabstimmt: sämtliche hier gezeigten Personen sind nicht nur wahn-, sondern auch wahlberechtigt, sie tun dies alles ohne unmittelbar ausgeübten Zwang, und keines der Videos stammt aus einem KI-Generator.

Gibt es Hoffnung? Ja, eine leichte, aber immerhin. Deshalb entlassen wir jetzt den Leser mit diesen Bildern aus München: Dort hebt man den Doppelgrußarm an der Stelle, auf der 2025 SEIN Bild erschien. Und auch hier spricht das Kollektiv:

Worin liegt nun der Trost? In dem Satz von Christian Kracht: „Wenn ein Trend München erreicht, ist er vorbei.“ Das muss nicht unbedingt, kann aber stimmen. Jede Welle bricht irgendwann. Bis dahin erzählen uns die Personen in den Videos und deren Verbündete, dass ihre Mission darin besteht, unsere Welt in einen höheren Zustand zu transformieren.

 

 

 


Dirk Schwarzenberg verfasste früher Kriminalromane und bleibt auch als Journalist dem Genre im weitesten Sinn treu. Er lebt und arbeitet in Bayern. In der Publico-Kolumne „Frisch gepresst“ behandelt er gesellschaftliche Stilfragen.


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