Die Behandlung des Mordfalls Nowak durch deutsche Einordnungsmedien folgt einem Muster: Sie konditionieren ihr Publikum auf orwellsches Doppeldenk. Und das mit Erfolg


von Dirk Schwarzenberg

Wenn Sie die Bodycam-Videoaufnahme der letzten Minuten im Leben von Henry Nowak gesehen haben, dann ganz bestimmt nicht in den öffentlich-rechtlichen deutschen Sendern. Die berichteten erst überhaupt nicht über den Fall des18-jährigen Studenten, den der 23-jährige Sikh Vikrum Digwa am 3. Dezember 2025 in Southampton aus einem nichtigen Anlass mit fünf Messerstichen tötete – und auch nicht über den Prozess gegen den Mörder.

Die Polizei, so zeigt das mittlerweile veröffentlichte Polizeivideo, legte dem schwer verletzten Nowak Handschellen an, obwohl er mehrfach sagte, er sei niedergestochen worden und bekäme keine Luft mehr. Die Polizisten handelten so, weil der Täter behauptete, Novak, ein Weißer, habe ihn „rassistisch“ beleidigt. Auf dem Video sieht man, dass die Beamten den 18-Jährigen überhaupt nicht auf Verletzungen untersuchen, und andererseits die Rassismus-Geschichte des Messerstechers ohne jede Nachfrage zur Kenntnis nehmen. Novak verblutete in Polizeifesseln. Die „Tagesschau“ zeigt nur einen noch nicht einmal ganz sekundenlangen Schnipsel des stark verpixelten Videos. Dann folgt eine der für das Medium typischen Einordnungen: Die Polizisten, referiert ein Sprecher, haben einen „großen Fehler“ gemacht und „Täter und Opfer verwechselt“. In Wirklichkeit nehmen sie dem indischstämmigen Messerstecher die Geschichte einfach umstandslos ab, und fesseln Nowak, der sich überhaupt nicht wehrt, weil er sich kaum noch rühren kann. Der „Tagesschau“-Erklärer schwenkt, sobald dieser Rahmen steht – tragischer Fehler, hätte nicht passieren sollen –, schnell auf die „rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreise“, die den Fall jetzt ausnutzten „und der Polizei vorwerfen, weiße Menschen zu benachteiligen“.

Die Frage, ob dieser Vorwurf womöglich zutrifft, schneidet die ARD gar nicht erst an. Denn ihr Erklärstück endet schon nach anderthalb Minuten. Jeder kann sich die Reaktion der Uniformierten im umgekehrten Fall ausmalen – wenn also ein Weißer neben einem auf dem Boden liegenden Dunkelhäutigen diesen Weg rassistischer Beleidigung beschuldigt hätte, während der sich vor Schmerzen krümmt. Bei der ARD erscheint außerdem die unvermeidliche zugeschaltete deutsche Expertin auf dem Bildschirm, die erst einmal erklärt, in der britischen Polizei sei Rassismus gegen Dunkelhäutige weit verbreitet gewesen – als Beleg führt sie an, die Ordnungshüter hätten Farbige häufiger angehalten und durchsucht als weiße Bürger – , deshalb habe die Politik „neue Richtlinien“ eingeführt. Und nun, so die Einordnerin Nummer zwei, würden rechte Politiker wie Nigel Farage behaupten, damit wären die zuständigen Politiker „über das Ziel hinausgeschossen“. Bei dem unterstellten Rassismus handelt es sich für sie also um eine feststehende Tatsache, bei dem Hinweis auf die Benachteiligung von Hellhäutigen um eine rechte Parole, auf keinen Fall aber um eine systemische Erscheinung.

Natürlich wissen sie und die ARD-Mitarbeiter, dass in Rotherham und anderen englischen Städten sogenannte Grooming- beziehungsweise Rape-Gangs pakistanischstämmiger Briten über Jahre hinweg weiße Mädchen aus der Unterschicht – darunter auch viele Minderjährige – missbrauchten und zur Prostitution zwangen, praktisch unter den Augen der Behörden einschließlich der Polizei, die lange nicht eingriffen, weil sie durchaus berechtigt fürchteten, linke Politiker und Medien könnten das als Rassismus skandalisieren.

Die Two-Tier Justice – das „Zwei-Ebenen-Rechtssystem“ in Großbritannien – operiert nicht unter der Hand, sondern ganz offiziell, durchgesetzt mit einem höchstrichterlichen Urteil und entsprechenden Richtlinien. Die schreiben vor, dass die Verfasser sogenannter Pre-Sentence Reports (PSR), die wesentlich mitentscheiden, ob ein Delinquent Bewährung erhält oder hinter Gitter muss, die Zugehörigkeit des Betreffenden zu einer „ethnischen Minderheit“, einer „kulturellen Minderheit“ und/oder einer „minderheitlichen Glaubensgemeinschaft“ pauschal zu dessen Gunsten berücksichtigen müssen. Das Resultat in der Praxis sieht dann so aus. (Sobald die aufgezählten Minderheiten sich irgendwann in Mehrheiten verwandeln, dürfte die Vorschrift ganz von allein fallen – das nur nebenbei.)

In einem internen Schulungsdokument der Londoner Metropolitan Police kann jeder nachlesen, dass die Autoren im identitätspolitischen Jargon Neutralität ausdrücklich zum „falschen Ideal“ erklären.

Polizisten, die so handeln wie in Rotherham und im Fall Nowak, tun das nicht aus eigenem Antrieb. Sondern weil sie wissen, dass ein politischer Wille dahintersteht und ihnen berufliche Nachteile drohen, sobald sie jemand mit dem offiziell abgesicherten Rassismusvorwurf überzieht.

„Ich kann nicht atmen“, Tod in Polizeigewahrsam: Das alles erinnert unweigerlich an den Tod von George Floyd 2020 in Minneapolis und die Folgen. Natürlich unterscheiden sich beide Vorgänge in wesentlichen Punkten: Bei Henry Nowak handelte es nicht um einen notorischen Kleinkriminellen, der zum Zeitpunkt seiner Festnahme unter dem Einfluss von Fentanyl stand und schon über Atemprobleme klagte, bevor der Polizist ihn in den Würgegriff nahm. Anders als damals in den USA plünderten Demonstranten in Großbritannien bisher auch keine Läden, setzten keine Autos in Brand und schlugen niemanden tot, um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen. Kurzum, in London und anderen Städten sieht es nicht so aus wie kürzlich in Paris nach dem Champions League-Sieg des Fußballclubs PSG, wo die Fans laut Tagesschau „ausgelassen feierten“.

Erwartungsgemäß erklären die Öffentlich-Rechtlichen und nahestehende Medien im Gegensatz zu den Vorgängen seinerzeit in den USA die Proteste in England nach der Veröffentlichung des Polizei-Nowak-Videos zum eigentlichen Problem, desgleichen Zeit Online und Spiegel, der seiner Kundschaft erklärt, „Rechte“ würden auf der Insel jetzt „Wut schüren“.
Die herausragende semantische Meisterleistung vollbrachten allerdings ARD und Deutschlandfunk simultan: Dort zerbrachen sich die Medienschaffenden offenbar die Köpfe, wie sie Nowaks Mörder bezeichnen sollten, und kamen auf die im deutschen Sprachraum bisher singuläre Wortschöpfung „Messernarr“.

(Der Autor und Satiriker Michael Klonovsky bringt die Weiterentwicklung „Penisnarr“ für Vergewaltiger mit Hintergrund in Vorschlag, Anwendungsbeispiel: „Bewährungsstrafe für syrische Penisnarrengruppe“.)

Hier soll es nicht in erster Linie um die Praxis der deutschen Einordnungsmedien gehen, sondern um die Frage: Was bewirken sie bei denjenigen unter ihren Kunden, die nur aus dieser Quelle ihr gesamtes Weltverständnis schöpfen? Wer schluckt einen Begriff wie „Messernarr“? Wer nimmt umstandslos hin, dass diese Medien sowohl den Fall George Floyd als auch den Mord an Nowak und die jeweiligen Folgen bis zur Unkenntlichkeit verbiegen? Die Berichte zu Floyd und den romantisierten BLM-Kundgebungen stehen ja immer noch im Archiv und damit unmittelbar neben dem jüngsten Framing zu den Vorgängen in England.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die ihm nahestehenden Medien funktionieren nicht nur als große Filter- und Desinformationsmaschine. Sie konditionieren ihr Publikum, zumindest den Teil, der alle anderen Informationskanäle meidet. Dieser Teil schrumpft zwar, spielt aber für die Gesellschaft immer noch eine wichtige Rolle. Dieser Großgruppe will dieser Text sich nähern. Nicht herablassend, denn die entsprechende Konditionierung nehmen ja nicht die Haltungsqualitätsmedien-Only-Zuschauer und Leser an sich selbst vor. Die Konditionierung geschieht ihnen, ohne dass sie diesen Prozess wahrnehmen. Sie befinden sich in einer experimentellen Situation, von der sie nichts wissen, ähnlich wie der Held in dem Film „The Truman Show“.

Der Konditionierungsapparat bringt ihnen nicht bei, offensichtliche Widersprüche zu ignorieren. Das wäre auch kaum möglich. Er trainiert ihnen vielmehr das Störgefühl ab, das völlig widersprüchliche Behauptungen und Deutungen durch ein und dieselbe Autorität normalerweise beim Empfänger auslösen. In Orwells „1984“ bedeutet „Doublethink“ bekanntlich, einander widersprechende Glaubenssätze nebeneinander zu denken, ohne daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Alles in allem: Die oben genannten Medien machen bei den Konsumenten, die ihnen exklusiv folgen, die kognitive Dissonanz zum Normalzustand. Sie bringen ihnen sogar bei, alle in ihrer Umgebung, die nicht diesem Prinzip folgen, für gefährlich, gestört und von sinistren Mächten („Tech-Bros“, „Bots“) beeinflusst zu halten.

Eine Konditionierung erfolgt dadurch, dass man den Probanden immer wieder dem gleichen Einfluss aussetzt, in diesem Fall einander ganz offenkundig widersprechenden Botschaften. Hier eine kleine und sehr unvollständige Liste:

Der Bayerische Rundfunk und andere berichten durchaus wohlwollend und zurückhaltend über die vom Gleichstellungsreferat der Stadt erstellte Liste „unerwünschter Lieder“, die auf der Bergkirchweih in Erlangen nicht gespielt werden sollen, darunter den 1981er Hit „Skandal im Sperrbezirk“ der Spider Murphy Gang. Denn dort geht es um Rotlicht, Prostitution, mithin um toxischen, schlimmgestrigen Sexismus. Fast zeitgleich referiert die ARD ebenfalls verständnisinnig über die Aufgabe für Schüler an einem Gymnasium in Kevelaer, einen „Puff für alle“ zu entwerfen. Denn das gilt als progressiv, es geht nämlich ganz anders als im Münchner Sperrbezirk „um die Vielfalt von Lebensmodellen“.

Die taz nimmt sich wohlwollend der Frauenabteile im öffentlichen Nahverkehr von Kairo an, lobt die Einrichtung als „Safe space auf Schienen“ und empfiehlt sie durch die Blume auch für Deutschland. Das gleiche Blatt wirbt mit seinen Mitmedien dafür, dass Männer, die sich als Frauen definieren, Zugang zu Safe spaces für Frauen wie Frauenumkleiden und Frauentoiletten erhalten müssen, und erklärt jeden, der das anders sieht, zum Fortschrittsfeind.

„Die Hälfte der Macht den Frauen“ gilt hier und überhaupt in dem oben umrissenen Mediensegment als selbstverständliches Ideal, obwohl es zwangsläufig die Feststellung enthält, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt. Wer genau das allerdings einfach so behauptet, den ordnet der gleiche Apparat als „transphob“ und damit als Menschenfeind ein.

Im „globalen Süden“ herrschen so unerträgliche Zustände, dass der Westen und insbesondere Deutschland jeden Migranten von dort schon aus moralischer Pflicht aufnehmen muss, der Einlass begehrt. Medienplattformen, die das ihrem Publikum immer wieder nahebringen, berichten andererseits darüber, wie Äthiopien auf dem Gebiet des grünen Fortschritts Deutschland meilenweit enteilt; sie transportieren auch gern die politische Botschaft von der vorbildlichen Frauenquote in Ruanda.

Wenn der Staat das Geld der Steuerzahler für alles Mögliche spendiert, dann „gibt er etwas“, nämlich den Bürgern, die dafür mehr Dankbarkeit zeigen sollten. Sobald jemand die Senkung von Steuersätzen vorschlägt, warnt die gleiche Sorte von Journalisten vor „Steuergeschenken“. Dabei handelt es sich nämlich im Gegensatz zur staatlichen Lust am großen Geldwurf um eine ganz schlechte Sache.

Die Liste ließe sich mühelos um viele andere Pärchen nach diesem Muster verlängern. Wer dieses Zwiedenk täglich über sich ergehen lässt, nimmt es irgendwann als Teil seiner Persönlichkeit an. Eine Dekonditionierung lässt sich vielleicht bei ein paar Wenigen erreichen. Aber um welchen Preis? Jedenfalls sollte jeder im Gespräch mit Bürgern, die ein Long-Tagesschau-Verhalten zeigen, vor allem bedenken, wie es zu diesem Zustand kommt.

In der „Truman Show“ rudert der Held am Ende über das Wasser auf den künstlichen Himmel des Riesenstudios zu, das er lange Zeit für die Welt hielt. Nach einer gar nicht so langen Fahrt stößt er mit seinem Kahn an die blaue Studiowand. In dem Moment weiß er, was er bis dahin nur vermuten konnte: Hinter dieser Kunstwelt muss eine viel größere und vor allem reale Welt liegen. In dem wesentlich komplexeren Mediensystem gibt es diese harte Wand nicht, auf die ein Insasse stoßen könnte. Es verlagert die hermetische Abschließung ins Innere seiner Konsumenten.

Deshalb, um es mit Noël Coward zu sagen: Don’t let’s be beastly to the Tagesschau- und SpOn-Lockins. Sie tragen an ihrer Kondition höchstens eine Teilschuld. Die Hauptverantwortung liegt bei denen, die sie prägen und formen.
Denn die wissen ziemlich genau, was sie tun.

 

 

 


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